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Aktualisiert: vor 7 Stunden 7 Minuten

Mit Oxfam auf Tour: Erlebnisse einer ganz besonderen Reise

26. August 2018 - 12:23
Schon lange träumt Miriam von einer gerechteren Welt. Als ihr auf einem Tote-Hosen-Konzert ein Oxfam-Flyer in die Hand gedrückt wird, macht es bei ihr Klick – sie meldet sich selbst bei Oxfam on tour an und macht sich auf den Weg, etwas zu bewegen. Im Blog berichtet sie von ihren Erfahrungen. © Franziska Hartmann/Oxfam Das perfekte Dankeschön für den ehrenamtlichen Einsatz: ein Konzert mit toller Stimmung!

Heute ist Sonntag. Eigentlich ein entspannter Tag, an dem ich im Alltag das tue, was wohl viele von uns an einem Sonntag tun: Ausschlafen, Abschalten, ein wenig Sonne tanken. Aber was ist schon alltäglich an Tagen wie diesen?

Ich fühle mich, als wäre ich gestern einen Marathon gelaufen. Oder hätte Brennholz für die nächsten drei Winter gesammelt. Und gesammelt habe ich gestern tatsächlich, allerdings kein Brennholz, sondern Unterschriften. Unterschriften für eine Sache, für die ich brenne – und so schließt sich der Kreis. Dieser Kreis ist eine wunderschöne Reise, auf die ich in diesem Jahr gegangen bin. Eine Reise aus der passiven Unterstützung hinein in die aktive Unterstützung einer Organisation, die mich schon viel länger begleitet. Eine Reise voller Begegnungen mit Menschen, die bewegend sind und etwas bewegen.

Wie alles begann

Vor noch nicht einmal einem Jahr war ich auf einem Konzert der Toten Hosen. Damals als Begleitung und nicht so richtig wissend, was mich erwarten würde. Kaum hatten wir die Halle betreten, bekam ich plötzlich einen Flyer von Oxfam in die Hand. Oxfam? Hier?

Oxfam kenne ich bereits aus meiner Kindheit. Immer mal wieder fand ich in unserem Haushalt das bekannte Oxfam-Logo auf Beuteln oder Flyern. Ich habe schon immer von einer gerechteren Welt geträumt, von einer Welt ohne Armut und ohne Not. Träume, die ihren Ursprung im Sozialkundeunterricht fanden, in dem ich nicht verstand, warum wir Ausbeutung zulassen und die Augen verschließen statt zu handeln. Oxfam hat diese vielleicht naiven Träume für mich greifbar gemacht und die Lösungen zu aufgezeigten Problemen gleich mitgeliefert. Und auch als ich später merkte, dass das Ungleichgewicht auf der Welt viel komplexer ist und Lösungen im Kampf gegen Armut und Ausbeutung mitunter neue Probleme aufwerfen, blieb ich bei Oxfam hängen.

Und dann hielt ich ganz überrascht diesen Flyer in der Hand und beschloss, mich eines Tages selbst bei Oxfam on tour zu bewerben.

Es geht los!

„Eines Tages“ kommt manchmal schneller als gedacht und so füllte ich online das Registrierungs-Formular aus. Als mögliche Wunschstädte trug ich ein paar Orte ein, die ich gut erreichen konnte, in der Hoffnung, für ein Konzert eine Zusage zu erhalten.

Wochen später fand ich dann gleich zwei Zusagen für Hannover und Dresden in meinem Postfach. Wahnsinn, ich durfte wirklich dabei sein! Die Tage vergingen, die Tour nahte und kurz vor Tourbeginn las ich in der Konzert-Aktivist/innengruppe auf Facebook, dass für das anstehende Konzert in Braunschweig noch Plätze im Team frei waren. Ob es wohl noch ein drittes Mal klappen würde …? Spontan meldete ich mich und erhielt ebenso spontan grünes Licht. Alle relevanten Informationen zur Kampagne erhielt ich per E-Mail. Den Tag vor dem Konzert verbrachte ich also mit … Lernen. Ich wollte vorab so viel Wissen wie möglich aufsaugen. Aber richtig internalisieren konnte ich die angelesenen Informationen dann ohnehin erst durch die Arbeit im Team und durch das Briefing vor Ort.

© Franziska Hartmann/Oxfam Vor jedem Einsatz gibt es ein Briefing; in Braunschweig kam Kampagnenbotschafter Ole Plogstedt dazu und berichtete aus Ecuador.

Das Team, bestehend aus alten Hasen, Neueinsteigern, Menschen verschiedenster Herkunft, verschiedenster Berufe und verschiedensten Alters, habe ich sehr schnell am vereinbarten Treffpunkt gefunden. Uns alle verband das Ziel, an diesem Tag gemeinsam über die Arbeitsbedingungen auf Südfruchtplantagen aufzuklären und mit so vielen Unterschriften wie möglich für faire Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Ich hatte zudem das riesengroße Glück, dass Ole Plogstedt als Kampagnen-Botschafter bei meinem allerersten Briefing anwesend war und von seinen ganz persönlichen traurigen Erfahrungen aus Ecuador berichtete.

© Franziska Hartmann/Oxfam Ob seit Jahren dabei oder zum ersten Mal: Teamspirit ist, was uns durch den Abend trägt.

Und dann ging es auch schon los. Ausgestattet mit Oxfam-Shirt (das wir als Erinnerung übrigens behalten durften!), Buttons, Flyern und natürlich einer Menge leeren Unterschriftenlisten, die gefüllt werden wollten, schwirrten wir aus. Zuerst habe ich noch zugehört, wie die Erfahrenen im Team das machen, wie sie sich vorstellen, was sie sagen … Und dann sprach auch ich endlich den ersten Konzertbesucher an. Durch das informative Briefing und die von Anfang an warme und herzliche Atmosphäre im Team kostete das auch schon gar nicht mehr so viel Überwindung. Die Konzertbesucher/innen waren insgesamt sehr offen und erzählten mir viel über ihre eigenen Erfahrungen im Supermarkt, auf Reisen und im Beruf. Und so durfte ich an diesem Abend nicht nur informieren und Unterschriften sammeln, sondern auch selbst vieles lernen.

Mit all den Glücksgefühlen im Gepäck war unsere Aufgabe mit der Abgabe unserer Ausrüstung am Oxfam-Stand vor Konzertbeginn erfüllt und wir durften das Konzert erleben. Und so ein Konzert nach getaner Arbeit fühlt sich fast ein kleines bisschen wie eine Belohnung an und ist mit all den Erlebnissen im Gepäck noch einmal intensiver. Zum Glück wusste ich an diesem Abend, dass ich noch in Hannover und Dresden im Team sein würde. Und so konnte ich das Konzert mit dem Gefühl genießen, dass das kein Abschied, sondern erst der Anfang war …

Nächster Halt … © Franziska Hartmann/Oxfam Das ganze Team vor dem Konzert in Hannover

… Hannover. Inzwischen fühlte sich alles schon sehr vertraut an. Manche im Team kannte ich bereits aus Braunschweig und ich war glücklich und zugleich demütig, Teil einer so wunderbaren Sache sein zu dürfen, in die sich jeder mit seiner eigenen Arbeitsweise und Persönlichkeit einbringen kann. Diese Diversität empfinde ich als riesengroße Bereicherung.

Inzwischen weiß ich, dass meine Reise auch in Dresden noch nicht beendet war. Glücklicherweise darf ich mich noch ein paar Mal so fühlen, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Woher kommt die Erschöpfung? Die Konzertgelände sind groß und die Suche nach Gesprächspartnern ist mitunter mit ein paar Schritten mehr verbunden. Manche Gespräche sind sehr emotional, andere erfordern besonders viel Konzentration. Die Verarbeitung dieser intensiveren Gespräche geschieht bei mir immer etwas zeitversetzt, wenn die Musik aus ist und ich wieder alleine bin. Aber gibt es wirklich einen erfüllenderen Erschöpfungsgrund als für eine gute Sache gekämpft zu haben?

Für mich ist Oxfam on Tour ein riesengroßes Geschenk. Ich liebe das Gefühl, wie aus zunächst fremden Menschen innerhalb kürzester Zeit ein Team entsteht. Wohin die Reise geht? Ich habe keine Ahnung! Aber schließlich ist der Weg das Ziel. Und das hier ist einer der schönsten Wege, die ich je gegangen bin.

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5 Dinge, die ich als humanitäre Helferin gelernt habe

24. August 2018 - 9:00
Vom Biotech-Labor ins Flüchtlingscamp: Auf dem Höhepunkt der Rohingya-Krise verlässt die 28-jährige Iffat Tahmid Fatema die Universität – sie beschließt, humanitäre Hilfe zu leisten und Flüchtlinge in den Camps im Bereich Gesundheit und Hygiene zu beraten. Im Blog beschreibt sie ihre Erfahrungen. © Abbie Trayler-Smith/Oxfam

Als ich letztes Jahr bei Oxfam anfing, war die Rohingya-Krise gerade auf ihrem Höhepunkt, täglich trafen viele Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch ein. Ich arbeitete damals in einem Labor an der Asian University for Women in Chittagong, wo ich meinen Master in Biotechnologie anstrebte, aber ich wusste, dass ich im direkten Kontakt mit Menschen arbeiten wollte. Was mit den Rohingya passierte, hat mich wirklich erschüttert. Ich hatte noch nie Menschen gesehen, die mit so wenig leben. Es tat mir richtig weh.

Jetzt berate ich die Rohingya-Flüchtlinge, die im Camp in Cox's Bazar leben, im Bereich Gesundheit und Hygiene, um ihnen zu helfen, gesund zu bleiben und um einen schweren Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Wir besprechen, wie wichtig Sauberkeit und Körperpflege sind, z. B. das Händewaschen mit Seife nach dem Toilettengang und vor dem Essen. Wir arbeiten mit Freiwilligen aus der Rohingya-Gemeinschaft zusammen und bilden sie aus, damit sie andere Flüchtlinge beraten und die Botschaften über gute Hygiene weiterverbreiten können. Das Oxfam-Team hat bisher mehr als 11.000 Menschen in den Camps erreicht.

1. Mach dir bewusst, was dich motiviert

In diesem Beruf brauchst du Elan, gute Kommunikationsfähigkeiten und Eigeninitiative. Wenn es extrem heiß ist, stark regnet oder du müde bist, hast du vielleicht keine Lust mehr, einen weiteren langen Tag in den Camps zu verbringen. Aber dann denkst du an die Flüchtlinge und daran, dass du für sie arbeitest – das motiviert dich, weiterzumachen.

© Abbie Trayler-Smith/Oxfam Asia Bibi (Name geändert) und ihre Kinder flohen aus Myanmar, als ihr Dorf angegriffen wurde. Sie versteckten sich in den Bergen und überlebten wochenlang in einer Höhle, bevor sie es schließlich bis zum Camp in Bangladesch schafften. Hier erhalten sie Unterstützung von Oxfam. 2. Baue Vertrauen auf

Bei humanitärer Arbeit geht es auch darum, Vertrauen aufzubauen. Man muss für lokale Kultur und Traditionen sensibel sein. Du musst auch in der Lage sein, mit verschiedenen Gruppen von Menschen auf unterschiedliche Weise zu sprechen, mit Kindern, mit älteren Menschen, mit Imamen. Und du musst gut beobachten können, um zu verstehen, wie die Leute denken.

© Abbie Trayler-Smith/Oxfam Wir arbeiten mit Freiwilligen aus der Rohingya-Gemeinschaft zusammen und bilden sie aus, damit sie andere Flüchtlinge beraten und die Botschaften über gute Hygiene weiterverbreiten können. 3. Sprich ihre Sprache

Manchmal können sich die Flüchtlinge mit jemandem unwohl fühlen, der nicht wie sie ist, also hilft es, dass ich eine ähnliche Sprache spreche. Aber die Sprache ist auch die größte Herausforderung, denn die regionale Sprache, die ich spreche, Chittagonisch, deckt sich nur zu etwa 70 Prozent mit Rohingya. Oxfam hat mit Translators Without Borders zusammengearbeitet, um eine neue Übersetzungs-App in Englisch, Bengalisch und Rohingya zu entwickeln, die auch spezielles Vokabular über Gesundheit und Hygiene enthält – das wird eine große Hilfe sein.

© Abbie Trayler-Smith/Oxfam Manchmal können sich die Flüchtlinge mit jemandem unwohl fühlen, der nicht wie sie ist – es hilft, ihre Sprache zu sprechen. 4. Mach dich auf Herausforderungen gefasst

In den Monsunzeiten zu arbeiten, war extrem schwer, und es kann gefährlich sein. Wenn es stark regnet, verschlechtern sich die Bedingungen in den Camps sehr schnell. Du kannst im Schlamm versinken und deine Stiefel verlieren. Wenn du die Erdstufen hochsteigst, kann es passieren, dass alles zusammenbricht.

© Abbie Trayler-Smith/Oxfam Während der Monsunzeiten ist die Arbeit im Camp besonders schwer: Treppen wie diese verwandeln sich im Regen schnell zu Matsch. 5. Geduld ist eine Tugend

Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist, höflich und geduldig zu sein – auch wenn ich Hunderte Male dasselbe wiederhole, z. B. wie man sich die Hände wäscht. Ich bin von Natur aus sehr ungeduldig, aber bei der Arbeit in den Camps habe ich gelernt, diese Ungeduld in den Griff zu kriegen.

© Abbie Trayler-Smith/Oxfam Manchmal ist es schwer, höflich und geduldig zu sein – aber es zahlt sich aus.

Der befriedigendste Teil meiner Arbeit war es, von Flüchtlingen zu hören, was die Unterstützung von Oxfam für sie bedeutet hat. Wir veranstalten regelmäßige Feedbackgruppen, in denen die Gemeinschaft uns konstruktive Rückmeldungen geben kann. Kürzlich sagte mir ein Großvater: „Wir freuen uns, dass Sie kommen und uns zuhören. Danke für die Arbeit, die Sie leisten.“ Das hat mich sehr glücklich gemacht.

Iffat Tahmid Fatema, 28, ist im Rahmen von Oxfams Rohingya-Flüchtlingshilfe in Bangladesch für öffentliche Gesundheit zuständig.

Wie in Bangladesch sind Oxfams Nothilfe-Teams weltweit im Einsatz. Dafür brauchen wir Unterstützung:

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Liebe SPD, wir müssen reden!

13. August 2018 - 17:28
Über Wahlversprechen, die große Frage nach der sozialen Gerechtigkeit und einen Finanzminister auf IrrwegenMit Olaf Scholz wolltet ihr euch das Finanzministerium sichern. Doch schon nach 150 Tagen sozialdemokratischer Finanzpolitik scheinen wichtige steuerpolitische Forderungen aus dem Wahlkampf vergessen – weil sie nicht den Interessen der Finanzindustrie und multinationaler Konzerne entsprechen. © Steve Halama/UnsplashUnsplash-Lizenz

Seit 150 Tagen ist die neue Regierung nun schon im Amt und genauso lange sitzt mit Olaf Scholz wieder ein Sozialdemokrat im Finanzministerium in Berlin. Eine Gegenzentrale zum Kanzleramt wolltet ihr euch mit dem Ministerium sichern, für mehr sozialdemokratischen Einfluss im Land, deshalb habt ihr während der Koalitionsgespräche hart verhandelt. Doch zieht man nach 150 Tagen sozialdemokratischer Finanzpolitik eine erste Bilanz, muss man sich verwundert die Augen reiben: Nicht wenige steuerpolitische Forderungen aus dem Wahlkampf scheinen in Rekordzeit in Vergessenheit oder aufs Abstellgleis geraten zu sein, weil sie nicht den Interessen der Finanzindustrie und multinationaler Konzerne entsprechen. Was ist denn da los?

Bei zwei steuerpolitischen Themen, die uns besonders am Herzen liegen, ist der Kurswechsel des Finanzministers für uns nicht nur gänzlich unverständlich, sondern auch völlig inakzeptabel.

Da wäre erstens die Finanztransaktionssteuer – die Steuer gegen Armut.

Eine Steuer auf den Handel von Finanzprodukten wie Aktien oder Derivaten, die nicht nur die Finanzmärkte stabilisieren, sondern auch Einnahmen in Milliardenhöhe einbringen würde.

Mit Nachdruck hat die SPD in den vergangenen sieben Jahren die Einführung der Finanztransaktionssteuer (FTS) gefordert. „Schäuble muss liefern“, „SPD setzt Union unter Druck“, „SPD besteht auf Finanztransaktionssteuer“, sind nur einige Überschriften, unter denen sich führende sozialdemokratische Politiker*innen für die FTS ausgesprochen haben. Noch 2011 hatte die SPD die Einführung der Steuer zur Bedingung für ihre Zustimmung zum Fiskalpakt gemacht und nur auf ihren Druck hin steht sie auch im aktuellen Koalitionsvertrag. Als die Verhandlungen über die FTS auf europäischer Ebene ins Stocken gerieten, waren aus den Reihen der SPD sogar Forderungen nach einem nationalen Alleingang zu hören.

Eigentlich eine klare Sache, jetzt, da die SPD endlich den Finanzminister stellt, oder?

Falsch. Kaum im Amt scheint sich Olaf Scholz nur noch sehr vage an die Forderungen seiner Partei zu erinnern und hat dem Projekt Finanztransaktionssteuer im Handumdrehen eine Schrumpfkur verpasst. Plötzlich ist aus dem Finanzministerium nur noch von einer Steuer auf den Handel mit Aktien zu hören, alle anderen Finanzprodukte sollen verschont bleiben. Die erwarteten Einnahmen würden damit um mehr als 90 Prozent zurückgehen. Wer von dieser Politik profitiert? Allein die Finanzindustrie, beziehungsweise Spekulanten, die mit kurzfristiger und schädlicher Zockerei enorme Gewinne einfahren.

Zweitens: Rolle rückwärts bei der Bekämpfung von Steuervermeidung

Als sich Olaf Scholz vor zwei Wochen erstmals zum Thema Steuertransparenz geäußert hat, mussten wir uns das Interview verwundert zweimal anhören, um zu begreifen, was der Finanzminister sagt. In ihrem Wahlprogramm sprach sich die SPD noch dafür aus, dass Konzerne Informationen darüber offenlegen müssen, in welchen Ländern sie ihre Gewinne erwirtschaften und wie viel Steuern sie darauf zahlen: „Wir wollen mehr Transparenz in Form einer öffentlichen und länderbezogenen Berichtspflicht über Gewinne und darauf gezahlte Steuern für multinational agierende Unternehmen.“ Nun lehnt der Finanzminister einen entsprechenden Gesetzesvorschlag der EU-Kommission ab. Scholz versichert zwar, dass auch er ein effizientes System gegen Steuervermeidung schaffen wolle – dieses solle aber bitteschön auch von den Konzernen akzeptiert werden. Heißt: Scholz macht den Bock zum Gärtner und die Konzerne können quasi selbst bestimmen, wie ihre Steuervermeidungsmethoden eingeschränkt werden – oder eben auch nicht.

Die Leidtragenden dieser Politik? Nicht nur die Länder der EU selbst, denen im Jahr Milliarden Steuereinnahmen entgehen, sondern vor allem die Menschen im globalen Süden. Sie spüren die ausbleibenden Steuereinnahmen und Entwicklungshilfezahlungen direkt, denn sie fehlen für dringend benötigte Investitionen in Gesundheit, Bildung und soziale Sicherungssysteme. Das macht vielen Ländern die Überwindung von Armut extrem schwer.

Liebe SPD, ihr habt Recht: Das Thema soziale Gerechtigkeit braucht dringend starke Anwält*innen in der Bundesregierung. Aber ihr müsst diesen Part nun auch übernehmen! Der Wahlkampf ist vorbei und ihr seid in der Regierungsverantwortung. Die „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, von der ihr so viel gesprochen habt, muss jetzt anbrechen! Ein Finanzminister, der die Interessen der Finanzindustrie und multinationaler Konzerne so deutlich über die Interessen der Bürgerinnen und Bürger stellt, scheint das Motiv des SPD-Wahlkampfes nicht richtig verstanden zu haben. Jetzt ist Zeit zu handeln!

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Warum ökonomische Ungleichheit ein feministisches Thema ist

7. Juni 2018 - 12:08
Das Wachstum der Weltwirtschaft beruht auf der Ausbeutung von Frauen und Mädchen. Diese tragen zwar enorm viel zur Wirtschaftsleistung bei, profitieren aber kaum davon: Frauen verdienen weniger, haben weniger Rechte und schlechteren Zugang zu Gesundheit und Bildung als Männer. Die G7 müssen den Kampf gegen diese Ungleichheit aufnehmen und die Rechte von Frauen und Mädchen stärken. © Oxfam Winnie Byanyima, Geschäftsführerin von Oxfam International

Für Frauen sind es gerade unruhige, aufregende und zugleich beängstigende Zeiten. Jeder neue Tag kann sowohl ein voller Erfolg sein oder aber einen niederschmetternden Rückschlag im Kampf für Gleichberechtigung bedeuten.

Erst letzte Woche, nach Jahrzehnten harter Arbeit für Frauenrechte, haben die Bürgerinnen und Bürger in Irland mit einer überwältigenden Mehrheit dafür gestimmt, das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen aufzuheben.

Etwa zur gleichen Zeit führte eine Razzia gegen Frauenrechtsaktivist/innen in Saudi-Arabien zu mehreren Verhaftungen – ihr Aufenthaltsort und die Vorwürfe, die gegen sie erhoben werden, sind noch unbekannt.

Viele Schauplätze im Kampf für Frauenrechte

Es gibt viel zu tun im Kampf für Frauenrechte. An dieser Stelle möchte ich mich jedoch auf das globale Wirtschaftsmodell konzentrieren, das auf der Ausbeutung von Frauen beruht. Schauen wir uns dazu einige Fakten an:

Erstens: Nach konservativen Schätzungen tragen Frauen durch unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit rund 10 Billionen US-Dollar – ja, Billionen! – zur Wirtschaftsleistung bei. Kostenlos. Unsere Volkswirtschaften würden ohne diese Arbeit zusammenbrechen, jedoch taucht dieser Beitrag in den politischen Diskussionen nicht auf.

Zweitens: Die Weltbank zählte 104 Länder, in denen es Gesetze gibt, die Frauen daran hindern, bestimmten Berufen nachzugehen. Beispiele sind das verarbeitende Gewerbe oder das Baugewerbe – dort gibt es überholte und paternalistische Vorstellungen über das, was eine Frau kann und tun sollte.

Drittens: Bei Oxfams letztem Check gab es weltweit rund 2.043 Milliardäre – dabei waren neun von zehn Männer. Die Daten des Weltwirtschaftsforums (WEF) zeigen, dass es bei dem aktuellen Tempo noch 217 Jahre dauern wird, bis die Lücke bei Löhnen und Beschäftigungsverhältnissen zwischen Frauen und Männern geschlossen wird!

Ökonomische Ungleichheit führt zu Ungleichheit von Macht

Diese ökonomische Ungleichheit führt zu einer extremen Machtungleichheit. Wie können wir erwarten, dass Frauen gleichberechtigt sind, wenn Geld und Macht so ungleich verteilt sind?

Mit anderen Worten, ökonomische Ungleichheit ist definitiv ein feministisches Thema.

Das Wachstum der globalen Wirtschaft fußt auf der Ausbeutung von Frauen und Mädchen – und wir alle halten dieses System aufrecht, solange wir die diskriminierenden Normen dieses Modells einhalten.

Was ist das Ergebnis? Mädchen müssen Wasser und Brennholz holen, während ihre Brüder zur Schule gehen; Frauen sind dazu verdammt, zu Hungerlöhnen zu arbeiten und erfahren sexuelle Belästigung – zum Beispiel wenn sie Hotelzimmer sauber machen. Das alles ist übrigens näher an unserer Lebensrealität als wir denken: Die Bäuerinnen, die unsere Lebensmittel produzieren, haben selbst nicht genug Essen für ihre eigenen Familien; die Frauen, die unsere Kleidung nähen, arbeiten in heißen und überfüllten Textilfabriken, schuften für wenig Geld und haben so gut wie keine Rechte.

Und ein riesiger Anteil des von ihnen geschaffenen Reichtums geht an ein paar superreiche Männer.

Die G7 müssen die Wirtschaft neu gestalten

Die Staatsoberhäupter der G7 treffen sich diese Woche im kanadischen Charlevoix. Ich bin mir sicher, dass wir wieder viele warme Worte zur Gleichberechtigung hören werden – dieses Mal werde ich jedoch nicht zufrieden sein, bis ich auch Taten sehe.

Ich begrüße die Initiative der kanadischen Regierung, die den ersten G7-Beirat zu Gleichberechtigung ins Leben zu gerufen hat. Ich fühle mich geehrt, dass ich dazu eingeladen wurde. Die G7 trauen sich also, uns zu fragen, welche Veränderungen notwendig sind. Nun, es gibt eine Reihe konkreter Lösungen, die wir ihnen vorgeschlagen haben.

Generell lehne ich es ab, dass Frauen in einem Wirtschaftssystem arbeiten müssen, das sie ausbeutet, und was am Ende auch noch als ökonomische Emanzipation gefeiert wird. Es darf nicht nur darum gehen, dass Frauen ihr ökonomisches Potential endlich voll ausschöpfen, sondern es muss darum gehen, was die Wirtschaft für die Frauen leisten kann!

Die G7 – als eine Versammlung der reichsten Nationen der Welt – müssen ihre Volkswirtschaften in einer Art und Weise umbauen, dass sie für Frauen wie für Männer gleichermaßen funktionieren. Zugleich müssen die G7 einen viel stärkeren Wandel der Weltwirtschaft vorantreiben.

Bessere Löhne, mehr Bildung und faire Steuern

Schauen wir uns die Arbeitsplätze an. Anstatt dabei zu helfen, noch mehr Milliardäre zu produzieren, sollten die G7 zusammenarbeiten, um menschenwürdige und sichere Arbeitsplätze zu schaffen. Dazu müssen sie existenzsichernde Löhne festsetzen, um ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Nehmen wir bezahlte Elternzeit und Investitionen in öffentliche, kostenlose und hochwertige Bildung ab dem Vorschulalter. Die G7 könnten viel mehr bewirken, wenn sie unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit, mit der Frauen und Mädchen ihre Zeit verbringen müssen, anerkennen, reduzieren und neu verteilen würden.

Oder nehmen wir das Thema progressive Besteuerung und wofür die Einnahmen verwendet werden: Reiche Einzelpersonen und Konzerne dazu zu bringen, ihren fairen Beitrag zu leisten, und diese Einnahmen für Investitionen in öffentliche Schulen, öffentliche Gesundheitssysteme und andere soziale Dienste zu nutzen, wäre ein wirkungsvoller Schlag gegen die Ungleichheit und für die Rechte von Frauen.

Denn wenn Frauen und Mädchen Zugang zu guter Bildung und Gesundheitsversorgung haben – einschließlich sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte – haben sie auch mehr Freiheit und Wahlmöglichkeiten für ihr eigenes Leben.

Zwar gibt es zurzeit viel Bewegung bei der Änderung sexistischer Gesetze, aber Ideen und Einstellungen zu verändern, ist weit schwerer. Dabei geht es auch um informelle Regeln, die vorschreiben, was Frauen tun können und was nicht: Dass Frauen etwa die Hausarbeit übernehmen müssen oder ob Frauen Grund und Boden besitzen dürfen. Hier müssen wir ansetzen und den Wandel beschleunigen!

Eine Wirtschaft, die für Frauen funktioniert

Wo anfangen? Frauenrechtsorganisationen und -bewegungen haben bereits viel geleistet. Wir müssen sie unterstützen und von ihnen lernen. Als Geberländer haben die G7 Kontrolle über einen großen Teil der Entwicklungshilfezahlungen: Mit einem feministischen Ansatz in der Entwicklungszusammenarbeit und Investitionen in Frauenorganisationen – wozu sich Kanada verpflichtet hat – können sie einen Durchbruch für das Leben armer Frauen auf der ganzen Welt schaffen.

Länder wie Ruanda, Schweden und Kanada zeigen große Fortschritte im Bereich des „Gender-Budgeting“. Kanada hat starke Fortschritte in diesem Bereich gemacht und vor einigen Monaten einen Haushalt vorgestellt, der auf die Förderung der Gleichstellung von Frauen ausgerichtet ist. Die G7-Länder müssen diesem Beispiel folgen und genderspezifische Analysen bei der Gesetzgebung und in der Aufstellung ihres Haushalts sicherstellen.

Wir können eine Zukunft schaffen, die für unsere Töchter und Enkeltöchter weitaus gerechter ist. Wir sollten nicht einfach nur sagen, dass wir Feminist/innen sind. Wir sollten uns dazu verpflichten, diese Prinzipien auch zu leben.

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Bangladesch: Hoffnung für Rohingya-Flüchtlinge

6. Juni 2018 - 7:55
In den Rohingya-Flüchtlingscamps in Bangladesch herrscht banges Warten vor dem Monsunregen. Bereits jetzt setzen heftige Stürme und starker Regen den Camp-Bewohner/innen zu. Doch die aus Myanmar geflohenen Rohingya lassen sich nicht entmutigen. Viele arbeiten als freiwillige Helfer/innen mit Oxfam zusammen, um die Menschen in den Camps zu unterstützen. © Bekki Frost / Oxfam An einer Oxfam-Wasserstelle im Moinnarghona Camp in Bangladesch holt Sumania mit ihren Kindern Wasser.

Der bevorstehende Monsunregen hängt drohend über den Rohingya-Flüchtlingscamps in Bangladesch, und zweifellos stehen den Menschen dort harte Zeiten bevor. Ich habe gerade drei Wochen für Oxfams Rohingya-Krisenreaktionsteam in der Provinz Cox's Bazar gearbeitet, und ein Moment ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben: Im strömenden Regen stand ich in dem unfassbar großen Camp, und überall, wo ich hinsah, waren baufällige Unterstände aus Bambus und Planen zu sehen.

Jung und Alt versuchte, Schutz vor dem Regen zu finden, während sich schnell große Pfützen auf der schmalen Backsteinstraße bildeten und das Wasser über sandige Hügelpfade lief. Als ich versuchte, Fotos von einem Brunnen zu machen, den Oxfam bohrte, um die Menschen mit sauberem Wasser zu versorgen, boten mir mehrere Rohingya-Flüchtlinge ihre Hilfe an. Ich sollte mit in ihre Unterkünfte kommen, um trocken zu bleiben; andere brachten mir ihre Regenschirme. Das war die Freundlichkeit von Menschen, die unvorstellbares Grauen ertragen mussten, das sie aus Myanmar in das benachbarte Bangladesch trieb.

Alle paar Tage ein heftiger Sturm

Zurzeit herrscht der sogenannte Vormonsunregen, in dem alle paar Tage ein heftiger Sturm aufzieht und für etwa eine Stunde in dem Camp wütet. Dieser Regen ist mit nichts vergleichbar, was ich bislang kannte. Das niederprasselnde Wasser hat eine fast körperliche Qualität, und der Regen kann so schwer sein, dass man Schwierigkeiten hat, die andere Straßenseite zu sehen.

Durch die Stürme werden häufig Bäume umgeworfen, und beinahe sofort bilden sich überall riesige Pfützen, wodurch Autos und Lastwagen nur noch schwer auf den sandigen Backsteinstraßen vorankommen. Es wird geschätzt, dass alleine im größten Rohingya-Flüchtlingscamp mehr als 600.000 Menschen leben – eine Bevölkerung so groß wie etwa Düsseldorf.

Das bange Warten auf den Monsun

Wie sich dann erst der richtige Monsun auf so viele Menschen auswirken wird, die in solch schwierigen Lebensumständen stecken, bewegt zurzeit die Entwicklungshelfer/innen. Daher war ich beeindruckt von der Art und Weise, mit der die Flüchtlinge in einer scheinbar hoffnungslosen Situation dennoch Hoffnung finden konnten.

Den Rohingya wird die Staatsbürgerschaft in ihrem Heimatland verweigert – sie haben das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören und nirgendwo mehr zu Hause zu sein. Niemand weiß, was die Zukunft für sie bringt. Sie warten auf den Monsunregen, der Überschwemmungen, Erdrutsche und wahrscheinlich auch lebensgefährliche, durch verunreinigtes Wasser übertragene Krankheiten bringen wird. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind bis zu 200.000 Menschen in den Camps davon bedroht.

Rohingya als freiwillige Helfer/innen

Aber die Menschen, denen ich begegnete, waren nicht hoffnungslos oder verzweifelt. Im Gegenteil – sie arbeiteten hart, um ihre Unterkünfte stärker zu befestigen und sich auf den bevorstehenden Starkregen vorzubereiten. Zudem meldeten sich viele freiwillig für Organisationen wie Oxfam, um als kommunale Gesundheitsausbilder zu arbeiten.

Eine dieser Freiwilligen war die 18-jährige Ayesha*. Sie floh mit ihrer Mutter und drei Geschwistern nach Bangladesch, nachdem ihr Vater bei den Gewalttaten in Myanmar ums Leben kam. Sie brauchten fast fünf Tage, um mit dem Boot und zu Fuß nach Bangladesch zu kommen.

Gute Hygiene für ein gutes Leben

Ohne Vater oder Ehemann ist das Leben in den Camps hart – Frauen können bei Hilfsverteilungen übergangen oder ausgeschlossen werden. Für junge Frauen ist es schwierig, alleine auszugehen. Ayesha hat sich jedoch nicht entmutigen lassen. Sie meldete sich als Freiwillige und führt jetzt gemeinschaftliche Gesundheitstrainings mit ihren Nachbar/innen und anderen Frauen durch.

Sie sagte mir: „Jetzt arbeite ich als Oxfam-Freiwillige, ich informiere Menschen zum Thema Hygiene und sage Leuten, was man tun muss, um trotz allem ein möglichst gutes Leben zu führen. Ich fühle mich damit gut.“

*Name auf Wunsch geändert.

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Internationaler Expertenbericht zu Mordfall Berta Cáceres

5. Juni 2018 - 10:57
Bis zum 2. März 2016 setzte sich die Honduranerin Berta Cáceres gegen den Bau des Wasserkraftwerkes Agua Zarca ein. Dann wurde sie ermordet. In einem Bericht deckt die internationale Expertengruppe GAIPA das kriminelle Komplott auf, das hinter dem Mord steckt. Vergangene Woche wurde der Bericht in Berlin vorgestellt. © Cinthia Casco, Ergo Studio Ein kleiner Schrein zum Andenken an Berta Cáceres.

Am 2. März 2016 wurde Berta Cáceres aus Honduras ermordet. Noch ein Jahr zuvor war sie für ihr Engagement mit dem renommierten Goldman-Umweltpreis ausgezeichnet worden. Der Grund für ihre Ermordung: Sie hatte gegen das unrechtmäßige Wasserkraftwerk Agua Zarca protestiert, das die Lebensweise ihrer indigenen Gemeinschaft gefährdete und interna­tional verankerte Menschenrechte verletzte. Der Bericht einer internationalen Experten­gruppe (GAIPE) bringt nun Licht ins Dunkel der Machenschaften und der Verstrickungen. Die Jurist/innen untersuchten Beweismittel, die der honduranischen Staatsanwaltschaft seit Mai 2016 vorliegen. Letzte Woche wurde der Bericht in Berlin vorgestellt.

Mord aufklären, um Menschenrechte zu verteidigen

Auftraggeber/innen, Mitstreiter/innen und Jurist/innen riskieren ihr Leben, um den Mord dieser Menschenrechts- und Umweltaktivistin aufzuklären. Sie sind überzeugt, dass dies ein wichtiger Schritt ist, um Menschenrechte zu verteidigen. Nicht nur vor Ort, sondern auch in Lateinamerika und international. Denn dahinter steht ein System, ein kriminelles System. Ein Komplott aus Mitarbeitern des Wasserkraftwerkbetreibers DESA (“Desarrollos Energéticos S.A.”), staatlicher Stellen, privater Sicherheitsfirmen und staatlicher Sicherheitsstellen war tätig, um jegliche Opposition gegen das Wasserkraftwerk Agua Zarca „zu kontrollieren, zu neutralisieren und zu eliminieren”. Beteiligte Unternehmen wie Siemens und Voith sowie die niederländische Entwicklungsbank FMO und Finnfund haben über Jahre Menschenrechte missachtet und sind erst 2017 aus dem Projekt ausgestiegen. Die lateinamerikanische Entwicklungsbank BCIE finanziert das Wasserkraftwerk noch immer.

COPINH will Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen

Miguel Ángel Urbina, Anwalt aus Guatemala, ist Mitglied der GAIPE. Er unterstreicht bei einem Treffen in Berlin: „Im Bericht steht nichts, was wir nicht belegen können.“ Obwohl die Staatsanwaltschaft in Honduras viele Informationen zurückgehalten hat, war es der Expertengruppe möglich, u.a. durch die Analyse von Nachrichten und Bewegungsprofilen die Teilnahme an Straftaten von einzelnen Angestellten, Managern, Beamten und Sicherheitspersonal – staatlich und privat – vor, während und nach dem 2. März 2016 zu ermitteln. Einige sind bekannt, andere nicht. Sie alle bleiben bis heute ungestraft. COPINH setzt sich dafür ein, dass die Hintermänner bestraft werden. Die Beteiligten an dem Wasserkraftwerk Agua Zarca sollen zur Rechenschaft gezogen werden. Die COPINH erhebt Anklage gegen die niederländische Entwicklungsbank FMO. Denn, so Miguel Àngel Urbina, Entwicklungsbanken genießen zwar Immunität, aber das heißt nicht, dass sie Menschenrechte verletzen dürfen.

DESAs Aktionen gegen Berta Cáceres und die COPINH

Viel zu lange wurden Hinweise zu DESA von Banken und Unternehmen ignoriert. Im Bericht zeigt die Kommunikation von leitenden Angestellten der DESA, wie sie ihren Einfluss bei der Staatsanwaltschaft und bei Strafgerichten nutzen wollen, um gegen einzelne Personen und die COPINH rechtlich vorzugehen. Die Organisation tritt für die Rechte von indigenen Gemeinschaften in Honduras ein. Aktionen der COPINH sollten nicht als friedlich beschrieben werden, selbst wenn die Schäden unbedeutend seien. Um eine Schmutzkampagne zu entwickeln, hat DESA dem Bericht zufolge ein Team von Experten und Consultants inklusive bezahlter Journalisten eingesetzt, die Falschinformationen streuen und willkürliche Aktionen gegen Berta Cáceres und die COPINH vertuschen sollten. Auch die Nachbargemeinden wurden beeinflusst, um das Agua-Zarca-Projekt zu unterstützen und entsprechende Statements mit ihren Forderungen zu verfassen. Die Konflikte zwischen den Gemeinden wurden also bewusst geschürt. Das Beispiel macht klar, warum Miguel Àngel Urbina von einer „Diktatur der Unternehmer“ in Honduras spricht.

Die Geheimhaltung der Staatsanwaltschaft

Einheimische und internationale Standards geben der Staatsanwaltschaft das Recht, die Untersuchung gegenüber Drittparteien geheim zu halten. Aber es kann nicht den Zugang des Rechtsanwalts der Ankläger/innen beschneiden, da er Prozessbeteiligter ist. Den Vertreter/innen der Familie Cáceres wurde jedoch der Zugang zu Rechtsakten im Strafprozess verweigert. Auch ist der Untersuchungszeitraum im Hinblick auf die Auswertung der Telefonate auf die Zeit von Januar bis April 2016 beschränkt worden, obwohl Dokumente Angriffe von DESA-Mitarbeitern gegen Berta Cáceres und Mitglieder der COPINH seit mindestens 2012 belegen. Laut der Expertengruppe legen die vorliegenden Beweismittel nahe, dass wenigstens eine der acht Personen nicht direkt für die Straftat am 2. März 2016 verantwortlich ist, auch wenn die Staatsanwaltschaft noch im Besitz anderer Belege sein kann.

Oxfam unterstützt Forderungen von Familie und COPINH

Der Weg zur sozialen Gerechtigkeit wird steil und voller Herausforderungen für die Familie von Berta Cáceres und für die Mitglieder von COPINH sein. Oxfam steht solidarisch an ihrer Seite und fordert mit ihnen, die Hintermänner zu bestrafen, das Agua-Zarca-Projekt zu beenden und die Familie, die COPINH und ihre Rechtsanwälte zu schützen.

Der Kontext:

Wöchentlich werden vier Menschen ermordet, weil sie ihr Land verteidigen oder die Umwelt schützen wollen. Dies ergab die gemeinsame Recherche von Global Witness und dem Guardian. Im Jahr 2017 wurden 197 Menschen getötet. Die hohe Zahl der Tötungen ist viermal so hoch wie im Jahr 2002, dem ersten Jahr der Erhebung. Gleichwohl dürfte die Dunkelziffer höher liegen. Der Atlas zur Umweltgerechtigkeit hat mehr als 2.335 Fälle von Konflikten identifiziert. Wissenschaftlern zufolge nehmen die Zahl und die Intensität der Konflikte zu.

Erstmals hat das Agrobusiness als Industrie den Bergbau im Hinblick auf die Tötungen überholt. Zusammen stehen die beiden Industrien im Zusammenhang mit 60 Prozent der Tötungen. Das Agrobusiness ist der größte Treiber von Gewalt, weil die Nachfrage der Supermarktketten nach Soja, Palmöl, Zuckerrohr und Rindfleisch einen finanziellen Anreiz für die Plantagen- und Weidenbesitzer bieten, sich stärker in indigene Gebiete und kommunale Ländereien auszubreiten. Lateinamerika steht an oberster Stelle der weltweiten Tötungen von Landrechts- und Umweltverteidigern. Die Landkonzentration ist dort bereits sehr hoch.

Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer. Nach vier Jahren in Folge ist die Zahl der Toten nicht weiter angestiegen. Der angegebene Grund: Das Bewusstsein über das Ausmaß der Krise hat zugenommen und es gibt erneut politische Bemühungen, damit multinationale Konzerne mehr Verantwortung übernehmen und dass Regierungen die Straflosigkeit in Angriff nehmen. Der Sonderberichterstatter für Menschenrechte und die Umwelt, John Knox, drängt die Regierungen, die Kultur der Straflosigkeit anzugehen, und sagt, dass die Medien eine wichtige Rolle spielen, um die Transparenz zu verbessern.

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