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Aktualisiert: vor 10 Stunden 4 Minuten

Wird es eine globale Nahrungsmittelkrise geben?

31. März 2022 - 9:24
Die Bilder aus der Ukraine sind bedrückend. Die Bomben bringen Tod und Leid, Millionen Ukrainer*innen sind auf der Flucht. Weil die Ukraine und Russland bedeutende Exporteure von Weizen, Mais und pflanzlichen Ölen sind, wächst auch die Sorge vor globalen Versorgungsengpässen. © Khadija Farah/Oxfam

Innerhalb weniger Tage sind die Preise für Weizen an der Chicagoer Börse stark gestiegen. Kommt eine globale Nahrungsmittelkrise auf uns zu?

Die Lage ist kritisch

Seit 10 Jahren gibt es ein Krisenreaktionsforum des G20-Agrarmarktinformationssystems (AMIS), das auf bedrohliche Entwicklungen auf den Weltagrarmärkten schnell reagieren soll. Auch Deutschland ist Mitglied. Am 5. März fand erstmals eine außerordentliche Sitzung statt, das Forum ist in Alarmbe­reitschaft. Am Tisch saßen auch Russland und die Ukraine. Sie kamen darin überein, weiterhin verlässliche Agrarmarktdaten auszutauschen und Störungen des internationalen Agrarhandels zu vermeiden. Die Lage ist also sehr ernst.

Sind die Daten verlässlich?

AMIS soll verlässliche Daten liefern, genau dafür wurde es nach der Nahrungsmittelkrise 2008 gegründet. Gerade in Krisensituationen ist es wichtig, dass empirische Echtzeitdaten zur Höhe der globalen Lagerbestände vorliegen. Nicht nur um Preisspitzen bei Lebensmitteln vorherzusagen, sondern auch um zu bewerten, inwieweit die Weltagrarmärkte funktionieren und Versorgungseng­pässe bewältigt werden können. Kaum ein Land führt jedoch empirische Erhebungen von Lager­beständen umfassend durch. Die Philippinen und die USA sind rühmliche Ausnahmen, alle anderen führen diese wichtigen Erhebungen gar nicht – wie die EU – oder nicht umfassend durch. AMIS kann seinem Mandat so nicht gerecht werden.

Krisentreiber: Die Abhängigkeit vom Weltgetreidemarkt

Getreide wird größtenteils im Land selbst angebaut und verbraucht, auch bei den Hauptgetreidearten. Bei Reis sind dies 91 Prozent der weltweiten Produktion, bei Mais 84 Prozent und bei Weizen 73 Prozent. Dennoch: Seit der Nahrungsmittelkrise 2008, welche bereits die Abhängigkeit vom Weltmarkt drastisch vor Augen geführt hat, stieg der Anteil des international gehandelten Getreides weiter an.

All jene Länder, die Getreide importieren, sind von wenigen Exportländern abhängig. 70 Prozent der Weizenexporte entfallen auf fünf Exportländer. Bei Mais decken vier Länder 85 Prozent der weltweiten Exporte ab. Der Anteil Russlands und der Ukraine an den globalen Exporten beträgt bei Weizen 26 Prozent und bei Mais 16 Prozent.

Die Abhängigkeit von wenigen Exportländern ist fatal: Wenn extremes Wetter dort zu Ernteverlusten führt, bewaffnete Konflikte den Anbau verhindern, Lieferketten zusammenbrechen oder politisch die Verwendung von Getreide für Biosprit gefördert wird, brechen die Exporte ein.

Ostafrikas Abhängigkeit vom Weltmarkt ist lebensbedrohend

Jede Krise ist anders, aber jede Krise zeigt, wie lebensbedrohend die Abhängigkeit vom Weltmarkt sein kann. Dies bekommen auch die hoch verschuldeten Regierungen afrikanischer Länder zu spüren. Die Länder Ostafrikas – Äthiopien, Somalia, Kenia, Südsudan – importieren bis zu 90 Prozent ihres Weizens aus der Ukraine und Russland. Steigende Getreidepreise verstärken den bestehenden Hunger. Bis zu 28 Millionen Menschen sind in Ostafrika von extremem Hunger bedroht. In anderen Ländern wie Ägypten, Algerien, Tansania und Pakistan wird aktuell wegen der hohen Weizenpreise weniger importiert als sonst.

© Khadija Farah/Oxfam Ist die Getreideversorgung global gefährdet?

Wichtig ist, wie hoch die Lagerbestände sind. Denn ihre Freigabe kann schlechte Ernten in anderen Ländern sowie den Wegfall von Exporten abfedern. Die weltweiten Lagerbestände sind bei Weizen und Mais üppig (falls die Daten stimmen). Das Verhältnis von globalen Lagerbeständen zum globa­len Verbrauch („stock-to-use ratio“) liegt bei Weizen aktuell bei 35 Prozent und damit weit über der kritischen Grenze von knapp 20 Prozent. Selbst wenn man die Bestände von Russland und Ukraine heraus­rechnet, liegt dieser Wert in Haupt­­export­ländern immer noch bei 28 Prozent!

Andere verweisen auf das Verhältnis der Lagerbe­stände in Hauptexportländern zu ihrem Verbrauch und ihren Exporten („stock-to-disappearance ratio“). Das heißt, Exporte werden implizit als nicht gesichert angesehen und die mit Datenunsicherheiten behafteten Lagerbestände von China bleiben unberücksichtigt. Bei Weizen liegt dieser Wert nahe an der kritischen Grenze von 13 Prozent. Sind diese Werte jeweils niedrig, steigen die Preise bzw. die Preisschwankungen. Meine Einschätzung ist: Die derzeitige Lager­situation ist insgesamt noch nicht besorgniserregend. Das heißt, es gibt im Moment Getreide, aber es ist teuer.

Preisentwicklung ist schwer vorhersehbar

Mit wesentlich mehr Unsicherheiten ist die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen verbunden. Aktuell sinkt beispielsweise der Ölpreis wegen des Lockdowns in Shanghai, doch wird es so bleiben? Wenn keine weiteren Ernte- oder Exportausfälle eintreten und die Öl- oder Energiepreise nicht erneut sprunghaft ansteigen, ist davon auszugehen, dass die Preise sich im Vermarktungsjahr 2021/22 auf dem jetzigen Niveau einpendeln.

Für das Jahr 2022/23 hängt die Entwicklung der Preise davon ab, wie sich andere Exportländer, Landwirt*innen und Wirtschaftsakteure verhalten. Es gibt erste Hinweise dafür, dass es Anpassungen geben wird. Indien will mehr Weizen exportieren, der Düngemittelkonzern Nutrien seine Kali-Produktionskapazitäten ausbauen. Wegen der Trockenheit werden Exportrückgänge bei Winterweizen in den USA erwartet, nicht jedoch bei Mais und Soja. Agrarexperten gehen aktuell davon aus, dass die globale Getreideproduktion mindestens um 10 Millionen Tonnen niedriger ausfällt und damit auch die Lagerbestände sinken. Das heißt, die Versorgungslage wird schlechter werden.

Wie haben sich die Lebensmittelpreise entwickelt?

Die Getreidepreise stiegen seit Anfang 2020, der Lebensmittelpreisindex der Welternährungsorga­nisation überschreitet seit Oktober 2020 den Wert von 100. Im Dezember 2021 ist der Index so hoch wie im März 2008 und im Februar 2022 erreicht er einen neuen Höchststand. Wesentliche Preistreiber sind zuletzt pflanzliche Öle und Milch. Bei pflanzlichen Ölen ließen die knappe Sojabohnenernte in Südamerika, Ernteprobleme bei Palmöl in Malaysia und die stark gestiegene Verwendung von Palm- und Sojaöl für die Biodieselproduktion die Preise steigen.

Der Beginn des Ukraine-Konflikts hat die Preissituation nochmals zugespitzt. Innerhalb weniger Tage sind die Preise für Weizen an der Chicagoer Börse um 50 Prozent gestiegen. Die Preisschwankungen sind hoch, sowohl bei Öl als auch bei Getreide. Nach dem Verhandlungstreffen zwischen Russland und Ukraine am 29.03.2022 ist der Weizenpreis wieder gefallen.

Spielt Nahrungsmittelspekulation eine Rolle?

Das Verhalten von Finanzspekulanten wird wesentlich von Erwartungen und der Sorge um mögliche Versorgungsengpässe bestimmt. Steve Suppan vom Institut für Agrar- und Handelspolitik (IATP) beobachtet, dass in den USA die exzessive Spekulation an den Börsen die Weizenpreise hochgetrieben hat. Seiner Meinung nach sind die Daten der US-Überwachungsbehörde CFTC nicht mehr aussagekräftig, seit Präsident Trump im Oktober 2020 die Regeln für die Begrenzung von Nahrungsmittelspekulation aufgeweicht hat. Die Obergrenzen sind jetzt höher und die Börsen entscheiden nunmehr selbst, welche Termingeschäfte sie auf die Obergrenzen („Positionslimits“) anrechnen.

Für die exzessive Spekulation spricht laut Suppan, dass der Weizenpreis am Ende der Vertragslaufzeit der Termingeschäfte nicht auf der Höhe des Marktpreises liegt. Agrarhändler profitieren von den Preisschwankungen, sie können viel Geld verdienen. Wegen hoher Nachforderungen bei der Hinterlegung von Sicherheiten („Margin Calls“) müssen sie nun allerdings neues Kapital auftreiben, um das Geschäft am Laufen zu halten. Eine weitere Konzentration könnte die Folge sein.

Welche Folgen hat ein Anstieg der Lebensmittelpreise in wirtschaftlich benachteiligten Ländern?

Jede Preiskrise zeigt erneut, dass „Food First“ ein frommer Wunsch in Krisenzeiten ist. Die Nachfrage nach pflanzlichen Ölen für Biodiesel treibt die Preise in die Höhe. Ethanol-Produzenten in der EU suchen händeringend Getreide. Tierbestände lassen sich nicht ohne weiteres kurzfristig reduzieren. Politisches Versagen beim Umbau der Tierhaltung, bei der Abkehr von der erdölbasierten Landwirtschaft und der Agrospritpolitik sowie bei der Regulierung der Warenterminmärkte feuern die Konkurrenz zwischen Teller, Trog und Tank und die Preisschwankungen bei Lebensmitteln an.

Steigen die Lebensmittelpreise stark an, trifft dies Menschen in (extremer) Armut besonders hart. In Somalia sind die Preise für Grundnahrungsmittel mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr. In Kenia muss sich die Hälfte aller Haushalte Lebensmittel leihen oder auf Kredit kaufen. Können Sie sich das vorstellen? Im Zuge einer Oxfam-Recherche zur Lebensmittelkrise im Jahr 2008 bringt es eine befragte Person auf den Punkt: „Es ist, als wenn man täglich dem Tod ins Auge sieht“.

Nach 2008 hat Oxfam gemeinsam mit dem Institut für Entwicklungsstudien (IDS) vier Jahre lang jährlich Besuche in 23 städtischen und ländlichen Gemeinden in 10 Ländern gemacht.

Wichtige Erkenntnisse waren unter anderem:

  • Die Unterstützung durch die Familie und die Gemeinschaft ist nach wie vor wichtig, aber diese informellen Sozialsicherungsysteme waren nicht in der Lage, auf Dauer die Unsicherheit bei Lebensmittelpreisen zu bewältigen.
  • Die Menschen ziehen die Hilfe ihrer Regierungen der informellen sozialen Unterstützung vor, weil sie weniger beschämend ist und persönliche Verpflichtungen vermeidet.
  • Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die hohen Lebensmittelpreise die Landwirtschaft zu einer attraktiven und rentablen Beschäftigung machen, zumindest nicht für Kleinbäuer*innen. Investitionen in eine nachhaltige, klimaverträgliche, kleinbäuerliche Landwirtschaft sind unerlässlich.
  • Prekäre Einkommen machen die Landwirtschaft für die jüngere Generation wenig attraktiv, hohe Lebensmittelpreise motivieren sie offensichtlich nicht, in der Landwirtschaft zu arbeiten.
  • Die Landwirtschaft ist sehr viel unsicherer geworden: Aufgrund der Preisschwankungen können die Bäuer*innen nie genau vorhersagen, was sie verdienen werden.
  • Wenn die Lebensmittelpreise rasch ansteigen, ist mehr Betreuungsarbeit erforderlich, um das gleiche Niveau an Wohlbefinden in der Familie zu erreichen.

Die offiziellen Daten zur Preisentwicklung vor Ort beziehen sich häufig auf Großhandelspreise und nicht auf die Einzelhandelspreise. Die Menschen glauben, dass die Lebensmitteleinzelhändler die Preise unabhängig von den zugrunde liegenden Kosten erhöhen können und dies auch tun. Das Machtun­gleich­gewicht in der Lebensmittelkette trägt zu „Asymmetrien bei der Preisübertragung“ bei. Das heißt, die Inlandspreise steigen, wenn es externe Schocks gibt, aber sie fallen nicht gleich wieder, wenn sich die Situation entspannt hat. Gewinne werden vom Lebensmittelhandel abgeschöpft.

Was ist zu tun?

Die Frage ist nicht, ob es eine globale Nahrungsmittelkrise gibt, sondern wie sehr sie sich verschärft. Die Hungerzahlen steigen seit 2014. Aktuell hungern weltweit etwa 811.000.000 Menschen. Stellen Sie sich vor, alle Menschen in der EU und den USA würden hungern. Das wäre eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes.

Und dennoch, die Politik reagiert weitestgehend gleichmütig auf diese Zahlen, solange keine Unruhen und Aufstände drohen. Während der COVID-19-Krise gab es kein außerordentliches Treffen des Welternährungsausschusses, obwohl die Situation verheerend war. Auch der Welternährungsgipfel im September 2021 hat das Ziel deutlich verfehlt, die längst überfällige Trendwende einzuleiten.

Corona-bedingt konnten sich zusätzliche 320 Millionen Menschen kein gesundes Essen leisten, insgesamt sind es sogar nahezu 2,37 Milliarden Menschen. Das sind 30 Prozent der Weltbevölkerung! Statt agrarökologische Ansätze zu fördern, folgt die EU der Agrarlobby, die ökologischen Vorrangflächen freizugeben und Hilfen auch für die Produktion von Mineraldünger bereitzustellen. Es ist zum Verzweifeln!

Wichtig ist jetzt unter anderem:
  • Jetzt Leben retten: Die Bundesregierung sollte neue Mittel für humanitäre Hilfe und Appelle zur Ernährungssicherheit weltweit bereitstellen. Im Haushaltsentwurf 2022 ist unverständlicherweise eine Reduzierung der Mittel für das Welternährungsprogramm um 43,98 Prozent vorgesehen.
  • Treffen des Welternährungsausschuss einberufen: Die Bundesregierung sollte sich in Rom dafür einsetzen, dass ein Sondertreffen des Welternährungsausschuss zur Ernährungssituation abgehalten wird.
  • Universellen sozialen Schutz gewährleisten: Um allen den Zugang zu angemessener und ausreichender Nahrung sicherzustellen, sind rechtebasierte, universelle soziale Sicherungssysteme unabdingbar. Die Bundesregierung sollte sich für einen globalen Fonds für soziale Sicherheit einsetzen.
  • Ernährungssysteme mit Agrarökologie umgestalten: Die Bundesregierung sollte resiliente Ernährungs­systeme fördern, indem sie agrarökologische Ansätze und damit auch die Entwicklung lokaler und regionaler Lebensmittelversorgungsketten unterstützt. Eine Abkehr von der erdölbasierten Landwirtschaft ist drängender denn je. Das heißt, mehr biologische Vielfalt über und unter der Erde, den Anbau von stickstoffbindenden Eiweißpflanzen (Leguminosen), Agroforstsysteme und den Einsatz von Bio-Düngemitteln fördern. Auf der EU-Ebene sollte die „Farm-to-Fork“-Strategie vorangetrieben werden.

 

*Name zur Schutz der Person gekürzt oder geändert.

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Doppelte Pandemie: COVID-19 und geschlechtsspezifische Gewalt

2. März 2022 - 16:00
Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das in den letzten Jahren global durch die #MeToo-Debatte in die breite Öffentlichkeit gelangt ist. Doch dann kam Corona und mit der COVID-19-Krise eskaliert eine Pandemie, die es schon sehr viel länger gibt: geschlechtsspezifische Gewalt. © ATFD

Anrufe bei Notruf-Hotlines haben in zehn untersuchten Ländern seit Anfang 2020 zwischen 25 % und 111 % zugenommen, wie ein Oxfam-Bericht von 2021 zeigt. In Tunesien beträgt der Anstieg der Hilferufe bei den Hotlines in den Monaten Februar bis März 2020 sogar 43 % – ein Anstieg um fast die Hälfte!

Dieser Anstieg an Hilferufen über Hotlines und an eskalierender geschlechtsspezifischer Gewalt deckt sich mit der Erfahrung unserer tunesischen Partnerorganisation ATFD (Association Tunisienne des Femmes Démocrates). Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und Lockdowns haben Frauen, Kinder und LGBTQIA+-Personen von ihren sozialen Netzwerken isoliert und mit Tätern allein gelassen. Seit Beginn der COVID-19-Pandemie verzeichnet ATFD einen signifikanten Anstieg der häuslichen Gewalt und der telefonischen Hilferufe. Der instabile politische Kontext seit 2019 belastet die junge Demokratie in Tunesien zusätzlich und stellt die Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteure und insbesondere feministischer Organisationen wie ATFD vor neue Herausforderungen.

Fortschrittliche Gesetzgebung
Nach mehreren Jahren, in denen sich unsere Partnerorganisation ATFD für ein neues Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen eingesetzt hat, wurde 2017 das Gesetz 58 verabschiedet. Das Gesetz gilt als besonders fortschrittlich, da es ein umfassendes Verständnis von Gewalt gegen Frauen und deren Ursachen hat: Gewaltprävention, Schutzmaßnahmen und Unterstützungsangebote für Betroffene von Gewalt werden genauso in dem Gesetz abgedeckt wie die Strafverfolgung der Täter. Es umfasst zudem Tatbestände der körperlichen, psychischen, sexualisierten, wirtschaftlichen und politischen Gewalt. Damit erkennt das Gesetz das komplexe Phänomen von Gewalt gegen Frauen an und reduziert die Gesetzgebung nicht ausschließlich auf die Bestrafung der Täter.

Komplexe Umsetzung in der Praxis

Bei der Umsetzung von Gesetzen in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit und geschlechtsspezifische Gewalt gibt es in der Praxis noch einige Hürden. Fortschritte in der Gesetzgebung treffen leider nicht automatisch auf eine fortschrittliche Gesellschaft oder aufgeschlossene Behörden.
Und Hürden wie diese erfordern Lösungsansätze sowie einen Veränderungsprozess auf unterschiedlichen Ebenen. Deshalb verfolgt die Bewegung ATFD in ihren Anstrengungen gegen geschlechtsspezifische Gewalt einen Mehrebenen-Ansatz“. In der Praxis bedeutet das ein umfassendes Angebot von Schutzmaßnahmen und Unterstützung für Betroffene von Gewalt. Wie diese konkret aussieht, ist vom jeweiligen Fall abhängig.
Zum besseren Verständnis hier ein Beispiel aus der Arbeit von ATFD:

Für landesweite Bestürzung sorgte 2021 der Fall einer 32-jährigen Mutter von vier kleinen Kindern, die von ihrem Ehemann massiv verstümmelt worden war. Auf psychologischer Ebene werden die Schwerstverletzte und ihre Kinder fortlaufend durch die Fachkräfte von ATFD betreut. Zudem beantragte eine ATFD-Anwältin Anhörungen beim Frauenministerium, beim Sozialministerium und beim Gouverneur von Tunis. Die Frauenministerin sagte daraufhin eine finanzielle Soforthilfe für die Mutter und ihre Kinder zu. Beim Minister für Soziales konnten außerdem Wohnraum und Unterhaltsleistungen beantragt werden.
Erschwerend für die betroffene Frau und unsere Partnerorganisation ATFD sind allerdings die politischen Realitäten: In Behörden kam es zu zahlreichen Entlassungen in Folge eines erneuten Regierungswechsels, sodass sich der gesamte Vorgang, nicht zuletzt durch die Einschränkungen der COVID-19-Pandemie, in die Länge zieht.
Dieser Fall wird juristisch, psychologisch und auf sozialer Ebene von ATFD weiterverfolgt und ist aktuell Gegenstand eines Gerichtsverfahrens gegen den inhaftierten Täter.

ATFD beobachtet seit der Verabschiedung des Gesetzes 2017, dass mehr von Gewalt betroffene Frauen tatsächlich Hilfe suchen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass mehr Frauen von Gewalt betroffen sind, sondern dass sich mehr Frauen trauen, Hilfsangebote wahrzunehmen. Jedoch handelt es sich bei Betroffenen von Gewalt, die Unterstützung suchen, auch in Zeiten einer dualen Pandemie immer nur um die Spitze des Eisberges. Wichtig ist, die Unterstützungsmechanismen nach aktuellen Bedürfnissen auszurichten und die Organisationen und Bewegungen bei ihrem Engagement zu fördern.

Gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit

Hinter den zahlreichen Hilferufen, die ATFD täglich erreichen, verbergen sich Notlagen, die zum einen eine umfangreiche Hilfestellung erfordern und zum anderen aufzeigen, wie wichtig Präventionsmaßnahmen und ein gesamtgesellschaftlicher und politischer Bewusstseinswandel sind.

Deshalb organisiert sich die feministisch engagierte Zivilgesellschaft in Tunesien in der „Nationalen Koalition zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen“, deren Lenkungsausschuss auch ATFD angehört. Diese Koalition veröffentlicht Forderungen und Plädoyers gegen wiederkehrende und skandalöse Gewalt und reicht entsprechende Klagen bei Gericht ein. ATFD überwacht als Teil der Koalition die tatsächliche und effektive Anwendung des Gesetzes, identifiziert Schwierigkeiten und unterstützt bei der Umsetzung des Gesetzes. Da Präsenzsitzungen seit Beginn der COVID-19-Pandemie nur eingeschränkt möglich sind, organisiert ATFD diese als digitale Zusammenkünfte. Zusätzlich bietet unsere Partnerorganisation zahlreiche Webinare zur Sensibilisierung, Weiterbildung und Schulung von Menschen an, die sich aktiv gegen geschlechtsspezifische Gewalt einsetzen.

2021 konnte ATFD zudem ihre Studie „Der Zugang zur Justiz für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind – Hindernisse und Herausforderungen“ in französischer und arabischer Sprache veröffentlichen. Die Studie wurde unter anderem auf einer Pressekonferenz und während der weltweit jährlich stattfindenden „16 Aktionstage zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Kinder“ (25.11. bis 10.12.) zuständigen Ministerien, einer breiten Öffentlichkeit und Kooperationspartner*innen vorgestellt.

Gesellschaftlicher und politischer Wandel

Gerade in Zeiten der COVID-19-Pandemie und politischer Unsicherheiten geht es darum, Beratungs- und Betreuungsangebote zu verbessern und Fortbildungsmöglichkeiten, Öffentlichkeitsarbeit, Prävention von Gewalt sowie die Vernetzung der Zivilgesellschaft aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Alles zusammen sorgt dafür, dass sich mehr Menschen bestärkt fühlen und besser für Geschlechtergerechtigkeit und gegen Diskriminierung einsetzen können. Und das ist wichtig, wenn wir das Ziel unserer Zusammenarbeit erreichen wollen: Frauen, Kinder und LGBTQIA+-Personen können ihre Rechte gezielt und stark einfordern und leben.
Für dieses Ziel müssen wir uns gemeinsam mit ATFD auch dafür einsetzen, dass weitere diskriminierende Gesetze geändert werden und stattdessen bessere Gesetze einfordern und deren konsequente Umsetzung unterstützen.

Denn: Geschlechtsspezifische Gewalt ist nicht unabwendbar. Es liegt an uns allen, sie zu beenden.

Für mehr Hintergrundinformationen zu der Zusammenarbeit zwischen ATFD und Oxfam lesen Sie unseren Projektbericht.

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10 Fakten zur Klimakrise

2. Februar 2022 - 15:06
In zehn Fakten halten wir fest, warum noch mehr im Engagement gegen die Klimakrise passieren muss.

Lautstarke Proteste und hochrangige Konferenzen der Regierungen der Welt: Alle Jahre wieder rückt auf den Straßen und an den Verhandlungstischen die Klimakrise in den Fokus. Zehn Fakten, warum noch mehr passieren muss:

  1. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, wozu auch ein Großteil der Deutschen gehört, sind für mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgase verantwortlich. Ein Drittel der Emissionen geht dabei auf das Konto des reichsten Prozents. Dieses eine Prozent der Menschheit verursacht doppelt so viele Treibhausgase wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.
     
  2. Wegen der Treibhausgasemissionen ist unser Planet seit Beginn der Industrialisierung schon um knapp 1,1° C wärmer geworden. Nie war die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre in den vergangenen zwei Millionen Jahren höher als heute. Auch natürliche Ursachen beeinflussen das Klima – ihr kombinierter Effekt ergibt sogar eine leichte Abkühlung. Das bedeutet: Die derzeit beobachtete globale Erwärmung ist vollständig von uns Menschen verursacht.
     
  3. Die globale Erwärmung wird die globalen Ernten erheblich beeinträchtigen. Wissenschaftler*innen prognostizieren, dass pro Grad Temperaturanstieg die durchschnittlichen weltweiten Erträge für Mais um rund sieben Prozent und für Weizen um rund sechs Prozent sinken könnten – allein wegen der höheren Durchschnittstemperaturen. Veränderungen der Niederschläge und auch extreme Ereignisse wie Hitzewellen oder Überschwemmungen sind dabei noch nicht eingerechnet. Gleichzeitig wird der weltweite Bedarf an Getreide in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen. Grund sind nicht nur das Bevölkerungswachstum und veränderte Konsumgewohnheiten, zum Beispiel in Asien, sondern insbesondere auch nichtnachhaltige Lebensweisen in den Industrieländern – etwa der hohe Fleischkonsum.
     
  4. Ein Kind, das heute zur Welt kommt, wird im Durchschnitt doppelt so viel Waldbrände, doppelt bis dreimal so viele Dürren, dreimal mehr Ernteausfälle und siebenmal häufiger Hitzewellen erleben wie seine Großeltern. Wie stark solche extremen Wetterlagen die Lebensgrundlagen beeinträchtigen, hängt von vielen Faktoren ab. In wirtschaftlich benachteiligten Ländern treffen die klimatischen Veränderungen die Menschen deutlich härter als in den Industrieländern, vor allem wegen verbreiteter Armut und Ungleichheit.
     
  5. Im Jahr 2020 zwangen extreme Unwetter 30 Millionen Menschen in die Flucht – dreimal mehr als durch Konflikte vertrieben wurden. Besonders stark getroffen hat es China, die Philippinen, Indien und Bangladesch. In den Top Ten der betroffenen Länder sind die USA das einzige Industrieland.
     
  6. Die ökonomischen Folgekosten der Klimakrise könnten in Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen bis 2050 auf rund 1,5 Billionen US-Dollar ansteigen. Die Kosten für wirksamen Klimaschutz werden auch in Deutschland in jedem Fall deutlich geringer sein als die Kosten des Nichthandelns. Einzelne Industriebranchen, etwa die der fossilen Energien, haben in einer klimagerechten Welt keinen Platz mehr. Wichtig ist, den Umbau sozial gerecht zu gestalten.
     
  7. Um, wie im Pariser Abkommen vereinbart, die globale Erwärmung unter der kritischen 1,5° C-Grenze zu halten, müssten die globalen Emissionen bis 2030 um knapp die Hälfte gegenüber 2010 absinken. Doch die Klimaschutzbeiträge, zu denen sich die Länder unter dem Pariser Abkommen bislang verpflichtet haben, reichen nicht aus, um dieses Ziel zu erreichen. Ohne zusätzliche Anstrengungen werden die Emissionen in den nächsten zehn Jahren um 16 Prozent ansteigen, was eine Erwärmung um 2,7° C bis Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich macht.
     
  8. Deutschland ist für die Klimakrise so verantwortlich wie nur wenige andere Länder. Nur die USA, China und Russland haben seit Beginn der Industrialisierung durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas mehr CO₂-Emissionen verursacht. China steht hinter den USA auf Platz zwei – aber mit aktuellen Pro-Kopf-Emissionen, die noch unter denen Deutschlands liegen. CO₂ verbleibt sehr lange in der Atmosphäre. Deshalb reicht es nicht aus, nur die aktuellen Emissionen zu betrachten, um festzustellen, wer welche Verantwortung für die Klimakrise trägt.
     
  9. Die Industrieländer hatten versprochen, Länder mit geringem Staatshaushalt pro Jahr mit 100 Milliarden US-Dollar beim Klimaschutz und der Anpassung an die klimatischen Veränderungen zu unterstützen. Doch bislang stellen sie nur rund 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr zur Verfügung. Das ist zwar immer noch eine beachtliche Summe, beruht aber zu nicht unerheblichen Teilen auf einer großzügigen Zählweise der Geberländer. Oxfam schätzt, dass die tatsächliche Unterstützungsleistung für echte Klima-Programme in wirtschaftlich benachteiligten Ländern bei etwa einem Viertel der gemeldeten Gelder liegt.
     
  10. Wir alle müssen unser Konsumverhalten gründlich verändern. Allerdings: Ohne die Politik wird es nicht gehen. Die neue Bundesregierung steht vor der Aufgabe, Deutschland auf einen robusten Pfad in die Klimaneutralität zu führen. Dies muss deutlich vor dem derzeit festgelegten Zieljahr 2045 geschehen – jedenfalls wenn Deutschland fair zur Bewältigung der globalen Klimakrise beitragen soll.
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