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Aktualisiert: vor 3 Stunden 29 Minuten

Weshalb unsere Digitale Monatsausgabe sinnvoll ist

4. November 2022 - 8:34
Wozu unsere Digitale Monatsausgabe gut ist, und wie sie sich vom Druckheft unterscheidet

Unsere Digitale Monatsausgabe fasst die Inhalte zusammen, die wir im Laufe von etwa vier Wochen auf unsere Website stellen. Wer sie runterlädt, kann alles in Ruhe offline lesen. Wir gehen davon aus, dass das vor allem für Menschen mit instabiler Internetverbindung hilfreich ist. Um problemlose Downloads zu ermöglichen, haben wir den Datenumfang deutlich reduziert und werden künftig systematisch unter fünf MB bleiben.

In autoritär regierten Ländern ist es zudem vermutlich weniger riskant, schnell ein PDF herunterzuladen, als längere Zeit auf einer Website zu verbringen, die sich klar für gute Regierungsführung und Menschenrechte ausspricht. Geheimdienste verfolgen zunehmend aufmerksam, was im Internet geschieht, aber einzelne e-Paper ins Visier zu nehmen, ist technisch recht anspruchsvoll.

Wer die Digitale Monatsausgabe gleich nach der Veröffentlichung liest, findet darin eine ganze Reihe von Beiträgen, die noch nicht auf der Website erschienen sind. Unser Team ist für tagesaktuelle Berichterstattung zu klein, wir achten aber darauf, mindestens sechsmal in der Woche einen neuen Beitrag auf der Website zu posten. Wir veröffentlichen ausschließlich Originalbeiträge, die noch nicht anderswo erschienen sind.

Unsere Digitalen Monatsausgaben unterscheiden sich von unseren Druckheften, die nur alle zwei Monate erscheinen und nur eine Auswahl unserer Webinhalte enthalten. Früher veröffentlichten wir elf Druckhefte im Jahr, aber Porto-, Papier- und Druckkosten waren teuer – und die Post langsam. Deshalb wurde beschlossen, mehr Inhalte für das Internet zu produzieren und die Frequenz der Printausgaben zu reduzieren.

Allerdings waren unsere Leser den Monatstakt gewohnt, sodass wir sie nun mit zwölf e-Paper im Jahr bedienen. Zugriff auf alte Ausgaben gewährt auf der Website unser Digitales Monatsarchiv. Wenn Sie möchten, können Sie alle seit 2016 erschienenen digitalen Ausgaben kostenfrei herunterladen. Das Archiv dient als langfristige Ressource.

Die neue Digitale Monatsausgabe stellen wir jeweils zum Monatsanfang auf unsere Homepage. Wenn Sie daran erinnert werden wollen, bestellen Sie bitte unseren Newsletter:

Falls Sie sich für das Druckheft interessieren, bekommen Sie hier ein Freiabo.

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Ein Dorf gesünder machen

3. November 2022 - 14:27
Das Deutsche Institut für Ärztliche Mission unterstützt die Gesundheitsversorgung in Malawi, indem es auf Eigeninitiative setzt

Das Gesundheitswesen in Malawi ist geprägt von knappen Ressourcen, fehlgesteuerter Verteilung und chronischer Unterbesetzung. Hilfen aus dem Ausland in diesem Bereich waren zwar oft gut gemeint, doch zementierten sie jahrzehntelang die Abhängigkeit der Ärmsten des Landes von externen Hilfsleistungen.

Das Deutsche Institut für Ärztliche Mission (Difäm) – ein gemeinnütziger christlicher Verein, der sich seit mehr als 100 Jahren im Bereich der globalen gesundheitlichen Entwicklung engagiert – setzt auf den Ansatz ASSET, um Malawi zu unterstützen. Die Abkürzung steht für anerkennen, stimulieren, stärken, engagieren und transformieren.

Kern von ASSET ist das alte, aber immer noch gültige Credo der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Das Programm lenkt den Blick auf Ressourcen, über die auch die Ärmsten verfügen: Sand, Steine, Wasser, Land, ihre Muskelkraft, ihre sozialen Systeme, ihr Glaube. Die Menschen sollen dazu befähigt werden, ihre eigene gesundheitliche Basisversorgung zu schaffen, indem sie diese Ressourcen gezielt einsetzen.

Der Ansatz geht zurück auf eine Konferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO – World Health Organization) im Jahr 1978 im heutigen Kasachstan: Mit der Erklärung von Alma-Ata bekräftigte die WHO damals, dass Gesundheitsversorgung auf lokaler Ebene bereitgestellt werden solle – ausdrücklich unter aktiver Einbeziehung der Menschen vor Ort. Gemeint ist eine Basisgesundheitsversorgung, die überall vorhanden sein sollte.

Dorfkliniken retten Leben

In Malawi setzte Difäm auf diese Weise beispielsweise ein Projekt in dem Dorf Chintembwe im zentral gelegenen Ntchisi-Distrikt um. Vorab befragte ein geschultes Dorfhelferteam die Menschen, welche Pro­bleme sie im Gesundheitsbereich zuerst anpacken möchten. Das Team ging von Haus zu Haus und hörte den Bewohnerinnen und Bewohnern zu. Erst danach wurden Prioritäten festgelegt und begann die eigentliche Arbeit.

Die wichtigsten sichtbaren Veränderungen sind neu gebaute Dorfambulanzen, die sogenannten „Village Clinics“. Die Dörfer in der Region hatten zwar auch zuvor schon Helferinnen und Helfer im Gesundheitsbereich. Aber mangels Wohnmöglichkeiten und guter Arbeitsbedingungen waren sie teils nur an zwei Tagen pro Woche vor Ort. Da Chintembwe etwa 20 Kilometer von der nächsten Klinik entfernt liegt, war das Dorf mit medizinischer Erster Hilfe unterversorgt (zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Malawi siehe Beitrag von Sumeya Issa auf www.dandc.eu).

Im Rahmen des ASSET-Projekts wurden insgesamt 20 Dorfambulanzen gebaut. Die Einheimischen organisierten und bezahlten die Handwerkerinnen und Handwerker und brannten auch selbst Ziegel. Die Stammesvorsitzenden stellten das Land zur Verfügung. Durch eine Zusatzfinanzierung konnten die Dorfambulanzen mit Solarstrom ausgestattet werden. ASSET besorgte darüber hinaus nur die lokal nicht verfügbaren Baumaterialien.

Verbesserte Gesundheitsversorgung

Mittlerweile wohnt und arbeitet in jedem Dorf mit Village Clinic eine Gesundheitskraft, die rund um die Uhr erreichbar ist. Die meisten Kliniken sind zudem gut ausgestattet mit Medikamenten und bieten die wichtigsten Behandlungen an. Vor allem für Schwangere und Kleinkinder hat sich dadurch die Gesundheitsversorgung extrem verbessert. Die häufigsten Diagnosen bei Kindern sind Malaria, Durchfall und Erkältungskrankheiten. Ohne schnelle Hilfe droht ihnen der Tod. Seitdem die Dorfambulanzen eröffnet wurden, gingen die Todesraten erheblich zurück.

„In den vergangenen drei Jahren musste ich keine Trauerfeier für ein Kind unter fünf Jahren mehr halten“, freut sich Chief Vuso Jere. Er ist die höchste tradi­tionelle Autorität in der Region. Er berichtet von vielen Problemen in der Zeit vor dem Projekt: „Bevor ASSET kam, war es hier sehr schmutzig. Die Menschen erleichterten sich auf den Straßen, aber jetzt ist das Dorf sauber. Man kann weit gehen ohne menschliche Ausscheidungen auf der Straße zu sehen.“

Nachhaltige Toiletten

Letzteres liegt in Chintembwe daran, dass im Rahmen von ASSET auch sogenannte V.I.P.-Toiletten gebaut wurden. Die Abkürzung steht für „Ventilated Improved Pit Latrine“ – ein Plumpsklo mit ausgetüftelter Belüftung. Es hat ein Wellblechdach und eine Art Schornstein, der sich in der Sonne erhitzt und mit der aufsteigenden Luft Gerüche und Fliegen nach oben zieht. Ein Metallnetz am Ende des heißen Rohres hält die Fliegen zurück. Sie verglühen, somit ist der Übertragungsweg für Krankheiten in die benachbarte Küche unterbrochen. Die Backsteinwände der Toilette wahren die Intimsphäre. Vom Projekt kamen die Metallteile und der gegossene Betonboden. Alles andere steuerte die Dorfgemeinschaft selbst bei.

Der Startschuss zum ersten ASSET-Projekt in Chintembwe fiel Ende 2011. Nun, elf Jahre später, läuft die letzte Verlängerungsrunde aus. Im kollektiven Gedächtnis des Dorfs ist verankert, dass vor dem Projekt jedes Jahr circa sechs Kinder unter fünf Jahren verstarben. Zuletzt kamen in 100 Haushalten innerhalb von drei Jahren drei Kinder ums Leben.

Verbesserungen in der Landwirtschaft

Eine weitere sichtbare Veränderung in Chintembwe: Wo früher staubtrockene Straßen, Plätze und Hinterhöfe nur Sandflöhen Heimat boten, spenden jetzt zahlreiche Obstbäume Schatten und Kühle. Ihre Früchte bereichern den Speiseplan. In Zusammenarbeit mit Fachleuten der Regierung, etwa aus aus den Land- und Forstwirtschaftsministerien, zeigte das Projekt den Menschen im Dorf, wie Obstbäume und Gemüsegärten anzupflanzen sind, wie sie Setzlinge ziehen und natürlichen Dünger herstellen können.

Der von jahrzehntelanger Landwirtschaft ausgelaugte Boden gibt ohne Zusatz nicht mehr viel her. Chemischer Dünger ist zu teuer, aber natürlicher Dünger kostet so gut wie nichts, und auch mit ihm haben sich die Erträge vervielfacht: Für alle im Dorf gibt es drei Mahlzeiten am Tag, mit Mais, Kartoffeln und anderem Gemüse sowie Proteinen aus Hülsenfrüchten oder Fleisch.

Die sichtbaren Veränderungen in den Projektdörfern sind jedoch nur die materielle Spitze einer tiefgreifenderen Transformation – auch in den Köpfen. Beispielsweise sind Frauen in den ländlichen Gebieten traditionellen Rollen und Erwartungen unterworfen und trauen sich kaum, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Durch ihre Erfahrungen in den Gemeindegruppen haben sie aber das Vertrauen gewonnen, öffentlich für ihre Anliegen einzutreten. So wurden in Chintembwe Kinderehen und Teenagerschwangerschaften abgeschafft, nachdem das Dorf über die Gefahren diskutiert hatte.

Gemeinwohl an erster Stelle

Zu Beginn war es eine wesentliche Herausforderung des Projekts, Freiwillige und Behörden davon zu überzeugen, dass es für den Einsatz keine Bezahlung geben werde – außer der Dankbarkeit der Gemeinden. Das Gemeinwohl steht im Vordergrund. Für das Gelingen entscheidend war die Vernetzung, die Kommunikation zwischen Menschen und Systemen, die zuvor nur nebeneinander existierten. Der malawische Projektmanager hat es in unermüdlicher Vermittlungsarbeit geschafft, verschiedene Beteiligte zusammenzubringen: die lokalen Gemeinden, kirchliche und staatliche Gesundheitseinrichtungen sowie die Ministerien für Landwirtschaft und Gesundheit. In den Dörfern selbst bildeten sich Gruppen, die auch die Beziehungen der Bewohnerinnen und Bewohner untereinander stärkten.

Zahlreiche Gruppendiskussionen, Trainings und Freizeitangebote haben weitere Entwicklungen gefördert. Im Rahmen einer Evaluation zeigte sich beispielsweise, dass die Fälle von häuslicher Gewalt abgenommen haben und Jugendliche weniger zu Alkohol und Drogen greifen. Etwa drei Viertel der ASSET-Haushalte konnten laut dem Evaluationsteam ihren Besitzstand erweitern. Rund die Hälfte fing an, Hühner oder andere Kleintiere zu züchten. Radios, Telefone und Möbel wurden angeschafft, und rund ein Viertel der Dorfbewohnerinnen und -bewohner konnten sogar ihr Haus renovieren oder gar ein neues bauen.

Ideen verbreiten sich kaum

Weitgehend enttäuscht wurde allerdings die Hoffnung, dass sich die Nachbargemeinden beeinflussen lassen und ebenfalls aktiv werden. Hier und da wurden zwar die Toiletten kopiert, und in einem Fall kamen sogar Gemeinden zusammen, um gemeinsam ein Schulgebäude zu errichten. Ansonsten blieben die Nachbarn selbst jedoch weitgehend passiv.

Das Projekt zeigt: Um langfristige, nachhaltige Veränderungen zu erzielen, braucht es einen langen Atem – und Geld. In zehn Jahren Projektlaufzeit betrugen die Kosten 350 000 Euro. Die Village Health Clinics und Toiletten wurden mit zusätzlichen 160 000 Euro durch die Agnes-Philippine-Walter-Stiftung in Schwäbisch Gmünd finanziert.

Olaf Hirschmann ist Difäm-Weltweit-Referent für Primary & Mental Health.
hirschmann@difaem.de

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11-13_Boro Baski - covid experience

3. November 2022 - 13:09
An Indian Covid-19 survivor shares his experience

In mid-April 2021, I was fighting for my life in a Covid bed in the trauma-care facility of a government hospital in Singur, a small town near Kolkata. A the time, India was struggling with the deadly second wave of the pandemic (see Roli Mahajan on www.dandc.eu).

I was lucky to get admission to the hospital. A friend of mine is a Kolkata-based doctor, and he helped me. The hospital had doctors, nurses and oxygen cylinders, so the situation was comparatively good.

Nonetheless, I saw dead bodies being removed from my ward every other day. In many cases, the patients died not because of a lack of doctors or shortage of oxygen. There was, however, a lack of basic human care.

Death under a hospital bed

I remember a patient in his late sixties. He had severe breathing problems one day and was administered oxygen immediately. He was too weak to make any sort of physical movement by himself. The day went well, but the next morning he was found dead under his bed. He was probably trying to reach his oxygen mask when he breathed his last breath. The mask was found right beside him. Apparently it had come off as he fell out of the bed. At night, nobody was there to help him. We other patients were either sleeping or feverish, and the hospital staff was absent.

This kind of deadly neglect has several interrelated reasons. Nurses’ work load during the pandemic was high, so many were plainly exhausted. The night shift may have been under-staffed. There is, moreover, a pattern of some government staff in India neither being very competent nor highly motivated. Moreover, people with political connections and influence tend to get better treatment. As is true in many countries, it also matters to what community one belongs. People tend to feel solidarity with those who are from their own population group, but not necessarily with others.

Some people, however, do not even trust their own family. I remember a nurse asking an elderly Covid-19 patient why he had brought a huge sum of money to the hospital. He replied that his family had bade him farewell as though he would never return home alive. He therefore decided to take all his money along in case he might need it. The implicit message was that he was prepared to pay bribes. I cannot tell what became of him because I was shifted to another hospital soon after listening to this exchange.

Anguish and awkward behaviour

The pandemic caused very much anguish. A general pattern was that people withdrew from one another. After being hospitalised, I recovered in a small town called Bandel, where I live with my wife and daughters. When I arrived home in a government ambulance for coronavirus patients, I had to enter the house through the backdoor to avoid panic among our neighbours.

The news spread eventually, of course, and some neighbours, with whom I had previously interacted normally, began to behave awkwardly. When I went out on to our terrace, for example, they avoided eye contact with me even from a distance. Quite obviously, they thought that I was a dangerous infection risk, even after I had been released from hospital. They did not understand that the virus does not spread over distances in the open.

Fear and ignorance thus disrupted social life. It did not seem to make a difference that quarantine rules were actually enforced quite stringently. As hospital patients, we were isolated from the outside world. My wife was not allowed to visit me at the hospital, even though she tried daily. I found it very comforting to know she was waiting outside, hoping to see me. This psychological encouragement helped me fight the disease.

I suffered common long-Covid symptoms. For many weeks, I felt weak. I lost my breath fast and only slept irregularly. I suffered from indigestion and wild mood swings. After a while I noticed that I had become slow in responding to people’s queries. That was the case in direct personal interaction, but also on the phone. Close friends and family members told me I had become forgetful. I began to worry about mental decline. Things improved eventually, but it took a long time.

Both government agencies and non-governmental organisations made considerable efforts to help Covid patients and needy families. Oxygen cannisters, free food and other important resources were distributed to needy people in our area. However, mental health care and basic human empathy were sadly missing.

Village life

I am from Bishnubati, a Santal village. We Santals are an Adivasi community with a language of our own (see my article on www.dandc.eu). Our community has a history of marginalisation.

At first, I kept my Covid infection secret from the village community. I did not want to scare people. But when they learned about my plight, not only may parents, but the entire village wanted me to come home. Apparently, they did not fear I might spread the disease.

The background is that the pandemic has largely bypassed our village. Corona­virus did not take a single life in Bishnubati and the neighbouring Santal village Ghosaldanga. What I wrote about our villages in the first year of the pandemic (see my contribution to www.dandc.eu), basically stayed true throughout it.

Indeed, the district we live in was not as severely affected as many other parts of India were. The official data are disputed disputed (see Suparna Banerjee on www.dandc.eu), and the true infection numbers are impossible to tell, especially because there was less testing in rural areas than in urban ones, not least because of high costs.

However, one does not need official statistics to notice that our area did not have a dreadful surge of deaths. Farming and other daily activities in our villages went on normally, but there was less exchange with the nearby town of Bolpur. The comparatively casual attitude that dominated in our villages is surprising nonetheless, given that the pandemic was profoundly traumatic in other places.

Media matters

I think an important reason is our approach to social media and television. Both played an important role in making people aware of Covid-19, but they also spread disinformation which inspired fear. Of course, digital devices have become very common in our villages, but our people do not pay much attention to angry agitation and sensationalist news programmes. As we are not part of mainstream society, we do not belong to the typical target groups of social-media or TV agitation. Our people are more interested in sports, music and games.

It also matters that the sense of solidarity within our communities is strong. Santals believe that the physical and mental support of family and friends has a great role to play in keeping people safe in times of crisis. Such psychological aspects are particularly important for a marginalised community that typically still lacks access to modern medical services, which tend to be unaffordable. There has been notable progress in our region, but many Santals lack the documents they would need to access to governmental health facilities. In difficult times, we depend on one another.

Boro Baski works for the community-based organisation Ghosaldanga Adibasi Seva Sangha in West Bengal.
borobaski@gmail.com

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Caring for teenage mothers

3. November 2022 - 11:58
Young mother establishes homes and shelter for abandoned and vulnerable children in Malawi

Malawi has one of the highest teenage-pregnancy rates worldwide, currently at 29 % of the population. Adolescent mothers are overburdened with giving birth, caring and providing for their children while they are still children themselves and lack practical child rearing skills.

To help deal with increasing numbers of vulnerable children and young women in rural Malawi, 23-year-old Tusaiwe Munkhondiya established an organisation in 2020 to care for children and young mothers. YANA, which stands for “You Are Not Alone,” runs several homes and shelters for vulnerable women and children.

Tusaiwe experienced a traumatic childhood and teenage pregnancy herself: “My mother abandoned me when I was just 9 months old. Today, I foster abandoned children and love them as my own. I do not want other children growing up with absence of their parents, and that is why I am here giving love to these children.”

She adds: “I got pregnant at 16. People from home started looking down on me, I lost many friends and even dropped out of school at that time. That was the time I experienced that being a single mother is hard,” Tusaiwe Munkhondiya says.

Tusaiwe through her initiative has taken up the responsibility of parenting abandoned infants, street children, orphans, children with disability and teenage mothers. They find a safe space to live and access basic needs like food and health care including mental-health support services.

Mental-health specialist Precious Makiyi appreciates the work of YANA. He says, it is vital to advocate for mental health in rural communities as it helps break the stigma and cultural beliefs associated with mental health conditions. “People in rural communities associate common mental conditions to factors like witchcraft and other beliefs. Such narratives compromise the healing process,” he adds. Psychosocial support services help the children and teenage mothers to deal with their past trauma.

“It is important to remind these children and anyone going through any form of mental illness that they are not alone and that with the right support they will heal”, Makiyi says.

YANA relies on the good will of donors and funding agencies to raise money for its operations. They currently have over 40 children under their care and this number is predicted to rise. The foundation is running a crowdfunding campaign dubbed “Help us build YANA village in Mzuzu, Malawi” with a goal of raising £ 1,000,000. So far, contributors have raised over £ 75,277. Tusaiwe Munkhondiya continues to rally support for the foundation through social media.

Sumeya Issa is a freelance journalist in Malawi.
sumieissa@gmail.com

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11-06_Saleemul Huq - Blog - loss and damages

3. November 2022 - 8:42
A Bangladeshi perspective on this year’s UN climate summit

The worst recent incident was the devastating flooding in Pakistan. For good reason, Antonio Guterres spoke of “climate carnage” when he visited the country. People suffered due to pollution they did not cause (see Imran Mukhtar on www.dandc.eu).

Scientists can show how such events are linked to human-induced global warming. Pakistan’s government now insists that compensations for loss and damage must be on the agenda of the UN Climate Conference in Egypt that starts today. Pakistan currently chairs the group of all developing countries at the UN Framework Convention on Climate Change (UNFCCC).

Last year, at COP26 in Glasgow, developing countries had proposed to set up a Finance Facility for Loss and Damage (FFLD). The developed countries rejected it. Instead, the Glasgow Dialogue on Finance for Loss and Damage was launched, which would carry on for three years before delivering any tangible results (see my contribution on www.dandc.eu).

Vulnerable countries cannot afford to lose so much time. For progress to made faster, all countries must adopt Pakistan’s loss-and-damage item at the beginning of the summit in Sharm el-Sheikh. Should one or more high-income countries block that decisions, the developing countries should simply declare the COP dead before it even begins.

An urgent matter

To understand the urgency, consider the example of Bangladesh. Ian Fry, the UN’s special rapporteur on climate change and human rights, recently came here. He clearly stated that polluters have caused global heating, and that the impacts are causing serious suffering in our low-lying delta country. Victims must be compensated.

The World Bank recently published a similar analysis. It estimates that, in Bangladesh’s coastal areas, losses will amount to an annual $ 570 million, unless measures are taken to minimise the impacts fast. The report points out, for example, that the rise of the sea-level is increasingly leading to the salinisation of surface water – with serious implications for both agriculture and availability of drinking water. Moreover, the risks of flooding and cyclones are growing.

To control these risks, investments in infrastructure are needed. The government of Bangladesh has already taken action accordingly. Several things are obvious nonetheless. The slowly escalating climate emergency will cause significant losses and damages in the years to come, even with successful adaptation technologies and measures.

As stated above, High-income countries have been dragging their feet in regard to the loss and damage topic. However, the subnational governments of Scotland, Wallonia and other places  have taken commendable steps to tackle the matter. More recently, Denmark became the first sovereign high-income country to join them, hopefully setting a new promising trend. At the same time, the finance ministers of the Climate Vulnerable Forum (CVF) have set up a loss and damage finance facility of their own. It is designed to fast-track funding to communities who are already suffering. The CVF countries have provided some of the funding themselves and received donations from philanthropic foundations.

Good news regarding adaptation funding

The good news, however, is that the developed countries have agreed to double their funding on climate-change adaptation in developing countries. For vulnerable nations, the challenge is to make good use of the money. Typical problems include corruption and unnecessary expenditures due to overrunning project times and budgets.

More generally speaking, it is time to confront the fossil-fuel companies who are the real criminals behind the climate crisis. They have knowingly caused harm for the sake of profits. They also spent decades spreading lies to deny climate change and lobbying politicians in polluting countries. They are the reason we are facing this crisis. Both governments and fossil-fuel companies must be held to account accordingly.

Link
World Bank, 2022: Continued investment in coastal resilience is critical for sustainable growth in Bangladesh.
https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2022/09/11/world-bank-continued-investment-in-coastal-resilience-is-critical-for-sustainable-growth-in-bangladesh

Saleemul Huq is the director of the International Centre for Climate Change and Development (ICCCAD) at Independent University, Bangladesh (IUB) in Dhaka.
saleemul.huq@icccad.org
http://www.icccad.net/

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11-07_Progress Mwareya - Zimbabwe - illegal taxis

2. November 2022 - 14:49
Cheap and fast illegal commuter taxis are a popular alternative to public buses in Zimbabwe

Mushika-shika means “quick-go”. Most vehicles used are old beaten-up and discarded cars shipped mainly from Japan. They emit dirty fumes and are often in poor technical conditions.

Worsening inflation  makes the alternative taxis a massive job opportunity for thousands of chronically jobless youths who act as drivers, mechanics, cashiers – and thousands of the urban poor desperate for affordable transport.

Mushika-shikas were banned in Zimbabwe, because they are un-roadworthy and breaking every road traffic rule. Anyway, they continue to operate. In Harare, millions of urban working-class people cannot be absorbed in existing public transport infrastructure. On a typical working day, between 7 am and 4 pm, thousands of workers squeeze into bus terminals for a few state-owned urban commuter buses. In these humiliating queues, sometimes women are even molested in the scramble for scarce bus seats.

Seeing a money-making opportunity, the mushika-shikas sneak up and down Zimbabwe’s city highways, playing cat and mouse with police, whisking commuters for just 30 cents. Their attractiveness, apart from ultra-low prices, is their ability to quickly manoeuvre in the thinnest of city alleyways and ferry thousands of the urban poor to their workplaces quickly.

28-year-old Tonderai Gato, works on such a commuter vehicle as a conductor. However, his role goes beyond loading passengers. He sometimes acts as the mechanic to repair the vehicle when it breaks down, what could happen to the car at any time. “My job is letting the taxi drive on with doors open, my body outside in the air, the car speeding at 40 miles an hour so that passengers fit comfortably inside the car,” he says.

For Tonderai, his ‘quick-go’ vehicle means everything. “My family hospital bills, meals, children school fees depend on the earnings. I am willing to absorb the risk,” he says.

“Designed to carry a maximum of four passengers, mushika-shika squeeze a mind-boggling 12 passengers into each sedan. The drivers often drink on job and the cars hardly bear passenger injury insurance,” says Zano Sikhosana, a trade unionist in the capital Harare. Zimbabwe police have their hands full trying to waylay the illegal taxis, but the task is huge as a flood of these sedans dominates the streets.

A World Health Organization (WHO) report says that Zimbabwe’s roads are the deadliest in the southern Africa region with an average of 665 people killed each year in road fatalities. The mushika-shikas are a contributing factor. “It’s a choice between a fire and hot pan,” says Gladys Wemba, a hairdresser in Mutare. “Choose the $ 20 cents mushika-shikas and probably get your legs broken by squeezing or accident or take a safer state bus; arrive an hour late at work and get fired.”

Progress Mwareya is a freelance journalist based in east Zimbabwe.
progressmwareya2@gmail.com

 

 

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Die industrielle Landwirtschaft ist gescheitert

2. November 2022 - 11:26
Die gegenwärtige Lebensmittelpreis- und Hungerkrise kann durch eine Umstellung der Lebensmittelproduktion auf agrarökologische Konzepte gelöst werden

Sie bedeutet für Bauern und Bäuerinnen einen Ausstieg aus den teuren Produkten der Agrarchemie und für Verbraucherinnen und Verbraucher eine neue Vielfalt an lokalen, gesunden Nahrungsprodukten. Eine Abkehr von Importen würde auch die starke Reduzierung vom nährstoffarmen Getreideanbau, wie Mais oder Reis, bedeuten, außerdem eine Stärkung der Selbstversorgung, die (Preis-)Krisen in den Familien abfedert.

Diesen Umbau zu einem anderen, postfossilen Ernährungssystem haben Millionen Landwirte und ihre Vertreter als ihren Lösungsbeitrag zur Preis- und Hungerkrise auf der letzten Sitzung des UN-Welternährungsausschusses (Committee on World Food Security – CFS) im Oktober 2022 gefordert. Es ist nötig, dass auch die Industrieländer das Konzept der Ernährungssouveränität akzeptieren und unterstützen (CSIPM, 2022).

Da passt es nicht, dass im Rahmen der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) initiierten Ernährungsinitiative (GAFS – Global Alliance for Food Security) die Weltbank den Entwicklungsländern 30 Milliarden an Krediten zur Verfügung stellen will, um für die nächsten Ernten Dünger einzukaufen. Am Ende wird das vor allem die Gewinne der Agrarkonzerne mehren. Ein Teil der mittelfristigen Unterstützung muss zur Förderung eines agrarökologischen Umbaus eingesetzt werden, wie ihn auch das BMZ selbst, aber auch Entwicklungsorganisationen, wie Brot für die Welt, seit Jahren fördern und begleiten.

Die Industrieländer müssen aber auch ihre Landwirtschaft umstellen, damit nach einem hoffentlich baldigen Ende der Preiskrise und des perfiden russischen Machtspiels mit dem Hunger, nicht wieder subventionierte Getreide-, Milch- und Fleischmengen aus der EU die Märkte im Globalen Süden überschwemmen. Dies stört nämlich die lokale Agrarproduktion und verdrängt Kleinbauern von ihren Märkten.

Agrarwende auch in der EU

Dazu bedarf es auch eines veränderten Handelssystems, das Entwicklungsländer nicht mit Bestimmungen der Welthandelsorganisation (WTO) oder bilateralen Abkommen dazu zwingt, ihre Märkte für EU-Produkte offenzuhalten. Nur so können sie lokale Produktion schützen. Entwicklungsländern muss es auch erlaubt sein, Subventionen als Produktionsanreiz zu zahlen und öffentliche Lagerbestände aufzubauen, um Preis- und Mengenkrisen zu mildern. Ägypten und Indien haben in dieser gegenwärtigen Krise gezeigt, dass diese Preisstützungen den Ärmsten geholfen haben, aber nicht ausreichend sind um einen Anstieg der Hungernden zu verhindern, wenn sämtliche benötigten zugekauften Nahrungsmittel teurer werden.

In solchen Situationen Länder zu kritisieren, weil sie Exportrestriktionen erlassen, um zu verhindern, dass ihr subventioniertes Getreide den Händlern auf dem Weltmarkt Profite einbringt, hat einen Hauch von Heuchelei. Die Agrarminister der sieben führenden westlichen Industriestaaten (G7) hatten im Juni Indiens Entscheidung kritisiert, die Ausfuhr von Weizen mit sofortiger Wirkung zu verbieten.

Wollen die USA, Kanada, Frankreich oder Deutschland wirklich durch zusätzliche Exportmengen dem hohen Weizenpreis, den Spekulanten oder Putin die Stirn bieten, haben sie mit ihren eigenen großen Getreidemengen, die nur verfüttert oder verheizt werden, Millionen von Tonnen, die sie bereitstellen könnten. Dies könnte bitter nötig werden, falls Russland wieder die Weizenproduktion in der Ukraine behindert oder aber im nächsten Jahr die Ernten weltweit tatsächlich – wie viele Experten voraussagen – aufgrund der hohen Düngemittelpreise viel geringer ausfallen.

Dass stattdessen Verbände und Agrarkonzerne die globale Ernährungs- und Preiskrise missbrauchen, um massiv Druck in Europa und Deutschland zu erzeugen, die energieintensive Produktion auszubauen und fordern, dass selbst die kleinsten Fortschritte zum nachhaltigen Umbau der europäischen Landwirtschaft zurückgenommen werden, ist nicht nur unverfroren, sondern der beste Weg in die nächste Hunger-, Energie- und Preiskrise.

Referenz
Civil society and Indigenous People’s Mechanism for Relations with the Committee on World Food Security (CSIPM), 2022: Voices from the ground 2: transformative solutions to the global systemic food crises., FAO Headquarters, Rome
https://www.csm4cfs.org/wp-content/uploads/2022/09/layout-CSIPM-summary-EN.pdf

Francisco Marí ist Referent Welternährung, Agrarhandel, Meerespolitik bei Brot für die Welt.
francisco.mari@brot-fuer-die-welt.de

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Die Zahl der Hungernden weltweit steigt wieder

2. November 2022 - 10:14
Die Ursachen für Preisexplosionen liegen nur zum Teil an der Nahrungsmittelknappheit, verantwortlich sind Finanzspekulationen und die Energiepreise

Nach rund zwei Jahren Corona-Pandemie erreichte Ende 2021 der von der UN-Food and Agriculture Organization (FAO) herausgegebene monatliche Preisindex einen Anstieg von über 30 Prozent, nachdem die Preise fast zehn Jahre relativ stabil gewesen waren. Die FAO misst mit diesem Index die Außenhandelspreise von Fleisch, Milch, Getreide, Zucker und Speiseölen. Während der Preis für Reis oder Zucker nur wenig anstieg, verdoppelten sich die Preise für Speiseöle.

Das führte schon 2021 dazu, dass selbst Haushalte in Ländern, die nicht so stark von den Weltpreisen abhängen, höhere Preise für Nahrungsmittel bezahlen müssen. Besonders Menschen im Globalen Süden kürzten deshalb ihre Essensrationen und verzichteten auf frische Nahrungsmittel wie Obst und Gemüse. Nur wenige Länder konnten es sich leisten, die hohen Preise durch „Brotsubventionen“ oder Programme zur sozialen Sicherung zu dämpfen. Vor allem Entwicklungsländer hatten dafür keine Ressourcen, da ihre Haushalte durch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, die zunehmende Staatsverschuldung und die Abwertungen ihrer Währungen stark belastet sind.

Hohe Gewinnerwartungen von Spekulanten

In diese schon preislich krisenhafte Situation der Welternährung löste der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine eine Preisrally aus, deren Ausmaß besonders bei den Weizenpreisen – sowohl was Preisspitzen als auch Volatilität angeht – die Ernährungskrise von 2006 übertrifft. Innerhalb weniger Tage stieg der bereits hohe Weizenpreis um 50 Prozent.

Eine Ursache dafür sind die interna­tionalen Finanzmärkte: In Erwartung hoher Gewinne setzten Investoren, besonders Indexfonds, massiv Kapital ein und spekulierten auf Handelsabschlüsse bei der Sommer­ernte 2022 und wetteten auf einen Ausfall der Getreideexporte aus der Schwarzmeerregion wie die investigative Nachrichtenplattform Lighthouse Reports offenlegte. Der russische Aggressionskrieg mit Hafenblockaden führte im Mai 2022 zum bisherigen Rekordpreis für eine Tonne Weizen von 438 Euro (2019: 175 Euro).

Die heftigen Kursbewegungen (Volatilität) auf der Weizenbörse und die hohe Anzahl von Finanztransaktionen weniger Akteure erklären nicht allein den Preisanstieg der gesamten Palette an Nahrungsmitteln. Aber die überdurchschnittlich hohe Zahl von Spekulationsgeschäften hält den Weltpreis für Weizen hoch. Sowohl die USA als auch die EU haben eigentlich Marktregeln, die die Lebensmittelspekulation durch Positionslimits beschränken sollen. Aber sie wurden von Aufsichtsbehörden nicht angewendet, was belegt wie sehr die Finanzwirtschaft das Instrument „Marktregulierung“ erfolgreich ausgehöhlt hat.

Paradox ist, dass wie seit Beginn des Preisanstiegs 2020, der plausibelste Grund für einen Preisanstieg, nämlich der Ausfall von Welternten auf dem Weizenmarkt, gar nicht vorlag, schon gar nicht vor Kriegsbeginn. Die Erntemengen 2021 fielen kaum geringer aus als in den Vorjahren, was sich auch jetzt nach den fast abgeschlossenen Ernten 2022 abzeichnet. Auch das Angebot auf den Exportmärkten – mit Ausnahme von Speiseölen – ist stabil. Das galt nach dem Istanbuler Abkommen zwischen der Ukraine und Russland selbst für Weizen. Allerdings hat die russische Regierung das Abkommen Ende Oktober aufgekündigt.

Wie es auf dem Weltmarkt weitergeht, ist schwer einzuschätzen. Klar ist aber, dass der Weizenpreis, sowie der anderer Getreidearten und Nahrungsmittel trotz guter Ernten  in den vergangen Wochen kaum gesunken ist, was mit der Erwartung von Spekulanten zu tun hatte, Russland könne Verknappung wieder als Kriegswaffe einsetzen.

Fatale Koppelung von Energie- und Lebensmittelpreisen

Ein weiterer Grund, weswegen der Preisanstieg für Getreide und der andere Nahrungsmittel wie Fleisch, Milchprodukte, Zucker und Speiseöle weit vor der russischen Aggression begann, liegt in der fatalen Abhängigkeit der Landwirtschaft von den Energiekosten (Kirikkaleli et al., 2021).

Die Energiekosten für Maschinen und Fahrzeuge sowie die Herstellung von Betriebsmitteln machen in der Regel fast die Hälfte der Kosten beim Anbau von Weizen aus. Hinzu kommt dann noch die benötigte Energie für Transport, Lagerung und Verarbeitung, zum Beispiel zu Mehl, was die Weizenmenge auch noch um fast 25 bis 30 Prozent reduziert. Die Preise für Getreide, Fleisch und Milchprodukte sind also sehr abhängig von den Energiepreisen.

Das setzt sich mit der Ausweitung der industriellen Intensivlandwirtschaft ständig fort und dient den Interessen der Agrarkonzerne, die für Ertragsteigerungen die immer gleichen Antworten haben: noch mehr Agrarchemie, noch mehr Agrargifte, noch größere Maschinen und noch mehr Transport. Das Ganze funktioniert – betrachtet man ihre Gewinnmeldungen – bestens, besonders, wenn fossile Energie günstig zur Verfügung steht. Die Schäden für die Böden, die Biodiversität und vor allem für das Klima werden ja nicht den Verursachern auferlegt, sondern der Allgemeinheit.

Da hohe Preise für Gas und Öl bis zum vollständigen Ausstieg aus fossilen Ener­gien zum Schutz des Erdklimas wohl bestehen bleiben, stellt sich die Frage nach einem radikalen Umbau der Ernährungssysteme immer dringender. Die Stimmen aus dem Globalen Süden, die eine Umkehr oder eine radikale Reduzierung der Abhängigkeit der eigenen Nahrungsversorgung vom globalen Roulette der industriellen Landwirtschaft fordern, werden immer lauter. Diese Verschärfung der Preiskrise für Getreide oder Speiseöle durch den russischen Angriffskrieg offenbarte so auch die Abhängigkeit vieler Staaten von Nahrungsimporten.

Importabhängigkeit reduzieren

Allerdings sollte man bei der Aufzählung der von ukrainischem oder russischem Weizen abhängigen Staaten etwas statistische Sorgfalt walten lassen und nicht nur auf die prozentuale Importabhängigkeit schauen, sondern auch auf die realen Importmengen. Der Kalorienanteil von Weizenprodukten am täglichen Kalorienverbrauch ist da ein besserer Gradmesser. Zum Beispiel haben Niger und Ägypten eine ungefähr gleich hohe Abhängigkeit von Weizenimporten (90 Prozent) über das Schwarze Meer. Während Weizenprodukte aber in Ägypten ein Drittel des täglichen Kalorienverbrauchs abdecken, sind es in Niger gerade ein Prozent.

Dennoch muss die zentrale mittelfristige Krisenreaktion für die meisten Staaten sein, die eigene Nahrungsproduktion zu steigern und unabhängiger von Importen zu werden. Das Menschenrecht auf ausreichende, gesunde und ausgewogene Ernährung ist eine Verpflichtung für alle Länder und für die internationale Staatengemeinschaft. Die Steigerung der akut hungernden Menschen aufgrund der Preiskrise, die weiter hohen Zahl an chronisch Hungernden und 2,3 Milliarden Menschen, die sich keine gesunde Nahrung leisten können, sind nach wie vor ein Skandal und eine Verletzung ihrer Rechte.

Da immer noch 70 bis 80 Prozent der produzierten Nahrung von bäuerlichen Familienbetrieben erzeugt werden, ist es unabdingbar, anzuerkennen, dass sie eine Schlüsselfunktion für die Beseitigung von Hunger, für die Reduzierung der Importabhängigkeit und die Senkung der Nahrungsmittelpreise haben.

Die Abkehr von Importabhängigkeit wie sie jetzt Regierungen von Entwicklungsländern, internationale Geldgeber, wie das BMZ, oder die Weltbank propagieren, darf aber nun nicht zu einer intensiveren Abhängigkeit von importiertem Hybridsaatgut, Chemiedünger oder Pestiziden führen. So würde die eine Abhängigkeit von fossiler Energie (Nahrungsmittel) durch eine andere (Betriebsmittel) abgelöst. Erst recht dürfen, wie jetzt in Kenia auf Druck der USA und ihrer Agrarkonzerne geschehen, nicht Entwicklungsgelder und Hilfslieferungen von der Freigabe von gentechnisch verändertem Saatgut abhängig gemacht werden, die das industrielle Agrarmodell voraussetzen.

Referenzen

The Hunger Profiteers, Lighthouse Reports 2022
https://www.lighthousereports.nl/investigation/the-hunger-profiteers/

Kirikkaleli, D., Darbaz, I., 2021: The Causal Linkage between Energy Price and Food Price. Energies 2021 14, 4182.
https://doi.org/10.3390/en14144182

Francisco Marí ist Referent Welternährung, Agrarhandel, Meerespolitik bei Brot für die Welt.
francisco.mari@brot-fuer-die-welt.de

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11-06_Sundus Saleemi - econmomic crisis - Box

1. November 2022 - 13:26
Pakistan’s economic problems are rooted in structural weaknesses

Pertinent weaknesses include the huge informal sector, heavy dependence on an unreformed agriculture sector and poor infrastructure. There has been far too little public and private investment in education, skills, training and research. Investable capital is locked in unproductive assets such as speculative real estate. The legacy of extractive colonial institutions including a resource-devouring military, the landed elite and a corrupt bureaucracy do not help. Radical Islamism, moreover, has often proven disruptive.

Sovereign debt has become a huge burden, so the fragile, multi-party government faces tight budgetary constraints. It actually needed – and got – an IMF bailout worth $ 1.2 billion this year.

International factors such as volatility in the global food and energy markets as well as the strong dollar are compounding domestic problems. Inflation was slightly above 23 % in September after a 49-year peak in mid-2022.

As the recent floods wreaked unprecedented havoc, the situation is set to worsen in the coming months and possibly subsequent years as well. Harvests were destroyed, livestock was depleted and, in many places, it became impossible to start the next planting seasons seasons (see Imran Mukhtar on www.dandc.eu). Food prices are thus expected to rise even more.

In mid-October, Prime Minister Shehbaz Sharif called on international donors to provide extra loans to repair the flood damages. He hinted that the country’s political stability is at stake. Indeed, populist leader Imran Khan, who was wounded in an attack on him in early November, has been benefiting from wide-spread discontent (see Marva Khan on www.dandc.eu).

Sharif’s appeal to donors was an unorthodox step, given that Pakistan’s sovereign debt is already very high. Desperate times, however, require unconventional action. The international community should do whatever is possible in support of Pakistan, and particularly its vulnerable groups, including the female population.

Sundus Saleemi is a senior researcher at the Center for Development Research (ZEF) of Bonn University.
sundus.saleemi@gmail.com

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11-04_Sundus Saleemi - economic crisis - women

1. November 2022 - 13:03
Economic downturns hit women and girls harder – for example in Pakistan

Pakistan is in the midst of a severe economic crisis. Recent unprecedented floods have compounded serious pre-existing problems (see box). The situation is desperate – especially for women and girls.

Esther Duflo, the Nobel Prize-winning economist, is among those who have studied gender patterns in the impacts of economic crises. In a journal article of 2012, she reported serious divergence in the nutrition of girls and boys during economic crises. Moreover, she showed that, in some parts of the world, the excess mortality of girls relative to boys spikes during droughts, which may cause economic crises in countries where agriculture is an important sector.

Duflo also noted that female infants were twice more likely than male infants to die of diarrhoea in poor parts of New Delhi. In a similar research effort Sonia Bhalotra (2019), an economist at the University of Bristol, showed that infant mortality of girls in rural Indian households correlates negatively with economic growth. It goes down when the economy is strong, but goes up in recessions. No such research has been done in Pakistan, but South Asian cultures are so similar that we must expect the mortality rate of girls to increase disproportionately in the current economic disaster.

Missing women and girls

Downturns thus contribute to the phenomenon of “missing women”, that Amartya Sen spelled out in the British Medical Journal in 1993. He compared sex ratios at birth to the sex ratios in the population of several countries. The result was that the female populations of a number of particularly male-dominated countries, including China, India and Pakistan, were several tens of millions too small. According to Sen the causes were that

  • many female infants and girls died prematurely due to negligence, while a greater number of boys in their age group survive, and
  • many women of reproductive age died due to inadequate health care, in particular in the context of giving birth.

This kind of disparity is a shocking manifestation of structural gender inequality. The current crisis will aggravate things in Pakistan, where maternal mortality is normally high, with 140 deaths per 100,000 live births. The flood-induced loss of infrastructure will compound problems, especially as the cash-strapped government cannot plug gaps. In September, the UN Population Fund (UNFPA) estimated that over 650,000 pregnant women needed or would need maternal and reproductive health care in Pakistan’s flood-affected areas.

Other gender-specific health risks are getting worse too. When incomes decline, households cut back on healthy and nutritious foods. Male family members, however, tend to eat first, so women and girls only get their leftovers – which means their diets become increasingly unbalanced.

Lacking access to clean energy, moreover, leads to yet more women being exposed to toxic indoor pollution when cooking with dirty fuels such as wood or dried cow dung. A study of rural and urban households in India showed that rates of coughing were up to 60 % higher among women who used those fuels. Clean energy – electric power and natural gas, for example – is more expensive, so households often switch to dirtier options during crises. Infrastructure damages, moreover, have reduced access in some places.

Boys are preferred

In 2002, Sen updated the number of missing women and girls in another short essay in the same journal. He now reckoned that about 100 million women and girls were missing from the countries concerned. This time, he added another cause: sex-selective abortions that deny life to female foetuses. Sex-selective abortions are common in countries with a strong preference for male children.

In India and Pakistan, one driver of this depressing trend is that parents expect their sons to take care of them in old age, whereas daughters will marry, join another family and thus not be of help. Poor people, of course, cannot afford abortions, but there is an equally disturbing pattern of girls being abandoned. That happens especially when times get tough. Bilquis Edhi was the founder of Pakistan’s largest charitable organisation that takes care of abandoned children in Pakistan. She observed that 95 % of children left in the Edhi Foundation’s cradles were girls, and poverty was the main reason why families could not take care of them.

Education is another field in which girls are disadvantaged. Parents typically invest more in their son’s schooling, but hardly worry about their daughters academic achievements (see Mahwish Gul on www.dandc.eu).

As is true of girls’ mortality, this trend gains force in times of crisis. Data from rural Pakistan show that when households slide into poverty due to an external shock, girls drop out of school first. We must therefore expect the current crisis to have that consequence for many girls. This one-time shock will have long-term impacts. After all, poorer education results in fewer and less attractive job opportunities. Female empowerment, however, depends on education and employment (see my contribution to www.dandc.eu).

In Pakistan’s informal sector, women are indeed over-represented. The implication is that they cannot expect subsidies or insurance payouts to support them when they lose their jobs in times of crisis (see Marva Khan on www.dandc.eu).

Crime, violence and abandonment

In economic crises, moreover, crime and violence tend to increase. Data on crimes against property in the province of Sindh shows a sharp increase in at least five categories from January to July 2022. These categories include robbery, burglary, motorcycle snatching and theft. This rise probably has many reasons, but the economic situation is certainly one of them.

Moreover, psychological distress due to lost incomes and rising prices often results in domestic violence. Women and girls are the main victims. An important driver is psychological distress due to loss of income and livelihoods on the one hand and the rising cost of living on the other. As scarce economic opportunities become even scarcer in downturns, women’s ability to walk away from violent situations at home is reduced too.

References

Bhalotra, S., 2010: Fatal fluctuations? Cyclicality in infant mortality in India. Journal of Development Economics, 93(1), 7-19.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0304387809000388
An earlier version (2007) is freely available at: https://d-nb.info/986000647/34

Duflo, E., 2012: Women empowerment and economic development. Journal of Economic literature, 50(4), 1051-79.
https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/jel.50.4.1051

Maji, P., Mehrabi, Z., and Kandlikar, M., 2021: Incomplete transitions to clean household energy reinforce gender inequality by lowering women’s respiratory health and household labour productivity. World Development, 139, 105309.
https://ideas.repec.org/a/eee/wdevel/v139y2021ics0305750x20304368.html

Sen, A., 1992: Missing women. BMJ: British Medical Journal, 304(6827), 587.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1881324/

Sen, A., 2003: Missing women — revisited. BMJ, 327(7427), 1297-1298.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC286281/

Sundus Saleemi is a senior researcher at the Center for Development Research (ZEF) of Bonn University.
sundus.saleemi@gmail.com

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Experten diskutieren den Weg zu einer grünen Wirtschaft

1. November 2022 - 12:18
Experte Rockström: „Die Biodiversitätskrise ist für die Menschheit noch bedrohlicher als die Klimakrise“

Der massive Verlust an Biodiversität auf der Erde ist mit wissenschaftlichen Erkenntnissen deutlich belegt. Experten halten es für alarmierend, dass dieses Thema dennoch so wenig in den Medien und im öffentlichem Bewusstsein präsent ist. Denn die Lage ist sehr ernst. Johan Rockström, Co-Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, stellt fest, dass die Biodiversitätskrise für die Menschheit für noch bedrohlicher sei als die Klimakrise.

Rockström entwarf 2009 das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen. Dabei definierte er neun Bereiche, die für Gesundheit und Überleben der heutigen menschlichen Zivilisation zentral sind. Darunter finden sich der Klimawandel, der Süßwasserverbrauch, die Ozeanversauerung und das Artensterben, also der Verlust an Biodiversität. Greift der Mensch zu stark in diese Bereiche ein und überschreitet für den Planeten noch tragbare Grenzen, kann es zu Veränderungen kommen, die die Stabilität des Ökosystems der Erde und damit das Überleben der Menschheit gefährden. Aktuell, so Rockström, befände sich der Planet in sechs der neun Bereiche außerhalb des für die Menschheit sicheren Bereichs – Klimawandel und Biodiversität gehören dazu.

Damit verlasse man das sogenannte Holozän, die aktuelle Klimaepoche. Sie zeichnet sich durch stabile Bedingungen aus und ist die Basis für die heutige moderne Welt. Eine von Rockströms Schlussfolgerungen: Es muss das Ziel sein, das Erdsystem in einem holozänartigen Zustand zu halten. Biodiversitätsschutz und Klimaschutz müssten dazu miteinander verknüpft werden. Es sei wichtig, die Natur intakt zu halten, um das 1,5-Grad-Ziel von Paris noch einzuhalten zu können (siehe Peter Hilliges und Christian Lütke Wöstmann auf www.dandc.eu). Eine intakte Natur könne CO2 aufnehmen, solange die Menschheit das Treibhausgas weiter ausstoße.

Für dieses Ziel setzen sich auch indigene Menschen in vielen Teilen der Erde ein, wie eine ihrer Vertreterinnen, die Philippinin Joan Carling von der Organisation Indigenous Peoples Rights International (IPRI), betont. Sie weist darauf hin, dass indigene Menschen wertvolle Dienste in Sachen Biodiversität leisteten und gleichzeitig besonders schwer von den Folgen des Klimawandels betroffen seien. IPRI kritisiert, dass manche Klimaschutzprojekte wie große Wasserkraftwerke, Bau erneuerbarer Energiekraftwerke oder Biokraftstoffplantagen die Rechte indigener Völker über ihr Land und ihre Ressourcen verletzen. IPRI fordert, dass indigene Gemeinden vor der Umsetzung dieser Projekte informiert werden und ihre Zustimmung eingeholt werden müsse (siehe hierzu auch Korinna Horta auf www.dandc.eu).

Lösungsansätze

Experten und Expertinnen aus Wissenschaft, Politik und Privatwirtschaft diskutierten im Oktober bei einer Fachveranstaltung der KfW, dem Development Finance Forum (DFF), in Frankfurt über Lösungsansätze für die Klima- und Biodiversitätskrise. Eine Hauptforderung lautete, dass Kosten für umweltschädliches Handeln stärker „internalisiert“ werden müssten. Das bedeutet, dass Umweltverschmutzung und -zerstörung für den Verursacher einen Preis haben müssen, anstatt dass die oft später anfallenden Kosten dafür allein die Gemeinschaft trägt. Derzeit können verursachende Unternehmen höhere Gewinne erwirtschaften, weil sie die Schäden nicht bezahlen müssen.

Ein Problem dabei ist, dass biodiversitätsschädliche Vorhaben nicht so eindeutig auszumachen sind wie klimaschädliche Vorhaben. In puncto Klima gilt dabei vereinfacht gesagt: Je mehr CO2 oder andere Treibhausgase für ein Vorhaben ausgestoßen werden, desto klimaschädlicher ist es. Damit ist die Schädlichkeit relativ einfach zu beziffern und zu bepreisen. Das Pro­blem für die Biodiversität ist, dass es kein einfaches Äquivalent zum CO2 gibt, sagt die Biologin Frauke Fischer von der Universität Würzburg.

Immer wieder werde sie gefragt, wie sich messen ließe, wie schädlich ein Vorhaben für die Biodiversität sei, und wie sich Kosten kalkulieren ließen. Dies sei nicht leicht zu beantworten. Es gebe allerdings Felder und Produkte, betont Fischer, die eindeutig „No-Gos“ für Klima und Biodiversität seien. Sie riet beispielsweise davon ab, in Vorhaben zu investieren, die einen Landnutzungswechsel beinhalten. Stattdessen gelte, dass nicht alle Maßnahmen fürs Klima gut für Biodiversität seien, dass aber umgekehrt alle Maßnahmen für Biodiversität auch dem Klima nützten.

Wandel zur grünen Wirtschaft

Ein Teil der Wirtschaftswissenschaftler sieht die Lösung, um wirtschaftliches Wachstum und Nachhaltigkeit zu verknüpfen, in einer sogenannten grünen Wirtschaft. Das bedeutet, dass nur klima- und umweltschonende Branchen und Unternehmen gefördert und finanziert werden. Wie dies umzusetzen ist, müssen sich Politik und Wissenschaft überlegen.

Die Transformation hin zu Nachhaltigkeit sei aus öffentlichen Mitteln allein nicht zu schaffen, so der Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Jochen Flasbarth, auf dem DFF.

KfW-Vorstandsmitglied Christiane Laibach plädierte für einen zweigeteilten Ansatz: Einerseits müsse man für Unternehmen Anreize für ein nachhaltiges Geschäftsmodell schaffen, da gebe es schon erfolgreiche Beispiele. Andererseits brauche man auch Regulierung. In der Finanzwelt gibt es beispielsweise die sogenannten ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance), anhand derer Investoren entscheiden können, ob sie in ein bestimmtes Unternehmen oder Projekt investieren wollen.

Die ESG-Kriterien sind allerdings umstritten, unter anderem weil es keine allgemeingültige Definition der Kriterien gibt und sie nur begrenzt abbilden, wie nachhaltig ein Unternehmen ist (siehe hierzu Kathrin Bertensmann auf www.dandc.eu). Jennifer Paffen von der Bethmann Bank AG/ABN AMRO weist darauf hin, dass Engagement für Klima und Biodiversität nur einen kleinen Teil des „E“ in ESG ausmache. Es sei also möglich, unter ESG-Kriterien in ein Unternehmen zu investieren, das wenig bis gar nichts für Klima und Biodiversität tue.

Einig sind sich Umweltfachleute darin, dass sie das Thema Biodiversität für Entscheider und Entscheiderinnen „übersetzen“ müssen. Sie müssten versuchen, das Thema trotz seiner Komplexität einfach darzustellen, um die Menschen zu erreichen. So lassen sich das fehlende Bewusstsein schaffen und Menschen zum Handeln bewegen, so die Hoffnung.

Maren van Treel ist Redakteurin bei E+Z/D+C.
euz.editor@dandc.eu

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Ernährungssicherheit und soziale Sicherung gehören zusammen

1. November 2022 - 11:57
Soziale Programme zur Absicherung von Ernährungsrisiken sind ein Schlüssel im Kampf gegen Hunger und Armut in den Ländern des Globalen Südens

Die Folgen des russischen Angriffskriegs, Corona, aber auch die Klimakrise mit ihren Wetterextremen wie der diesjährige fünfte Dürresommer in Folge und die Hochwasserkatastrophe letztes Jahr lassen uns hierzulande spüren, wie verletzlich „Sicherheit“ ist. Damit meine ich Sicherheit nicht nur im klassischen Sinne als innere und äußere Sicherheit, sondern umfassend. Dazu gehören bezahlbare Lebensmittel ebenso wie eine breit zugängliche Gesundheitsversorgung. Sicher geglaubte Errungenschaften geraten mit einem Mal ins Wanken. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen wird für viele schwieriger. Was die Situation verschärft: Die Krisen verstärken sich gegenseitig.

Was in Deutschland gilt, trifft erst recht zu für die oft viel verletzlicheren Gesellschaften des Globalen Südens. Nach vielen Jahren des Fortschritts steigt die Zahl der hungernden Menschen seit 2017 wieder. Im Jahr 2021 hungerten bis zu 828 Millionen Menschen, fast jeder zehnte Mensch weltweit. Etwa 30 Prozent der Weltbevölkerung – rund 2,3 Milliarden Menschen – hatten keinen zuverlässigen und sicheren Zugang zu angemessener und ausreichender Nahrung. Zugleich haben 53 Prozent der Weltbevölkerung – rund 4 Milliarden Menschen – keinen Zugang zu sozialer Sicherung. All diese Menschen sind auf sich allein beziehungsweise auf das soziale Umfeld wie die Familie gestellt, etwa im Fall von Arbeitslosigkeit, Mutterschaft, Behinderung oder Arbeitsunfällen. In Afrika leben sogar 80 Prozent der Menschen ohne soziale Sicherung (zu den Grundsätzen sozialer Sicherung siehe Markus Loewe auf www.dandc.eu).

Vier Gründe

Es gibt gute Gründe, Ernährungssicherheit und soziale Sicherung künftig stärker zusammenzudenken:

  • Erstens: Widerstandsfähigere Gesellschaften sind für Krisen besser gewappnet – weltweit. Für Resilienz ist ausreichende und qualitativ hochwertige Ernährung ein Muss. Aber auch soziale Sicherung stärkt die Resilienz in Krisen und beugt ihnen zugleich vor. Sie sichert menschenwürdiges Leben, wenn es besonders darauf ankommt. Zudem fördert sie Anpassungs- und Reaktionsfähigkeiten im Umgang mit Schocks, eben bei Extremwetterereignissen (als ein Beispiel), die zu Ernteverlusten führen oder Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln.
  • Zweitens: Es ist der ländliche Raum, in dem durch Anbau und Zucht die Grundlagen für gesicherte Ernährung liegen. Die Landwirtschaft ist in vielen Ländern des Globalen Südens der wichtigste Arbeitsmarkt mit den meisten Beschäftigten und darum für viele von existenzieller Bedeutung. Wer soziale Sicherung in einem breit verwurzelten Wirtschaftssektor wie der Landwirtschaft fördert, hilft der Gesamtgesellschaft, denn es führt zu einer Stabilisierung des gesellschaftlichen Gefüges insgesamt und kann Vorbild für andere Branchen sein. Doch die Aufgabe ist in der Landwirtschaft besonders herausfordernd, da die Menschen oft besonders großen Risiken ausgesetzt sind. Sie gefährden nicht nur die Ernährungssicherheit der ländlichen Bevölkerung selbst, sondern oft auch die Versorgung der restlichen Bevölkerung. Diese Risiken können durch den Klimawandel noch verschärft werden. Ein Beispiel: Eine Landwirtin verliert durch Dürre ihre gesamte Ernte. Das schadet ihr als Selbstversorgerin und ihrer Familie, möglicherweise brechen aber auch Einnahmen weg, die sie sonst durch den Verkauf ihrer Produkte erzielt hätte. Es fehlt Geld, um selbst Saatgut für die nächste Saison zu kaufen. Wenn es ein soziales Sicherungssystem für Dürrerisiken – bestenfalls von der Finanzierung bis zu den Auszahlungsmechanismen – gibt, kann schnell geholfen werden. Die nächste Ernte ist gesichert.
  • Drittens: Darüber hinaus fördert soziale Sicherung ländliche Entwicklung. Vielen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern fehlen die finanziellen Mittel, um Risiken einzugehen und in innovative Produktionsmethoden zu investieren. Empfängerinnen und Empfänger von sozialer Sicherung können Geld für lokale Güter und Dienstleistungen einsetzen und so die Nachfrage stärken. Jeder für Sozialleistungen ausgegebene Euro generiert bis zu 1,70 Euro an zusätzlicher wirtschaftlicher Aktivität.
  • Viertens: Eine Grundidee von sozialer Sicherung ist der Solidaritätsgedanke: niemanden zurückzulassen und die gesamte Gesellschaft im Blick zu haben. Soziale Sicherung fördert deshalb auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Oft sind es Frauen, die neben nicht entlohnter Feld- und Hausarbeit sowie Kinderbetreuung für die Ernährung sorgen. Frauen in unseren Partnerländern sind häufig informell beschäftigt und profitieren daher nicht von (bereits bestehenden) sozialen Sicherungsleistungen, die fast immer an formelle Beschäftigung gekoppelt sind. In Zukunft müssen wir beim Aufbau sozialer Sicherungssysteme die Lebensrealitäten und Bedarfe von Frauen und Mädchen in den Blick nehmen und berücksichtigen. Dabei gilt es, auch aktiv soziale Normen, Geschlechterstereotype und diskriminierende gesellschaftliche Machtverhältnisse zu adressieren. So lassen sich durch die Einführung sozialer Sicherung auch gender-transformative Wirkungen erzielen. Sie sind dringend erforderlich, um mehr Geschlechtergerechtigkeit im Sinne einer umfassenden sozialen Gerechtigkeit zu erzielen – für die ich mich mit unserer Entwicklungszusammenarbeit einsetze.

Globaler Schutzschirm

Mehr Gerechtigkeit zu schaffen im Sinne einer globalen Just Transition – das ist auch unsere Triebfeder beim Aufbau eines globalen Schutzschirms zur Absicherung gegen klimabedingte Risiken, den das Entwicklungsministerium vorantreibt. Der sozialen Sicherung kommt dabei – komplementär zu Klimarisikofinanzierungs- und privaten Versicherungslösungen – eine Schlüsselrolle zu. Dieser Schutzschirm kann besonders vulnerablen Menschen – darunter viele Frauen – zum Beispiel bei Dürren und Überschwemmungen helfen. Ohne sozialen Schutz gibt es keinen Schutz vor Krisen (zur Bedeutung von sozialer Sicherung für die Klimakrise siehe Stefan Beierl auf www.dandc.eu).

Die deutsche Entwicklungspolitik verfolgt das Ziel der menschlichen Sicherheit, denn Sicherheit ist eben mehr als die Abwesenheit von Gefahr für Leib und Leben. Menschliche Sicherheit bedeutet, Grundbedürfnisse, wie beispielsweise eine angemessene Ernährung, zu decken und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Soziale Sicherungssysteme können selbst die ärmsten Menschen erreichen. Soziale Sicherung ist deshalb auch ein Schlüssel im Kampf gegen Hunger und Armut. In Krisen sichert sie Ernährung unmittelbar und verhindert Abwärtsspiralen.

Daher setze ich einen Schwerpunkt darauf, unsere Partnerländer dabei zu unterstützen, soziale Sicherungssysteme auf- und auszubauen. Wir tun dies nicht als Einzelkämpfer, sondern in Gemeinschaft mit multi- und bilateralen Partnern. Einen Anfang haben wir im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft in diesem Jahr gemacht. Unser Ziel ist es, die Anzahl der sozial abgesicherten Menschen bis 2025 um eine Milliarde zu erhöhen.

Wir arbeiten an abgestimmten Finanzierungsmechanismen, gemeinsamen Länderanalysen und Monitoring sowie koordinierter Unterstützung unserer Partnerländer, um gute Erfahrungen und Ansätze in die Fläche zu tragen. Dabei haben wir festgestellt, dass soziale Sicherungsprogramme zur Absicherung von Ernährungsrisiken großes Potenzial bergen, neben der Bekämpfung von Armut und der Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegen Krisen einen signifikanten Beitrag zur Ernährungssicherheit insgesamt zu leisten – wenn zum Beispiel Unterstützungsleistungen wie Geld- und Sachtransferleistungen an die Teilnahme von Gesundheits- und Ernährungsbildungsmaßnahmen geknüpft sind oder für den Kauf von Lebensmitteln verwendet werden.

Enge Abstimmung

Viele Länder, auch im Globalen Süden, finanzieren ihre soziale Sicherung selbst. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit fördert seine Partnerländer (in enger Abstimmung mit anderen Gebern) vor allem bei der Aufrechterhaltung sozialer Sicherungssysteme in Krisenzeiten. Dabei kommt es auf Passgenauigkeit an, denn die Bedarfe der Partnerländer sind verschieden, ebenso wie ihre Fähigkeit, Eigenleistung zu erbringen.

Dabei ist es uns wichtig, abgestimmt vorzugehen – etwa mit den Entwicklungsbanken oder UN-Organisationen. In Ruanda zum Beispiel bringt Deutschland auf der Basis eines Weltbankprogramms, das Budgethilfe leistet, strukturelle Reformen in den bereits bestehenden sozialen Sicherungssystemen voran. Sie zielen darauf ab, die Zahl derer zu erhöhen, die profitieren, und die Leistungsfähigkeit der Verwaltungs- und Umsetzungsstrukturen zu verbessern, etwa durch ein neues Sozialregister zur besseren Erfassung von Leistungsberechtigten. Eine zusätzliche Komponente der technischen Zusammenarbeit sichert die Nachhaltigkeit der Investitionen, unter anderem durch zusätzliches inländisches Fachpersonal und Schulungen des bestehenden Personals.

Soziale Sicherungssysteme helfen, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu lösen: die Folgen des Klimawandels, Hunger, Ungleichheit und die Prävention von Pandemien. Darum habe ich mich bei der Weltbanktagung im vergangenen Oktober und bei der UN-Klimakonferenz im November für die Stärkung sozialer Sicherungssysteme eingesetzt. Außerdem führt das BMZ im kommenden Jahr erstmals eine internationale Konferenz durch, um das Thema soziale Sicherung voranzubringen und um noch mehr Partner für das Thema zu gewinnen. Soziale Sicherung ist ein Menschenrecht. Wir wollen ihm mit unserer Politik mehr Geltung verschaffen.

Svenja Schulze ist die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
www.bmz.de

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International unterstützt, halten Irans Proteste an

31. Oktober 2022 - 16:17
Trotz brutaler Repression zeigen Menschen ihre Unzufriedenheit mit Teherans fundamentalistischem Regime.

Trotz zunehmender Gewalt durch die Sicherheitskräfte protestieren auch sieben Wochen nach dem Tod von Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam Menschen in großer Zahl gegen das iranische Regime. Die traditionelle Trauerphase von 40 Tagen ist um, aber die Oppositionsbewegung hält an.

Das ist nicht zuletzt insofern bemerkenswert, als Hossein Salami, der Chef der für ihre Brutalität berüchtigten Islamischen Revolutionsgarde (IRG) am Samstag, dem 29. Oktober sagte, dies werde der „letzte Tag“ mit Krawallen sein. Am nächsten Tag gab es trotz seiner Drohungen landesweit wieder Demonstrationen.

Die Repression ist hart. Schätzungen zufolge wurden bisher rund 250 Menschen getötet. Ende Oktober griffen Sicherheitskräfte ein Krankenhaus und Studierendenwohnheime der Kurdischen Universität für Medizin an, wobei es viele Festnahmen gab. Beobachter sprachen daraufhin von einer Geringschätzung der Gesundheitsberufe. Dass als Reaktion ein Streik angekündigt wurde, zeigt, dass Einschüchterungsversuche verpuffen.

Internationale Reaktionen

In Europa hatte Salamis Rede dagegen Folgen. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock kündigte einen Tag später schärfere Sanktionen an und teilte mit, in Zusammenarbeit mit der EU werde die Einstufung der Revolutionsgarde als terroristisch erwogen. Sie stellte klar, derzeit liefen auch keine Verhandlungen über die Erneuerung des Nuklearabkommens.

Die iranische Diaspora äußert in vielen Ländern mit Unterstützung dortiger zivilgesellschaftlicher Gruppen ihre Solidarität mit den Protestierenden im Iran. Sie fordert zudem, die internationale Gemeinschaft müsse mehr tun, um das fundamentalistische Regime in Teheran zu isolieren. Mahnwachen und Demonstrationen finden in vielen Ländern statt. In Berlin versammelten sich am 22. Oktober rund 80 000 Menschen. Der Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ hallt in vielen Ländern wider. 

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau nahm am 30. Oktober in Ottawa an einer Demonstration teil. Seine Regierung meldete, sie werde Führungsfiguren der Revolutionsgarde die Einreise künftig verweigern.

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Moskau und Riyad verbindet die Sehnsucht nach Trump

31. Oktober 2022 - 15:27
Die OPEC+ drosselt Ölproduktion aus ökonomischen Gründen und mit geopolitischen Implikationen

Ziel der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) ist es, den Ölpreis zu stabilisieren. Die 13 Mitgliedsländer produzieren zusammen rund 40 Prozent des weltweiten Öls und stimmen sich mit zehn weiteren ölfördernden Ländern ab, zu denen auch Russland gehört. Zusammen wird diese informelle Plattform OPEC+ genannt.

Als Grund für den aktuellen Produktionsdeckel nennt die OPEC+ die nachlassende Nachfrage auf dem Weltmarkt. Es ist plausibel, das Angebot anzupassen, um den Preis zu stabilisieren. Aber in der aktuellen Weltlage spielen noch andere Faktoren eine wichtige Rolle – und zwar besonders zwei Kriege:

  • Russland führt seit Ende Februar einen militärischen Krieg gegen die Ukraine, welcher mit einem Wirtschaftskrieg mit dem Westen einhergeht. Dabei ist die Energieversorgung zentral, da Russland bisher ein wichtiger Gas- und Öllieferant für europäische Länder darstellte und auch aktuell weiterhin noch liefert.
  • Saudi-Arabien ringt seit Langem mit dem Iran um die regionale Vorherrschaft (siehe Maysam Behravesh auf www.dandc.eu). Die beiden Länder führen einen Stellvertreterkrieg im Jemen.
OPEC+ brüskiert Washington

Anstatt Russland zu isolieren, wie von Washington gewünscht, hat die Entscheidung der OPEC+ Moskau gestärkt. Die Preispolitik sorgt schließlich für höhere Export­einnahmen Russlands und verschärft die Versorgungslage in Europa. In den USA hat sie zudem eine innenpolitische Bedeutung, denn die republikanische Partei macht mit dem hohen Benzinpreis vor den US-Kongresswahlen Anfang November Stimmung gegen Präsident Joe Bidens demokratische Partei. Biden wäre erheblich geschwächt, sollte diese in einer oder sogar beiden Kammern die Mehrheit verlieren.

Saudi-Arabien ist eigentlich ein enger Verbündeter der USA, hat sich aber nicht gegen die anderen Ölexporteure durchgesetzt. Tatsächlich verbindet die Machthaber in Moskau und Riyad auch eine Sehnsucht nach Bidens Vorgänger Donald Trump. Ihre ideologischen Vorstellungen in Bezug auf Klimawandel, Demokratie und Menschenrechte lagen höchstwahrscheinlich nicht so weit auseinander, wie mit dem aktuellen US-Präsidenten. Trump leugnete den Klimawandel und bemühte sich, den Klimaschutz auf nationaler und internationaler Ebene zu unterhöhlen. Ölexportierende Länder wissen, dass ihre Zeit abläuft, und wollen so lange wie möglich ihre Profite maximieren. Dieses Interesse teilen sie mit fossilen Energiekonzernen in den USA, die republikanische Wahlkampagnen seit Jahrzehnten großzügig unterstützen (zur Affinität von Ölinteressen zu autoritären Herrschaftsvorstellungen siehe Hans Dembowski auf www.dandc.eu).

Trump setzte sich zudem über alle Stimmen in den USA hinweg, die sich gegen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien seit dem Ausbruch des Jemenkonflikts aussprachen. Riad gefiel auch sein Ausstieg aus dem Nuklearabkommen mit Iran, das Biden erneuern will.

Konkurrenz zwischen Iran und Russland

Grundsätzlich wäre zu erwarten, dass das OPEC-Mitglied Iran sich in dem Maße an die USA annähert, wie sich Saudi-Arabien distanziert. Das gilt umso mehr, als Russland und Iran, wenn die EU ihr angekündigtes Embargo auf russisches Öl umsetzt, zunehmend auf dem chinesischen Ölmarkt konkurrieren werden. Der Nachfragerückgang in China im Zuge weiterer Lockdowns schürt dieses Problem weiter. Für das iranische Regime ist jegliche Annäherung an die USA jedoch grundsätzlich schwierig und angesichts der aktuellen Proteste gegen das Kopftuchgebot unwahrscheinlich (siehe Shorah Azarnoush auf www.dandc.eu).

Alles in allem ist die Entscheidung der OPEC+ ökonomisch motiviert. Saudi-Arabien hat sich dabei nicht für die USA eingesetzt, dürfte aber kaum daran interessiert sein, seine Beziehungen zu Washington zu verlieren. Wohlmöglich versucht das Königshaus jedoch, Biden zu schwächen, damit in zwei Jahren wieder ein republikanischer Präsident an die Macht kommt.

Zohra Cosima Benamar promoviert am ISCTE Universitätsinstitut Lissabon zu Geo- und Energiepolitik.
Zohra_Cosima_Benamar@iscte-iul.pt

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Fake News sind nicht alternativlos

28. Oktober 2022 - 12:14
Unter bestimmten Bedingungen können Fake News die Demokratie gefährden

Seit jeher kommen Lügen in Politik und Öffentlichkeit vor. Warum ist seit einiger Zeit von einem „postfaktischen Zeitalter“ die Rede?
Neu sind zwei Aspekte:

  • Bei postfaktischen Aussagen ist oft unklar, ob es sich um Lügen im klassischen Sinne handelt. Nach der philosophischen Definition ist eine Lüge eine Aussage, von der der Sprecher glaubt, dass sie unwahr ist und die er in der Absicht äußert, zu täuschen. In vielen Fällen wäre es treffender, postfaktische Sätze als „Bullshitting“ zu bezeichnen, wie es der US-Philosoph Harry G. Frankfurt nannte. Das sind Aussagen, bei denen die Sprechenden nicht im eigentlichen Sinne an der Wahrheit oder Falschheit ihrer Aussage interessiert sind, sondern eher an der erzeugten Stimmung oder dem Effekt. Es sind in der Regel Aussagen, die so vage oder nachlässig formuliert sind, dass sie weder wahr noch falsch sind. Bullshitting wird verwendet, um strategische Ziele zu erreichen. Populistische Kräfte nutzen gern Anti-Establishment-Rhetorik. Sie werten demokratische Institutionen ab, attackieren Personen und verzerren demokratische Diskurse. Ihr Ziel ist, selbst an die Macht zu kommen.
  • Außerdem scheinen Menschen authentische Kommunikation in den vergangenen Jahren weniger wertzuschätzen. Es scheinen viel mehr Menschen unauthentische politische Kommunikation zu akzeptieren (beispielsweise Bullshitting und Lügen), als es linksliberal-demokratische Intellektuelle erwartet hätten. Mit Sicherheit hat es „Bullshitting“ auch vorher schon gegeben, aber weder die politischen Akteure noch die breitere Bevölkerung hätten es als weitverbreitete Kommunikationsform im öffentlichen Raum akzeptiert.

Gäbe es ein postfaktisches Zeitalter ohne Internet und soziale Medien?
Wohl nicht in dieser Form. Ich denke, Internet und soziale Medien befördern die Verbreitung bestimmter unauthentischer Kommunikation, also beispielsweise Lügen, Fake News, Verschwörungstheorien. Dies ist aus zwei Gründen der Fall:

  • Soziale Plattformen werden in der Regel nicht redigiert oder lektoriert. Der Wahrheitsgehalt von Aussagen wird meist gar nicht geprüft.
  • In digitalen Räumen entstehen bisweilen Echokammern. Darin tauscht man sich nur noch mit Menschen aus, die ähnliche Ansichten teilen, wie man sie selbst hat. Das hat es sicherlich auch vor dem digitalen Zeitalter gegeben. Aber das Internet und soziale Medien erschweren es, dass eine allgemeine Öffentlichkeit entsteht. Suchmaschinen und Algorithmen treffen für Nutzerinnen und Nutzer eine Vorauswahl der Inhalte, die ihnen ausgespielt werden.

Solche Fake News wären früher in den seriösen Massenmedien nicht aufgegriffen und nicht so weit verbreitet worden.

Warum ist Vertrauen in Wissenschaft und seriöse Medien wichtig?
Weil demokratische Diskurse eine gemeinsame Grundlage an Fakten(-wissen) erfordern, auch wenn Fakten äußerst selten nur eine einzige politische Entscheidung zulassen. Zu dieser Grundlage für demokratische Entscheidungen tragen Wissenschaft und seriöse Medien bei. Das können sie aber nur, wenn man ihnen vertraut. Wenn Bürger Wissenschaft und Qualitätsmedien vertrauen und gut informiert sind, reduziert das die Möglichkeit für politische Akteure, mithilfe von Manipulation und Desinformation an Einfluss zu gewinnen.

Geht dieses Vertrauen in Wissenschaft und seriöse Medien zurück?
Die mir bekannten Daten zeigen, dass zumindest in Europa traditionelle Medien mehr Bürgervertrauen genießen als Online-Plattformen oder Social Media. Allerdings kommt es dabei sehr stark darauf an, welche Fragen den Bürgern in den Untersuchungen gestellt wurden. Was sich empirisch deutlich zeigt, ist ein Vertrauensverlust von Bürgern in etablierte politische Eliten und Institutionen und in die grundsätzlichen Prinzipien demokratischer Ordnung. Das ist aus meiner Sicht noch schlimmer. Da­raus schlussfolgere ich vorsichtig, dass das Vertrauen von Bürgern in gesellschaftliche Eliten insgesamt zurückgeht. Das mag auch für Qualitätsmedien und wissenschaftliche Eliten gelten.

Diese Skepsis gegenüber Eliten hat es vermutlich auch vor digitalen und postfaktischen Zeiten gegeben. Allerdings denke ich, dass digitale Medien sie verstärken und sichtbarer machen. Vieles, was zuvor an Stammtischen geredet wurde, findet jetzt auf Facebook oder Twitter statt und erreicht viel mehr Leute. In den sozialen Medien werden auch wissenschaftliche Befunde oder Berichte von Qualitätsmedien angezweifelt. Im Kontext der Corona-Pandemie hatte ich den Eindruck, dass es viele Menschen sehr irritiert hat, dass sich die Wissenschaft bezüglich Covid uneinig ist. Um Vertrauen zurückzugewinnen, müssten wir deutlich machen, dass wissenschaftliche Ergebnisse immer vorläufig sind und falsifizierbar sein müssen.

Warum genießen Menschen, die wie Donald Trump offensichtlich lügen, bei manchen Bevölkerungsgruppen Zuspruch?
Für Personen wie Donald Trump ist es zentral, etablierte politische, mediale und wissenschaftliche Eliten zu diskreditieren, um selbst an Macht zu gewinnen. Ich denke, damit treffen sie einen zentralen Nerv. In der Wahrnehmung von Bürgern gibt es eine Kluft zwischen dem Establishment und dem „normalen Bürger“. Diese Wahrnehmung ist sicherlich in manchen Aspekten berechtigt. Ob diese Kluft zwischen Bürgern und Eliten größer oder nur sichtbarer geworden ist und wie groß sie de facto ist, sei dahingestellt. Aber diese Eliten nicht zu respektieren hat Zuspruch gefunden.

Werden Demokratien durch die Abkehr von Fakten ausgehöhlt?
Wissenschaftlich generierte Fakten sind die Basis für bestimmte Diskurse. Allerdings wäre ich vorsichtig, einen allzu engen Zusammenhang zwischen Wahrheit beziehungsweise Fakten und Demokratie herzustellen. Einerseits sollten wir im Blick behalten, wie politische Akteure und gesellschaftliche Eliten Begriffe wie „Wahrheit“ verwenden. Unsere empirische Analyse hat gezeigt, dass der Begriff „Postfaktizität“ in den etablierten Massenmedien fast ausschließlich von linksliberalen Journalisten und Kolumnisten genutzt wird, um politische Akteure und Positionen zu diskreditieren, die sich gegen das Establishment richten. Ich möchte damit keineswegs Trump oder andere rechtspopulistische Akteure legitimieren. Aber Appelle an „die Wahrheit“ wurden und werden sehr häufig genutzt, um die Sichtweise politischer Gegner abzuwerten. Politische Entscheidungen beruhen aber meist nicht nur auf Fakten, sondern auch auf politischen Interessen und Wertvorstellungen.

Postfaktische Kommunikation birgt sicherlich eine Gefahr für die Demokratie, wenn sie das grundsätzliche Vertrauen in demokratische Institutionen und Amtsträger untergräbt und Einstellungen zugunsten antidemokratischer Akteure verändert. Aber dort, wo Presse- und Meinungsfreiheit herrschen, ist es möglich, dieser Art der Darstellung entgegenzuwirken. Wissenschaft und Politik können sich durch postfaktische Kommunikation auch aufgefordert fühlen, wissenschaftliche Prozesse besser zu erklären und Bürger stärker in demokratische Prozesse einzubinden.

Welche Geldgeber finanzieren Fake-News-Propaganda?
Das ist stark kontextabhängig. Donald Trump hatte sicherlich neben seinem Twitter-Account eine finanziell starke Lobby, die seine Fake News und postfaktische Kommunikation auch über klassische Medien sehr effektiv verbreitet hat. In nichtdemokratischen Staaten sind es oft die Regime-Eliten, die bestimmte Medienhäuser unterstützen und andere sabotieren.

Sie haben einige Zeit in Tansania und Kenia gelehrt und geforscht. Wie schätzen Sie die Lage in Bezug auf Presse- und Meinungsfreiheit dort ein?
Ich war zu Covid-Zeiten in beiden Ländern. Unter John P. J. Magufulis Regierung gab es in Tansania laut offiziellen Angaben kein Covid. Wer dem widersprach, hatte je nach Nationalität Repressalien oder gar Haft zu befürchten. Der Tod Magufulis – vermutlich durch Covid – wurde offiziell als ein Fall von Herzversagen dargestellt. Unter Magufuli hatte die Bevölkerung nur sehr eingeschränkten Zugang zu Informationen über die Pandemie. Samia Hassan, Magufulis Nachfolgerin, vollzog eine Kehrtwende. Ihr zufolge gibt es Covid, sie hat ein Expertenkomitee einberufen, es werden Masken getragen und man kann grundsätzlich öffentlich über das Thema diskutieren. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich die Lage in Tansania etwas verbessert.

In Kenia sind Presse- und Meinungsfreiheit weitgehend gegeben und gesichert, Homosexuellenrechte beispielsweise aber nicht. Die Menschen können sich zwar frei zur Homosexualität äußern, aber homosexuelle Handlungen werden mit bis zu neun Jahren Gefängnis geahndet. Diese Beispiele verdeutlichen den Unterschied zwischen demokratischen und nichtdemokratischen Staaten. In Tansania haben sich die Menschen aus Angst teilweise selbst zensiert. Es gab in Tansania außerdem kaum Zugang zu unabhängigen Informationsquellen. In den USA und anderen Demokratien hingegen gibt es alternative Medien und Meinungen.

Dannica Fleuß arbeitet als Postdoctoral Researcher am Institute for Future Media, Democracy and Society an der Dublin City University (DCU) und ist Research Associate am Centre for Deliberative Democracy and Global Governance.
dannica.fleuss@dcu.ie
dannica-fleuss.com

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10-30_André de Mello e Souza - Leitzinsen

27. Oktober 2022 - 15:03
How the fast appreciating US currency is causing stress in developing countries and emerging markets

Exchange rates have recently become increasingly volatile. In view of inflation, the Fed (Federal Reserve – the central bank of the USA) has adopted a hawkish policy, raising interest rates several times. The federal funds rate was close to zero at the start of the year and is now in the range of three to 3.25 %. For several reasons, this effort to control rising prices increases recession risks not only in the USA and may indeed lead to a global downturn.

The pandemic and the war have generally increased uncertainty. Investors have therefore become more risk averse. Moreover, higher interest rates make investments in the real economy, which are important drivers of growth, more expensive. The reason is that these investments are normally financed at least in part with loans. High interest rates therefore generally reduce growth. This mechanism applies to all economies, including the USA.

The big irony is that a central bank’s interest rates have only very little impact on energy and food prices, which are currently the main drivers of inflation. However, higher rates do make investments in clean energy more expensive, which would reduce the relevance of fossil-fuel imports and make economies more environmentally sustainable.

International implications

The Fed’s new stance has further impacts internationally. Higher interest rates in the USA are an incentive for international investors to seek the safe harbour afforded by the dollar. Accordingly, the exchange rate of the dollar keeps rising relative to the currencies of most economies. At the same time, the strong dollar tends to hurt particularly developing economies in several ways:

  • Many of them – and especially the least developed countries – cannot borrow in their own currencies. They must service dollar-denominated loans in dollars. Servicing means paying back the loan plus the interest rate. As the dollar appreciates, their loans thus become more expensive measured in their national currencies. Sovereign debt burdens, which are already a huge problem in many countries, are becoming heavier.
  • To keep their own currencies from depreciating, the central banks of other countries must follow the Fed’s example and raise interest rates. They are already quite high in many developing countries and emerging markets. While higher interest rates help to stem capital flight into safer financial assets in the USA, they make real-economy investments even less attractive.
  • Should a dollar-denominated loan need to be refinanced, the new loan will not only come at a higher exchange rate but also at a higher interest rate.

The current situation is extremely challenging. On the one hand, central banks in developing countries want to encourage the inflow of foreign investment. On the other hand, rising interest rates increase the cost of domestic borrowing and have a stifling effect on growth. In the longer run, lower growth is also likely to undermine government revenues, further worsening debt problems.

Impacts on trade

The stronger dollar also has impacts on trade, especially since the US currency dominates international transactions. Even companies that operate in non-dollarised economies use it to settle deals. Commodities, in particular, are generally bought and sold in dollars everywhere, so countries that export commodities may actually benefit from the strong dollar to some extent.

Other countries, however, often see their exports increase too. The reason is that the high exchange rate of the dollar makes their goods comparatively cheap in the eyes of foreign buyers. On the downside, imports are becoming more expensive in terms of domestic currencies. That applies both to consumer goods – including food, which some countries depend on – and intermediate goods that are needed to produce other goods. As a result, domestic firms may be forced to reduce investments and/or output.

It matters very much that most developing economies are so-called “price-­takers”. The term means that they are unable to influence world-market prices. As they depend on global trade, they are forced to sell their goods at whatever prices are currently paid. All told, while economies with strong export sectors may benefit from a strong dollar because it allows them to sell even more abroad, most economies suffer.

Exchange-rate volatility is a problem in itself

The high volatility of an exchange rate, moreover, is a problem in itself. Fast and unpredictable changes in external value of a currency contribute to the general sense of uncertainty. The fastest changing exchange rate this year so far was that of the Russian rouble (mostly because of the war), followed by the Turkish lira and the Brazilian real. Such volatility tends to be counterproductive for the real economy, because it causes abrupt reversals in capital flows and undermines planning. The threshold above which exchange-rate volatility starts to negatively affect the real economy is usually lower in small economies than in large ones.

Finally, excessive exchange-rate volatility has implications for monetary policy. It may make monetary policy ineffective, particularly when there are inconsistencies between the policies of the central banks and the ministers in charge of finance and economic affairs. Persistent central-bank interventions to stabilise exchange rates can incur high costs moreover. That can be the case in terms of dwindling foreign reserves and/or the central bank buying assets of dubious value.

Tougher times

The appreciating dollar is currently compounding economic problems in many places. The Fed’s new policy means tougher times for most disadvantaged nations. To a lesser, but nonetheless important extent, that applies to the European Central Bank (ECB) too, which is also, though more slowly, increasing its rates.

The central banks of high-income nations do not have a history of considering impacts on poorer world regions. People in developing countries and emerging markets are used to the pattern of established western powers appealing to the global common good when its suits them, but pursuing narrowly understood national interests when they can.

Unfortunately, developing countries have few options to deal with the challenges of exchange rate depreciation and volatility in the short term. These challenges are best addressed pre-emptively rather than reactively. Generally speaking, the governments of developing countries should only engage in sustainable borrowing and always ensure that they have a strong flow of domestic revenues.

Even in troubling times, however, policymakers must do their best to find ways to incentivise investments in order to boost economic growth at the same time as they must reduce fiscal pressures. The international community, in turn, must do more to accelerate debt restructuring, which will be crucial for putting developing countries back on a more sustainable fiscal path (see Kathrin Berensmann on www.dandc.eu).

André de Mello e Souza is an economist at Ipea (Instituto de Pesquisa Econômica Aplicada), a federal think tank in Brazil.
andre.demelloesouza@alumni.stanford.edu

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Wohin Agrarreformen führen müssen

27. Oktober 2022 - 14:30
Kleinbauern und -bäuerinnen, sind schlau, denken unternehmerisch und wissen genau, was sie brauchen

Der Kampf gegen den Hunger stagniert, und vielerorts gibt es Rückschläge. Ihrem aktuellen Welthungerindex 2022 zufolge hatten 828 Millionen Menschen schon voriges Jahr nicht genug zu essen. Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Angriff Russlands auf die Ukraine?
Er vergrößert die Not und hat der Weltgemeinschaft deutlich gemacht, wie wichtig Getreideausfuhren sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland sind. Importländer hängen von der Einfuhr von Weizen, aber auch Sonnenblumenöl ab. Weil Lieferungen aus beiden Ländern über das Schwarze Meer ausblieben, sind die Weltmarktpreise deutlich gestiegen. Die Preise waren zuvor schon wegen Covid-19-bedingter Lieferkettenengpässe ungewöhnlich hoch. Inzwischen liegt der Weltmarktpreisindex der FAO wieder unter den Rekordwerten von April/Mai, aber von Entwarnung kann noch keine Rede sein. Die Verbraucherpreise sind fast überall immer noch sehr hoch, und selbst in hoch entwickelten Ländern wie den USA oder Deutschland sind immer mehr Menschen auf Lebensmitteltafeln angewiesen.

Was bedeutet das für die Agrarpolitik?
Die aktuelle Krise befeuert viele Fragen. Wie geht es mit dem internationalen Agrarhandel weiter? Welche Konsequenzen muss die EU-Landwirtschaftspolitik ziehen? Welche Politik kann gemeinsam mit Entwicklungsländern verfolgt werden? Die Diskussion läuft auf Hochtouren, aber klar ist: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Ökologische Probleme werden schon seit Längerem diskutiert – vom hohen Ressourcen- und Energieverbrauch der großflächigen Intensivlandwirtschaft bis zur Klimakrise und der Erosion der biologischen Vielfalt. Jetzt ist deutlich geworden, dass die Ernährungssicherheit im aktuellen System äußerst krisenanfällig ist.

In welche Richtung müssen Reformen gehen?
Drei Punkte sind zentral:

  • Wir brauchen eine Ökologisierung der großflächigen Landwirtschaft und der Viehzucht.
  • Wir brauchen eine boden- und ressourcenschonende Intensivierung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft.
  • Die kleinbäuerliche Landwirtschaft muss in regionalen Marktsystemen verankert sein.

Das sind komplexe Aufgaben. Die Politik muss umsteuern. Subventionen müssen nach anderen Kriterien vergeben werden. Diversifizierung muss gefördert werden. Dünger und Pflanzenschutzmittel dürfen nur sparsam und zielgenau eingesetzt werden. Investitionen müssen umgeleitet werden. Unverzichtbar ist auf jeden Fall kompetente Beratung für Kleinbauern und -bäuerinnen, die auf ihre spezifischen örtlichen Bedingungen eingeht. Besonders wichtig ist es auch, die bäuerlichen Erzeugnisse in den Markt zu integrieren, beispielsweise indem Supermärkte deren Waren als festen Bestandteil aufnehmen.

Die Agrar-Extension-Services in Entwicklungs- und Schwellenländer tun das aber bisher kaum.
Ja, leider, obwohl die Kleinbetriebe immens wichtig sind. Sie verfügen über traditionelles, vor Ort verankertes Wissen – etwa über die vielen Varianten von traditionellem Saatgut, das wiederum für die Züchtung von neuen verbesserten Sorten wichtig sein kann. Deshalb dürfen weder die genetische Vielfalt der traditionellen Landwirtschaft noch die bäuerlichen Kenntnisse davon verloren gehen (siehe Parviz Koohafkan auf www.dandc.eu). Außerdem ist in abgelegenen Gegenden benachteiligter Weltregionen die Kleinlandwirtschaft häufig das einzige soziale Sicherheitsnetz. Sie sollte für eine Mindestversorgung mit Nahrung, aber auch Einkommen sorgen.

Vielen Menschen gelten Dorfgemeinschaften aber als tendenziell rückständig.
Das ist eine falsche Einschätzung. Kleinbauern und -bäuerinnen sind schlau. Sie denken unternehmerisch. Sie wissen genau, was sie wollen und was sie brauchen. Sie zeigen großes Interesse an Know-how und auch an Digitalisierung. Wir haben zum Beispiel in verschiedenen Ländern eine Mobiltelefon-App eingeführt, die dabei hilft, Maschinen gemeinsam zu nutzen. Sie heißt AgriShare und wird begeistert angenommen. Die Leute wollen mitmachen und mitentscheiden.

Lässt sich mit agrarwissenschaftlicher Expertise kleinbäuerliche Produktivität steigern?
Ja, das habe ich in Mali miterlebt, wo ich für die Welthungerhilfe arbeitete, als ICRISAT, das International Crops Research Institute for the Semi-Arid-Tropics, seine eisen- und zinkreiche Perlhirse züchtete (siehe Roli Mahajan auf www.dandc.eu). Das war ein großer Erfolg, und die Bauern und Bäuerinnen wurden kontinuierlich in die Arbeit einbezogen, was natürlich nur ging, weil der Austausch in ihren Sprachen und nicht nur auf Englisch oder Französisch stattfand. ICRISAT hat seinen Hauptsitz in Indien, aber auch Ableger in Afrika.

Aber sie ist keine traditionelle Sorte.
Es geht nicht um ein Entweder-oder im dem Sinne, dass nur traditionelle Landsorten verwendet werden dürften, aber keine gezüchteten Sorten. Die Landsorten sind doch selbst das Ergebnis jahrhundertelanger Züchtung. Wichtig ist, die Produktivität zu steigern, ohne das örtliche Ökosystem zu schwächen. Dafür ist der Austausch von Forschung und Praxis dringend nötig (siehe hierzu Hildegard Lingnau auf www.dandc.eu). Die Welthungerhilfe wird sich künftig stärker dafür einsetzen.

Worauf muss die Politik in Entwicklungsländern noch achten?
Sie muss vielfältige, gesunde und umweltverträgliche Ernährung für alle anstreben. Das alleinige Ziel darf nicht sein, möglichst viele Kalorien zu produzieren. Der enge bisherige Getreidefokus geht oft auf die Kolonialgeschichte zurück, ohne die Mais, etwa in Afrika keine so große Rolle spielen würde. Andererseits wird oft übersehen, wie wichtig kommunale und andere subnationale Instanzen sind. Die Welthungerhilfe engagiert sich zunehmend für lokale Governance. Bürgermeister, Distriktverwaltungen oder Landesregierungen müssen örtlichen Gemeinschaften gegenüber rechenschaftspflichtig werden. Als Welthungerhilfe unterstützen wir örtliche Partnerorganisationen mit Rat und Geld, um die Gemeinden dabei zu unterstützen, ihre Rechte einzufordern.

Was steht dabei im Vordergrund?
Relevant sind Themen wie Bildungs- und Gesundheitsfragen, aber auch Agrarberatung und -förderung. Selbstverständlich ist auch die lokale Infrastruktur wichtig: Verkehrswege, Strom- und Wasserversorgung et cetera. All das ist teuer, aber unverzichtbar. Wenn kleine Agrarbetriebe florieren sollen, brauchen sie Anschluss an Märkte und verarbeitendes Gewerbe. Lokale Behörden spielen dabei eine wichtige Rolle. Deshalb ist es richtig, dass die Zivilgesellschaft Druck auf sie ausübt. Zugleich ist es auch nötig, der Landbevölkerung zu vermitteln, worauf zum Beispiel die nationale Agrar­politik abzielt, denn sonst kann sie politisch gar nicht reagieren.

Weltweit dominieren große Agrarbetriebe die Lobbyarbeit, weil Kleinbauern und -bäuerinnen auf ihren Höfen zu viel Arbeit für großes Verbandsengagement haben. Im Ergebnis macht dann staatliche Förderung die Großen größer, hilft den Kleinen aber kaum.
Die Erfahrung zeigt trotzdem, dass es sich lohnt, die Zivilgesellschaft zu mobilisieren. In Liberia gab es große Erfolge bei der Landrechtsreform. Jetzt haben Frauen leichter Zugang zu Land. Zivilgesellschaftliche Organisationen können konstruktive Dialoge auslösen. Wenn Regierungen sehen, dass partizipative Lösungen funktionieren, treiben sie diese auch selbst voran. Sie wollen ja Erfolg haben.

Müssen Länder mit hohen Einkommen weniger Fleisch und Milch konsumieren?
Die derzeit übliche Tierhaltung widerspricht dem Tierschutz, ist klimaschädlich, vergeudet Ressourcen und lässt die biologische Vielfalt erodieren. Die Erzeugung von Futtermitteln erfordert riesige Mengen an Wasser, Dünger, Pestiziden und Energie. Unser verschwenderischer Lebensstil lässt sich nicht auf Dauer aufrechterhalten, was nicht nur Verzicht, sondern auch Chancen bedeutet. Es ist gesund und lecker, pflanzliche statt tierischer Proteine zu sich zu nehmen.

Wie bewerten Sie die Rolle multilateraler Organisationen – dienen sie vor allem den Interessen reicher Nationen?
Das lässt sich so nicht behaupten. Aus meiner Sicht dienen sie der – oft zähen – Konsensbildung. Diese Institutionen sind sehr wichtig, aber ihre Positionen ändern sich im Lauf der Zeit. Die Weltbank hat sich beispielsweise im Zuge der Covid-19-Pandemie viel großzügiger zu Staatsschulden geäußert, als das früher der Fall war. Die Schwellen- und Entwicklungsländer lassen sich auch mittlerweile weniger gefallen. Andererseits behindert zunehmende politische Polarisierung die weltweit dringend nötige Zusammenarbeit. Der Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt das besonders deutlich. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die multilateralen Formate auch in Krisenzeiten nicht aufzugeben. Gerade inklusive demokratische Modell wie das UN-Komitee für Ernährungssicherheit, in dem auch kleinbäuerliche und indigene Gemeinschaften vertreten sind,  sollten gestärkt werden.

Link
Welthungerindex 2022
https://www.globalhungerindex.org/download/all.html

Mathias Mogge ist Generalsekretär der Welthungerhilfe, die im Oktober zusammen mit Concern Worldwide den diesjährigen Welthungerindex veröffentlicht hat.
mathias.mogge@welthungerhilfe.de
Twitter: @MathiasMogge

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Expensive input

26. Oktober 2022 - 11:01
Ghanaian farmers can’t afford fertiliser anymore

Ghana has spent decades working to ensure food and job security through robust agriculture, but farmers consistently struggle to obtain fertiliser and other essential inputs. The country remains a major food importer.

Stakeholders cite several other challenges such as unpredictability of weather, droughts, financial constraints and soaring weedicide prices. These stand in the way of the country’s dream of attaining greater food sovereignty. Fear abounds that farmers may be forced to downsize their farms, substantially reducing output and threatening food security.

In a bid to increase access to high-quality fertilisers, the government has provided subsidies on imported fertilisers for years now. Under the “planting for food and jobs” scheme, farmers have accessed close to 300,000 tonnes of fertilisers since 2017. The country spends a substantive amount of money on importation of fertilisers. International Trade Administration estimates that Ghana imported $ 173 million worth of fertilisers overall in 2019, $ 109 million in 2020, and $ 79 million in 2021.

The fertiliser subsidy programme has however been riddled with corruption. According to the ministry of food and agriculture, the country lost about $ 12 million in 2018 to fertiliser smuggling. In June 2021, around 13,500 bags of subsidised fertiliser worth $ 136,170 were smuggled out of the country through its Burkina Faso border in Upper West region.

Yahya Iddrisu, a district farmer in Tano North in the Ahafo area says: “Fertiliser is no longer subsidised.” He further says that the price of a 50-kilogramme bag of fertiliser has increased by roughly 500 % from 80 Ghanaian cedis ($ 6.8) last year to 400 ($ 34) cedis.

Yahya says: “Some farmers are turning to using poultry droppings in place of the chemical fertiliser, but even that is becoming very expensive and out of reach.” He says a bag (25 kilogramme) of chicken droppings which used to cost between one and two cedis in 2021, is now selling for 10 cedis in 2022. This is aggravated by rising weedicide prices, which have risen from 15 cedis in late 2021 to 50 cedis in 2022. “Farmers don’t know where to turn because of the high prices of fertiliser.”

Emmanuel Wullo Wullingdool, a consultant in agriculture and international trade, highlights the importance of farmers’ access to inputs and credit. “Farmers need to have access to contemporary equipment, farm implements that women can also use. Marketing, storage, and transportation are all things that government must make sure are in place.” He says that food security is a matter of national security.

Dasmani Laary is a journalist in Ghana.
laarygna@gmail.com

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Weltweit wichtiges landwirtschaftliches Erbe

26. Oktober 2022 - 9:40
Die FAO engagiert sich für ländliche Gemeinschaften mit engem Bezug zu deren natürlicher Umwelt

Das sind ländliche Ökosysteme, in denen lokale Gemeinschaften in enger Verbindung mit der Natur leben. Bislang wurden fast 70 solcher Gebiete in 22 Ländern offiziell anerkannt. Sie zeichnen sich durch besondere Kulturen, Agrarbiodiversität und Landschaften sowie uraltes, überlieferten Wissen aus.

Jahrhundertelang haben Generationen von Menschen, die Feldbau, Fischfang, Herdenhaltung und Forstwirtschaft betrieben, komplexe Produktionsweisen gepflegt, die den örtlichen Umweltbedingungen entsprechen und für basale Lebensgrundlagen sorgen. Sie erhielten zugleich die natürlichen Ressourcen, einschließlich der genetischen Vielfalt.

Anerkennung und der Schutz solcher Gebiete sind der Zweck des GIAHS-Programms. Das entspricht verschiedenen internationalen Abkommen wie der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD – Convention on Biological Diversity) oder dem internationalen Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Nahrung und Landwirtschaft (ITPGRFA – International Treaty on Plant Genetic Ressources for Food and Agricutlure). Auch nationalstaatliche Institutionen und internationale Organisationen müssen Verantwortung übernehmen.

Felder, Herden, Fische und Wälder

Ein GIAHS darf nicht als Museum missverstanden werden. Es ist kein unveränderliches UNESCO-Weltkulturerbe. Die örtlichen Gemeinschaften haben ihre Traditionen in kleinen Schritten immer weiter verbessert und müssen das auch weiter tun, wenn ihre Gebiete nicht ökologisch und ökonomisch verarmen sollen. Die Lebensfähigkeit ihrer Ökosysteme beruht auf der Fähigkeit der Menschen, sich neuen Herausforderungen zu stellen ohne natürliche Ressourcen, kulturelle Werte oder Produktionspotenzial zu opfern. Sie verdienen Unterstützung bei der Steigerung der Erträge von Feldern, Herden, Fischfang und Wäldern.

Es geht darum, Entwicklung und Bewahrung zu verbinden, was aber nicht immer kompatibel ist. Deshalb muss geprüft werden, was die biologische Vielfalt und das traditionelle Wissen beeinträchtigen kann. Die Produktivität muss wachsen, ohne dass eines von beidem leidet. Derweil sollten die Menschen bei der nachhaltigen Ressourcennutzung auch für den Erhalt von Ökosystemdienstleistungen bezahlt werden. Auch Ökotourismus und Ökolabel können sich finanziell auszahlen.

Auf nationaler und internationaler Ebene hat sich die Politik allzu lang auf industriell betriebene Landwirtschaft konzentriert (siehe Hauptessay). Tatsächlich überlebt ein GIAHS heute typischerweise in einer schwierigen Umwelt, in der diese gar nicht möglich ist. Allerdings stehen die ländlichen Gemeinschaften wegen Weltmarkttrends, Armut und Bevölkerungswachstum unter großem Druck. Schädlich ist auch fehlgeleitete Gesetzgebung – etwa durch gemeinschaftsschädliche Eigentumsrechte.

Das Ziel muss menschliche Entwicklung sein. Das traditionelle Wissen ist wichtig, weil Resilienz und Nachhaltigkeit auf ihm beruhen. Allzu oft bekommen aber traditionelle Institutionen nicht den Respekt, den sie verdienen.

Es geht um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit. Die Resilienz und Nachhaltigkeit jedes Agrarsystems hängen von seiner Vielfalt und der Anpassung an die Umwelt ab. Jedes GIAHS hat eine reiche und besondere biologische Vielfalt, und auch die genetische Diversität der einzelnen Spezies ist hoch. Die traditionellen Kulturen haben ganze Landschaften geprägt, gehen oft auf antike Zivilisationen zurück und sind mit den Ursprungsorten verbunden, wo bestimmte Pflanzen- und Tierarten zuerst gezüchtet wurden. Es ist wichtig, dass dies in der lebendigen Umwelt weiter geschieht, denn was in Genbanken gelagert ist, nimmt an der fortlaufenden Evolution nicht teil (siehe hierzu Melaku Worede auf www.dandc.eu).

Es gibt keine vorgestanzten Lösungen. Interventionen müssen den örtlichen Gegebenheiten entsprechen, und die dortigen Menschen müssen an den Entscheidungen beteiligt sein. Sie zu unterstützen, erfordert also viel Zeit, Geld und Pläne für dynamische Konservierung. Eingriffe müssen flexibel und experimentell angelegt sein.

Leider hat sich die FAO bisher mehr darauf konzentriert, die Zahl der registrierten GIAHS zu steigern, als die örtlichen Gemeinschaften zu fördern und für Aktionspläne zu sorgen. Wichtig ist zudem, der Weltöffentlichkeit klarzumachen, dass jedes GIAHS wegen seines Beitrags zum globalen Gemeinwohl geschützt werden muss.

Link
FAO: Das GIAHS-Programm.
https://www.fao.org/giahs/en/

Parviz Koohafkan ist Gründer und Vorsitzender der World Agricultural Heritage Foundation. Als Direktor der FAO (UN Food and Agriculture Organization) startete er vor 20 Jahren das Programm GIAHS (Globally Important Agricultural Heritage Systems).
parvizkoohafkan@gmail.com
https://worldagriculturalheritage.org/

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Vernachlässigtes, aber wichtiges landwirtschaftliches Erbe

25. Oktober 2022 - 16:29
Warum die Zukunft der menschlichen Zivilisation von verarmten Bauerngemeinschaften in abgelegenen ländlichen Gebieten abhängt

Traditionelle Landwirtschaft und Familienhöfe verdienen mehr Aufmerksamkeit. Die weltweite Ernährungssicherheit hängt von ihnen ab. Laut FAO (UN Food and Agri­culture Organization) erzeugten Farmen mit weniger als fünf Hektar 2014 mehr als 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit. Weil ohne kleinbäuerliche Gemeinschaften die UN-Ziele für Nachhaltige Entwicklung (SDGs – Sustainable Development Goals) unerreichbar bleiben, hängt die Zukunft der Menschheit von ihnen ab.

Traditionelle Familienbetriebe

  • produzieren eine große Bandbreite gesunder Lebensmittel,
  • sorgen für Beschäftigung, wo es wenig Arbeitsplätze gibt,
  • nutzen und pflegen die agrarische Biodiversität und
  • sind so gut an lokale Ökosysteme angepasst, dass sie deren Vorteile stärken.

Ihr althergebrachtes Wissen ist wertvoll, auch wenn manche Fachleute das nicht anerkennen. Tatsächlich beruhen aber moderne Agrarinnovationen auf diesen Kenntnissen. Wer Hochertragssorten züchtet, greift typischerweise auf das Genmaterial traditioneller Landsorten zurück.

Die Dorfgemeinschaften, um die es hier geht, sind meist sehr arm und gehören oft zu indigenen und anderen ausgegrenzten Gruppen. Es ist paradox: Extrem vernachlässigte Menschen halten existenziell wichtige Agrarsysteme aufrecht. Sie sollten dafür belohnt werden. Ihre Kultur darf jedenfalls auf keinen Fall unterdrückt oder verdrängt werden, sondern muss sich so weiterentwickeln, dass die Lebensqualität steigt.

Fehlgeleitete Modernisierungsbemühungen

Die Agrarpolitik folgt bislang einem falschen Modernitätsverständnis. Zu den Folgen des engen Fokus auf industriell betriebene Höfe mit möglichst hohen Erträgen gehören:

  • nichtnachhaltige Methoden,
  • übernutzte Ressourcen,
  • erodierende genetische Vielfalt,
  • degradierte Böden,
  • die Einfuhr exotischer Nutzpflanzen und -tiere,
  • verlorene Werte und Wissen,
  • sozioökonomische Unsicherheit und
  • Verdrängung marginalisierter Menschen.

So sind die Probleme der Menschheit nicht zu lösen. Ein anderes Konzept ist nötig (siehe Susanne Neubert auf www.dandc.eu).

Die traditionelle Landwirtschaft darf nicht geringgeschätzt werden. Sie sollte behutsam intensiviert werden. Dabei sollten Innovationen

  • Auswirkungen auf die Umwelt reduzieren,
  • zielgenau anwendbar sein und
  • Verschwendung in Verarbeitung, Transport und Vermarktung verringern.

In vielen Weltgegenden sind die Agrartraditionen kollabiert oder verschwunden – und zwar vor allem in den vermeintlich hoch entwickelten Ländern. Es werden aber immer noch Millionen von Hektar traditionell bewirtschaftet – auf Terrassenfeldern, erhöhten Äckern, mit Mischkulturen (mit mehreren Pflanzenarten auf demselben Stück Land), Agro-Forstwirtschaft et cetera. Diese resilienten Systeme wurden über Jahrhunderte kreativ und kontinuierlich weiterentwickelt, um Meschen Nahrung und Überleben zu sichern.

Politisch wurden sie lange vernachlässigt. Priorität hatte die Ertragsmaximierung durch Intensivierung, Spezialisierung, Technisierung und Preissubventionen. Wie bereits ausgeführt, hatte das hohe ökologische und soziale Kosten. Die ländliche Armut hat zugenommen und die Landflucht in städtische Slums angefeuert.

Erodierende Grundlagen

Kaum subventioniert wurden dagegen Kleinbetriebe mit Mischkulturen und mehreren Tierarten. Es gibt auch nicht viel Agrarforschung, die auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet wäre. Dementsprechend erodieren die Grundlagen alter ländlicher Kulturen und mit ihnen die von ihnen bewahrte biologische Vielfalt.

Um nachhaltige Landwirtschaftskonzepte zu entwickeln, sollte an inkrementell verbesserte Traditionen angeknüpft werden, dank derer die Landbevölkerung seit Jahrhunderten überlebt – und zwar sogar in ausgesprochen unfreundlichen Ökosystemen. Meist erfordern solche Agrarsysteme weder externen Input noch moderne Technik.

Die Menschheit braucht stimmige Agrarkonzepte, um Armut abzuschaffen (SDG1) und Hunger zu beenden (SDG2). Andere SDGs wie Klimaschutz (SDG13) oder Ökosystemerhalt (SDG15) sind auch wichtig. Landwirtschaft muss produktiv, umweltfreundlich, genetisch vielfältig und sozial gerecht sein. Diesen Ansprüchen genügen die Agrartraditionen, welche Menschen durch die Geschichte ernährt haben und auch heute noch Massen von Menschen in armen Regionen ernähren. Deshalb hat der Autor bei der FAO vor 20 Jahren das GIAHS-Programm gestartet. Das Kürzel steht für Globally Important Agricultural Heritage System (weltweit bedeutsame Agrarerbe-Systeme – siehe Kasten).

Nachhaltigkeit muss lokal erreicht werden. Folglich muss die Landwirtschaft den sozialen und ökologischen Bedingungen vor Ort entsprechen. Seit Langem bewährte Praktiken sollten nicht abgelegt, sondern behutsam verbessert werden. Das ist eine schwierige Aufgabe, weil es keine Blaupausen für alle Situationen geben kann. Schließlich ist jedes Ökosystem irgendwie besonders. Das bedeutet, dass Wissenschaft und traditionelle Praxis zusammenkommen müssen, wofür es viele Hürden zu überwinden gilt. Diese Einsicht ist eine Grundlage der neuen Disziplin Agrarökologie.

Perspektiven für die Jugend

Seit den 1980er Jahren wurden hunderte von agrarökologischen Projekten gestartet. Vorangetrieben haben sie kleinbäuerliche Verbände, visionäre Forschende und zivilgesellschaftliche Organisationen. In geringerem Maß waren auch Behörden beteiligt. Erfahrungsgemäß kann traditionelles Wissen die Forschung bereichern, und so lassen sich Erträge und Ernährungssicherheit verbessern. Sozioökonomisch wichtig ist obendrein, dass die junge Generation Perspektiven in den Dörfern erkennt. Denn sonst wandert sie ab, anstatt mit klugen Innovationen langfristige agrarische Erwerbstätigkeit zu ermöglichen.

Forschung für kleinbäuerliche Betriebe

Lokale Ernährungssouveränität ist wichtig. Sie beruht auf örtlicher Autonomie im Hinblick auf Produktion, Verarbeitung, Vermarktung und Verbrauch. Ländliche Familien brauchen Zugang zu Land, Saatgut, Wasser, technischen Mitteln und Energie. Bewährt haben sich bei der Versorgung mit diesen Dingen Netzwerke der Betroffenen.

Lokale Ernährungssouveränität bedeutet auch, dass die Höfe nicht auf die Zulieferung von Saatgut oder Agrarchemikalien von großen multinationalen Konzernen angewiesen sein dürfen. Oft drängen solche Unternehmen ihre Kundschaft in die Abhängigkeit von Innovationen, die zwar Profite und Ernteerträge steigern, aber nicht unbedingt dem Wohlstand ländlicher Familien dienen. Weltweit sollte sich die Agrarforschung auf die Interessen von Klein- und Familienbetrieben konzentrieren (siehe Hildegard Lingnau auf www.dandc.eu).

Historisch belegt ist, dass die Kleinlandwirtschaft wesentliche Beiträge dazu leistet,

  • Armut zu lindern,
  • Wachstum voranzutreiben,
  • Arbeit zu schaffen und
  • die Chancen ausgegrenzter Gemeinschaften zu verbessern.

Dafür muss die kleinbäuerliche Landwirtschaft politisch unterstützt und staatlich gefördert werden. Die ländliche Infrastruktur hat dabei eine zentrale Bedeutung. Die Politik sollte nie vergessen, dass kleine Höfe Nahrungsmittel für den örtlichen Bedarf produzieren, und zwar auf recht resiliente Weise. Zudem bilden sie ein soziales Sicherheitsnetz. Auch die Ernährungsvielfalt sollte bedacht werden. Denn die kluge Nutzung ökologischer Nischen durch den Anbau verschiedener Pflanzen und die Haltung mehrerer Tierarten stellt auf der lokalen Ebene eine nährstoffreiche Nahrungspalette bereit (siehe Rabson Kondowe auf www.dandc.eu). Eine bestimmte Nutzpflanze statt einer anderen zu kultivieren, kann Nährstoffmangel verhindern.

Ländliche Gemeinschaften haben sehr vielfältige Landsorten über viele Generationen hinweg gezüchtet – mit wichtigen Eigenschaften, die zu unterschiedlichsten Umweltbedingungen passen. Das macht sie zur wertvollen Grundlage für die Züchtung von Hochertragssorten (siehe Melaku Worede auf www.dandc.eu).

Ohne die pflanzengenetischen Ressourcen und das traditionelle Wissen marginalisierter und indigener Gemeinschaften ist globale Ernährungssicherheit nicht zu erreichen. Die Ernährungssicherheit dieser Gemeinschaften selbst hängt indessen von der graduellen Produktionssteigerung auf ihren Höfen ab.

Einige der ärmsten Menschen der Welt sorgen für den Erhalt wichtiger biologischer Ressourcen, sichern den Fortbestand von Ökosystemdienstleistungen und verstetigen kulturelle Kenntnisse. Ihre Lebensqualität zu steigern, ist der beste Weg, Hunger zu bekämpfen.

Parviz Koohafkan ist Gründer und Vorsitzender der World Agricultural Heritage Foundation. Als Direktor der FAO (UN Food and Agriculture Organization) startete er vor 20 Jahren das Programm GIAHS (Globally Important Agricultural Heritage Systems).
parvizkoohafkan@gmail.com
https://worldagriculturalheritage.org/

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