Sie sind hier

E+Z

Newsfeed E+Z abonnieren
Aktualisiert: vor 7 Stunden 26 Minuten

Verlorene Kindheit

15. Juli 2019 - 15:38
Filmemacher Talal Derki zeigt schonungslos, wie Kinder im zerstörten Syrien zu Gotteskriegern erzogen werden

„Ich habe den Vogel geschlachtet“, sagt der kleine Osama zu seinem Vater. „Wir haben seinen Kopf abgetrennt, wie du es bei dem Mann gemacht hast, Papa.“ Osama lebt mit seinem Vater Abu Osama, zwei Müttern und drei Brüdern in einem zerstörten Dorf im Nordwesten Syriens. Ob es noch Schwestern gibt, weiß man nicht. Die Frauen werden nie gezeigt. Der Film gehört ganz Abu Osama, einem der Gründer von Al Nusra – einem syrischen Arm von Al Kaida –, und seinen Söhnen. Der Jüngste ist etwa zwei Jahre alt und soll schon Koranverse nachsingen. Die beiden mittleren Söhne eifern dem großen Bruder Osama nach. Er ist 12 Jahre alt und bald bereit für den Dschihad.

Der Regisseur Talal Derki kehrte für die Dokumentation in seine Heimat Syrien zurück und gewann das Vertrauen der Familie. Er gab sich als Kriegsfotograf aus, der mit den Islamisten sympathisiert. Zusammen mit seinem Kameramann verbrachte er mehr als 300 Tage mit der Familie. Abu Osama glaubt fest an ein Kalifat, eine islamische Gesellschaft unter den Gesetzen der Scharia. So erzieht er auch seine Söhne. Der Film zeigt geduldig dokumentarisch mal die zärtliche, mal die harte Hand des Vaters.

Während Abu Osama Minen ausgräbt, sind die Kinder unter sich, ohne Spielzeug, ohne Fernsehen, abgeschottet von allen äußeren Einflüssen. Zerstörte Panzer und Ruinen sind ihr Spielplatz. Sie bauen sich Bomben aus harmlosen Chemikalien. Der Kriegsschauplatz bespielt ihre Fantasie. An einem heißen Tag plantschen sie in einer Betongrube voll Wasser. Beim Absprung schreit Osama: „Operation Befreiung Schwimmbecken!“

Manchmal dürfen sie mit dem Vater im Auto mitfahren, etwa für einen Ausflug zur ehemaligen Front. Als sie aussteigen, warnt sie Abu Osama vor den Minen im Boden. Damit hat er Erfahrung. Er ist Experte für Autobombenanschläge und Minenräumungen. Völlig furchtlos gräbt er die Minen aus und entfernt die Zünder. Das wird ihm zum Verhängnis. Eine Mine explodiert und reißt ihm den linken Fuß ab.

Während sich der Vater zu Hause langsam erholt, kommen die zwei ältesten Söhne ins Trainingscamp. Dort werden die Kinder für den bewaffneten Kampf in der Al Nusra vorbereitet. Die folgenden Bilder sind wirklich schockierend. Vermummt und in Militäruniform springen die Jungen durch brennende Reifen und üben Bodengefechte. Sie robben unter Stacheldrahtzaun hindurch, während die Ausbilder neben ihre Köpfe und Füße schießen. Nach dem zweiten Trainingscamp wird Osama in den Kampf geschickt. Hier trennen sich die Wege des Regisseurs und der Familie.

Bis auf einen Prolog und Epilog kommt der Film mit wenig Erklärungen aus. Der Autor ist Beobachter, kein Fragesteller. Die Protagonisten erzählen spontan. So bleiben aber auch viele Fragen offen. Welche Rolle spielen die Frauen, wo und um was wird gerade gekämpft, und wie funktioniert das Leben im zerstörten Dorf?

Offenbar ist das die bewusste Entscheidung des Autors, um die Echtheit der Situationen zu bewahren. Mit teils wackelnder Kamera und langen Einstellungen schafft er ein vertrautes Verhältnis zwischen dem Zuschauer und den Protagonisten – manchmal fast zu vertraut. Man kann sicher über die filmische Methode diskutieren, die die Kinder der Öffentlichkeit so ausliefert.

Aber es geht auch um Talal Derki selbst. Er wurde in Damaskus geboren und lebt seit 2014 mit seiner Familie in Berlin. Seine zweite Langregie ist seine ganz persönliche Suche nach Antworten auf die verworrene Situation in seiner Heimat und die Frage, warum sich Menschen radikalisieren und nach den Regeln des sogenannten Islamischen Staates leben. Wenn auch die Dokumentation dafür keine Erklärung hat, zeigt sie doch ganz klar: Die Kinder hatten nie eine Chance, sich frei zu entscheiden.

Film
Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats, 2017, Syrien, Deutschland, Libanon, Regisseur: Talal Derki.

Kategorien: Ticker

Gewalt entgegenwirken

15. Juli 2019 - 15:14
Um Gewalt wirksam zu verhindern, müssen die Geschlechterrollen verändert werden

Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts, sondern das Individuum erlernt sie – wie vieles andere auch – im Sozialisierungsprozess. Der Psychologe Philip G. Zimbardo definiert „Sozialisierung als lebenslanges Erlernen und individuelles Reproduzieren von gesellschaftlich akzeptierten Verhaltensmustern, Werten und Normen“. Aus diesem Grund muss Gewaltprävention schon beim Sozialisierungsprozess ansetzen.

Bei jeglichem Sozialisierungsprozess, der gewalttätige Individuen oder Gemeinschaften hervorbringt, spielt der Gender­aspekt eine bedeutsame Rolle. In der Frauen- und Geschlechterforschung gilt es als Konsens, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion ist. Laut der Genderforscherin Judith Lorber ist die Genderkonstruktion eine „soziale Institution“, die auf drei strukturellen Prinzipien beruht:

  1. Menschen werden in zwei soziale Gruppen unterteilt: Männer und Frauen.
  2. Es werden wahrnehmbare Unterschiede zwischen ihnen konstruiert und
  3. die Geschlechter werden unterschiedlich behandelt, was durch sozial erzeugte Unterschiede legitimiert wird.

Sozialisierung findet in der Familie statt sowie in gesellschaftlichen Institutionen wie Schule, Staat, Medien und Kirche. In den meisten Gesellschaften ist dieser Prozess durch das Patriarchat beeinflusst, eine Gesellschaftsordnung, in der der Mann eine bevorzugte Stellung innehat. Das System beruht also auf einer ungleichen Machtbeziehung zwischen Mann und Frau.

Hierbei werden der weiblichen Rolle Merkmale wie Empathiefähigkeit, Gefühl, Hingabe und Selbstlosigkeit zugewiesen, der männlichen Rolle hingegen Merkmale wie Überlegenheitsgefühle, Dominanz und Abwertung der Frau. Die Verinnerlichung dieser Rollen beeinflusst das Selbstbewusstsein der Frauen negativ und führt zu einer Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten. Dadurch, dass diese klischeehaften Geschlechterrollen reproduziert werden, können Männer eigene und Bedürfnisse und Gefühle anderer, wie Trauer, Angst oder Scham, nur erschwert wahrnehmen und konstruktiv kommunizieren.

Laut soziologischer Forschung ist es Teil der hegemonialen, männlichen Rolle, strukturelle und individuelle Gewalt zu nutzen – auch wenn die Nutzung in der Wechselwirkung mit anderen „Identitäten“ wie Klasse, Ethnie, Religion, Region und im historischen Kontext variiert.

Männlichkeit und Gewalt

Studien des UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime – Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung) zeigen, dass Männer „sehr viel häufiger als Frauen sowohl Täter als auch Opfer verschiedener Formen zwischenmenschlicher Gewalt“ sind: Zu 95 Prozent sind Männer die Täter bei gewalttätigen Morden und sind 81 Prozent der Opfer bei gewaltsamem Tod.

Auch wenn Frauen und Mädchen eine weitaus kleinere Zahl an Mordopfern darstellen, sind Frauen und Mädchen weltweit überproportional Opfer von geschlechtsspezifischen Formen von Gewalt, angefangen von häuslicher Gewalt bis hin zu Femiziden: 2017 starben laut UNODC jeden Tag 137 Frauen und Mädchen aufgrund von Gewalt durch Familienangehörige oder dem Partner.

Abhängig von der Weltregion werden zwischen ein und zwei Drittel der Frauen (im Falle Boliviens: 75 Prozent) zu einem Zeitpunkt ihres Lebens „Opfer physischer und/oder sexualisierter Gewalt“, erklärt die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Wie die Geschlechterrollen definiert und erlernt werden, ist ein zentraler Aspekt der Entstehung von Gewalt. Gewaltprävention, ohne die Genderkonstruktion kritisch zu analysieren, kann daher nur eine begrenzte Wirkung haben.

Stärkung von Frauen und Jugend­lichen

Die Nichtregierungsorganisation „Centro Juana Azurduy“ (CJA) in Sucre, Bolivien, widmet sich schon seit fast 30 Jahren der Stärkung von Frauenrechten sowie der Prävention und Strafverfolgung genderbasierter Gewalt. „In Bolivien gibt es eine stark polarisierte Geschlechterrollenzuschreibung, die im Alltag deutlich wird“, erklärt Martha Noya, Direktorin des Zentrums Juana Azurduy. Männer hätten strukturelle Privilegien und Gewalt werde idealisiert. Sie nutzten häufig Gewalt als erstes Mittel in Konfliktsituationen – im häuslichen Umfeld oder auch in anderen Situationen. CJA-Mitarbeiterin Lila Carrasco erklärt, dass Gewalt in familiären Beziehungen und in der bolivianischen Gesellschaft generell selbstverständlich sei.

Martha Noya hebt hervor, dass es essenziell sei, bei der Analyse von Gewalt und Konflikt unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen. In den sozialen Bewegungen des Landes fehlte das Bewusstsein für eine Genderperspektive. Konflikte würden fast ausschließlich aus Sicht von Klasse und Ethnie betrachtet. Dennoch haben Frauenrechtlerinnen schon etwas bewirkt.

Das CJA bemüht sich, angesichts der patriarchalen Struktur des bolivianischen Staates die gleichberechtigte Teilhabe der Frauen in gesellschaftspolitischen Prozessen zu stärken. Dass mittlerweile 51 Prozent aller gewählten politischen Ämter von Frauen besetzt werden, sieht Gretel Lambertin, Leiterin der Lobby- und Advocacyarbeit des CJA, als „Ergebnis eines langen und harten Kampfes der Frauenbewegung“, das „einen überaus wichtigen Fortschritt“ zeige.

Gleichberechtigte Strukturen sind auch innerhalb politischer Organisationen und Parteien notwendig, um politische Maßnahmen umsetzen zu können, die Gewalt vorbeugen und bestrafen. Eine Strategie ist, das Wissen und die Fähigkeiten von Frauen zu stärken, damit sie in politischen Ämtern eine feministische Perspektive einnehmen können. Das CJA führt dazu Kurse in einer Schule für Führungsbildung durch, die im Departement Chuquisaca einmalig sind. Die Ausbildung beinhaltet, Genderrollen der patriarchalen bolivianischen Gesellschaft zu de- und rekonstruieren, das Selbstbewusstsein und die Kommunikationsfähigkeiten der Teilnehmerinnen zu stärken, Wissen über gesellschaftspolitische Prozesse und die bolivianische Geschichte zu vermitteln und Einstellungen und Kapazitäten zu fördern, mit Konflikten konstruktiv und gewaltfrei umzugehen.

Das CJA verfügt ebenfalls über langjährige Erfahrung in der Gewaltvorbeugung bei Kindern. Das Projekt „Super-Verteidi­gerInnen“ („Super Defensores“) basiert auf einem Bildungskonzept, bei dem Kinder sich gegenseitig über ihre Rechte und körperliche Selbstbestimmung aufklären. So lernen sie, Genderklischees zu verstehen und Gewalt in der Schule vorzubeugen. Das Projekt bildete über einen Zeitraum von 14 Jahren mehr als 50 000 Kinder fort.

Negativer Einfluss sozialer Medien

Wie überall übernehmen auch in Bolivien soziale Medien eine immer größere Rolle im Prozess der Gendersozialisierung. Ana Lilian Ortega vom CJA ist Journalistin und Leiterin des Radiosenders des CJA „Radio Encuentro“. Sie ist der Ansicht, dass die meisten bolivianischen Medien „gewalttätige, rassistische und frauenfeindliche Botschaften“ vermitteln und dass die „Berichterstattung über Femizide und andere Gendergewalt de facto zu mehr Gewalt“ führt. Deswegen sei es notwendig, nicht nur eine „bewusste und kritische Nutzung der Medien unter den Jugendlichen zu stärken“, meint Ortega, sondern auch dieser Art von Berichterstattung nichtgewalttätige Alternativen entgegenzusetzen.

Um dies zu erreichen, wandelt das CJA jetzt sein Radio in einem strategischen Prozess zu einem Multimedia-Format um: Es nutzt nun auch soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram, um Inhalte zu vermitteln. Des Weiteren fördert es die Teilhabe der Jugendlichen als Protagonisten im Programm und in der Interaktion mit den verschiedenen Plattformen. Die Jugendlichen sind an der Entwicklung des Programms über Themen wie Partnerschaften, sexuelle Beziehungen und rassistische oder sexistische Diskriminierung beteiligt, mit dem Ziel, „Reflexionsprozesse beim Publikum auszulösen“, erzählt Ortega.

Aus den konzeptuellen Debatten und Forschungen sowie der 30-jährigen Erfahrung des Zentrums können folgende Schlüsse gezogen werden:

  • Jegliche Maßnahme zur Gewaltvorbeugung muss den jeweils spezifischen Bedürfnissen der Kinder, Männer und Frauen entsprechen.
  • Um mit Frauen und Mädchen zu arbeiten, muss der Schwerpunkt darauf liegen, Diskriminierung zu überwinden. Sie müssen über ihre Rechte informiert werden, um so ihr Selbstbewusstsein zu stärken – und somit die Fähigkeit erhalten, ungerechte Machtstrukturen in Frage zu stellen und zu verändern.
  • Die Arbeit mit Jungen und Männern sollte darauf zielen, ihre nicht verdienten Privilegien und ihre Macht zu erkennen und sie darin zu unterstützen, Formen von Männlichkeit zu leben, die auf Gleichberechtigung, Wertschätzung und Gewaltfreiheit basieren.

Britta Wiemers ist Friedens- und Konfliktwissenschaftlerin und arbeitet als Fachkraft des Weltfriedensdienst e.V. beim Centro Juana Azurduy im Projekt „Frauen setzen auf eine Kultur des Friedens“ im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes.
wiemers@wfd.de
Weltfriedensdienst e.V.:
https://wfd.de/

Henry Cervantes ist klinischer Psychologe und arbeitet im Centro Juana Azurduy in einem Interventionsprojekt mit männlichen Tätern, um den Kreislauf häuslicher Gewalt zu durchbrechen.
hcervantes@centrojuanaazurduy.org

Links
„Centro Juana Azurduy“ (CJA):
http://centrojuanaazurduy.org/
https://www.facebook.com/Centro-Juana-Azurduy-Bolivia-269393446440891/
 

Kategorien: Ticker

Bessere Bildung und Qualifizierung

15. Juli 2019 - 14:34
Mehr Bildung ist entscheidend um weniger informelle und mehr formelle Arbeitsverhältnisse zu schaffen

Weltweit arbeiten etwa 2 Milliarden Menschen in der informellen Wirtschaft, das sind mehr als 61 Prozent aller Erwerbstätigen. In Südasien und in Subsahara-Afrika hingegen sind es jeweils weit über 80 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Zum Vergleich: In den Industriestaaten beträgt der Anteil der informell Beschäftigten an der Gesamtbeschäftigung nur rund 18 Prozent.

Besonders häufig finden marginalisierte und bildungsferne Gruppen keine formelle Anstellung. Für sie bietet informelle Beschäftigung oftmals die einzige Möglichkeit, ein Einkommen zu erwirtschaften. Damit sichert die informelle Wirtschaft denen eine Existenzgrundlage und ein Überleben, für die keine formelle Arbeit verfügbar ist oder die keinen Zugang dazu haben. Darüber hinaus ist die informelle Wirtschaft für viele Jugendliche und junge Erwachsene, die über keine formelle Schul- und Berufsbildung verfügen, die einzige Möglichkeit, Arbeits­erfahrung und Kompetenzen zu erlangen.

Die informelle Wirtschaft birgt jedoch individuelle und gesamtgesellschaftliche Probleme. So sind informell Beschäftigte besonders armutsgefährdet. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Häufig ist die Produktivität in informellen Betrieben aufgrund des niedrigeren Ausbildungsniveaus und unzureichendem Zugang zu Kapital gering. In der Folge ist auch der Verdienst in informellen Jobs im Durchschnitt geringer und unsicherer als in formeller Arbeit. Weiterhin müssen sich informell Beschäftigte selbst gegen allgemeine Lebensrisiken wie Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit absichern, da sie keine soziale Absicherung durch den Arbeitgeber haben.

Dem Staat entgehen durch Informalität Steuereinnahmen, die gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern für die Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen dringend benötigt werden. Zudem sind die Möglichkeiten der staatlichen Kontrolle und Regulierung der informellen Wirtschaft begrenzt. Die Einhaltung arbeitsrechtlicher Standards („decent work“) kann daher nicht hinreichend gewährleistet werden (siehe Schwerpunkt „Formelle und informelle Arbeit“ im E+Z/D+C e-Paper 2017/10).

Global betrachtet, gehen mehr Männer als Frauen einer informellen Beschäftigung nach. In Entwicklungs- und Schwellenländern kehrt sich dieses Bild jedoch um. Gerade in Subsahara-Afrika sind Frauen überproportional häufig informell beschäftigt und finden sich oft in besonders prekären Arbeitsverhältnissen wieder. So arbeiten sie etwa als Hausangestellte oder als unbezahlt mitarbeitende Familienangehörige. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Mitunter spielen kulturelle Faktoren eine Rolle, die die freie Arbeitssuche von Frauen einschränken. Aber auch der ungleiche Zugang von Frauen und Mädchen zu Bildung und beruflicher Bildung sind von Bedeutung.

Von informeller zu formeller Arbeit

Entscheidende Faktoren, die einen Übergang von informeller zu formeller Beschäftigung erleichtern, sind zweifelsfrei Bildung und berufliche Bildung. Denn mit steigendem Bildungsniveau sinkt die Wahrscheinlichkeit, informell beschäftigt zu sein. Dieser Zusammenhang von Bildung und informeller Beschäftigung konnte durch mehrere Studien in allen Weltregionen nachgewiesen werden. Während weltweit über 90 Prozent aller Erwachsenen ohne formalen Bildungsabschluss einer informellen Arbeit nachgehen, betrifft das nur rund die Hälfte der Menschen mit Bildungsabschluss auf Sekundarniveau.

Verbesserte berufliche Kompetenzen steigern die Produktivität der informellen Betriebe sowie die Qualität von Dienstleistungen und Produkten. Dadurch kann Berufsbildung dazu beitragen, den Weg in die Formalität für Unternehmen zu ebnen. Weiterhin dient eine formale berufliche Qualifikation als Nachweis über Kompetenzen und Fähigkeiten und erhöht die Attraktivität für den formellen Arbeitsmarkt. Auch eine Teilnahme an weiteren Qualifizierungs- und Bildungsangeboten wird somit möglich.

Um mit beruflicher Bildung auch informell Beschäftigte zu erreichen, müssen für sie Angebote des öffentlichen Berufsbildungssystems zugänglich gemacht werden. Ausbildungszentren und Berufsschulen haben oft hohe Zugangsbarrieren, etwa Bildungsvoraussetzungen und Ausbildungsgebühren.

Ein weiteres Problem stellen die indirekten Kosten dar: Informell Beschäftigte können sich eine Vollzeitausbildung aufgrund der dadurch entstehenden Verdienstausfälle meist nicht leisten. Damit diese dennoch von Ausbildungseinrichtungen profitieren können, müssen diese Zugangsbarrieren abbauen und Angebote an die Bedürfnisse des informellen Sektors anpassen. Eine Möglichkeit sind Kurzzeit- oder Abendkurse, die nebenberuflich absolviert werden können und die den Vorkenntnissen und dem Qualifizierungsbedarf der Zielgruppe entsprechen.

Besonders für Frauen, die häufig neben ihren beruflichen Pflichten Arbeiten in der Familie übernehmen, haben flexible, non-formale Trainingsangebote ein armutsminderndes Potenzial.

Eine weitere Möglichkeit, berufliche Bildung inklusiver zu gestalten, besteht darin, die existierenden Lehrlingsausbildungen aufzuwerten. Die traditionelle Lehrlingsausbildung ist eine gesellschaftlich anerkannte und kulturell eingebettete Ausbildungsform in informellen Klein- und Kleinstunternehmen. Dabei arbeiten Lehrlinge an der Seite von erfahrenen Meisterinnen und Meistern und erlernen so die Grundlagen des jeweiligen Berufs.

Besonders in Subsahara-Afrika ist diese Form der Ausbildung weit verbreitet und teilweise sogar von größerer Relevanz als das öffentliche Berufsbildungssystem. Vor allem für Jugendliche aus benachteiligten Schichten bietet sie einen Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung. Diese bestehenden traditionellen Ausbildungssysteme zu fördern und anzuerkennen ist eine kostengünstige und effiziente Möglichkeit, Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Um die Lehrlingsausbildung an moderne Bedürfnisse anzupassen, kann etwa eine begleitende Teilnahme der Auszubildenden am Berufsschulunterricht sinnvoll sein.

Durch eine Anbindung an öffentliche Berufsbildungseinrichtungen profitieren Lehrlinge auch von der Vergabe formaler Abschlusszertifikate. Weiterhin trägt eine systematische Weiterbildung von Meisterinnen und Meistern des informellen Sektors zu einer Steigerung der Qualität von Lehrlingsausbildungen bei. Nach Möglichkeit sollte bei der Verbesserung der Lehrlingsausbildung eng mit lokalen Verbänden und Zusammenschlüssen der informellen Wirtschaft zusammengearbeitet werden. Damit Frauen ebenfalls Zugang zur traditionellen Lehrlingsausbildung bekommen, sollte auf gleichberechtigte Vergabe der Plätze geachtet werden.

Weiterhin können die Chancen von informell Beschäftigten durch die formale Anerkennung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen verbessert werden. In der Regel verfügen Menschen, die in der informellen Wirtschaft tätig sind, über ausgeprägtes Erfahrungswissen und praktische Fähigkeiten. Öffentliche Berufsausbilder sollten dies überprüfen und zertifizieren, um die Kompetenzen sichtbar zu machen. Dadurch wird nicht nur das Selbstbewusstsein der Beschäftigten gestärkt, sondern sie erhalten auch einen Nachweis ihrer Qualifikation und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Fabian Jacobs hat als Autor am „Toolkit Lernen und Arbeiten in der informellen Wirtschaft“ der GIZ mitgewirkt. Das Toolkit gibt einen Überblick über berufliche Bildung in der informellen Wirtschaft und stellt erprobte Ansätze aus der Praxis dar.
fabian-jacobs@hotmail.de

 

Kategorien: Ticker

Der Wert von 158 Sorten Blumenkohl

15. Juli 2019 - 14:04
Dokumentarfilm führt massiven Verlust essbarer Pflanzen vor Augen

Über Artenschwund wird viel geredet: dass Insekten massenhaft sterben, dass viele Tierarten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt wurden, dass der Klimawandel Lebensräume zerstört. Doch die wenigsten Menschen dürften wissen, dass auch unser Saatgut und damit die wichtigste Grundlage unserer Ernährung verloren geht: Mehr als 90 Prozent aller Sorten von Getreide, Gemüse und anderen Feldfrüchten sind bereits verschwunden. Viele von ihnen wurden über tausende von Jahren immer weitergegeben, bis sie in der industrialisierten Landwirtschaft keinen Platz mehr hatten.

Wie viele Sorten Kohlrabi kennen Sie? Es gab mal 55, heute sind es noch drei. Artischocken kommen in gerade mal zwei Varianten daher – von einst 34. Und die Anzahl der Blumenkohlsorten ist von unvorstellbaren 158 auf acht geschrumpft. Die Zahlen stammen aus dem Film „Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen“, in dem die US-Dokumentarfilmer Taggart Siegel und Jon Betz eine Idee von dem unschätzbaren Wert unserer Kulturpflanzen vermitteln. Sie machen den enormen Verlust deutlich und erzählen die Geschichte von Menschen, die dafür kämpfen, die noch verbliebene Vielfalt zu bewahren: Indigene, Wissenschaftler und Aktivisten aus aller Welt.

Meine spontane Reaktion war: Wer braucht schon 158 Sorten Blumenkohl? Dass die noch existenten Sorten zu großen Teilen – nach der Übernahme von Monsanto – Bayer gehören, gibt mir allerdings zu denken, erst recht, wenn ich lese, worauf dieses Unternehmen bei der Zucht Wert legt. So bleibt etwa die jüngste Blumenkohl-Innovation „Curdivex“ übrig – sie ist schön weiß (verkauft sich besser) und ist leicht zu ernten (gut für den Landwirt). Generell gewinnen die Sorten, die viel Ertrag bringen und massentauglich sind. Resistenz gegen Schädlinge und lange Haltbarkeit sind ebenfalls wichtige Kriterien. Doch in Zeiten des Klimawandels werden plötzlich auch wieder Sorten wichtig, die Dürre gut vertragen können oder große Feuchtigkeit, die vielleicht weniger Ertrag bringen, dafür aber robust sind oder besonders anpassungsfähig. Früher schätzten die Bauern solche Eigenschaften. Aber heute entscheiden sie in der Regel nicht mehr selbst, welche Sorten auf den Acker kommen. Den Markt bestimmen andere.

Es überrascht nicht, dass die globalen Biotech-Konzerne in dem Film den schwarzen Peter haben. Ihnen werden Gentechnik und ausufernder Chemieeinsatz angekreidet, vor allem aber die Zerstörung der landwirtschaftlichen Produktionsweisen und Lebensgrundlagen mit nicht vermehrungsfähigen Hybridzüchtungen. Die Bauern können dieses Saatgut nicht selbst vermehren, sondern müssen es jedes Jahr neu kaufen. In Indien zum Beispiel konnten sich das viele nicht leisten, so verarmten sie und verzweifelten. Eine Welle von Selbstmorden war die Folge, wie der Film eindrücklich zeigt.

Dass nur noch ein Bruchteil der essbaren Pflanzen, die es auf der Welt gibt, genutzt werden, birgt Gefahren für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung unter zunehmend schwierigen Bedingungen – Stichwort Klimawandel, Wassermangel, Bodenschwund. Die Hüter der Saaten, die im Film zu Wort kommen, beschreiben die Schwierigkeit ihrer Arbeit. Samen halten nicht ewig, sie müssen immer mal wieder ausgesät werden. Bei tausenden Sorten ist das eine Herausforderung. Zudem sind Samenbanken keine unverwüstlichen Festungen. Der Film nennt das Beispiel Irak, wo die US-Amerikaner im Golfkrieg der 90er Jahre bewusst die nationale Samenbank zerstört und damit einzigartige Sorten aus der Wiege der Landwirtschaft unwiederbringlich ausgelöscht hätten. Die größte und wichtigste Samenbank der Welt ist die Svalbard Global Seed Vault im norwegischen Spitzbergen. Aber zum einen lagern nicht alle Kulturpflanzen dort, und zum anderen ist nicht sicher, wie lange der Permafrost sie noch konservieren wird.

Somit ist der Appell des Films an sein Publikum, das Thema ernst zu nehmen und Saatgut zu schützen, mit Sicherheit berechtigt. Was ich dagegen tun kann, dass mein Supermarkt nur eine Sorte Blumenkohl führt, ist mir allerdings nicht klar geworden.

Film
Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen, 2016, USA, Regisseure: Taggart Siegel, Jon Betz.

Kategorien: Ticker

Kriminelle Mädchen

15. Juli 2019 - 13:46
Kriminelle Banden in Bangladesch und China haben ähnliche Geschlechterstrukturen

Bangladesch und China sind auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Länder. Nach Weltbank-Kriterien hat China eine sehr große wohlhabende Mittelschicht. Bangladesch ist dagegen nach UN-Angaben das größte am wenigsten entwickelteste Land weltweit. Chinas Kultur ist durch den Konfuzianismus geprägt, Bangladesch ist ein mehrheitlich muslimisches Land. Während der Kolonialzeit war Bangladesch ein Teil von Britisch-Indien. China war immer unabhängig, obwohl imperiale Mächte das Land im 19. und 20. Jahrhundert ausbeuteten.

Aber es gibt auch Ähnlichkeiten. In den 1970er Jahren durchliefen beide Länder einen großen Wandel. Nach einem blutigen Befreiungskrieg erklärte sich Bangladesch 1971 unabhängig von Pakistan. 1976 endete in China das restriktive Regime von Mao Zedong und seine Kulturrevolution. Aktuell ist in beiden Ländern organisiertes Verbrechen weit verbreitet.

In Bangladesch führen sogenannte Mastaans kriminelle Klans an. Diese Gruppen agieren nicht selten in Absprache mit staatlichen Behörden. Sie bieten Straßenkindern und Jugendlichen aus den Slums der Hauptstadt Dhaka Schutz. Auch in China arbeiten kriminelle Gangs mit korrupten Politikern und Polizisten zusammen und sichern ihren Mitgliedern halbkriminelle Existenzen.

In beiden Ländern gibt es besonders viele arme Kinder. Millionen von ihnen leben auf der Straße oder in Slums. Straßenkinder zählen zu den größten sozialen Problemen sowohl in China als auch in Bangladesch. In China sind es meist Kinder, die auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt ziehen, wo sie dann keine Chance bekommen, sich formal zu registrieren. Viele von ihnen landen in Gangs.

Es ist wichtig, die Geschlechterrollen in kriminellen Banden zu analysieren. Unsere Forschung konzentrierte sich auf Dhaka und verschiedene Orte auf dem chinesischen Festland. In beiden Ländern sind die Strukturen ähnlich. Üblicherweise bestehen die Gangs aus Männern, ihre Bosse sind männlich. Wir konnten nur eine weibliche Anführerin identifizieren, die Ehefrau eines Mastaans, die die Geschäfte ihres Mannes übernommen hatte.

In Bangladesch sind es Jungen und junge Männer, die sich in den unteren Rängen krimineller Gruppen verdingen. Sie erledigen die Aufgaben, zum Beispiel Gewaltverbrechen auf der Straße, die ich als „illegale Arbeit“ bezeichne. Sie scheuen diese gefährliche „Arbeit“ nicht, weil sie keine andere Alternative für sich sehen (siehe meinen Beitrag im E+Z/D+C e-Paper 2018/04, Schwerpunkt).

Mädchen in kriminellen Gangs müssen mit aller Wahrscheinlichkeit als Zwangsprostituierte arbeiten. Mit ihrer Arbeit unterstützen sie die Jungen und Männer der Banden und die breiteren Aktivitäten der Gangs.

Ein chinesischer Sozialarbeiter beschrieb die Situation von Straßenkindern in Südchina so: „Sie sind aufgrund ihrer geringen Bildung viel anfälliger dafür, kriminell zu werden.“ Viele Mädchen arbeiteten als Prostituierte, nachdem sie die Schule abgebrochen haben. Es sei nicht ungewöhnlich, dass auch ihre Mütter in der Sexbranche arbeiten. Der Sozialarbeiter berichtete auch, dass sich Teenager oft gemeinsam eine günstige Unterkunft mieteten. „Die Mädchen gehen anschaffen, und die Jungen klauen und arbeiten für ältere Bosse.“ Ähnliche Muster kann man auch in Bangladesch beobachten.

Die Polizei täuschen

Gangs in Bangladesch setzen Mädchen allerdings auch anders ein. In den Mastaan-Klans nehmen Frauen und Mädchen zunehmend wichtigere Rollen ein, weil sie den Behörden weniger verdächtig erscheinen. Ein junger Informant berichtete uns, die Mastaans wüssten genau, dass die Polizei Jungen viel häufiger kontrolliere als Mädchen. Deshalb drängten sie die Mädchen dazu, Drogen zu verkaufen, zu klauen oder andere Gangs auszuspionieren.

Ein anderer Informant erklärte, warum: „Wenn die Polizei ein Mädchen mit Drogen erwischt, ist ihre Chance viel höher, laufengelassen zu werden.“ Sie versuche dann die Polizisten davon zu überzeugen, dass sie ein braves Mädchen sei. „Selbst wenn die Polizei ihr nicht glaubt, wird ihr auf der Polizeistation eher ein Anwalt zur Verfügung gestellt als einem Jungen.“ Daraus lässt sich schließen, dass Mädchen seltener strafrechtlich verfolgt werden, und es offenbart zugleich die vorherrschenden Geschlechter-Klischees in Bangladesch.

Häufig geht es beim Dealen um die Droge Yaba, eine Mischung aus Methamphetamin und Koffein. In Bangladesch ist sie verboten, aber sehr beliebt. Bandenmitglieder berichten, dass kriminelle Gruppen zunehmend weibliche Drogendealer rekrutierten, um so strafrechtliche Verfolgung zu vermeiden. Das wirft die interessante Frage auf, ob die heutigen Dealerinnen die künftigen Drogenbaroninnen der Straße werden?

Weibliche Menschenhändler

Frauen spielen auch beim Menschenhandel und bei Entführungen eine wichtige Rolle. „Üblicherweise entführt eine ältere Frau ein junges Mädchen, um es im In- oder Ausland weiterzuverkaufen“, sagte ein Gangmitglied in Bangladesch. Für Frauen sei es leichter, das Vertrauen eines Mädchens zu gewinnen, als für Männer. Viel zu oft werden junge Frauen zur Zwangsarbeit oder Prostitution gezwungen.

Wissenschaftler in China kommen zu ähnlichen Erkenntnissen. Junge Frauen mit Migrationshintergrund sind häufig Ziel der Menschenhändler. Sie werden in die Sexbranche oder in schlecht bezahlte Jobs gezwungen, etwa in Schönheitssalons oder Karaoke-Bars. „Ältere Frauen drängen die Mädchen in die Prostitution“, sagte ein Sozialarbeiter. Frauen sind also gleichzeitig Täterinnen und Opfer bei geschlechtsspezifischen Verbrechen.

Grundsätzlich sind organisierte kriminelle Banden noch zu wenig erforscht. Mafiastrukturen sind zwangsläufig intransparent und deshalb schwierig zu verstehen. Vergleichsstudien können hier wichtige Erkenntnisse liefern. Das zeigen die Ähnlichkeiten der Gangs in den zwei scheinbar sehr verschiedenen Ländern China und Bangladesch. Die Rolle von Männern und Frauen in kriminellen Gruppen sollte weiter untersuchen werden, wie auch die Gründe, die junge Menschen in die niederen Ränge der Banden treiben, sei es als Opfer oder als Täterinnen und Täter.

Genauso wichtig ist es, die betroffenen Kinder und Jugendlichen direkt zu befragen. Ihre Berichte können uns dabei helfen, ihre Rolle in organisierten Verbrechen besser zu verstehen. Erkenntnisse über die Geschlechterrollen sind wichtig, um die Gewalttaten der Gangs und ihre Ausbeutung von Kindern effektiver zu bekämpfen. Man darf hier nicht vergessen: Junge Täterinnen und Täter, die sich schwerer Verbrechen schuldig machen, sind auch Opfer.

Sally Atkinson-Sheppard ist Kriminologin und internationale Beraterin. Sie hat Feldforschungen in Bangladesch und Festlandchina betrieben und mit ihrer Arbeit über die Beteiligung von Kindern an organisierten Verbrechen in Dhaka ihren Doktortitel am King’s College in London erworben.
sallyatkinsonsheppard@gmail.com

Literatur

Atkinson-Sheppard, S., and Hayward, H., 2018: Conceptual similarities; distinct difference: Exploring ‘the gang’ in Mainland China. In: British Journal of Criminology. doi:10.1093/bjc/azy051.

Atkinson-Sheppard, S., 2017: Street children and ‘protective agency’: exploring young people’s involvement in organised crime in Dhaka, Bangladesh. In: Childhood. Volume 24 (3):1-14.
 

Kategorien: Ticker

Selbstgemachte Damenbinden

12. Juli 2019 - 15:47
Im ländlichen Malawi bringen nichtstaatliche Aktivisten jungen Mädchen bei, Damenbinden selbst zu machen

Weil sie keine Hygieneprodukte haben, gehen viele Mädchen während ihrer Menstruation nicht zur Schule. Ein UNESCO-Bericht schätzt, dass im südlichen Afrika mindestens eines von zehn Mädchen pro Tag aus diesem Grund der Schule fern bleibt. Viele Mädchen brechen die Schule sogar komplett ab, sobald ihre Periode einsetzt. Viele heiraten früh, erkranken an HIV/Aids und geraten in einen Teufelskreis aus Mangel und Elend. Stigma und Scham rund um die Monatshygiene sind groß. Zudem haben viele Schulen keine richtigen Toiletten.

Die meisten Mädchen menstruieren vier bis sechs Tage im Monat. Beginnt die Periode sonntags, verpassen sie meist die nächsten fünf Unterrichtstage. Aktivisten, die sich in Malawi für Menstruationsgesundheit einsetzen, versuchen, das Schweigen darüber zu brechen.

Da 80 Prozent aller Malawier auf dem Land leben, richten sich die Kampagnen an Jugendliche auf dem Dorf. Die Mädchen lernen, wiederverwertbare Damenbinden aus gut erhältlichen Materialien wie Baumwolle oder Stofffetzen zu nähen.

Im Distrikt Mulanje ist die zivilgesellschaftliche Organisation YONECO (Youth Net and Counselling) in diesem Bereich aktiv. Geschäftsführer McBain Mkandawire sagt: „Wir wollen dafür sorgen, dass die Mädchen weiter zur Schule gehen und nicht den Unterricht verpassen, sobald ihre Periode einsetzt. Sie sollen Damenbinden bekommen und in der Lage sein, auch während der Menstruation am Unterricht teilzunehmen.“

Mkandawire sagt, die Initiative helfe auch, HIV und Aids-Infektionen zu verhindern. Arme Mädchen, die dringend Geld brauchten, seien geneigt, sich zu prostituieren. Durch die Unterstützung bei der Monatshygiene mindert YONECO ihren finanziellen Druck. Denn Damenbinden seien im Laden oft unerschwinglich teuer. Das Programm wird von der nichtstaatlichen Organisation Global Fund über Action Aid und Christian Aid finanziert.

Selbsthilfe ist von großer Bedeutung. YONECO organisiert die Jugendlichen in Mädchen-Clubs. Unterstützt vom Global Fund, hat das Netzwerk seit 2006 fast 2700 Mädchen beigebracht, Binden selbst herzustellen. YONECO verteilt auch kostenlose Binden an den Schulen und verkauft sie zu günstigen Preisen in Läden – somit verdient die NGO sogar noch etwas Geld.

Die Binden sind sehr einfach zu verwenden. Sie müssen nach Gebrauch gewaschen werden und können bis zu einem Jahr lang benutzt werden, erklärt eines der beteiligten Mädchen, Elita Lijoni. Sie sagt, die Situation habe sich verbessert: „Wir sind froh, dass wir etwas gegen die Schulabbrüche von Mädchen in unserer Gegend tun können. Wir wollen dafür sorgen, dass sie ihre Ausbildung abschließen und dann zur Entwicklung des Landes beitragen können.“

Thoko Masauli, die ebenfalls zum Club gehört, sagt, sie wollen so viele Schulen wie möglich erreichen. „Wir möchten die Versorgung mit Damenbinden über unseren Bezirk hinaus ausweiten.”

Rabson Kondowe arbeitet als Journalist in Blantyre, Malawi. Er ist auf die Bereiche soziale Entwicklung, Gesundheit und Wirtschaft spezialisiert.
kondowerabie@gmail.com

Link
YONECO:
https://yoneco.org
 

Kategorien: Ticker

Europe on the wrong track

12. Juli 2019 - 13:31
The EU needs a long-term solution to the migration issue

Some European politicians rather let people die in the Mediterranean Sea (and in Libyan torture camps) than giving them refuge. They criminalise people who help people in need.

The latest highlight was the incident involving the German NGO rescue ship Sea Watch 3. For weeks, the Italian government refused to let the migrants get ashore. As her desperation increased, Carola Rackete, the captain, illegally docked the vessel with 42 Africans on board at the port of Lampedusa, knowing that she would place herself in legal jeopardy. “People’s lives matter more than any political game,” she said. The 31-year-old German is now a symbolic figure for the conflict between politics and humanitarianism in the Mediterranean region.

Private NGOs are the only ones that are on rescue missions at sea right now, saving people from drowning. European governments stopped sea rescuing, because they gave in to populist politicians like the Italian far-right deputy prime minister Matteo Salvini.

The EU is incapable of offering a solution – and that will most probably not change soon. Reasonable politicians are now coming up with tangible suggestions though. Gerd Müller, the German Minister for Economic Cooperation and Development, called for an immediate international rescue operation for the refugees from Libya.

“We need a joint humanitarian initiative by Europe and the United Nations to save the refugees on Libyan soil,” Müller said and added: “The refugees in Libya only have the prospect of dying in the camps through violence or hunger, of dying of thirst in the desert on their way back, or of drowning in the Mediterranean Sea.” Müller´s approach points in the right direction.

Some EU politicians are also trying to push things forward now. EU Commissioner for Migration Dimitris Avramopoulos has called for a “temporary” distribution mechanism for rescued migrants. But he did not spell out what that exactly means.

It also does not sound like a new idea. And it is to be feared that it will not work out – as it did not all the times before. As long as populist politicians in the whole of Europe stir up fear against migrants and refuse any reasonable discussion, there will be no common European solution.

There are politicians who dare to say this out loud now. A German Social Democrat in the Federal Foreign Office considers a joint solution and a joint distribution mechanism by all EU states to be unrealistic. He thinks success is more likely if the governments that are willing to take in refugees work together and build a union. Indeed, this seems the only way out of the current deadlock. I hope there will be enough willing countries.

The question is if this can be the answer to the problem. For how much longer do European governments want to delay the discussion about migration to the EU, and how can a long-term solution be reached? For sure the issue will not disappear, but rather become more urgent.

 

Kategorien: Ticker

Mehr als nur ein Schlagwort?

11. Juli 2019 - 12:37
Nach den verheerenden Zerstörungen durch Zyklone braucht Mosambik mehr als nur einen Wiederaufbau zum Status Quo

Eine internationale Geberkonferenz erbrachte kürzlich Finanzzusagen von 1,2 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau Mosambiks. Das ist nur wenig mehr als ein Drittel der 3,2 Milliarden Dollar, die die mosambikanische Regierung als notwendig erachtet (siehe auch unseren Kommentar im E+Z/D+C e-Paper 2019/05, Debatte).

Das Ergebnis der Geberkonferenz muss für Mosambik und seine Regierung eine Ernüchterung gewesen sein. Auch der vorläufige Wiederaufbauplan war enttäuschend. Es handelte sich um wenig mehr als konventionelle Ideen eines prinzipiellen Weiter so. Wegen der strukturellen Korruption auf allen Ebenen von Staat und Verwaltung, Mega-Finanzskandalen und der weitverbreiteten Selbstbereicherung waren die Geber zögerlich mit Zusagen.

Resilienz wurde auf stabilere Gebäude und einige wenig mehr als kosmetische Maßnahmen zur Sicherung Beiras vor Überflutung durch das Meer oder die Flüsse Pungué und Buzi reduziert. Hinzu kommen soll eine weitere Verbesserung des Drainagesystems der Stadt. Dabei müsste allen Beteiligten das Schicksal des Ortes Sofala gerade in diesen Wochen vor Augen liegen. Die nur 30 Kilometer südlich von Beira gelegene ehemalige Handelsstadt musste bereits vor fast 140 Jahren aufgegeben werden, weil sie dem Meer nicht mehr trotzen konnte.

Sofala wurde im 9. Jahrhundert südlich des Mündungstrichters von Buzi und Pungué gegründet. Die Stadt war für 1000 Jahre der südlichste Hafen, den arabische, persische und indische Händler anliefen, und diente als Drehkreuz für den Handel mit dem afrikanischen Hinterland. Hier wurden hauptsächlich Elfenbein, Sklaven und Gold gehandelt. Doch Ende des 19. Jahrhunderts kam all dies zu einem schnellen Ende.

Einige, eher marginale Veränderungen im Küstenverlauf, die völlige Vernachlässigung von Küstenschutz plus die restriktive Zollpolitik des portugiesischen Kolonialregimes führten zum Ende der Stadt. Heute sind von Strand aus nur noch einige Ruinen im Meer zu erkennen.

Die Rolle Sofalas übernahm Beira. Bei Gründung um 1880 schien es sich um einen geeigneten Platz zum Siedeln zu handeln, heute sind hunderttausende Menschen vom Wasser bedroht. Denn weit mehr als die Hälfte der fast 600 000 Einwohner lebt unter dem Meeresspiegel, der stetig steigt.

Hinzu kommt, dass sämtliche Flüsse im Zentrum und im Norden Mosambiks weder über effiziente Flussdeiche noch über unbebaute Überflutungsgebiete (Reten­tionsflächen) verfügen. Es gab in den vergangenen Jahren Anstrengungen, das marode Drainagesystem zu erneuern, aber Beira steht trotzdem in jeder Regenzeit in weiten Teilen unter Wasser. Entlang der Flussläufe entstehen immer wieder Überschwemmungsseen, in denen Menschen ertrinken und die Ernten vernichtet werden.

Hier ergeben sich mehrere Dilemmata: Will man die Stadt Beira dort belassen, wo sie heute liegt, tun sich unkalkulierbare Ewigkeitskosten für die Konstruktion und Instandhaltung von echten Deichen sowie für die weitere Rehabilitierung und den Betrieb eines effizienten Drainagesystems auf. Gleiches gilt für die Flussdeiche. Retentionsflächen von Wohnbebauung freizuhalten dürfte nahezu unmöglich sein. Gerade die flussnahen Agrarflächen zählen zu den fruchtbarsten im ganzen Land.

In Mosambik gibt es keine Institution, die in der Lage wäre, alle diese Dilemmata auch nur ansatzweise aufzulösen. Wer soll etwa eine zumindest partielle Verlegung Beiras in höher gelegene Gebiete umsetzen oder die Räumung überschwemmungsgefährdeter Flussauen?

Hinzu kommt die notorische Korruption. Geber, die ihre Finanzmittel durch staatliche Kanäle in Wiederaufbauprojekte leiten wollen, müssen davon ausgehen, dass Teile dieser Gelder auf Konten hochrangiger Vertreter von Staat und Verwaltung landen. Der Ankündigung auf der Geberkonferenz, dass das hastig gegründete, staatliche „Wiederaufbaubüro“ einer rigorosen internationalen Finanzaufsicht unterliegt, muss daher mit Skepsis begegnet werden.

Friedrich Kaufmann ist Leiter der Deutschen Auslandshandelskammer in Maputo, Mosambik.
friedrich.kaufmann@gmx.net

Winfried Borowczak ist Sozialökonom und freier Consultant mit den Schwerpunkten Privatsektorförderung und Organisationsentwicklung in Afrika und portugiesischsprachigen Ländern.
winborow@aol.com

Kategorien: Ticker

Die Rollen verändern

11. Juli 2019 - 10:21
Damit Gleichberechtigung von Frauen und Männern überall Realität wird, bedarf es noch eines langen Sozialisierungsprozesses

Was genau von Männern und Frauen erwartet wird, handeln Gesellschaften permanent in sozialer Interaktion aus. Relevant sind dabei viele Faktoren, von der Geschlechterkategorisierung in der Sprache bis zur Sportberichterstattung im Fernsehen. Die Rollen von Männern und Frauen sind stark von Traditionen und Religionen geprägt. Traditionell vertreten alle Weltreligionen die Dominanz des Mannes gegenüber der Frau, die ihm unterwürfig zu sein hat. Hinzu kommt, dass Männer in der Regel Frauen körperlich überlegen sind. Daraus leiten nach wie vor viele Männer den Anspruch ab, ihre Frauen und Kinder mit Gewalt gefügig machen zu können. Viel zu viele Frauen weltweit – auch in aufgeklärten Demokratien – sind häuslicher Gewalt ausgesetzt, werden in Schule und Beruf benachteiligt, werden vergewaltigt und belästigt.

In aufgeklärten, demokratischen Gesellschaften gilt heute als Grundsatz, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und die Unantastbarkeit der Menschenwürde für alle Geschlechter gilt – auch für intersexuelle Menschen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zugehörig fühlen. Auch Frauen in vielen autoritären Ländern wollen sich heute nicht mehr in die ihnen zugewiesenen Rollen fügen. Sie fordern Selbst- und Mitbestimmung in einem gleichberechtigten Nebeneinander. Dass es in höchst restriktiven Staaten wie Saudi-Arabien für Frauen nun mehr Freiheiten gibt, ist positiv. Gesellschaftliche Änderungen sind möglich. Je mehr sich Frauenrechte und neue Rollenbilder durchsetzen, desto mehr wird sich die Gesellschaft in diese Richtung entwickeln und die jungen Generationen entsprechend sozialisieren.

Gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken ist auch eine entwicklungspolitische Aufgabe. Sie ist in der UN-Agenda 2030 mit den Nachhaltigkeits-Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals – SDGs) festgehalten: SDG 5 fordert die Gleichstellung der Geschlechter. Darauf müssen Programme in allen Bereichen ausgerichtet werden. Voraussetzung ist die Stärkung von Frauen und Mädchen, damit sie sich selbst aus ungewollten Rollen lösen können. Genauso wichtig ist es aber, Männer und Jungs zu sensibilisieren. Sie sollten erfahren, was Gleichstellung bedeutet und dass ein respektvoller, gleichberechtigter Umgang der Geschlechter von Vorteil für alle ist.

Wie schwer es allerdings ist, neue Rollen zu etablieren, zeigen westliche Gesellschaften, die um die Gleichstellung ringen. Vieles ist erreicht worden. Das Frauenwahlrecht gilt praktisch überall, wo gewählt wird. Frauen in Führungspositionen sind in Politik, Wissenschaft und Medien fast überall normal.

Es liegt aber auch noch immer vieles im Argen. Zum Beispiel verdienen Frauen im Schnitt immer noch weniger als Männer. Sie ergreifen seltener technische und mathematische Berufe, übernehmen aber immer noch den Großteil der häuslichen Arbeit sowie die Erziehung der Kinder. Die Liste lässt sich verlängern. Irgendwann wird die Gleichberechtigung von Frauen und Männern hoffentlich überall Realität sein. Bis dahin bedarf es noch großer Anstrengungen, und es kann noch lange dauern.

Sabine Balk ist Redakteurin von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit / D+C Development and Cooperation.
euz.editor@dandc.eu

Kategorien: Ticker

Less rain, less electricity, less food

11. Juli 2019 - 10:05
Little rainfall in Zambia leads to power cuts and low maize production

The 22nd Southern African Regional Climate Outlook Forum (SARCOF-22) last year predicted that most parts of southern Africa would have below-normal rainfall in this year’s rainy season. “In the energy sector, a decrease in hydro-power electricity is expected,” SARCOF-22 stated in a report published after its meeting in Zambia’s capital Lusaka in December 2018. Southern African states were warned of “potential water scarcity downstream the reservoirs”.

This prediction has come true, at least in Zambia. There are low water levels in major rivers on which dams have been constructed to generate electricity. Less water leads to less power production. Already, Zambia is rationing electricity to domestic and commercial users. The Zambia Electricity Supply Corporation (ZESCO) has imposed four-hour power cuts at various times of the day to save water in the dam reservoirs.

Anna Mwamba, a teacher and resident of Kabwe in Central Province, feels the negative impacts of the power rationing in several ways. Because of blackouts in the evenings, “I sometimes fail to complete marking papers for my pupils,” she complains. Additionally, she often cannot use her electric stove and has to resort to buying charcoal for cooking – which means extra costs for her.

Due to the frequent power cuts, many people turn to charcoal, which leads to more illegal logging. The loss of trees aggravates the effects of climate change: less rain leads not only to constrained hydro-power generation, but also effects agriculture negatively, for instance lowering the production of maize, the country’s staple food. Zambia’s Ministry of Agriculture has announced that for the 2018/2019 farming season, it expects a reduction of maize production by 16 % compared to the 2017/2018 season.

In light of the climate conditions that prevail in southern Africa, SARCOF recommends the following measures for the agricultural sector:

  • using more drought- and disease-tolerant crops, early-maturing crops and high-yield varieties,
  • making agricultural inputs available to farmers before the onset of the rains,
  • employing water conservation and better harvesting techniques,
  • staggering planting dates for crops and increasing investment in irrigation and
  • employing post-harvest management to avoid losses.

 

Humphrey Nkonde is assistant to the editor-in-chief at Mission Press and a media researcher based in Ndola, Zambia.
humphrey_nkonde@ymail.com

 

 

Kategorien: Ticker

Widows fight for their rights

11. Juli 2019 - 9:59
In Zimbabwe, widows are legally entitled to their late husband’s assets, but in-laws often contest the inheritance

Four years ago, Tracy Chiwonde married a widower, but recently her husband passed away. Since then, the 44-year-old has been fighting with his sons from his first marriage over the house where she lived with her husband. The three sons – all in their late twenties – want the property for themselves. According to Zimbabwe’s inheritance laws, however, Chiwonde is the rightful heir.

The Administration of Estates Act states that upon the death of a spouse – no matter whether it is the husband or wife –, the surviving spouse inherits the property. But the sons of Chiwonde’s late husband do not accept this fact. “They are giving me sleepless nights,” Chiwonde says. “They want me out of this home.” Chiwonde has no children of her own and is now living by herself in her husband’s house in Mabvuku, a high-density suburb of the capital Harare.

One of the sons, called Dennis, explains why he sees things differently: “Our biological mother actually owned the house in question. But now it belongs to a stranger because she was the last who was married to our father. It’s not fair.”

According to gender-rights activist Linet Saungweme from the Musasa Project, stories of bitter quarrels between widows and their spouses’ families over property left behind are very common in Zimbabwe. “Usually, the widows and their children lose out,” Saungweme says. The Musasa Project is a non-governmental organisation that aims to reduce violence against women and girls and to help them rebuild their lives after experiencing gender-based violence. Widows often suffer violence by their in-laws.

Traditionally, women in Zimbabwe could not inherit any property. Melinda Chiwara, a lawyer, explains: “Women were only entitled to what we call in our Shona culture ‘maoko’ property, which is kitchen utensils: pots, spoons, plates – and that was it.” Women could not inherit cattle or houses. Instead, they were themselves seen as an asset that is to be distributed like any other property. Even though the laws have changed, tradition still plays an important role.

Jeffrey Moyo is a journalist and lives in Harare.
moyojeffrey@gmail.com

Links

Musasa Project:
http://www.musasa.co.zw/
https://www.facebook.com/musasazim

 

 

Kategorien: Ticker

Sanitary products still too expensive

2. Juli 2019 - 14:29
Kenya has scrapped the tax on menstrual products, but they are still too expensive for rural women

In addition to lowering the tax, the Kenyan government has been setting aside funds to distribute free sanitary towels to teenage girls in school since 2011. However, the programme has seen implementation challenges with supplies often running out.

Menstrual Hygiene Day (MH Day) is a global advocacy platform that brings together non-profit organisations, government agencies, the private sector and the media to promote good menstrual hygiene management (MHM) for all women and girls. In 2016, MH Day published the study “Menstrual Health in Kenya”. It found that 65 % of Kenyan women and girls were unable to afford sanitary towels.

The study further showed that two out of three women in rural Kenya receive menstrual hygiene articles from sexual partners. This means that a majority of women in the countryside depend on men for managing their menstruation. Some women even engage in sexual activity with the sole aim of receiving the necessary menstrual products in exchange.

The lack of menstrual products often stops girls from going to school when they have their period. Therefore, many rural women use homemade alternatives to industrially produced sanitary towels. There are also some local products, but local manufacturers still have to contend with taxes charged on raw materials. Additionally, new low-cost disposable sanitary pads from China have entered the market. But the quality of pads that go for under a dollar is questioned. Anyway, about one third of Kenyans live on less than two dollars per day.

Wanjiru Kepha, director of the Kenyan chapter of Huru International, a non-governmental organisation that provides reusable sanitary pads for school-going girls, raises another issue: women living in remote rural areas where there is poor infrastructure have to deal with the “extra costs of transport” to get to towns in order to buy pads, he says. This can “triple the price of the product.”

Issac Sagala is a journalist and media trainer. He lives in Nairobi.
bwanasagala@gmail.com

Links

Menstrual Hygiene Day (MH Day):
https://menstrualhygieneday.org/

MH Day Study 2016: Menstrual Health Kenya.
https://menstrualhygieneday.org/wp-content/uploads/2016/04/FSG-Menstrual-Health-Landscape_Kenya.pdf

Huru International:
https://huruinternational.org/

 

Kategorien: Ticker

The US health-care system is not worth copying

2. Juli 2019 - 10:04
Health care is a good example of the need to complement market dynamics with prudent state action

Policymakers love to emphasise the efficiency of markets, but in the health sector, this is the wrong approach. If market dynamics, in themselves, led to the best results in this field, the USA would be the model every other country would be copying. Its health-care system is almost entirely market-driven – and more so than the systems of other rich nations.

The results are utterly unconvincing however. The USA spends a greater share of its national income on health care than any other prosperous nation, but its life expectancy is below prosperous nations’ average. If you don’t trust me, you might trust Paul Krugman, an American winner of the Nobel prize in economics.

There are several reasons why markets tend not to deliver the best results in health care. One of them is monopolist power. Indeed, the business model of major pharma producers depends on the patents for innovative medications. As long as the patents are in force, the owner need not fear competition. This is a recipe for high drug prices.

Countervailing forces can put a check on prices of course. One example is when the buyer is in a monopolistic position too. That is so where a single health insurance dominates the market or where the government provides health care to the majority of the people. Indeed, US President Donald Trump was aware of this truth and toyed with the idea to empower Medicare – the governmental health-insurance programme that covers senior citizens in the USA – to negotiate prices with drug companies. The idea made sense, but Trump did not follow up words with action. Again, Krugman understands these issues better than I do.

In the USA, supply of patented drugs is monopolised, but the demand is not. There are so many different health insurances that none of them can negotiate forcefully. In advanced nations with strong governmental health-care systems, such a large share of demand is in a single hand. Accordingly, bargaining becomes possible – and drug prices tend to be lower. 

Another reason why the interplay of supply and demand does not work well in health care is that the customers are, almost by definition, ignorant – and desperate too. The classical example of markets is the famers’ market. People can easily tell good apples from rotten ones, and if apples are too expensive they will opt for pears or peaches instead. Sick people, however, normally need a doctor’s diagnosis to know what is wrong with them, and they’ll trust the expert’s opinion on what therapy they need. If they are told they need heart surgery, they cannot opt for something cheaper instead. In this sense, health-care markets are inherently not transparent. Market efficiency, however, depends on transparency.

The most important reason for market failure in health care, however, is that masses of people simply cannot afford the health services they need unless proper social-protection policies are in force. European nations developed various systems of government-sponsored health insurances that ensure universal coverage. These systems are an expression of solidarity and serve social stability. They lead to better results than the market-driven US model.

Last year, I discussed challenge of chronic diseases with Zafrullah Chowdhury, the veteran health-care activist from Bangladesh. He pointed out that his country does not have “a government-run national health service that covers everyone as is the case in Taiwan, Iran or Britain, for example”. He went on to say:

“Instead, we are copying the American model of private health care. Global institutions like the World Health Organization and the World Bank are paying too little attention to health economics. I think European donor governments should promote, at the global level, the kind of governmental health care that works so well in their own countries. The challenge is twofold. Services must not only become available, but affordable too. The free market does not deliver that. To cover everyone, solidarity is more important than competition.”

Government guaranteed universal health coverage, by the way, does not only help the poor. It contributes to prosperity of society in general. The reason is that, if not treated properly, health problems unnecessarily diminish the economic productivity of patients – plus they prevent the relatives, who take care of them, from earning money.

Kategorien: Ticker

Burundis Quellen trocknen aus

28. Juni 2019 - 9:55
Burundi kämpft mit verschiedenen Maßnahmen gegen den Rückgang von Wasserquellen

Burundi verfügt nach Angaben des Umweltministeriums über 24 000 Wasserquellen. Mehr als 2400, also zehn Prozent davon, seien bereits versiegt, weitere 17 Prozent seien dabei auszutrocknen, warnt Umweltminister Déo Guide Rurema. „Wenn nichts unternommen wird, werden auch diese Quellen vollständig versiegen“, sagte er auf einer Pressekonferenz. Der Erhalt der Quellen ist für Burundi besonders wichtig, da es kaum Flüsse gibt, um Trinkwasser zu gewinnen. Zwar entspringt der Nil in Burundi, führt dort aber nur wenig Wasser.

Fünf der 18 Provinzen des Landes sind akut betroffen: Bubanza im Westen, Rumonge im Süden, Gitega im Zentrum und Ngozi und Kayanza im Norden. Der Hauptgrund ist eine stark wachsende Bevölkerung, die Acker- und Bauland benötigt. Laut Jeremie Nkinahatemba, Generaldirektor im Umweltministerium, gehen dadurch jedes Jahr 100 000 Tonnen Land verloren.

Burundis Wälder, die viele der Wasserquellen speisen, sind außerdem durch Abholzung für Brennholz und Bauholz für Häuser bedroht. Auch die Gewinnung von Holzkohle – in erster Linie zum Kochen – spielt eine große Rolle: Laut dem Universitätsprofessor und Umweltaktivisten Frederick Bangirinama verbrauchen allein die Wirtschaftsmetropole Bujumbura und die Hauptstadt Gitega zusammen rund 70 000 Tonnen Kohle pro Jahr, wofür 35 000 Hektar Wald benötigt würden. Folglich gehe die bewaldete Fläche in Burundi stark zurück.

Um gegenzusteuern, hat die Regierung in einem Aufforstungsprojekt im ganzen Land innerhalb von zwei Jahren mehr als 50 Millionen Bäume auf kahlgeschlagenen Bergen gepflanzt. Die Menschen vor Ort seien verpflichtet, diese Bäume zu schützen, andernfalls würden sie bestraft, betont Nkinahatemba. Weitere Maßnahmen bestehen darin, Eukalyptusbäume, die sehr viel Wasser benötigen, durch andere Arten zu ersetzen und Erosionsschutzgräben anzulegen.

Darüber hinaus gibt es private Initiativen, zum Beispiel das von Delphin Kaze, einem Studenten der Umweltwissenschaften an der Polytechnischen Universität Gitega, gegründete Projekt Kaze Green Economy (KAGE). Es produziert seit zwei Jahren Kohle aus Maisüberresten als Alternative zu Holzkohle. Den Rohstoff bezieht das junge Unternehmen von Bauern und Firmen, die Haushaltsabfälle einsammeln. Es gibt noch einige Herausforderungen, was den Transport betrifft. Geplant ist aber, die Städte Gitega und Bujumbura mit der „sauberen Kohle“ zu beliefern.

Mireille Kanyange ist Journalistin und Reporterin bei Radio Isanganiro in Burundi.
mika.kanyange@gmail.com

 

Kategorien: Ticker

ANC kommt lädiert davon

26. Juni 2019 - 11:40
Bei den Parlamentswahlen in Südafrika bleibt der ANC stärkste Partei, muss aber nun das in ihn gesetzte Vertrauen bestätigen

Mit 57,5 Prozent erzielte die Regierungspartei bei den nationalen Wahlen das bislang schlechteste Resultat (2014: 62,2 Prozent) ihrer Geschichte. Doch ändert sich an den Machtverhältnissen in den Provinzen nichts Grundlegendes: Das Westkap bleibt weiterhin in der Hand der größten Oppositionspartei Democratic Alliance (DA), während der ANC anderswo weiterregieren kann.

Auch die DA als größte Oppositionspartei hatte am Wahlergebnis zu schlucken. Die knapp 20,8 Prozent (2014: 22,4 Prozent) blieben deutlich hinter den gesteckten Zielen. Demgegenüber konnten die Economic Freedom Fighters (EFF) mit ihrer radikal populistischen, pseudorevolutionären Rhetorik punkten. Sie verbesserten sich von 6,4 auf 10,8 Prozent. Doch dürften die Erwartungen insgeheim höher gewesen sein.

Zu den Nutznießern der Wahl gehörten mehrere kleinere Parteien. Durch ein Comeback in KwaZulu-Natal wurde die regionale Inkatha Freedom Party (IFP) mit knapp 3,4 Prozent viertstärkste Kraft auf nationaler Ebene. Die exklusiv weiße, rechte Freedom Front Plus (FF+) erreichte fast 2,4  Prozent. Durch das südafrikanische Wahlsystem, das die Stimmen proportional auf Parlamentssitze umrechnet, reichten 43 000 Stimmen für ein Mandat. So gesellen sich zu den fünf größten Parteien im Parlament nun neun weitere Kleinstparteien.

Insgesamt blieben die Abwanderungen von den großen Parteien zu kleineren in einem überschaubaren Verhältnis. Das Wahlergebnis signalisiert ein Bedürfnis nach Stabilität. Davon profitierte Ramaphosa als Nachfolger Jacob Zumas in Ermangelung besserer Alternativen. Dass er im demokratischen Südafrika als ehemaliger Gewerkschaftsführer zum Geschäftsmann mit einem geschätzten Vermögen von 400 Millionen Dollar avancierte, war kein Wahlkampfthema. Auch seine fragwürdige Rolle in dem Massaker an streikenden Bergleuten in Marikana 2012 spielte keine Rolle.

Zwar waren die anfänglich teils euphorischen Reaktionen auf seine Führungsrolle im ANC und im Staat seit dem vergangenen Jahr verebbt. Aber er gilt noch immer bei vielen als Hoffnungsträger, um die wirtschaftliche Misere mit all ihren sozialen Folgen zu überwinden.

Die Wähler erwarten nun, dass Ramaphosa der Korruption und Veruntreuung zu Leibe rückt, von denen große Teile des ANC und des Staats durchdrungen sind. Zumas Ablösung durch Ramaphosa dämmte den Vertrauensverlust in den ANC teilweise ein, löst aber nicht das Problem, das weit über die Person Zumas hinausreicht. Dessen Gefolgsleute halten weiterhin einflussreiche Positionen in Partei und Staat. Das Risiko, es auf einen offenen Machtkampf ankommen zu lassen, ist für Ramaphosa zu hoch. Dies könnte den Zerfall der Partei bedeuten und Gewalt auch in der Austragung politischer Konflikte weiter fördern.

Signifikanter als die überschau­bare Verschiebung der Wahlergebnisse ist der Protest der zumeist jüngeren Nichtwähler. Die offizielle Wahlbeteiligung von 66 Prozent (2014: 73,5 Prozent), täuscht. Eine Stimmabgabe in Südafrika setzt nämlich die Registrierung durch die Wahlkommission voraus. So gingen 2019 knapp eine Million Menschen weniger wählen als fünf Jahre davor. Darüber hinaus ließen sich nur etwa 75 Prozent der Wahlberechtigten ins Wahlregister eintragen. Schätzungs­weise 10 Millionen legten darauf gar nicht erst Wert. Wenn dies berücksichtigt wird, sinkt die Wahlbeteiligung auf unter 50 Prozent.

Die Verweigerung war in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen besonders groß. Für viele „born frees“ war die Stimmverweigerung ein gezielter Protest, zu dem auch in den sozialen Netzwerken mobilisiert wurde. Das deutet an, dass der ANC den Nimbus der Befreiungsbewegung verliert. Wahlentscheidungen werden nicht mehr als Identifizierung mit der Geschichte des Widerstands getroffen. Die Jüngeren em­pfinden keine Loyalität mehr gegenüber dem ANC. Sie wollen mehr soziale Gerechtigkeit und das Ende der strukturellen Apartheid in marktradikalen Zeiten, in denen ein Pakt unter alten und neuen Eliten die Lebens­umstände bestimmt. Ramaphosa und der ANC müssen sich daran messen lassen, inwieweit sie eine solche Transformation in den nächsten Jahren erreichen.

Henning Melber ist Senior Research Associate am Nordic Africa Institute in Uppsala und Extraordinary Professor der Universitäten in Pretoria und Bloemfontein.
henning.melber@nai.uu.se

Kategorien: Ticker

Risiken und Nebenwirkungen

26. Juni 2019 - 11:31
Die EU sollte nicht mit fragwürdigen Regierungen in der Migrationspolitik zusammenarbeiten, sondern zivilgesellschaftliche Projekte fördern

In keinem Politikfeld ist sich die EU so uneinig wie in der Asyl- und Migrationspolitik. Die tatsächliche oder befürchtete Zuwanderung prägt die politische Agenda in den Mitgliedsländern. Der einzige bestehende Konsens ist der Wunsch, den Flüchtlingszuzug zu begrenzen. Die EU versucht, Migrationsströme möglichst nahe an der Quelle einzudämmen. Dafür ist sie auch bereit, mit fragwürdigen Partnern zu kooperieren. Diese Strategie mag kurzfristig Erfolg haben, mittel- und langfristig kann sie die Fluchtursachen vertiefen.

Mit dem Türkei-Abkommen gelang der EU Anfang 2016 eine wirksame Vereinbarung zur Lenkung von Flüchtlingsströmen. Tatsächlich kommen seither weniger Migranten über die Türkei in Griechenland an. Mit einer Reihe von Staaten in Afrika hat die EU bereits „Migrationspartnerschaften“ abgeschlossen. Sie will damit die Fluchtursachen mindern, den Verbleib von Flüchtlingen in der Nähe ihrer Herkunftsländer sicherstellen sowie die Rückführung von illegalen Einwanderern und abgelehnten Asylbewerbern erleichtern.

Dazu setzt die EU eine Vielzahl von Instrumenten ein, wie:

  • Kooperation bei der Grenzsicherung und Bekämpfung von Schleppern über Finanzhilfen,
  • Handelsvorteile und Entwicklungskooperation oder
  • Rücknahmeabkommen.

Für diese Maßnahmen können Mittel des 2015 ins Leben gerufenen Treuhandfonds für Afrika genutzt werden. Die Hauptbegünstigten sind die Länder der Sahel- und Tschadsee-Region, gefolgt vom Horn von Afrika und schließlich Nordafrika. Die EU kooperiert dabei auch mit Staaten wie Ägypten, Libyen oder dem Sudan, in denen massive Menschenrechtsverletzungen zum Alltag gehören. Ist schon in Ägypten eine menschenwürdige und rechtsstaatliche Behandlung der Flüchtlinge nicht gewährleistet, so drohen aufgegriffenen Migranten in Libyen Misshandlung und Zwangsarbeit.

Unter innenpolitischem Druck und angesichts des Erstarkens nationalistischer Parteien in nahezu allen Mitgliedsländern sowie im Europäischen Parlament orientiert sich die EU nicht länger an dem Kriterium guter Regierungsführung, sondern einzig an der Effektivität ihrer afrikanischen Partnerstaaten bei der Eindämmung von Wanderbewegungen. Sie unterstützt damit auch Regime, die nicht an der Entwicklung des eigenen Landes orientiert sind und perspektivisch die Fluchtursachen eher verschärfen, als sie zu mindern.

Indem sie den Grenzschutz und damit Teile des Polizei- und Militärapparats von „failed states“ wie Libyen, Sudan oder Somalia ausrüstet, macht sich die EU nicht nur indirekt zum Beteiligten in internen Gewaltkonflikten, sondern riskiert darüber hinaus, dass Waffen in die Hände von Terroristen gelangen. Der erneute Ausbruch der Kämpfe zwischen den rivalisierenden Machthabern in Libyen im März 2019 hat gezeigt, wie unbeständig solche Partnerschaften sind. Die Zusammenarbeit mit gescheiterten Staaten ist nicht nur eine Frage der Menschenrechte, sondern kann indirekt auch ein Sicherheitsrisiko für Europa darstellen.

Die Einrichtung eines ressortübergreifenden Fonds zur Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Afrikas war gut und überfällig. Nachhaltige Wirkungen kann der Fonds allerdings nur erzielen, wenn er mit entwicklungsorientierten Partnerregierungen zusammenarbeitet. In Ländern, in denen diese Voraussetzung nicht gegeben ist, empfiehlt es sich, keine staatlichen Projekte zu fördern, sondern lediglich zivilgesellschaftliche.

Die bisherige finanzielle Ausstattung des Treuhandfonds von 4,5 Milliarden Euro kann allerdings nur der erste Schritt sein. Um langfristig zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Europas Nachbarkontinent beizutragen, bedarf es einer signifikanten Erhöhung der Mittel. Es sollte allerdings nicht die Erwartung geweckt werden, durch die Fördermaßnahmen würden sich kurz- und mittelfristig weniger Menschen auf den Weg nach Europa machen.

Im Gegenteil, Forschungsergebnisse zeigen, dass Auswanderungsbestrebungen mit dem Wirtschaftswachstum anfangs sogar zunehmen. Langfristig aber werden in dem Maße, in dem Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten für die breite Masse entstehen, die Menschen Perspektiven in der eigenen Heimat suchen.

Nassir Djafari ist Ökonom und freier Autor.
nassir.djafari@gmx.de

Kategorien: Ticker

Eine Million Arten gefährdet

26. Juni 2019 - 10:52
Der Weltbiodiversitätsrat warnt vor massivem Artensterben und drängt zu konsequenten Naturschutzmaßnahmen

Tier- und Pflanzenarten sterben in rasantem Tempo aus. Zu diesem Ergebnis kommt der Global Assessment Report, ein erster und sehr umfangreicher Bericht des Weltbiodiversitätsrats. Der Rat wurde 2012 auf UN-Ebene gegründet und hat 132 Mitgliedsstaaten. Das Gremium heißt offiziell IPBES: Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. Der Bericht analysiert, wie es um die UN-Konvention zur Biodiversität sowie um die Ziele, die 2010 im japanischen Aichi formuliert wurden, steht (siehe Günter Mitlacher in der Debatte des E+Z/D+C e-Papers 2019/01).

Für die weltweite Untersuchung haben 145 Experten und Forscher aus mehr als 50 Ländern mehrere tausend wissenschaftliche Studien zur Entwicklung der biologischen Vielfalt in den vergangenen fünf Jahrzehnten ausgewertet.

Die Beweise sind überwältigend. Von geschätzten 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten ist dem Bericht zufolge etwa eine Million vom Aussterben bedroht. Ohne konsequente Gegenmaßnahmen könnten viele davon schon in den nächsten Jahrzehnten für immer von der Erde verschwunden sein.

In den meisten Lebensräumen auf dem Land sei die Artenvielfalt um etwa 20 Prozent geschrumpft. Mehr als 40 Prozent der Amphibienarten, fast 33 Prozent der riffbildenden Korallen und mehr als ein Drittel aller Meeressäugetiere seien derzeit vom Aussterben bedroht. Aber auch bei den Nutztieren sinkt die Zahl. Mehr als neun Prozent aller Nutztierarten waren 2016 bereits ausgestorben.

Die Autorinnen und Autoren benennen fünf Faktoren, die das Artensterben am meisten vorantreiben:

  • Die übermäßige Nutzung der Landflächen und Meere. Drei Viertel aller Landflächen und zwei Drittel der Ozeane seien durch den Menschen stark verändert.
  • Die direkte Nutzung von Pflanzen und Tieren in der Land- und Forstwirtschaft sowie in der Fischerei.
  • Der Klimawandel: Erreicht die globale Temperaturerhöhung den Zwei-Grad-Celsius-Schwellenwert, werde das etwa fünf Prozent der Arten auslöschen; bei 4,3 Grad seien es 16 Prozent.
  • Die Umweltverschmutzung und besonders die Verschmutzung der Meere. Seit 1980 sei die Belastung durch Plastikmüll in den Ozeanen um das Zehnfache gestiegen.
  • Invasive Arten, die heimische Tiere und Pflanzen verdrängten. Die Zahl der gebietsfremden Arten sei weltweit um 70 Prozent gestiegen.

Hinzu kommen indirekte Faktoren, wie etwa Verhaltensweisen und das Produktions- und Konsumverhalten der Weltbevölkerung, die maßgeblich verantwortlich für die negative Entwicklung seien. Das Ausmaß der Übernutzung natürlicher Ressourcen sei schon jetzt so schwerwiegend, dass sich die Menschheit selbst bedrohe, heißt es in dem Report.

Die Analysen zeigen, dass Ökosysteme und Menschen in Südamerika, Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum am meisten von den negativen Folgen des Artensterbens betroffen sein werden.

Die Frage ist, ob sich das Artensterben überhaupt noch aufhalten lässt. „Es ist noch nicht zu spät“, sagte der IPBES-Vorsitzende Sir Robert Watson bei der Vorstellung in Paris. Dazu brauche es aber „transformative“ Maßnahmen.

Die Verfasser der Studie beschreiben, wie noch gegengesteuert werden kann: Dafür sei die internationale Zusammenarbeit der Staaten gefragt sowie konsequentes politisches Handeln nach strengen Naturschutzvorgaben (siehe Stephan Opitz im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2019/02). So sollten etwa weltweit umweltfeindliche Subventionen abgeschafft werden.

Der Bericht liefert auch unverbindliche Handlungsempfehlungen für Regierungen, etwa in den Bereichen Landwirtschaft, Fischerei, Meeres- und Frischwassersysteme sowie Stadtplanung. Die Weltgemeinschaft müsse sich dringend vom wirtschaftlichen Wachstum als zentralem Ziel ab- und sich nachhaltigeren Systemen zuwenden.

Der ganze Bericht ist mehr als 1500 Seiten lang, und bislang ist nur eine Zusammenfassung veröffentlicht. Das vollständige Dokument wird später im Jahr herausgegeben. Er ist eine Grundlage unter anderem für die Weltartenschutzkonferenz 2020 in China, wo Eckpunkte für den künftigen Artenschutz festgelegt werden sollen.

Link
IPBES, 2019: Die umfassendste Beschreibung des Zustands unserer Ökosysteme und ihrer Artenvielfalt seit 2005 – Chancen für die Zukunft. Auszüge aus dem „Summary for policymakers“:
https://www.helmholtz.de/fileadmin/user_upload/IPBES-Factsheet.pdf

Kategorien: Ticker

Dangerous signs of climate change

26. Juni 2019 - 10:36
Cyclones are becoming more frequent in Zimbabwe, due to climate change

Tanyariwa Sithole used to own a home and a busy shop. Now, she cries every day because she lost everything when Cyclone Idai hit Zimbabwe in March. Hundreds of lives were lost and homes were destroyed. Overnight, 47-year-old Sithole was turned into a “charity case”. Two of her employees died as the strong winds and severe flooding pounded the area Chimanimani in the east of the country.

Cyclone Idai hit large parts of south-eastern Africa – not only Zimbabwe, but also the neighbouring countries Mozambique and Malawi. Many people died; more than 2.6 million people were affected. Heavy floods washed away entire towns.

Meteorologist Melinda Hungwe explains that “fluctuations in the world’s temperature, as well as ocean warming, have led to an upsurge of tropical cyclones.” Indeed, two cyclones hit Zimbabwe within a very short period of time. Hungwe expects the impacts of climate change “to get worse” as temperatures warm up.

Joseph Tasosa, of the Zimbabwe National Environment Trust, agrees: “Climate change leads to warmer air temperatures. This means that more and more rain is held and then released at one go,” he says. Both Cyclones Idai and Kenneth released what would normally be a year’s worth of rain in a very short time.

As cyclones leave a trail of devastating damage, “it is high time politicians tackle the climate change impacts,” Tasosa points out. “We should challenge our political leaders to push for the implementation of the Paris obligations.” He warns that countries like Zimbabwe are set to suffer most.

In Paris in 2015, the world’s rich nations pledged to ramp up 100 $ billion in climate finance by 2020 in order to support both the mitigation of climate change and the adaptation to the impacts. To date, far too little money has been made available for adaptation. 

But time is running out. Climate-change expert Happison Chikova says that frequent cyclones are “visible signs” of climate change which is “the largest single threat to humanity.”

Jeffrey Moyo is a journalist and lives in Harare, Zimbabwe.
moyojeffrey@gmail.com

Kategorien: Ticker

Zusammenarbeit der Zukunft

25. Juni 2019 - 16:19
Süd-Süd- und Dreieckskooperation sind wichtige Instrumente für die Umsetzung der Agenda 2030

Die Beiträge des globalen Südens zur weltweiten Entwicklung werden immer wichtiger. Viele Länder haben wirtschaftlich und weltpolitisch an Bedeutung gewonnen. Traditionell stehen bei der Süd-Süd-Kooperation Wissensaustausch und der Aufbau von Kompetenzen im Vordergrund. Doch die Länder des Südens und neue multilaterale Banken sind zunehmend auch in der Entwicklungsfinanzierung aktiv. Auch Dreieckskooperationen, zumeist zwischen einem traditionellen Geberland, einem Schwellen- und einem Entwicklungsland, haben zugenommen.

Bei der UN-Konferenz zu Süd-Süd-Kooperation (BAPA+40) Ende März in Buenos Aires haben die Vertreter von 160 Staaten und zahlreicher internationaler Organisationen Lernerfahrungen aufbereitet, um die Erfolgsbedingungen zu verbessern. Dabei wurde auch diskutiert, wie sich die Erkenntnisse in die Umsetzung der Agenda 2030 mit den SDGs einbetten lassen.

Damit sind aber nicht alle Differenzen zwischen Süd-Süd- und Nord-Süd-Kooperation überwunden. Dass Entwicklungs­zusammenarbeit wirksam sein muss und Dreieckskooperation, die auch Partner aus dem Norden einschließen kann, die Süd-Süd-Kooperation ergänzt, wurde beispielsweise erst gegen den Widerstand mehrerer Länder in die Abschlusserklärung der Konferenz aufgenommen. Als Teilnehmer die Legitimität der Regierung Venezuelas in Frage stellten, betonten andere das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder. Die USA forderten das Recht auf einen nationalen Sonderweg in der Klima- und Handelspolitik.

Das Prinzip von Ownership ist hingegen mittlerweile allgemein anerkannt. Die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Maria Fernanda Espinosa, rief in Buenos Aires dazu auf, paternalistische und vertikale Modelle der Zusammenarbeit zu überwinden und in der Kooperation die jeweiligen Stärken der Länder zu nutzen. Das entspricht auch den Lernerfahrungen aus der Nord-Süd-Kooperation und ist eine Vor­aussetzung für Wissensaustausch und dafür, gegenseitig voneinander zu lernen.

Relevante Banken

Der Aufbau von Infrastruktur und dessen Finanzierung ist von zentraler Bedeutung für Entwicklung. Mit der Zunahme von Süd-Süd- und Dreieckskooperationen wächst auch der Finanzierungsbedarf. Neben bilateralen Entwicklungsbanken wie der Brasilianischen Entwicklungsbank BNDES oder der südafrikanischen DBSA, die seit Jahren etabliert sind, haben sich neue regionale und globale Banken und Fonds gegründet.

Ein Beispiel ist die China Development Bank, die offensiv in der Projektfinanzierung in Ländern des Südens tätig ist. Die BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika haben mit der Gründung der New Development Bank mit Sitz in Shanghai vor vier Jahren ein weiteres Finanzierungsinstrument geschaffen. Zunächst war die Bank ausschließlich in den BRICS-Ländern aktiv, doch in diesem Jahr verkündete sie die Ausweitung der Finanzierung auch auf Nicht-Mitglieder.

Wichtig war auch die Gründung der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) in Beijing (siehe Kathrin Berensmann im Schwerpunkt E+Z/D+C e-Paper 2016/04). Sie beruht auf einer chinesischen Initiative; andere Länder waren zur Teilnahme eingeladen. Ihre Bedeutung reicht über Asien hinaus, denn mittlerweile ist sogar in Europa aktiv. Die AIIB wird vermutlich erheblich zur Finanzierung der Infrastruktur beitragen, die China im Rahmen seiner „Belt and Road Initiative“ fördert (siehe Interview mit Doris Fischer im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2019/07).

Gegen den ausdrücklichen Wunsch der USA traten 2015 unter anderen Deutschland, Frankreich und Britannien der AIIB bei. Anfang 2016 begann ihre Geschäftstätigkeit. Sie hat nun 97 Mitglieder. Bis Mitte 2018 hatte sie 5 Milliarden Dollar für 28 Vorhaben in 13 Ländern aufgewendet. Anfangs co-finanzierte sie Vorhaben mit etablierten multilateralen Banken, doch sie agiert zunehmend eigenständig. Fachleute bemängeln geringe Transparenz, ungenügendes Monitoring der eigenen Grundsätze und den begrenzten Einfluss westlicher Regierungen (siehe Cema Tork im Monitor von  E+Z/D+C e-Paper  2019/06). Deutschland ist derzeit der viert-wichtigste Anteilseigner.

Strategischer Vorteil

Für die Entwicklungsfinanzierung in Dreieckskooperationen steht beispielhaft die Islamic Development Bank (IsDB). Mit ihrem „Reversed Linkages“-Programm bringt sie Bedarfsanfragen von Ländern mit solchen Ländern zusammen, die dafür Lösungen anbieten können. Künftig möchte die IsDB in diesem Programm auch stärker mit Partnern wie Deutschland zusammenarbeiten.

Pionier in der Entwicklung von Modellen der Dreieckskooperation war Japan. Heute spielt auch Deutschland mit mehr als 100 bei der OECD registrierten Vorhaben eine herausragende Rolle. Auf der UN-Konferenz in Buenos Aires betonten die Redner den strategischen Vorteil von Dreieckskooperation: Sie schaffe Vertrauen und bessere Beziehungen zwischen Regierungen und anderen Akteuren. Privatsektor, Thinktanks und Zivilgesellschaft seien einzubinden, um Vorhaben zu „erden“. Unbestritten ist, dass Ownership auf allen Seiten und gemeinsames Handeln grundlegende Prinzipien erfolgreicher Dreieckskoopera­tion sind.

Hauptergebnis der Konferenz ist, dass Süd-Süd- und Dreieckskooperation wichtige Instrumente zur Umsetzung der Agenda 2030 sind und verstärkt zum Einsatz kommen müssen. Für das System der Entwicklungshilfe (Official Development Assistance – ODA) der traditionellen Geberländer bedeutet dies die Chance und Herausforderung, über das als einseitig wahrgenommene Paradigma der Hilfe hinaus zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit zu gelangen. Dreieckskooperation könnte zur EZ der Zukunft werden, bei der auch „graduierte“ Länder mitmachen – also solche, die aus der ODA-Förderung herausgefallen sind.

Viele Länder sind stolz auf das, was sie erreicht haben. Gleichzeitig halten sie die derzeitigen Kriterien zur Bestimmung von Empfängerländern für überholt und wünschen sich neue Grundlagen für die internationale Zusammenarbeit. Dabei verschiebt sich der Fokus insbesondere für graduierte Länder stark in Richtung technische Zusammenarbeit und Wissensaustausch. Aber Süd-Süd- und Dreieckskooperation sind zu anerkannten Teilen der internationalen Zusammenarbeit geworden, die andere Mittel zur Umsetzung globaler Entwicklungsziele sinnvoll ergänzen und wachsende Aufmerksamkeit verdienen.

Luiz Ramalho ist freier entwicklungspolitischer Berater.
ramalhoconsult.berlin@gmail.com

Rita Walraf ist zuständig für Schwellenländer und Dreieckskooperation im BMZ.
rita.walraf@bmz.bund.de

Ulrich Müller ist Mitarbeiter der GIZ und berät Vorhaben der deutschen TZ zu den Themen Netzwerke, Knowledge Sharing, Dreieckskooperation und Kooperationsagenturen von Schwellenländern.
ulrich.mueller@giz.de

Kategorien: Ticker

bl-dem-istanbul

25. Juni 2019 - 13:20
Istanbul election shows that people have become tired of Erdogan’s divisiveness

According to Jan-Werner Müller, a democracy is in trouble when populists are in power. The reasons include that the government then denies the legitimacy of all other political forces and will try to manipulate the constitutional order in its favour. It will do its best to get a grip on the courts, rig elections and stifle free media. Therefore, a democracy is damaged when populists are in power, Müller argues, though it has not necessarily ended .

In the past decade, Erdogan has been a model case of what Müller writes. One of his latest maneuvers to reinforce his grip on power was to deny Imamoglu the narrow election victory he had one in Istanbul at the end of March. Back then, the opposition candidate was ahead by 12,000 votes. The president put pressure on the election commission to find fault with some procedural details and rescind the election. The re-run, however, did not go as planned. This time, Imamoglu was ahead by more than 800,000 votes.

Right-wing populists have been gaining influence in many countries around the world. It is interesting to note that, in spite of their authoritarian leanings, they tend not to abolish elections. The trend is that they try to change the way that elections are held with an eye to perpetuating their power. This shows that even would-be dictators acknowledge that a government's legitimacy hinges on it having a mandate from the people. Of course, an election system has serious flaws if the president of a nation is in a position to have mayoral elections annulled simply because he doesn't like the result. As the example of Istanbul shows, however, the need to hold a new election can empower a pro-democracy movement.

It is quite obvious that a big majority of Istanbul's citizens were appalled by Imamogly being denied the office he was elected to hold in March. They understood that the rerun was not about procedural shortcomings. It was an attempt to tighten the AKP's grip on power. Quite obviously, people did not want that to happen. Indeed, they are increasingly unhappy with Erdogan's rule. One reason, of course, is the economic crisis that is affecting everyone.

The AKP has been running the government for almost two decades now. Its history is unusual. It was founded by Islamists who wanted to take a more moderate course than the Turkish version of the Muslim brothers normally did in order to become electable. Erdogan was one of them. He became the party's top leader and led it to electoral victory after a severe economic crisis in 2003. At the time, the AKP was an underdog that challenged the establishment. It was supported by rural and working-class people who felt that their Muslim faith had been discriminated against by previous governments.

For many years, the AKP cooperated with other political forces with the goal of dismantling Turkey's “deep state”, a powerful network of high-ranking bureaucrats, judges and generals. For a while, it was actually a modernising force, but then it began to build its own deep state. Today, the AKP is the establishment, but it still uses its old rhetoric of Muslims being victimised and clandestine networks denying the people their rights. It is peculiar that an Islamist Imam, Fetuallah Gülen, and his followers are now considered the most dangerous "terrorists". Gülen used to be Erdogan's ally.

Imamoglu's victory shows that many people are tired of AKP divisiveness. Imamoglu's message was one of inlcusiveness. He went out of his way to show his respect for people who do not agree with him and he certainly did not demonize them. He displayed an interest in local problems and finding solutions that can make a difference in people's lives. His message was one of brotherly love and pursuit of the common good. It resonated with the citizenship that longs for hardships to be eased and does not believe that evil traitors and terrorists are lurking everywhere. The rerun elections allowed Imamoglu to launch a revitalised and more forceful campaign than he had run in March.

Some observers now argue that his re-election indicates a sea change in Turkish politics. Whether the tide is really turning, remains to be seen. To use Müller's terms, Turkey's democracy is indeed damaged. Independent journalists are still being hounded in Turkey, and political opponents are harassed. Leaders of the civic protest movement that rallied to protect a park in downtown Istanbul from urban development in 2013 are currently on trial, accused of trying to stage a coup. The prosecutors are not shying away from demanding life sentences. That is clearly overblown and undemocratic. It may help the defendants, however, that many now see Erdogan as a spent force. The election in Istanbul, moreover, can inspire mild hopes in other countries affected by populists' governance. At some point, populists are sure to be recognised as the divisive and destructive forces they are. Yes, they will rig elections, but once the opposition against them becomes overwhelming, they are likely to lose nonetheless.

 

 

Kategorien: Ticker

Seiten