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Aktualisiert: vor 12 Stunden 32 Minuten

Klimakrise konkret: Wenn die Menschen im Irak plötzlich um ihre Ernte bangen müssen

3. September 2021 - 20:16
Was passiert, wenn ein Land, das seit jeher auf die Landwirtschaft angewiesen ist, plötzlich ohne Wasser dasteht? Und was kann man dagegen tun? © Ahmed Akram/Oxfam

Euphrat und Tigris – vielen sind diese Flüsse ein Begriff: Die beiden berühmten Ströme galten historisch als Lebensadern des Irak, waren sie doch stets mit dem Bild eines fruchtbaren Landes verknüpft. Doch der Klimawandel hinterlässt auch hier dramatische Spuren: Heute sieht sich das Land von einer Dürre bisher unbekannten Ausmaßes bedroht.

Die Landwirtschaft ist so etwas wie das Rückgrat des Irak: Kleinbäuerliche Familien, die oftmals seit Generationen in der Feldarbeit tätig sind, sichern mit ihrer Arbeit sowohl das eigene Einkommen als auch die Wirtschaftskraft der ländlichen Gemeinschaften. Der Ackerbau ist die Ernährungsgrundlage für Menschen im ganzen Land.

Dieses Jahr haben die Bäuer*innen allerdings festgestellt, dass viel weniger natürliche Wasservorräte vorhanden waren als zuvor: Das angebaute Gemüse ist teilweise bereits vor dem Sommer vertrocknet, Wasservorräte sind erschöpft.

In vielen Gouvernements berichteten Bäuer*innen, sie müssten ihre Anbauflächen wegen des Wassermangels verkleinern oder gar andere Jobs annehmen, um ausreichend Geld für ihre Familien zu verdienen. Sie bangen um ihre Zukunft:

„Aktuell machen wir Schulden und konnten [wegen des Wassermangels] weniger anpflanzen als sonst. Wir werden deshalb auch weniger Erträge erzielen und somit weniger verdienen.“, so ein Bauer in Ninewa.

© Ahmed Akram/Oxfam

Das gesamte Land steckt in einer Krise. Es muss etwas passieren, bevor die Folgen der Dürrephase noch gravierender werden. Wenn die Bäuer*innen keine Unterstützung bekommen, um ihre Felder weiter zu bewirtschaften, wird es weniger Lebensmittel geben und der Preisdruck wird steigen. Viele Menschen werden in die Städte ziehen – was die dort bereits überlasteten öffentlichen Versorgungssysteme zusätzlich strapazieren würde.

Wir sind mit unseren Partnern vor Ort, um kurzfristig und mittelfristig dabei zu unterstützen, die Wasserkrise im Irak einzudämmen.

Kurzfristig sollen die Gemeinden dabei unterstützt werden, produktiv zu bleiben. So soll die Klima-bedingte Verdrängung und Migration abgefangen werden.

Unsere Maßnahmen:

  • In einem ersten Schritt müssen die wichtigsten Bedarfe gedeckt werden: Wassertransporte können aktuelle Ernten retten und sicherstellen, dass die Bäuer*innen weiterhin von ihren Erträgen leben können.
  • Kurzfristige Einkommensmöglichkeiten für Kleinbäuer*innen, die von der Dürre betroffen sind (durch Cash-for-Work-Maßnahmen sowie Bargeldauszahlungen)
  • Bewässerungskanäle, Wasseraufbereitungsanlagen und Reservoirs, um Wasser speichern und Wasserverluste minimieren können
  • Aufklärung zur effizienten Wassernutzung
  • Förderung von hygienischem Verhalten, um Krankheiten einzudämmen, die auf verunreinigtes Wasser oder Wassermangel zurückzuführen sind

Mittelfristig stehen Maßnahmen zum besseren Umgang mit vorhandenen Ressourcen im Fokus:

  • Aufklärung zu klimaangepassten Anbaumethoden für die kommenden Jahre
  • Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaextremen (wie Dürren)
  • Einbeziehung von lokalen Kleinbäuer*innen, um vorhandenes Potenzial mit Blick auf Rohstoffe, Methoden und Wissen optimal auszuschöpfen

Unser zweiteiliger Ansatz zielt darauf ab, die Einwohner*innen zu ermutigen, in ihren Gemeinschaften zu bleiben und in diese zu investieren.

Parallel dazu arbeitet unser Kampagnen-Team daran, den von der Dürre betroffenen Gemeinschaften auf politischer Ebene Gehör zu verschaffen – sowohl bei nationalen als auch internationale Regierungen. Eins ist klar: Mit der aktuellen Wasserkrise steht das Land vor dramatischen Herausforderungen.

 

Der Beitrag basiert auf dem englischsprachigen Artikel „Inside Iraq’s Water Crisis“ (https://oxfaminiraq.exposure.co/inside-iraqs-water-crisis)

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Globaler Klimastreik am 24. September: Für eine klimagerechte Zukunft!

2. September 2021 - 21:52
Ob wir die Klimakrise noch halbwegs in den Griff bekommen, hängt auch vom Ergebnis der kommenden Bundestagswahl ab. Deswegen unterstützen wir den Globalen Klimastreik am 24. September und rufen Sie – unsere Unterstützer*innen – zum Mitmachen auf. Denn: Ohne konsequenten Klimaschutz ist eine gerechte Welt ohne Armut unerreichbar.

Hunderttausende Menschen in Madagaskar hungern infolge einer langanhaltenden Dürre, Millionen Menschen in Zentralafrika, Indien und China sind von Überschwemmungen nach sintflutartigen Regenfällen betroffen. Im Frühjahr fraßen erneut gewaltige Heuschreckenschwärme die Felder in Kenia kahl, überall auf der Welt wüteten gewaltige Waldbrände, angefacht von Hitze und Trockenheit. Und nicht zuletzt die verheerenden Fluten in Deutschland: Wo man hinschaut, die Zeichen der sich verschlimmernden Klimakrise sind allerorten zu sehen – so bestätigt es auch der jüngste Bericht des UN-Wissenschaftsrats zum Klimawandel (IPCC).

© FAO/Sven Torfinn

In der Regel trifft es die Menschen in Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas am schwersten, obwohl sie zu der Krise nichts beigetragen haben. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung sind für mehr als die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, die ärmeren 50 Prozent der Weltbevölkerung für ganze sieben Prozent. Was auch ein Beleg dafür ist, wie sehr unser Wirtschaftssystem nicht nur die ökologischen Grenzen unseres Planeten sprengt. Sondern wie es vor allem den Reichtum einer im Weltmaßstab eher kleinen, wohlhabenden Gruppe von Menschen schützt. Die große Mehrheit, Milliarden von Menschen vor allem in wirtschaftlich benachteiligten Ländern, in denen die Klimakrise heute schon Armut, Hunger und Ungerechtigkeit verschärft, bleibt außen vor.

Um das im Pariser Klimaabkommen verankerte Ziel zu erreichen, die globale Erwärmung auf maximal 1,5°C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, muss der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 halbiert und bis zur Jahrhundertmitte auf null reduziert werden. Die Chancen, dass das auch passiert, sind angesichts der mageren Klimaschutzziele der Länder gering. Auch die Bundesregierung musste erst vom Bundesverfassungsgericht dazu gezwungen werden, ihre Klimaschutzziele nachzubessern, weil sie mit ihren bisherigen Zielen die Grundrechte künftiger Generationen beeinträchtigt hätte.

Machen wir die Bundestagswahl zur Klimawahl!

Überhaupt Deutschland: Zwei Legislaturperioden hatte die Große Koalition nun Zeit, um Deutschland auf einen klimafreundlichen und klimagerechten Entwicklungspfad zu setzen. Genutzt haben CDU/CSU und SPD die Zeit nur halbherzig. Stattdessen werden die Klimaziele für 2030 und 2040 nach bisherigem Stand deutlich verfehlt, wird erst 2038 das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet und gab es Steuermilliarden für die Betreiber von Kohlekraftwerken. Zudem wurden der Ausbau der Windenergie nahezu komplett abgewürgt und in der Branche Zehntausende Arbeitsplätze vernichtet. In den Sektoren Verkehr und Landwirtschaft sind die Emissionen seit Antritt der GroKo wegen der Widerstände in den zuständigen Ministerien quasi nicht gesunken. Und erst nach massivem Druck von Deutschlands internationalen Partnern hat die Bundesregierung zugesagt, die Klima-Hilfen für wirtschaftlich benachteiligte Länder zu steigern.

© Pablo Tosco/Oxfam

Wir können die kommende Bundestagswahl zur Klimawahl machen und für konsequenten Klimaschutz stimmen. Wir können die Bewältigung der Klimakrise als riesige Gelegenheit begreifen, unsere Gesellschaft moderner, demokratischer und gerechter aufzustellen. Dazu gehören nicht nur ein Kohleausstieg bis 2030 und der komplette Umstieg auf erneuerbare Energien. Dazu gehört unter anderem auch eine klima- und umweltfreundliche Landwirtschaft mit fairen Preisen für die Erzeuger*innen auch in Ländern mit weit verbreiteter Armut und eine Verdoppelung der finanziellen Unterstützung für wirtschaftlich benachteiligte Länder, die vom Klimawandel betroffen sind.

Dafür unterstützen wir den Globalen Klimastreik am 24. September und rufen Sie – unsere Unterstützer*innen – ebenfalls zur Teilnahme auf. Lassen Sie uns gemeinsam mit Fridays for Future und einem breiten Bündnis bundesweit auf die Straßen gehen – natürlich unter Beachtung der bestehenden Corona-Regeln. Wo? Hier! Für eine nächste Bundesregierung, die beim Klimaschutz endlich Ernst macht.

Unseren Treffpunkt und die Uhrzeit für Oxfam-Mitarbeiter*innen und Unterstützer*innen in Berlin geben wir in Kürze an dieser Stelle bekannt.

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Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel

31. August 2021 - 12:04
Die ermutigende Geschichte eines jungen Plantagenarbeiters in SonitpurRomeo Lakras Familie arbeitet und lebt seit Generationen auf einer Teeplantage in Assam (Indien). Seine Geschichte zeigt, wie er durch viel Engagement, Austausch und gemeinschaftliches Handeln die Situation von Plantagenarbeiter*innen verändert. © Roanna Rahman/Oxfam Indien

Auf Teeplantagen in Indien sind die Arbeiter*innen meist unmenschlichen Verhältnissen ausgesetzt: Sie leben und arbeiten auf den Plantagen und haben kaum Zugang zu sanitären Einrichtungen. Schutzkleidung ist ebenfalls kaum verfügbar. Prekäre Arbeitsverhältnisse haben den Arbeiter*innen besonders während der Corona-Pandemie zugesetzt. Oxfams lokale indische Partnerorganisation in Assam setzt sich seit Jahren für Arbeitsrechte ein und hat es trotz der Einschränkungen geschafft, die meisten Aktivitäten im aktuellen länderübergreifenden Projekt aufrechtzuerhalten. Und auch ein junger Mann aus Assam, Romeo Lakra, hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Mit viel Elan und Ausdauer hat er für mehr Gerechtigkeit im Teeanbau gekämpft.

Aus dem Englischen übersetzt und gekürzt

Romeo zeigt Willensstärke

Romeo Lakra ist 22 Jahre alt und lebt im Bezirk Sonitpur in Assam (Indien). Seit seiner Geburt wohnt er mit seiner Familie auf dieser Teeplantage. Aus Gesprächen mit seinen Verwandten schließt er, dass seine Familie schon seit mehreren Generationen dort wohnt. […]

© Alphonse Kujur

Romeo erlebt täglich die ausbeuterischen Verhältnisse, in denen die Plantagenarbeiter*innen arbeiten. Und genauso wie Oxfams Partnerorganisation vor Ort weiß er, dass es sich lohnt, für bessere Arbeitsrechte zu kämpfen. Er ist davon überzeugt, dass die Situation von Teebäuer*innen nur verbessert werden kann, wenn alle in der Gesellschaft an einem Strang ziehen.

In seiner Gemeinde ist Romeo beliebt und respektiert für seine Hilfsbereitschaft und seinen Optimismus. Letztes Jahr, als wegen der Pandemie vielerorts Ausgangssperren verhängt wurden, tat er – im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten – alles, um anderen Arbeiter*innen den Zugang zu staatlichen Hilfsprogrammen zu erleichtern. Oftmals wurde er entmutigt, bedroht und zurückgewiesen, weil er zu den Themen nicht ausgebildet und während des Lockdowns hauptsächlich als Einzelperson tätig war. Er ließ sich dadurch aber nicht von seinem Weg abbringen.

Fachliche und organisatorische Unterstützung

In dieser Zeit lernte er Mitarbeiter*innen von der lokalen Partnerorganisation von Oxfam kennen. Hier fand er Unterstützung für die Umsetzung seiner humanitären Maßnahmen. Die Organisation besorgte ihm die nötigen Papiere, um sich während des Lockdowns frei bewegen zu können. Sie schulte ihn außerdem im Bereich der Humanitären Hilfe. Seitdem arbeitet Romeo enthusiastisch und selbstlos für mehr Gerechtigkeit. Er nahm beispielsweise an mehreren Schulungsprogrammen zu Themen wie Sozialversicherungssysteme, Arbeitsrechte, gerechte Löhne und Zugang zu Beschwerdestellen teil und bildete sich fachlich weiter.

Die Zusammenarbeit trägt Früchte

Heute, nach einem Jahr der Zusammenarbeit, besitzt Romeo Lakra das benötigte Fachwissen und kennt sich in den sozialen Fragen rund um den Teeanbau sowie mit staatlichen Förderprogrammen aus. Er nimmt weiterhin mit großem Interesse an den Weiterbildungen teil und hat immer wieder neue Ideen, wie eine konstruktive Zusammenarbeit mit verschiedenen Interessengruppen aussehen kann. Aktuell arbeitet er auch mit dem Distriktkoordinator der lokalen Partnerorganisation zusammen und initiiert eigene Projekte in Assam.

Gemeinsam können wir mehr erreichen

Romeo war maßgeblich an der Gründung eines Jugendkomitees in seinem Wohnort beteiligt. Das Komitee soll mehr Menschen für den Weg hin zu einem transformativen Wandel begeistern. Bei Verhandlungen mit der Plantagenleitung und den staatlichen Stellen kann nur ein gemeinsames Eintreten für die eigenen Rechte wirklich etwas bewirken, davon ist Romeo Lakra überzeugt.

© Roanna Rahman/Oxfam Indien
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Ist internationale Zusammenarbeit ohne Rekolonialisierung möglich?

5. August 2021 - 13:51
Wir arbeiten seit 10 Jahren daran, eine Organisation zu werden, die die Welt, in der wir agieren, besser widerspiegelt und auch auf Führungsebene diverser aufgestellt ist. In diesem Beitrag berichten Oxfam-Mitarbeiter*innen und Vertreter*innen lokaler Partner über ihre Erfahrungen. © Vina Salazar/Oxfam

Oxfam hat es sich zum Ziel gemacht hat, die ungleiche Verteilung von Macht und Ressourcen innerhalb der Organisation zu beseitigen. Die ursprüngliche Struktur Oxfams umfasste eine kleine Anzahl miteinander vernetzter Nichtregierungsorganisationen (NRO) im Globalen Norden, Mitgliedsorganisationen oder auch Affiliates genannt. Unser Ziel ist jedoch ein breit gefächertes Netzwerk von Affiliates auf der ganzen Welt, die an einer gemeinsamen Vision und Mission arbeiten. Heute hat Oxfam Mitgliedsorganisationen in Indien, Mexiko, Brasilien, der Türkei, Kolumbien und Südafrika, weitere sind in Planung.

Oxfam ist mit diesem Ansatz nicht allein. Viele andere internationale Nichtregierungsorganisationen (INROs oder INGOs) im Bereich der Humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit haben sich für einen ähnlichen Weg entschieden.

Neben dem, was Oxfam als „globales Gleichgewicht“, oder „Global Balance“ bezeichnet, arbeitet die Organisation daran, ihre Verpflichtung zur Förderung und Stärkung lokaler Führung zu erfüllen. Die damit gestärkte Unabhängigkeit sieht Oxfam als maßgeblich für effektive, angemessene und nachhaltige humanitäre Systeme an. Oxfam investiert daher insbesondere in Projekte, die von Partnerorganisationen geleitet werden. Auf diese Weise können lokale Akteur*innen notwendige Fähigkeiten entwickeln sowie Netzwerke und institutionelle Kapazitäten stärken, die sie benötigen, um erfolgreich agieren zu können. Oxfam hat sich außerdem dazu entschieden, sich aus einer dominanten Rolle in der Nothilfe zurückzuziehen und ist dazu übergegangen, die Arbeit lokaler Akteur*innen zu ergänzen und zu unterstützen.

Beide Vorhaben bauen auf dieselben Grundwerte auf und scheinen sich gut gegenseitig ergänzen zu können. Jedoch hat die Entscheidung darüber, welchen Raum eine Organisation einnimmt und wie sie agiert, erhebliche Auswirkungen auf diejenigen, die diesen Raum ihr Zuhause nennen. Einige lokale und nationale Organisationen beanstanden, dass INRO-Mitgliedsorganisationen mit ihnen um Finanzmittel und um hart erkämpfte Sitze am Entscheidungstisch konkurrieren – ein Verhalten, das die lokale humanitäre Führung eher untergräbt als stärkt.
Befinden sich die beiden Vorhaben also auf einem Kollisionskurs oder ist es möglich, dass sie aufeinander aufbauen und sich gegenseitig stärken können?

Wildern und stehlen Meine Befürchtung ist, dass [internationale Organisationen] ankommen, sich einrichten, Erwartungen wecken und wieder gehen ... Ich befürchte eine neokolonialistische Haltung und eine „Rückeroberung“, so als ob die Einheimischen nicht viel zu deren Fachwissen oder Ressourcen beizutragen hätten. Das wäre ein katastrophales Szenario. Luis Guillermo Guerrero, Direktor des Center for Research and Popular Education, eine kolumbianische Nichtregierungsorganisation

Die Aussicht, dass internationale Unterstützer zu lokalen Konkurrenten werden, löst bei den lokalen Akteur*innen sowohl Angst als auch Empörung aus. Eine vor Ort registrierte, internationale NGO hätte Zugang zu allen Systemen und zusätzlich die Unterstützung der Mitgliedsorganisationen im Norden, was ihr einen Vorsprung bei der Vergabe von Finanzmitteln verschaffen würde. Sie könnte in Notsituationen ins Rampenlicht treten, indem sie selbst aktiv wird, anstatt fähige lokale Organisationen zu unterstützen. Und sie könnte Sitze am Tisch einnehmen, die zu Recht einheimischen Gruppen gehören.

Die Suche nach einem globalen Gleichgewicht

Im Jahr 2008 entschied Oxfam, eine ausgewogenere und gleichberechtigtere Aufteilung der Mitgliedsorganisationen anzustreben, um sich der lokalen und nationalen Zivilgesellschaft gegenüber solidarischer zu zeigen. Diese Entscheidung trug schnell Früchte. Neue Mitgliedsorganisationen wie Oxfam Indien setzten sich sofort kritisch mit nationalen Themen auseinander. Die Direktor*innen neu gegründeter Affiliates wurden zu Mitgliedern der Führungsetage der Oxfam-Konföderation und brachten so neue Stimmen, Meinungen und Arbeitsweisen ein.

Das „globale Gleichgewicht“ ist für Oxfam nicht nur ein internes, sondern vielmehr ein politisches Projekt. Es beeinflusst, wie Oxfam in der Welt agiert [...]. Es bedeutet, die Vielfalt zu stärken und zu nutzen, Inklusion und Gerechtigkeit zu fördern und die Bürger*innen als Akteur*innen eines Wandels zu bestärken – sowohl innerhalb als auch außerhalb von Oxfam. Leela Ramdhani, Chief Operating Officer bei Oxfam International Oxfams Weg

Oxfam zählt derzeit sechs Mitgliedsorganisationen (unabhängige, auf nationaler Ebene registrierte NROs mit lokalen Vorständen) im Globalen Süden, fünf weitere sollen folgen. In Kolumbien beispielsweise, wo Oxfams bereits bestehendes Büro im März 2021 in eine Mitgliedsorganisation umgewandelt wurde, wurden mehr als 200 lokale Akteur*innen – darunter Vertreter*innen von mehr als 50 lokalen Organisationen – gebeten, ihre Gedanken und Perspektiven zu diesem Übergang mitzuteilen. Die kolumbianischen NROs forderten, dass Oxfam mit ihnen für den Frieden arbeitet und nicht mit ihnen um Finanzmittel konkurriert. Der Direktor von Oxfam Kolumbien, Carlos Mejía, stimmte zu:

Wir bringen den Geldgeber*innen bei, dass wir alles, was wir tun, gemeinsam mit anderen tun. Wann immer es eine Finanzierungsmöglichkeit gibt, bewerben wir uns gemeinsam mit den jeweiligen Partnern. […] Gemeinsam arbeiten wir daran, dass unser Land sicherer, widerstandsfähiger und gerechter wird. Carlos Mejía, Executive Director von Oxfam Kolumbien Neue Grundsätze
  • Nationale Mitgliedsorganisationen von INGOs sind nicht rein lokal. Sie sind mit globalen Netzwerken verbunden und sollten lokalen Organisationen Zugang zu diesen Netzwerken verschaffen, wenn sich ihre Agenden decken.
  • Um sicherzustellen, dass die Übergänge zwischen den Mitgliedsorganisationen die lokale humanitäre Führung stärken und nicht schwächen, müssen zwei feministische Prinzipien im Vordergrund stehen: Zusammenarbeit und Solidarität. Es ist leicht, diese Werte für sich zu beanspruchen, aber sie in vollem Umfang zu übernehmen bedeutet, dem Drang nach Wettbewerb zu widerstehen.
  • Die Ergänzung lokaler Akteur*innen in Notsituationen kann bedeuten, dass man sie finanziell unterstützt, dass man sie von der Seitenlinie aus unterstützt, dass man die Maßnahmen der Partner*innen begleitet oder dass man direkt eingreift, wo Lücken bestehen, jedoch ohne dominant zu sein.
  • Die Stärkung der Kapazitäten in einer wirklich kooperativen Weise erfordert, dass alle Parteien sich selbst als Treiber für Verbesserungen und potenzielle Wissensquellen betrachten. Das bedeutet: Lernen zu Teilen und lernen, auch auf das zu hören, was man nicht hören will.

Wenn INGOs nationale Zweigstellen gründen, ist das Wie ebenso wichtig wie das Was. Die Übernahme feministischer Grundsätze kann dazu beitragen, der Tendenz zur Dominanz entgegenzuwirken. Insbesondere können sie dazu beitragen, der kolonialen Denkweise entgegenzuwirken, von der die Organisationen im Norden geprägt sind.

Hoffnungen, Ängste und Hingabe

Einige lokale NROs verwandeln sich in nationale und sogar internationale Organisationen, während einige INROs nationale Zweigstellen und lokale Büros einrichten. Wachstum und Anpassungen wie diese sind nicht neu, aber der aktuelle Kontext ist beispiellos: langanhaltende Konflikte, die Klima-, Migrations- und Covid-19-Krise und die Todesfälle, die die Black-Lives-Matter-Bewegung beflügelten, haben – zusammen mit dem wachsenden Rechtsnationalismus – das moralische, politische und praktische Versagen der traditionellen Führung im Norden deutlich gemacht. In der Zwischenzeit hat der Ausbau digitaler Infrastruktur den Graswurzelaktivismus zum Blühen gebracht und dazu beigetragen, eine südbasierte, internationale Bewegung lokaler humanitärer Akteure zu stärken, die sich nicht zum Schweigen bringen lässt.

Um den dringenden und wachsenden humanitären Bedarf zu decken, müssen alle an Bord sein. Doch für Organisationen aus dem Norden, die traditionell eine dominante Rolle im humanitären Sektor spielen, ist es oft schwer zu begreifen, wie sie wirklich gleichberechtigte und wünschenswerte Partner*innen der lokalen Akteur*innen werden können. Es ist an der Zeit, dass die INGOs ihren Platz in einem humanitären Ökosystem einnehmen, das den Wert aller seiner Teile anerkennt, und statt Wettbewerb Zusammenarbeit in den Fokus stellt.

Was Oxfam in Kenia bisher getan hat, war großartig. Aber wenn die Gründung einer Mitgliedsorganisation in irgendeiner Weise die lokale humanitäre Führung untergräbt, dann sind wir nicht dafür […]. Wenn Oxfam seine Arbeitsweise ändert und zu einem Konkurrenten der lokalen Akteure wird, sind wir dagegen. Das ist ganz klar. Ahmed Abdi, Executive Director von Arid Lands Development Focus und Mitbegründer des ASAL network of local and national NGOs

Oxfam beherzigt das. „Wenn wir den Angliederungsprozess mit dem Wissen beginnen könnten, was wir jetzt haben, würden wir uns stärker darauf konzentrieren, sicherzustellen, dass unsere Auswirkungen auf die lokale Führung und unsere Arbeitsweise durchweg positiv sind“, sagt Gabriela Bucher, Executive Director von Oxfam International. „Wir lernen und entwickeln uns weiter. Aber wir glauben, dass es für national registrierte INGOs möglich ist, einen positiven Effekt auf die lokale Führung zu haben, und das ist es, wozu wir uns rund um den Globus verpflichtet haben.

 

Der Text ist eine gekürzte Version des englischen Originals Can INGOs go national in the Global South without recolonising aid?

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Zerstörerischer Wohlstand

3. August 2021 - 10:42
Warum Klimagerechtigkeit zentral istEin gerechtes Wirtschaftssystem kann es ohne Klimagerechtigkeit nicht geben. Warum das so ist und was zu tun ist, erklärt Oxfams Klimaexperte Jan Kowalzig. © Pablo Tosco / Oxfam

Franziska Rötzsch hat unseren Klimaexperten Jan Kowalzig gefragt, warum ein gerechtes Wirtschaftssystem nicht ohne Klimagerechtigkeit auskommt und was wir dafür tun müssen:

Franziska Rötzsch: Wieso ist die Klimakrise ein Thema für Oxfam?

Jan Kowalzig: Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, und dazu gehören immerhin knapp die Hälfte aller Deutschen, sind für mehr als die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Auswirkungen der Erderhitzung sind zum Beispiel heftigere Stürme, Überschwemmungen, extremere Dürren, Ernteausfälle oder der steigende Meeresspiegel. Sie verschärfen Hunger und Armut vor allem in wirtschaftlich benachteiligten Ländern, wo die Menschen kaum oder gar nichts zu der Klimakrise beigetragen haben. Das verschärft bestehende Ungerechtigkeiten weiter. Wenn die Bundesregierung beim Klimaschutz bremst, nimmt sie dabei wissend in Kauf, dass sie damit anderswo Lebensgrundlagen zerstört. Und auch aus ihrer Verantwortung, die Länder mit geringem Einkommen bei Klimaschutz und Anpassung an die klimatischen Veränderungen ausreichend zu unterstützen, stiehlt sich die Bundesregierung immer wieder davon.

Warum ist ein gerechtes Wirtschaftssystem ohne Klimagerechtigkeit nicht denkbar?

Einer der Grundpfeiler unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems sind Produktion und Konsum auf Kosten von Menschen anderswo und von zukünftigen Generationen. Das gilt für die Ausbeutung und Zerstörung von Ökosystemen allgemein, insbesondere aber auch für das Weltklima. Es bringt also nichts, die ökonomischen Ungerechtigkeiten unseres Wirtschaftssystems zu beseitigen, wenn wir dabei trotzdem den Planeten verbrennen. Ein Wirtschaftssystem ist nur gerecht, wenn es innerhalb der ökologischen Grenzen unseres Planeten bleibt und sicherstellt, dass alle Menschen gleichermaßen durch die Nutzung der begrenzten Ressourcen ihr Recht auf ein Leben in Würde und frei von Armut wahrnehmen können. Eine kleine Minderheit darf ihren zerstörerischen Wohlstand nicht auf Kosten anderer beanspruchen. Das gilt auch für die begrenzte Menge an Treibhausgasen, die die Atmosphäre aufnehmen kann, ohne dass die Erderhitzung katastrophale Ausmaße annimmt. Weil dieses Budget nahezu aufgebraucht ist, ist ein Wirtschaftssystem erst dann gerecht, wenn es in zwanzig Jahren unterm Strich keine Treibhausgase mehr verursacht.

Wie ist das zu schaffen?

Klimagerechtigkeit erfordert, dass alle Menschen oder Länder zur Bewältigung der Klimakrise beitragen, und zwar abhängig von ihrer Verantwortung für das Entstehen dieser Krise und von ihren jeweiligen Möglichkeiten. Die wirtschaftlich privilegierten Länder müssen ihre Emissionen also deutlich schneller auf null reduzieren, damit einkommensschwache Länder mehr Flexibilität haben, insgesamt aber die globale Erwärmung nicht die wichtige 1,5°C-Schwelle übersteigt. Es bedeutet aber auch, dass wirtschaftlich privilegierte Länder einkommensschwache Länder bei der Bewältigung der Klimakrise finanziell angemessen unterstützen müssen. Auch beim Klimaschutz in Deutschland ist unverzichtbar, dass die Transformation hin zu null Emissionen sozial gerecht abläuft. In Deutschland sind die reichsten zehn Prozent der Menschen für fünfzehnmal mehr Treibhausgase pro Kopf und Jahr verantwortlich als die ärmsten zehn Prozent. Das zeigt deutlich, wo man ansetzen muss.

Klimakrise treibt Menschen in die Flucht

„Der Regen wurde immer weniger und weniger, und es ist jetzt viel heißer als früher“, sagt Amina Ibrahim. Bis 2017 lebte die Mutter von zwölf Kindern in Qararo im Osten Äthiopiens. 150 Schafe und 15 Kamele gehörten zum Viehbestand der Familie. „Wir haben Tiere aufgezogen, sie verkauft, um davon das zu kaufen, was wir brauchten. Wir hatten auch Wasser. Uns hat es an nichts gemangelt“, erinnert sie sich. Mit der langanhaltenden Dürre 2017 wurde alle anders. Amina Ibrahims Tiere starben, die Familie musste fliehen. Heute lebt sie in der äthiopischen Zone Jarar, wo Oxfam die Menschen mit Essen, Trinkwasser und Hygienemaßnahmen unterstützt. Dort versucht sie, sich ein neues Leben aufzubauen. 

© Pablo Tosco / Oxfam

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Nachhaltige Revolution

2. August 2021 - 15:09
Ökosysteme pflegen und erhalten, statt die Natur auszubeuten und zerstört zurückzulassen: Die nachhaltigen Methoden der Agrarökologie haben Potenzial, die Landwirtschaft zu revolutionieren. Viele Partnerorganisationen von Oxfam wenden sie bereits erfolgreich an. © Stefanie Beck / Oxfam

Ackerbau, Tierhaltung und Fischerei versorgen weltweit Menschen mit Nahrung. Paradoxerweise zerstören sie gleichzeitig unsere Lebensgrundlagen. In ihrer Maßlosigkeit verantwortet die industrielle Landwirtschaft einen Großteil des weltweiten Süßwasserverbrauchs und verursacht bis zu 30 Prozent der Treibhausgase. Leergefischte Meere, abgeholzte Wälder, Monokulturen und Chemikalien, die massiv zum Artensterben beitragen, zeichnen ein düsteres Bild von der Zukunft.

Eine Dystopie, die für Kleinbäuer*innen und Landarbeiter*innen in wirtschaftlich benachteiligten Ländern längst Realität ist: „An vielen Orten fehlt den Menschen Wasser zum Trinken, Waschen oder Kochen“, so Marita Wiggerthale, Oxfams Expertin für Welternährung. „Giftige Pestizide gefährden nicht nur die Gesundheit von Feldarbeiter*innen, sondern auch von Familien, die in der Nähe der Anbauflächen leben. Und immer mehr Bäuer*innen geraten in Abhängigkeit von teuren Pestiziden und Kunstdünger – viele müssen sich deswegen verschulden.“

Großkonzerne versus Kleinbäuer*innen

Massenproduktion von Nahrungsmitteln auf der einen, Hunger auf der anderen Seite: Mindestens drei Milliarden Menschen können sich nach neuesten Schätzungen keine gesunde Ernährung leisten, konstatiert der von Oxfam mitveröffentlichte Bericht „Towards a Wellbeing Economy“.

Internationale Unternehmen profitieren immens von einer Landwirtschaft, die auf die chemische Keule setzt. Marita Wiggerthale

Übermächtige Konzerne dagegen verdienen sich auf dem Lebensmittelmarkt eine goldene Nase. Platz Eins und Zwei der reichsten Personen in Deutschland nehmen die Eigentümer der Discounterkette Aldi und Dieter Schwarz ein, dem unter anderem der Rivale Lidl gehört. Doch nicht nur Supermarktketten machen Gewinne mit Ausbeutung und Leid, erklärt Marita Wiggerthale: „Auch internationale Agrochemie- und Saatgutunternehmen profitieren immens von einer Landwirtschaft, die auf die chemische Keule setzt. Sie nutzen ihre Macht, um sich einen Großteil der Gewinne zu sichern, während diejenigen, die die Nahrungsmittel produzieren, zu ruinösen Preisen oder Hungerlöhnen schuften müssen. Gleichzeitig üben die Konzerne großen Einfluss auf die Politik aus, um eine gerechtere und nachhaltigere Landwirtschaft zu blockieren.“

Aber ist es überhaupt möglich, sozial und ökologisch gerecht fast acht Milliarden Menschen satt zu bekommen?

Ja, sagt Oxfams Ernährungsexpertin: „Die Agrarökologie bietet Lösungen für Probleme wie Armut, Ungleichheit und Hunger. Diesen ganzheitlichen Ansatz haben ländliche soziale Bewegungen entwickelt, größtenteils in wirtschaftlich benachteiligten Ländern. Grundlage sind ökologische Prinzipien und das Menschenrecht auf Nahrung.“

Oxfams burundische Partnerorganisation ADISCO ist überzeugt von diesem Ansatz. Gemeinsam mit Kleinbäuer*innen vor Ort entwickelt und verbreitet ADISCO agrarökologische Anbaumethoden. In Feldversuchen testen sie unter anderem verschiedene natürliche Pflanzenschutzmittel oder die Gewinnung von ökologischem Dünger. Die so gefundenen Lösungen passen perfekt zu den lokalen Gegebenheiten und sorgen für gute Ernten, ganz ohne teure Chemikalien – und ohne Abhängigkeit von Agrarkonzernen.

Dünger und Steinwälle steigern Erträge

Häufig entstehen sogar neue Arbeitsplätze. Stanislas Ndabirorere aus der Kommune Ngozi etwa hat sich zur Herstellung von Dünger die Methode der Schnellkompostierung angeeignet. „Die Technik erfordert keinen großen Aufwand und die Zersetzung geschieht sehr schnell“, berichtet der Kleinbauer. „Jetzt verkaufe ich den überschüssigen Dünger hier in Ngozi.“ Vom Gewinn bezahlt er nicht nur das Schulgeld für seine Kinder, sondern konnte auch Leute anstellen, die seine Felder pflügen.

In der malischen Sahel-Sudanzone wendet Oxfams Partnerorganisation STOP-SAHEL mit den Kleinbäuer*innen andere Lösungen an: Sie errichten lange Steinwälle, um dem Regenwasser die nötige Zeit zum Versickern zu geben. Fanèké Coulibaly aus der Kommune Badia hatte die Methode bereits früher ausprobiert – allerdings ohne den gewünschten Erfolg.

Heute weiß er es besser: „Durch das Projekt haben wir gelernt, Höhenlinien zu vermessen und beim Bau der Steinwälle zu berücksichtigen“, erklärt der Landwirt. Denn besonders zu Anfang der Regenzeit, wenn der Boden trocken ist, können sich schon bei kleinen Höhenunterschieden wahre Sturzbäche bilden. Nur exakt an den Höhenlinien entlang platzierte Steine bremsen die Fluten zuverlässig.

© Oxfam

Arbeit fällt auf fruchtbaren Boden
Wenn im malischen Landkreis Kita die Regenzeit beginnt, können die ausgetrockneten Böden das Wasser kaum aufnehmen. Es fließt von den Feldern und spült dabei wertvolle Nährstoffe fort. Die Steinwälle, die Fanèké Coulibaly auf sein Bohnenfeld gesetzt hat, halten das kostbare Nass auf. Auf dem Weg bergab passiert es viele der kleinen Dämme, die parallel zu den Höhenlinien auf dem Feld verlaufen. Gelöste Nährstoffe bleiben so am nächsten Steinwall wieder hängen. Die Bodenfruchtbarkeit wächst dadurch schnell – und damit auch die Ernten.

118 Meter Steinwälle hat Fanèké Coulibaly bereits gelegt, nächstes Jahr will er die Länge noch einmal verdoppeln. Denn die bessere Durchfeuchtung hat auch positive Wirkungen auf die Bodeneigenschaften: „Den Unterschied sieht man auf der einen und der anderen Seite des Steinwalls“, demonstriert er. „Wenn man auf der geschützten Seite ein bisschen gräbt, erkennt man gleich an der Farbe, dass hier viel mehr Nährstoffe im Boden sind.“

Information, Austausch und Vernetzung

Die mühevolle Arbeit lohnt sich nur, wenn die Menschen ihre Parzellen dauerhaft nutzen können. Doch flächenintensive Landwirtschaft, Bergbau und Urbanisierung vertreiben immer mehr Kleinbäuer*innen von ihrem Land. Gesetze zu ihrem Schutz finden häufig keine Anwendung, obwohl die malische Regierung lokale Kommissionen eingesetzt hat, die in Landrechtsfragen beraten sollen.

Bei einem Workshop, zu dem STOP-SAHEL Verwaltungs- und Kommissionsmitglieder sowie Bauernvertreter*innen eingeladen hat, wurde deutlich, warum: Für ihre Arbeit wichtige Informationen kamen einfach nicht bei diesen Stellen an. Zudem stehen den Kommissionen schon seit Jahren Gelder zu, die sie nun einfordern werden.

Wissen austauschen, sich vernetzen und Rechte gemeinsam durchsetzen: Auch das ist ein wichtiges Prinzip der Agrarökologie. So können ländliche Gemeinschaften dauerhaft die Kontrolle über ihre Ressourcen und Lebensgrundlagen zurückgewinnen.

 

In vielen Ländern des Globalen Südens setzt Oxfam gemeinsam mit Kleinbäuer*innen auf agarökologische Anbauprinzipien als nachhaltiger Weg aus der Armut. Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Jetzt spenden!

 

 

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Voller Einsatz für Oxfam

13. Juli 2021 - 8:20
100.000 € Spenden für Oxfam und nun noch ein Halbmarathon durch Berlin für das Oxfam-Running-Team: Roland Vossebrecker ist nicht zu bremsen. © Rainer Keuenhof Mehr als 100.000 € Spenden in sechs Jahren

Der Komponist und Pianist aus Bergisch Gladbach setzt seit längerer Zeit seine Talente für gute Zwecke ein. Innerhalb von sechs Jahren hat er weit über 100.000 € Spenden für Oxfam gesammelt, davon 100.000 € ausschließlich mit Benefiz-Konzerten. Live-Konzerte waren in Corona-Zeiten erstmal nicht mehr möglich. Doch gerade jetzt wollte er weiter unterstützen.

Vorübergehender Umstieg auf YouTube

So hat sich Roland Vossebrecker schnell auf die neue Situation eingestellt. Mithilfe der Technik-AG des Otto-Hahn-Gymnasiums in Bensberg ist er auf YouTube umgestiegen, wo er unter anderem eine ganze Reihe Aufnahmen von Bach-Kompositionen und eigenen Stücken veröffentlicht hat.

Bald auch auf Berliner Straßen

Nun ist Roland Vossebrecker auch beim Berliner Halbmarathon am 22. August 2021 dabei und will neben der sportlichen Erfahrung auch Spenden für Oxfam sammeln. Zu seiner Teilnahme hat Roland Vossebrecker daher eine Online-Spendenaktion erstellt, über die ihn alle, die Lust haben, unterstützen können. Wir haben mit dem Pianisten gesprochen:

Oxfam: In einem früheren Interview hast Du erzählt, wie es zu Deiner Unterstützung für Oxfam kam. Kannst Du noch mal genauer erklären, wie Du vom Lesen des Buches „Leben retten“ von Peter Singer ins Handeln gekommen bist? Du gehst ja über die „einfache“ Spende hinaus, nutzt Deine Talente und Deine Reichweite, um die Spende – und somit ihren Einfluss – zu vervielfachen.
Roland Vossebrecker: Peter Singer ist umstritten, aber das Buch fand ich wirklich inspirierend und überzeugend. Ich habe vorher schon gespendet und dann eine Organisation gesucht, die sowohl weltanschaulich neutral als auch politisch auf meiner Wellenlänge ist. So habe ich Oxfam gefunden.

Dann kam 2015 das Erdbeben in Nepal. Als ich die Nachricht hörte, habe ich gemeinsam mit einem Freund in nur einer Woche Vorlauf ein Konzert in Köln organisiert, zu dem etwa 100 Leute kamen. Das stellte sich als ein so gutes Konzept heraus, dass ich das fortsetzen wollte.

Die Benefiz-Konzerte sind meiner Meinung nach ein Gewinn für alle:

Ich gewinne, denn ich tue, was mir Spaß macht. Ich spiele, was ich mir aussuche. Die Organisation einer Konzertreihe – Reisekosten, Werbung, Saal- und Flügelmieten und so weiter – kostet viel Geld, aber das macht nichts. Das ist mein persönlicher Spendenbeitrag.

Die Gewinner auf der anderen Seite sind Oxfam und die Menschen, die Oxfam unterstützt. Denn die gesamten Einnahmen meiner Benefiz-Konzerte gehen an Oxfam. Ich bin froh, dass ich diesen Weg gefunden habe.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, neben den Klavierkonzerten nun auch noch den Halbmarathon zum Spendensammeln zu nutzen? Bist Du vorher schon ein Läufer gewesen?
Ich laufe seit vielen Jahren relativ regelmäßig. Seit einer schweren Krankheit vor eineinhalb Jahren nun noch mehr. Ich hatte nicht nur unfassbares Glück, zu überleben, sondern bin auch schnell wieder auf die Beine gekommen. Schon einen Monat danach habe ich langsam wieder angefangen zu laufen und ich habe einfach viel Spaß daran. Hier im Wald ist das bei frühmorgendlichem Sommerwetter ein tolles Naturerlebnis.

Manchmal laufe ich nur 30 Minuten, manchmal bis zu 2 Stunden. Aber bei einem offiziellen Lauf habe ich noch nie mitgemacht. Als ich hörte, dass Oxfam Startplätze für den Halbmarathon vergibt, habe ich mich einfach angemeldet und freue mich nun auf die Herausforderung. Ich habe mir vorgenommen, unter zwei Stunden zu bleiben.

Wie bereitest Du Dich auf Deine Teilnahme am Halbmarathon vor?
Ich laufe so gut wie täglich.

Hast Du einen Tipp fürs Spendensammeln?
Einen Tipp nicht. Aber ich würde mich wirklich freuen, wenn meine Aktionen Nachahmer*innen finden würden. Wenn andere Musiker*innen oder Menschen mit anderen Talenten ein ähnliches Projekt starten würden.

Du arbeitest bereits an Deiner nächsten Benefiz-Konzertreihe für Oxfam. Wann geht es los und was planst du zu spielen?
Ich werde vier Bach-Fugen spielen und vier eigene Sonatinen. Die neueste davon werde ich erst in den nächsten Tagen fertigstellen.

Meine neue Konzertreihe startet im November und das Ende ist noch offen. Aktuell sind drei bis vier Hauskonzerte geplant, dazu Konzerte in Schulen, Ratssälen, Galerien. Ich spiele überall dort, wo man mich lässt.

Momentan ist es allerdings schwierig, Konzerte zu organisieren. Wegen Corona sind die meisten Veranstalter noch sehr verhalten. Da ich aber mindestens 20 Konzerte spielen will, suche ich nach weiteren Veranstaltungsorten in Deutschland. Wer einen geeigneten Ort kennt, kann sich gerne per E-Mail an roland.vossebrecker@gmx.de wenden. Programmhefte und Werbematerial für die Veranstaltungen organisiere ich selbst. Ich brauche nur einen Raum für 20 bis 100 Personen, der mit einem Flügel oder – bei privaten Hauskonzerten – mit einem konzertgeeigneten Klavier ausgestattet ist.

Wir drücken Dir die Daumen für die Suche nach weiteren Veranstaltungsorten und für den Halbmarathon. Danke Dir für das Interview!

Zur Halbmarathon-Spendenaktion

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Lidl stärkt Frauenrechte

1. Juli 2021 - 11:39
Es tut sich was: Der Supermarktgigant reagiert auf unseren jüngsten erschütternden Bericht zum Thema Frauenrechte und verspricht Besserung – zumindest in den Niederlanden. © Oxfam

Ein Jahr nach dem Fortschritt in Sachen Menschenrechte legt der Supermarktgigant Lidl einen weiteren Meilenstein zurück und veröffentlicht konkrete Ziele dazu, wie zukünftig die Rechte von Frauen im eigenen Unternehmen und in der Lieferkette verbessert werden sollen – leider bisher nur auf der niederländischen Website. Das ist dennoch eine ordentliche Leistung und verdient Respekt, zumal es hier nicht um vage Bekenntnisse, sondern detaillierte Geschäftspolitiken zu Geschlechtergerechtigkeit und Aktionspläne geht.

Der Einzelhändler reagiert damit auf Oxfams Forderungen zu Geschlechtergerechtigkeit, die wir zusammen mit unserem jüngsten Bericht Pandemie-Profiteure und Virus-Verliererinnen vorgelegt haben und der in den Niederlanden mit öffentlichen Kampagnenaktionen wie Radiospots begleitet wurde. Das zeigt einmal mehr, dass Unternehmen vor allem auf öffentlichen Druck reagieren. Nicht zuletzt ist dieser erneute Erfolg daher auch dem jahrelangen Einsatz unserer zahlreichen Unterstützer*innen zu verdanken, die durch öffentliche Aktionen immer wieder Druck auf Lidl erzeugt haben.

Wozu hat Lidl sich konkret verpflichtet?

Hervorzuheben ist vor allem, dass Lidl zugesagt hat, noch in diesem Jahr eine Strategie dafür vorzulegen, wie das Unternehmen Geschlechtergerechtigkeit bei der Einstellung, Fortbildung und Förderung von Frauen herstellen wird – im eigenen Geschäftsbereich, aber auch bei Lieferanten. Zentral dabei soll die Einbindung von Frauenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und lokalen Frauen- und Arbeitnehmer*innen-Organisationen sein.

Des Weiteren ist anzuerkennen, dass Lidl angekündigt hat, einen Aktionsplan vorzulegen, um Unterschiede bei Einkommen und Gehältern zumindest in drei für Frauenrechtsverletzung besonders sensiblen Produktionsketten zu beseitigen und über Fortschritte zu berichten. Der zentrale Unterschied zur bisherigen Politik liegt darin, dass Lidl sich öffentlich verpflichtet, auch durch seine Einkaufspolitik Lieferanten dabei zu unterstützen, Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Einfach ausgedrückt hat Lidl zugesichert, für Fortschritte bei der Geschlechtergerechtigkeit bei seinen Lieferanten zukünftig mehr zu zahlen.

Ganz entscheidend ist darüber hinaus, dass Lidl sich verpflichtet hat, darauf hinzuarbeiten, dass in seinen Lieferketten existenzsichernde Löhne auch im Hinblick auf Frauen gezahlt werden und darüber ab dem Jahr 2023 regelmäßig zu berichten. Oxfam wird mit seinen Partner*innen aufmerksam beobachten, wie sich diese angekündigte neue Politik für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Realität bei den diversen Lieferanten des Discounters auswirken wird.

Dass trotz dieses Erfolges gesetzliche Regelungen wie das jüngst in Deutschland verabschiedete Lieferkettengesetz dringend gebraucht werden, zeigt nicht zuletzt Konkurrent Edeka, der im Oxfam-Supermarkt-Check bei Frauenrechten bislang 0 Punkte erzielt.

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Eine Erfolgsgeschichte beim Kampf für Menschenrechte

29. Juni 2021 - 20:21
Jahrelang haben wir dafür gekämpft, nun ist es endlich durch den Bundestag: Das Lieferkettengesetz. Es steht, trotz aller gebotenen Kritik, für einen grundlegenden Paradigmenwechsel © Sina Niemeyer / Greenpeace

Es ist geschafft: Der Gesetzgeber hat das Lieferkettengesetz noch kurz vor Schluss in dieser Legislaturperiode verabschiedet. Ab 2023 sind nun Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeiter*innen – immerhin rund 2.900 Unternehmen in Deutschland – gesetzlich verpflichtet, bei sich und ihren Lieferanten zu prüfen, ob Menschenrechtsverstöße vorliegen und gegebenenfalls Vermeidungs- und Abhilfemaßnahmen durchzuführen. Wenn sie das nicht tun, drohen im Einzelfall Bußgelder in nicht geringer Höhe, nämlich bis zu zwei Prozent des Jahresumsatzes. Das kann bei milliardenschweren Unternehmen durchaus ein stattlicher Betrag sein.

Ein Paradigmenwechsel

Das ist ein echter Erfolg beim Einsatz für Menschenrechte in der Wirtschaft, weil es eine Abkehr vom Mantra der Freiwilligkeit bedeutet. Genau darauf haben sich nämlich bisher viele Unternehmen ausgeruht, um nicht wirklich etwas tun zu müssen für bessere Produktionsbedingungen. Es ist auch ein zentraler Schritt hin zu einer gerechteren internationalen Wirtschaftspolitik. Unternehmen, wenn sie global tätig sind und Gewinne einstreichen, werden nicht mehr nur gefördert und geschützt durch internationale Handels- und Investitionsregeln, sondern eben auch verpflichtet, Umwelt und Menschenrechte zu schützen und zu achten. Deutschland kann sich nun in eine Reihe mit den Vorreitern Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien sowie weiteren Staaten stellen, die bereits nationale Gesetze zur Achtung der Menschenrechte in globalen Lieferketten haben.  

Und auch wenn noch große Lücken bestehen, wie die fehlende Regelung einer zivilrechtlichen Haftung auf Schadensersatz im Fall von Menschenrechtsverstößen, die Begrenzung der Sorgfaltspflicht auf zunächst unmittelbare Zulieferer sowie die beschränkte Anwendung auf große Unternehmen, ist es doch ein brauchbares Gesetz. Denn NGOs können nun gemeinsam mit Betroffenen veranlassen, dass die zukünftige Behörde Unternehmen überprüft und im Einzelfall bei Verstößen Bußgelder verhängt.

Ein langer Weg

Der Weg dahin war mühsam und lang. Oxfam Deutschland hat zusammen mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Amnesty, dem European Centre for Constitutional and Human Rights und Germanwatch in diesem Sinne Pionierarbeit geleistet und schon 2008 damit angefangen, rechtliche Vorschläge für ein Lieferkettengesetz zu machen. Es brauchte aber noch zahlreiche Fallstudien zur Ausbeutung in globalen Lieferketten von Bananen, Ananas, Kaffee, im Rohstoffsektor, Konzernkampagnen und politische Arbeit auf nationaler und internationaler Ebene bis erste Meilensteine erzielt wurden. Ein zentraler Schritt waren die 2011 vom UN-Menschenrechtsrat verabschiedeten UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die festlegen, was denn Unternehmen genau tun sollen, um Menschenrechte in ihren Lieferketten zu achten – die also den Grundstein für eine menschenrechtliche Sorgfaltspflicht legten.

Die Katastrophe Rana Plaza

Es war allerdings erst die Katastrophe Rana Plaza, der Einsturz der Textilfabrik im Jahr 2013 in Bangladesch aufgrund von Baumängeln mit über 1.000 Toten, die die Branche endlich aufgerüttelt hat. Entwicklungsminister Müller sagte sich „Nie wieder Rana Plaza“ und unternahm zahlreiche Anstrengungen, wie den Anschub des Textilbündnisses oder des „Grünen Knopfes“. Das waren jedoch immer noch alles lediglich freiwillige Initiativen und bisher auch ohne weitreichende Verbesserungen sowohl in der Unternehmenspolitik als auch vor Ort. Trotzdem hatte Rana Plaza etwas in Politik und Wirtschaft verändert, der nötige Wille war nun da, endlich mal einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Leitprinzipien gemeinsam mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu erstellen und auch politische Vorgaben zur Unternehmensverantwortung zu machen. Und hier wurde in heftigen Diskussionen der Grundstein des heutigen Lieferkettengesetzes gelegt. Denn der Plan legte fest, dass die Regierung überprüfen soll, ob die Mehrheit der großen deutschen Unternehmen bereits freiwillig ihre menschenrechtliche Verantwortung wahrnimmt, und wenn nicht, die Schaffung entsprechender gesetzlicher Verpflichtung in Betracht zu ziehen.

Endspurt

Diese Vorgaben wurden dank SPD und unserer Menschenrechtsbeauftragten Bärbel Kofler nun in den Koalitionsvertrag der Großen Koalition aus dem Jahr 2017 hineingeschrieben. Und während dann 80 Prozent der befragten Unternehmen sogar durch das von der Wirtschaft stark verwässerte Monitoring-Verfahren durchfielen, ging der Endspurt zum Gesetz im September 2019 los. Die Zivilgesellschaft schloss sich in der Initiative Lieferkettengesetz zusammen und schwang sich zur Höchstleistung auf. Unermüdlich kämpfte sie knapp zwei Jahre auf allen Ebenen. Zusammen mit politischen Partnern wie der SPD und Entwicklungsminister Müller und Arbeitsminister Heil gewann sie die Unterstützung der Bevölkerung, von Unternehmen und Wissenschaftlern und durchbrach in einer unglaublichen Kraftanstrengung den Widerstand der Wirtschaftslobby und von Wirtschaftsminister Altmaier.

Und jetzt?

Und jetzt heißt es nach dem Spiel ist vor dem Spiel, denn nun geht es weiter auf EU-Ebene. Die EU-Kommission plant, in der zweiten Jahreshälfte 2021 einen Vorschlag für eine Richtlinie für ein EU-Lieferkettengesetz vorzulegen. Die Wirtschaftslobby – auch die deutsche, die zuvor noch nach einer einheitlichen Regelung für die EU rief, hat sich schon gegen das Gesetz in Stellung gebracht. Damit der neue Vorschlag also die bestehenden Schwachstellen des deutschen Gesetzes ausgleicht, sind weiterhin große Anstrengungen erforderlich. Denn erst, wenn die EU-Staaten an einem Strang ziehen und es verbindliche Vorgaben für alle Mitgliedstaaten gibt, können Schlupflöcher vermieden werden. Und Europa könnte ein wirksames Zeichen setzen, dass es auch jenseits der eigenen Grenzen für Menschenrechte und Umweltschutz steht.

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Superfail statt supergeil

23. Juni 2021 - 19:06
Beim Sich-selber-Abfeiern immer die Ersten, aber bei Menschenrechten die Letzten? Das muss Edeka doch besser können. Helfen Sie uns, damit Edeka endlich für Lebensmittel ohne Ausbeutung sorgt. © Oxfam

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Regionale Lebensmittel, plastikfreie Verpackungen und Schutz der Artenvielfalt – Edeka schmückt sich gerne mit Öko-Image und Nachhaltigkeit. Doch während Edeka seine grüne Show abfeiert, stellt sich der Konzern beim Thema Menschenrechte taub. Gerechte Lieferketten? Fehlanzeige! Wenn es darum geht, in den eigenen Lieferketten Arbeiter*innen und ihre Rechte zu schützen, ist Edeka nicht mehr so fresh am Start.

Klassenletzter im Supermarkt-Check © Oxfam

Das zeigt auch der Supermarkt-Check von Oxfam, der jährlich vergleicht, wie gut große Supermarktketten auf Menschenrechte in ihren Lieferketten achten. Dort ist Edeka – vermeintlicher Musterschüler beim Thema Nachhaltigkeit – plötzlich Klassenletzter.

Denn während Aldi, Lidl und Rewe sich auf den Weg gemacht haben, geht es bei Edeka nur in Trippelschrittchen voran: Der Konzern erfüllte in unserem letzten Check 2020 keine einzige der Mindestanforderungen für Geschlechtergerechtigkeit. Und er ist der einzige der vier großen Supermärkte, der sich keine festen Ziele für die Zahlung existenzsichernder Löhne gesetzt hat.

Edeka braucht Nachhilfe in Sachen Menschenrechte

Alles in allem also ein schwaches Ergebnis für Edeka. Das muss der größte Supermarkt Deutschlands doch besser hinbekommen! Die Konkurrenz macht es schließlich vor.

Deswegen darf Edeka jetzt nicht weiter bummeln: Der Konzern muss seine Geschäftspolitik dringend an Menschenrechten und Geschlechtergerechtigkeit ausrichten – dann klappt‘s auch besser beim nächsten Supermarkt-Check. Es gilt, Lieferketten und Risiken für die Rechte von Arbeiter*innen zu erfassen und offen zu legen. Und damit Menschen, die unser Essen herstellen, genug Geld zum Leben haben, muss sich Edeka ernsthaft für existenzsichernde Löhne einsetzen.

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Mit unserem Video geben wir Edeka gemeinsam Nachhilfe in Sachen Menschenrechte. Wir wollen endlich Lebensmittel ohne Ausbeutung!

Los geht’s!

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Meilenstein: Gewerkschaft ASTAC in Ecuador wird gerichtlich anerkannt

16. Juni 2021 - 16:40
Nach langjährigem Rechtsstreit wurde unsere Partnerorganisation ASTAC endlich als Gewerkschaft für den Bananensektor in Ecuador anerkannt. Das ist ein bahnbrechender Erfolg für die Gewerkschaftsbewegung und den Schutz von Arbeits- und Menschenrechten auf ecuadorianischen Bananenplantagen. © Oxfam Deutschland

Menschenrechte sind die Grundlage moderner Gesellschaften – oder zumindest sollten sie das sein. Doch nur zu oft werden sie mit Füßen getreten, insbesondere im Wirtschaftsleben. So kann man sich ziemlich sicher sein, dass eine Banane aus Ecuador – wichtigster Lieferant für den deutschen Markt – zumindest einen Makel mit sich bringt: Die Verletzung des Menschenrechts auf Gewerkschaftsfreiheit.

Das könnte sich nun ändern. Nach langjährigem Rechtsstreit wurde unsere Partnerorganisation ASTAC (Asociación Sindical de Trabajadores Bananeros Agrícolas y Campesinos) endlich als branchenweite Gewerkschaft für den ecuadorianischen Bananensektor anerkannt. Das bedeutet eine historische Wende für die Gewerkschaftsbewegung in Ecuador.

Werden im Arbeitsalltag Rechte verletzt, können sich Arbeiter*innen und Angestellte in Deutschland mit ihren Beschwerden an den Betriebsrat oder ihre Gewerkschaft wenden und sogar vor Gericht Klage erheben. Anders sieht die Situation in Ecuador aus: Für die rund 200.000 Beschäftigten in der Bananenindustrie existieren diese Möglichkeiten bislang nur auf dem Papier. Die Plantagen sind ein weitgehend rechtsfreier Raum.

Eine Gewerkschaft für die ganze Bananenbranche

Deswegen gründete sich 2007 die Gewerkschaft ASTAC, um sich für die Rechte von Arbeiter*innen auf Bananenplantagen einzusetzen. Neu war ihr Anspruch, branchenweit alle Arbeiter*innen im ecuadorianischen Bananensektor zu vertreten. Denn lange wurden nur Gewerkschaften auf Betriebsebene zugelassen – zumindest theoretisch.

Sobald sich mehr als 30 Arbeiter*innen eines Betriebes zusammenschließen, können sie beim ecuadorianischen Arbeitsministerium die Zulassung als Gewerkschaft beantragen. Doch sobald das Ministerium deren Namen an den Betrieb weiter gibt, werden die Betroffenen regelmäßig entlassen, häufig auch bedroht, kriminalisiert oder auf eine schwarze Liste gesetzt. Entsprechende Fälle wurden in den letzten Jahren bei Lieferanten von Lidl, Kaufland und Chiquita bekannt.

ASTAC beantragte im Jahr 2014 die Zulassung als Branchen-Gewerkschaft, wie wir es zum Beispiel von der IG Metall oder ver.di kennen. Das ecuadorianische Recht verbietet branchenweite Gewerkschaften zwar nicht, sieht diese aber auch nicht explizit vor. Das Arbeitsministerium wies den Antrag mehrfach zurück und setzte sich auch nicht für die entlassenen Arbeiter*innen ein, die sich in den Plantagen organisiert hatten.

Kampf um Anerkennung trägt endlich Früchte

Über Jahre hinweg protestierten Organisationen aus der Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) gegen diese Politik der ecuadorianischen Regierung. Lange Zeit ohne Erfolg. Doch Ende Mai dieses Jahres wurde ein bahnbrechendes Urteil verkündet. Demnach muss nicht nur ASTAC als Branchen-Gewerkschaft registriert werden. Das Arbeitsministerium muss eine Entschuldigung für seine langjährige Untätigkeit auf der eigenen Webseite veröffentlichen, ebenso das Urteil selbst, damit in anderen Branchen die Gründung von Gewerkschaften nicht erneut verhindert wird.

Das ist ein Ergebnis eines langjährigen Kampfes. Es ist auch ein Triumph unserer Verbündeten in Europa. Und es ist ein Meilenstein für die Gewerkschaftsbewegung in Ecuador, dass sich die Arbeiterinnen und Arbeiter nun in Branchen-Gewerkschaften organisieren können. Jorge Acosta, Koordinator von ASTAC

Dieses Urteil ist ein wichtiger erster Schritt für die Gewerkschaftsfreiheit in einem der wirtschaftlich bedeutendsten Sektoren globaler Lieferketten. Und es passt zu der jüngsten Verabschiedung des Lieferkettengesetzes im Deutschen Bundestag. Der lange Atem der Gewerkschaftler*innen von ASTAC sowie der Einsatz internationaler Organisationen und unserer Unterstützer*innen in Deutschland hat sich gelohnt.

Urteil bietet viele Chancen

Durch das Gerichtsurteil entstehen viele neue Chancen. Zuallererst für die Arbeiter*innen, die sich organisieren und für ihre Rechte einsetzen wollen. Es ist aber auch eine Chance für die ecuadorianische Regierung und die Unternehmer*innen. Sie können ein positives Zeichen für Menschenrechte setzen, indem sie die Gewerkschaftsfreiheit im wichtigsten landwirtschaftlichen Exportsektor des Landes verwirklichen. Und nicht zuletzt entsteht auch eine Chance für die hiesigen Supermarktketten. Indem sie sich für das Recht auf Gewerkschaftsfreiheit bei ihren Zulieferern einsetzen, können sie zeigen, dass sie es mit Menschenrechten in ihren Lieferketten ernst meinen.

Langjährige Partnerschaft von ASTAC und Oxfam

Oxfam arbeitet seit Jahren mit ASTAC zusammen. Mitglieder der Organisation waren mehrfach bei uns zu Besuch, haben Gespräche in Oxfam-Shops, mit dem deutschen Entwicklungsministerium BMZ, dem Auswärtigem Amt, dem Discounter Lidl und diversen deutschen Medien und Gewerkschaften geführt.

© Oxfam Deutschland

 „Wo Menschen entlassen werden und teilweise sogar Morddrohungen vom Arbeitgeber erhalten, wenn sie eine Gewerkschaft gründen wollen, oder schwer erkranken, weil sie während der Arbeit auf der Plantage mit giftigen Pestiziden aus Flugzeugen beregnet werden, oder die Frauen nach der Entbindung ihren Job verlieren, braucht es eine Institution wie ASTAC, die sich für diese Leute stark macht“ erläutert Oxfams Kampagnenbotschafter Ole Plogstedt, der bei zwei Besuchen in den Bananenanbaugebieten einen Einblick in die Situation erhielt.

Gewerkschaftsarbeit in Ecuador

Wir dürfen uns eine Basisgewerkschaft wie ASTAC nicht wie eine europäische Gewerkschaft vorstellen. Ihr Büro besteht aus einem einzigen großen Raum mit ein paar Schreibtischen und einer angeschlossenen kleinen Küche. In der offenen Einfahrt finden Versammlungen statt. Ständig kommen Arbeiter*innen mit Fragen und Beschwerden. Die beiden Rechtsanwältinnen Sylvia Bonilla und Angie Toapanta bieten kostenlose Beratung, regelmäßig finden kleine Workshops und Treffen statt, oft auch in den Wohngebieten der Arbeiter*innen. Allerdings erst nach Einbruch der Dunkelheit – damit unliebsame Beobachter*innen nicht wissen, wer an den Versammlungen teilnimmt.

Gemeinsam für Menschenwürde und Gerechtigkeit

Dass ASTAC trotz Gegenwind so lange existieren konnte, ist nicht zuletzt den guten Verbindung zu den Beschäftigten, juristischen Erfolgen sowie der Vernetzung mit nationalen und internationalen Organisationen geschuldet. In erster Linie beruht der Erfolg aber darauf, dass sie konsequent auf der Suche nach Gerechtigkeit und Menschenwürde sind. Und das können wir gut verstehen. Wer möchte schon eine Banane verspeisen und dabei daran denken müssen, dass die Frucht schlechte Arbeitsbedingungen und die Verfolgung von Menschen verkörpert, die sich für ihre Grundrechte einsetzen?

Gemeinsam mit ASTAC werden wir deshalb auch in Zukunft dafür kämpfen, dass die Arbeiter*innen auf den Bananenplantagen endlich genug Geld für sich und ihre Familien verdienen, sich frei organisieren können und unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten.

© Oxfam Deutschland
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