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Nachfrage nach Faktenprüfung in Afrika steigt

12. August 2019 - 14:26
Die Internetriesen müssen handeln, um die Flut an Falschnachrichten in Afrika einzudämmen

In Afrika werden viele Falschinformationen im Internet verbreitet. Bisweilen ungewollt, oft bewusst. Die Verursacher verfolgen unter anderem finanzielle, ideologische und politische Interessen – mit ganz realen Folgen (siehe Kasten) wie finanziellen Verlusten, Rufmord oder sozialen Unruhen. Durch Falschinformationen geschürter religiöser oder ethnischer Hass kann sogar tödlich enden.

Der politische Aspekt von Fake News findet relativ viel Beachtung. Denn in Demokratien sollte der öffentliche Diskurs dem Gemeinwohl dienen – Desinformation und Propaganda untergraben aber gute Staatsführung.

In den größten Volkswirtschaften südlich der Sahara, in Südafrika und Nigeria, wurde dieses Jahr gewählt. Ehe die Wähler zu den Wahllokalen gingen, schloss sich der Social-Media-Riese Facebook, dem auch WhatsApp gehört, mit mehreren Faktenprüfungs-Agenturen zusammen, um Unwahrheiten und Fake News aufzudecken. Facebook versprach außerdem, in Zusammenarbeit mit Journalisten und zivilgesellschaftlichen Organisationen digitale Kompetenz zu fördern. Die Plattform war massiv kritisiert worden, weil sie es in verschiedenen Ländern vor den Wahlen nicht geschafft hatte, die Verbreitung von Fake News zu verhindern. Das galt vor allem für die USA 2016.

Inzwischen macht Facebook in drei weiteren Ländern Afrikas Faktenprüfung: Kenia, Senegal und Kamerun. Einer von Facebooks Partnern dabei ist Africa Check, die erste unabhängige Prüfagentur des Kontinents mit Büros in Südafrika, Kenia, Nigeria und Senegal (siehe meinen Beitrag im Schwerpunkt im E+Z/D+C E-Paper 2018/05). Weitere Partner sind die französische Nachrichtenagentur AFP (Agence France Press) sowie die Firmen Dubawa aus Nigeria und PesaCheck aus Kenia.

Es habe sich bereits einiges getan, versichern Facebook-Manager. „Die unabhängigen Prüfer helfen uns, zu beurteilen, ob auf Facebook geteilte Inhalte stimmen. Erachten sie Inhalte für falsch, drosseln wir deren Verbreitung in Nachrichten-Feeds“, erklärt Akua Gyekye, der für politische Kommunikation bei Facebook zuständig ist. „Wir zeigen auch verwandte Artikel von Faktenprüfern, um mehr Hintergrund zu bieten, und benachrichtigen die Nutzer, wenn vermutet wird, dass das, was sie geteilt haben, nicht stimmt.“

Generell stellt sich Facebook damit seiner Pflicht, seine Plattformen in Ordnung zu halten. Und wie Gyekye betont, tue Facebook weit mehr, um:

  • falsche Profile zu entfernen,
  • die finanziellen Anreize, Fake News zu verbreiten, zu verringern,
  • Nachrichtenkompetenz zu fördern und
  • mehr Hintergrund zu liefern, damit die Nutzer selbst entscheiden können, was sie lesen, glauben und teilen wollen.

Doch die Herausforderungen sind enorm. Afrika hat 55 souveräne Nationen, geschätzte 400 Millionen Afrikaner haben aktuell Zugang zum Internet. In nur etwa zehn Prozent der Länder werden Posts auf Facebook und WhatsApp systematisch überprüft. Die Kapazitäten der Prüfer sind begrenzt. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jede Lüge sofort entlarven. Ehe Facebook und WhatsApp falsche Einträge löschen können, müssen sie über diese in Kenntnis gesetzt werden – und dieser Prozess dauert. Somit kann der Fakten-Check nur zu einem gewissen Grad das abpuffern, was gefälschte Inhalte anrichten können, aber nicht verhindern, dass diese Lügen verbreitet werden.

Zweifelhafte Websites und Blogs

Auch der Suchmaschinen-Gigant Google kooperiert inzwischen mit Agenturen, um zu prüfen, ob Meldungen stimmen. Ziel der Google News Initiative ist es, vertrauenswürdige Inhalte weit oben zu ranken. Wer Google kennt, weiß aber, dass weiterhin zweifelhafte Websites und Blogs oft nur knapp nach, wenn nicht gar vor international namhaften Quellen wie etwa der BBC oder Le Monde auftauchen.

Es wäre schön, wenn Social-Media-Plattformen künstliche Intelligenz (KI) nutzen könnten, um Lügen, Betrügereien und unbeabsichtigte Fehler aufzuspüren. Aber solche Algorithmen müssen erst entwickelt werden, und das ist nicht so einfach. Algorithmen ahmen menschliches Verhalten nach. Da Menschen leicht täuschbar sind, sind Softwareprogramme ähnlich anfällig.

Die britische Organisation Full Fact ist führend bei der Nutzung von KI zur Fakten­prüfung. Sie hat von Google zwei Millionen Dollar für die Entwicklung innovativer Tools erhalten, die Nutzern helfen einzuschätzen, ob Inhalte stimmen.

Full Fact erklärt: „Wir hoffen, dass unser Projekt hilft, dass binnen drei Jahren Bürger und Internetnutzer in die Sicherheit vertrauen können, Internetunternehmen faire und fundierte Urteile treffen können und politische Entscheidungsträger besser in der Lage sind, auf Fake News zu reagieren und zugleich die Meinungsfreiheit zu schützen.“ Die gemeinnützige Organisation kooperiert mit internationalen Partnern wie Africa Check und der argentinischen Agentur Chequeado.

Bislang gibt es aber noch keine KI-Lösungen. Der Gründer und Direktor von Africa Check, Peter Cunliffe-Jones, betont, dass Fake News ein vielschichtiges Problem darstellen und diverse Aspekte eine Rolle spielen. So könnten Menschen etwa auf Falschinformationen hereinfallen, weil sie:

  • keinen Zugang zu korrekten Informationen haben,
  • nicht zwischen zuverlässigen und unzuverlässigen Quellen unterscheiden können oder
  • nicht an öffentliche Institutionen glauben.

Die Nachfrage nach Faktenprüfung in Afrika steigt. Immer mehr Organisationen richten Prüfstellen ein. Zugleich werden Informationen immer raffinierter gefälscht.

Dem Africa-Check-Gründer zufolge sollte man lügenden Politikern oder Wirtschaftsbossen höflich, aber klar sagen, wo sie falsch liegen, und sie auffordern, sich öffentlich zu korrigieren. Journalisten von Mainstream-Medien sollten wachsamer sein und verlässliche Inhalte produzieren, die sich deutlich von Web-Gerüchten abheben. Nachrichtenkonsumenten wiederum sollten gute Quelle erkennen und wissen, wie man Inhalte anhand anderer Quellen gegencheckt. Der Kampf gegen Online-Lügen findet also an mehreren Fronten statt. Wie Cunliffe-Jones sagt: „Für ein vielschichtiges Problem braucht es vielschichtige Lösungen.“

Der Medienwissenschaftler Siguru Wahutu sieht das anders. In einem kürzlich erschienenen Aufsatz (2019) benennt Wahutu schlechte journalistische Standards als das Hauptproblem. Sozialen Medien und mangelnder Medienkompetenz die Schuld zu geben lenkt seiner Ansicht nach nur vom Journalismus ab und macht das Publikum zum Bösewicht, das aber eigentlich das Opfer sei.

Er übersieht dabei jedoch drei wichtige Punkte:

  • Jeder kann online publizieren, insofern spielen nicht nur Journalisten eine Rolle.
  • Soziale Medien sind eine legitime Informationsquelle. Viele Menschen informieren sich gar nicht über Mainstream-Medien.
  • Da Mainstream-Medien nicht über alles berichten, gibt es für manche Themen letztlich keine Alternative zu Social Media.

Wenn wir erwarten, dass allein journalistische Professionalität und Medienkompetenz der Bürger die Fake-News-Flut eindämmen sollen, lösen wir dieses globale Problem nicht. Letztlich müssen digitale Plattformen selbst Verantwortung für Inhalte tragen, die sie verbreiten, und für Richtigkeit und Redefreiheit einstehen. Sie müssen dabei aber aufpassen, dass sie nicht Zensur fördern. Afrikanische Regierungsinstitutionen sind nicht stark genug, um Internetgiganten in die Verantwortung zu nehmen. Selbst fortschrittlichere Nationen tun sich damit schwer.

Alphonce Shiundu ist der kenianische Herausgeber von Africa Check, einer unabhängigen Faktenprüfungsorganisation.
twitter: @shiundu

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Digitale Mobilisierung, analoge Proteste

12. August 2019 - 13:04
Die sozialen Medien haben Ostafrika politisiert und die politische Kommunikation verändert

Laut der kenianischen Autorin und Inter­net­aktivistin Nanjala Nyabola nehmen soziale Medien zunehmend politischen Einfluss. Kenia ist ein gutes Beispiel. Das Land ist ein Hub – ein Knotenpunkt – für digitale Entwicklung in Afrika; zum Beispiel ist es Vorreiter bei Überweisungen von Geld via Handy (M-Pesa). Noch wichtiger für die Politik sei Kenias große Twitter-Community, so Nyabola. Auf der Kurznachrichtenplattform wird jegliches politisches Thema heftig debattiert.

Nyabola hat das Buch „Digital democracy, analogue politics“ geschrieben. Darin analysiert sie, wie das Internet die Politik verändert. „Weil in den traditionellen Medien die Zensur zunimmt und der öffentliche Raum eingeschränkt wird, verlagert sich die politische Debatte in den digitalen Raum“, sagte sie auf einer Konferenz über Social Media, die die Konrad-Adenauer-Stiftung kürzlich in der ugandischen Hauptstadt Kampala veranstaltet hatte.

Die Bürger verlangen Transparenz, Gerechtigkeit und Rechenschaft. Viele sind von den Politikern frustriert und sorgen sich wegen der Korruption. Früher ignorierten öffentliche Institutionen die Beschwerden der Bürger häufig, aber wenn sie in den sozialen Medien von Tausenden Kommentaren überflutet werden, können sie nicht mehr darüber hinweggehen, sagt die Autorin.

Führende Politiker und Beamte sind sich dieser Entwicklung bewusst. Dementsprechend versuchen manche politische Kräfte den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen, zum Beispiel, indem Falschinformationen verbreitet werden, auch mit Hilfe von automatisierten Computerprogrammen („Bots“). Online-Information wird zunehmend „als Waffe benutzt“, meint Nyabola (siehe Alphonce Shiundu im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2018/05).

Social Media hat auch negative Seiten. Sie hat „neue Formen der Gewalt, vor allem gegen Frauen“ ermöglicht, beklagt die Autorin. Sie nennt sexuelle Belästigung oder die Veröffentlichung privater Informationen über eine Person („Doxing“) als Beispiel. Darüber hinaus ist in Kenia fremdenfeindliche und antimuslimische Hetze im Netz häufiger geworden. Das typische Ziel sei die somalische Minderheit.

In Uganda ist der Einfluss des Internets auf die Politik noch nicht so groß wie in Kenia. Politische Parteien „mobilisieren die Menschen noch auf analogen Wegen“, sagt Michael Katagaye vom Evidence & Methods Lab, einer technologieorientierten zivilgesellschaftlichen Organisation.

Junge Ugander wollen aber über ihre Belange mitreden. Sie sind „nicht an traditionellen Parteien interessiert“, sondern sind online aktiv oder folgen politischen Persönlichkeiten auf Social Media, meint Katagaye.

Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten und eine Stimme der Jugend ist Robert Kyagulanyi, besser bekannt als Bobi Wine, ein Musiker, Politiker und Abgeordneter. Er führt die „People Power“-Bewegung. Auf der Uganda Social Media Conference erklärte sein Sprecher Joel Ssenyonyi, dass es Bobi Wine und People Power verboten sei, persönlich Wahlkampf zu betreiben. Deswegen „platzieren wir Themen in den sozialen Medien“. Dieses virtuelle Forum ist äußerst relevant – das haben auch die Politiker bemerkt. Als Reaktion darauf führte die ugandische Regierung 2018 eine Social-Media-Steuer ein. Die Absicht war, die Reichweite von Aktivisten auf beliebten Plattformen zu reduzieren (siehe Edward Ronald Sekyewa im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2018/10). Dennoch „mobilisieren sich junge Leute online und gehen dann auf die Straße“, sagt Ssenyonyi.

Online-Aktivismus ist jedoch für einen Großteil der Afrikaner unerreichbar. Viele Menschen sind zu arm, um sich einen Internetzugang leisten zu können, oder sie leben in ländlichen Gegenden, wo die Infrastruktur noch zu schlecht dafür ist. Die kenianische Autorin Nyabola drückt es so aus: „Wie können wir die vierte industrielle Revolution lostreten, wenn sich die Leute kein Handy-Guthaben leisten können?”

Links

Nyabola, N., 2018: Digital democracy, analogue politics. London, Zed Books.
https://www.zedbooks.net/shop/book/digital-democracy-analogue-politics/

Uganda Social Media Conference 2019:
https://www.facebook.com/UgandaSocialMedia/
https://www.kas.de/web/uganda/uganda-social-media-konferenz

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E+Z/D+C 2019/09 – deb – Blog – Hans Dembowski – Right-wing populism and offshore finance

7. August 2019 - 10:39
The rise of right-wing populism is closely linked to the growth of offshore finance

Around the world, right-wing populists claim that they must protect their nation from exploitative global elites. Their idea of “the” people is typically a culturally and ethnically homogenous entity, which they define themselves. Their constant clamour is that this entity is not only being taken advantage of by global elites but also threatened by  minorities. They suggest that the response must be to reclaim national sovereignty and back off from multilateral agreements.

Political movements of this kind have been gaining strength in many countries. In some, they have risen to power. The USA, Britain and the Philippines are currently run by populist leaders, for example.

Reijer Hendrikse and Rodrigo Fernandez, the authors of the TNI paper, see populist politics in an entirely different light. In their eyes, right-wing populists are actually serving the interests of oligarchic billionaires who hoard their wealth offshore. As the authors point out, right-wing populists tend to say “yes” to free finance and free trade, but “no” to free migration, democracy, multilateralism and human equality. The obvious beneficiaries of that policy mix are offshore billionaires.

The super-rich, the authors argue, are indeed using populist forces, deliberately manipulating nationalist sentiments. After all, the finances of populist organisations tend to be shady. They often seem to depend on foreign funding.

In the meantime, global media barons, of whom Rupert Murdoch is probably the most prominent, have supplemented “neoliberal narratives with nativist venom, selling the virtues of patriotism while themselves living as true ‘citizens of nowhere’,” as the authors state. The scholars point out that right-wing populists are far more likely to promote tax cuts than to introduce new welfare or social-protection schemes. They may agitate against “elites”, but their policies hardly hurt the privileged few who benefit from tax havens.

Sovereign capital

Hendrikse and Fernandez state that capital has become sovereign due to offshore finance. A multitude of bilateral and multilateral agreements, which were all signed by the governments of sovereign nations, has given rise to a network of offshore financial centres. This state-created network is now largely beyond state regulation. It protects wealth and financial returns. According to Henrikse and Fernandez, this offshore world is “a curious sovereign creature capable of exerting a political-economic authority similar to imperial powers of the past”.

It is obvious that the billionaire elite can shift wealth easily from one centre to another, both in order to avoid taxation and to exert influence. Offshore oligarchs make investment decisions with a massive bearing on national economies. The billionaires like to be able to pit governments against one another, but they have no interest in governments that are strong enough for effective policymaking. Populist rhetoric may emphasise “taking back control”, but their policies hardly interfere with plutocratic interests, as the TNI paper points out.

The authors see humankind split into two groups. Normal citizens must comply with the law of nation states and depend on public infrastructures which tend to be poor in developing countries and have been becoming worse in advanced nations as governments imposed austerity in the course of the financial crisis. The billionaire elite, by contrast, is exempt from paying taxes and bypasses rules and regulations as it pleases.

Hendrikse and Fernandez are not simply inventing a conspiracy theory. Scandals like Lux Leaks or the Paradise Papers prove that offshore finance is of great global relevance. Nonetheless, their paper leaves several relevant issues undiscussed. While the policies of US President Donald Trump generally serve the richest Americans, he is definitely not a free trader. Do offshore oligarchs really not care about the growing frictions between the USA and China? The trade war that is morphing into a currency war is certainly reducing their room for manoeuvre.

What is entirely left out is that billionaires may have diverging interests. Russian oil oligarchs, Chinese industrialists and Silicon Valley corporations alike benefit from offshore finance. So do mafia bosses, corrupt politicians and people who have simply inherited fortunes. Perhaps they all resent government regulation, but they probably do not have a joint policy agenda.

India’s Prime Minister Narendra Modi, who is certainly one of the most dangerous right-wing populists, is currently causing a serious crisis in Kashmir. Yes, it serves his Hindu chauvinist agenda to impose his government’s rule on the country’s only Muslim-majority region. Displaying strength at a time when the economy is slowing, is what authoritarian leaders do. How it serves the interest of offshore oligarchs is not clear, however. India’s business leaders would like Modi to focus on economic reforms, and they resent his plans to increase tax revenues. Quite obviously, Modi’s approach to Kashmir is not only driven by capitalists’ interests. It would be silly to consider him to be a puppet of offshore oligarchs.

 

Link

Hendrikse, R., and Fernandez, R., 2019: Offshore finance – How capital rules the world. Amsterdam: Transnational Institute (a fully referenced pdf is yet to be published).
http://longreads.tni.org/state-of-power-2019/offshore-finance/

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Eine Zukunftsvision für Afrika

7. August 2019 - 9:17
Afrika muss sich von westlichen Kriterien lösen und seinen eigenen Weg gehen, fordert senegalesischer Ökonom

Vor rund 50 Jahren erlangten die letzten europäischen Kolonien in Afrika die Unabhängigkeit. Die weiße Minderheitsherrschaft in Südafrika endete in den 1990er Jahren. Dennoch scheinen zumindest einige der 54 Länder des Kontinents in einer Dauerkrise zu stecken. Das verfestigt uralte Stereotype von Afrika als einem fin­steren Ort, der geprägt ist von Armut, Hunger und Kriegen.

Der Maßstab, mit dem Zustand und Perspektive Afrikas gemessen werden, sei das Entwicklungsmodell des Westens, schreibt Sarr in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Afrotopia“. Entwicklung werde darin in erster Linie als wirtschaftliches Aufholen verstanden.

Nicht das Wohlergehen der Menschen stehe im Mittelpunkt, sondern das Bruttosozialprodukt oder die Weltmarkt­position einer Nation. Um in dieser Welt anerkannt zu werden, scheine den Afrikanern nichts anderes übrigzubleiben, als sich in die Rolle der minderbemittelten Schüler des Westens zu fügen, schreibt Sarr, der unter anderem 2018 als Co-Autor des vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Auftrag gegebenen Berichts über die Rückgabe afrikanischer Raubkunst Aufmerksamkeit erregte (siehe hierzu auch Blogbeitrag von Hans Dembowski auf unserer E+Z/D+C-Website).

Sklaverei, Kolonialismus und die Ausbeutung von Rohstoffen hätten tiefe Spuren in Afrika und den Seelen der Menschen hinterlassen. Allein durch die direkten und indirekten Folgen des Sklavenhandels habe der Kontinent bis zu 224 Millionen Menschen verloren. Sarr zufolge wird es Jahrhunderte brauchen, um sich von dem Verlust an Arbeitskraft und Bodenschätzen zu erholen. In der westlichen Welt halte sich zwar teilweise bis heute die Vorstellung, man habe Afrika „die Zivilisation“ gebracht, dabei gerate aber oft in Vergessenheit, wie groß der Anteil eben dieser westlichen Welt an Afrikas Krise sei, mahnt er.

Darüber hinaus sei das westliche Wirtschaftsmodell konträr zur afrikanischen Kultur und zur Tradition informellen Wirtschaftens, das mehr Familien in Afrika ernähre als formelle Arbeit. Westliche Messinstrumente erfassten diesen großen informellen Sektor nicht. Es gebe daher eine große Kluft zwischen dem, was internationale Indikatoren über den Kontinent aussagen, und dem, was die Menschen in der Realität erleben.

Zudem hätten die Industrienationen angesichts der Krise ihrer Demokratien, der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit und des von ihnen verursachten Klimawandels in den vergangenen Jahren dramatisch an Autorität verloren. Das auf Wachstum ausgelegte westliche Wirtschaftssystem mit seiner rücksichtslosen Ausbeutung habe sich als ruinös erwiesen und sei keineswegs nachahmungswürdig.

Die Länder Afrikas hätten zwar nach und nach formell ihre politische Unabhängigkeit erstritten, doch seien afrikanische Herrscher oftmals nur Marionetten des Westens und hätten koloniale Herrschaftsformen übernommen. Dies spiegele sich bis heute beispielsweise in den Strukturen des Verwaltungs-, aber auch des Bildungssystems, der Sprache und in der Elitenformung wieder.

Sarr geht es nach eigenen Aussagen nicht darum, die Vergangenheit zurückzuholen oder zu romantisieren. Vielmehr müsse Afrika unter den aktuellen Gegebenheiten seine eigene Praxis des Wirtschaftens und Lebens entwickeln, basierend auf der afrikanischen Kultur und auf Traditionen, die den Prinzipien der Nachhaltigkeit, des Gemeinwohls und der Achtsamkeit folgten – Prinzipien, die in unserer sich immer schneller drehenden Welt wieder mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.

Die Zeit Afrikas werde kommen, schreibt Sarr, seiner Bodenschätze wegen und seiner jungen Bevölkerung wegen – Mitte dieses Jahrhunderts werden gut 2 Milliarden Menschen und damit mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent leben. Wenn Afrika die Entfremdung von seiner eigenen Kultur hinter sich lasse, könne es wieder aufblühen und den Platz in der Welt einnehmen, der ihm als Wiege der Menschheit gebühre.

Buch
Sarr, F., 2019: Afrotopia. Berlin, Matthes & Seitz (französische Originalausgabe erschienen 2016, Éditions Philippe Rey).

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Frauen fordern das Patriarchat heraus

6. August 2019 - 12:33
Frauen in Uganda protestieren gegen sexuelle Belästigung und nutzen dafür den #MeToo-Hashtag

Im Mai 2019 veröffentlichte eine Gruppe männlicher Studenten eine Liste mit Namen von 230 Mädchen, die angeblich „leicht ins Bett zu kriegen“ seien. Auf der Liste standen auch ihre Telefonnummern und Universitäten. Es wurde jedoch nichts dagegen unternommen, weder von den Universitäten noch von der Polizei, obwohl es sich um einen klaren Fall von übler Nachrede und Veröffentlichung privater Daten handelte. Lediglich andere Frauen bemerkten, was geschehen war.

Wenn Frauen nicht selber dagegen vorgehen, wird nichts gegen sexuelle Belästigung und geschlechtsspezifische Gewalt getan. Zwischen Mai 2017 und Juni 2018 wurden mehr als 40 ugandische Frauen ermordet oder entführt. Feministinnen nutzten die sozialen Medien, um im Juni vorigen Jahres einen Frauen-Protestmarsch in Ugandas Hauptstadt Kampala zu organisieren. Buchstäblich in der letzten Minute erteilte die Polizei die Erlaubnis dafür.

Zum ersten Mal nahm ich an einer Demonstration teil, bei der die Sicherheitskräfte die Demonstranten schützten, anstatt sie mit Tränengas zu beschießen – wie sonst üblich in Uganda, sobald Menschen zusammenkommen, um öffentlich zu protestieren.

Für mich bedeutete diese Frauendemo #MeToo im Einsatz: Die vielen Stimmen im Online-Aktivismus kamen zusammen in einer Offline-Aktion. Dies war der Startschuss von öffentlichen Protesten gegen die grassierende Gewalt gegen Frauen. Nun erheben mehr und mehr ugandische Frauen ihre Stimme. Leider zeigt aber die negative Reaktion der Gesellschaft, wie systematisch sexueller Missbrauch weiterhin ist.

Natürlich zeigt man Mitleid, wenn Frauen getötet werden. Aber wenn wir die „Freiheit“ von Männern kritisieren, Frauen unter dem Deckmantel von Patriarchat oder Kultur zu belästigen und zu missbrauchen, dann erwartet uns das „Tränengas“ des digitalen Zeitalters: Social-Media-Mobbing. Obendrein hören wir die sehr laute Stille der Gesetzeshüter. All dies zeigt, dass die ugandische Gesellschaft weiterhin frauenfeindlich eingestellt ist.

Laut Tina Musuya, Geschäftsführerin des Zentrums zur Vorbeugung häuslicher Gewalt (CEDOVIP), ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz „weit verbreitet“. Ein Beispiel: Samantha Mwesigwa ist Staatsanwältin im Justizministerium. Sie litt zehn Jahre lang unter der sexuellen Belästigung durch ihren früheren Direktor Christopher Gashirabake, jetzt Vize-Generalstaatsanwalt. Mwesigwa sagt, sie habe „alle juristischen Mittel“ genutzt, um Recht zu bekommen, aber ohne Erfolg. „Das Justizministerium hat mich im Stich gelassen“, sagt sie. Daraufhin machte sie ihre Geschichte in den sozialen Medien öffentlich, und erst jetzt bekommen ihre Anschuldigung der sexuellen Belästigung und das Leugnen des Beschuldigten die nötige Aufmerksamkeit. Es ist zu hoffen, dass ihr Fall nun vor Gericht kommt.

Samantha Mwesigwa ist eine Staatsanwältin. Wie kann sich eine arme Frau ohne diesen politischen Einfluss wehren?

Auf der positiven Seite: Dies ist die #MeToo-Bewegung in Uganda heute. Mutige Frauen fordern Gerechtigkeit, ungeachtet der Konsequenzen, und andere Frauen zeigen ihre Unterstützung durch Hashtags und andere Formen von Online- und Offline-Aktivismus.

Reicht das? Nein, bei weitem nicht. Es dauert so lange, bis Frauen Recht bekommen – wenn überhaupt –, dass sie oft frustriert aufgeben. Die Unterstützung für Täter, die beispielsweise Rachepornos veröffentlichen, ist erschreckend hoch. Eine Frau, deren Nacktfotos ohne ihre Zustimmung veröffentlich werden, wird unter Ugandas Anti-Pornografie-Gesetz für die Herstellung und Verbreitung von Pornografie belangt. Die Polizei macht sogar die gerichtliche Vorladung der Opfer öffentlich und zeigt der Gesellschaft damit, dass es akzeptabler ist, eine missbrauchte Frau noch weiter zu belästigen, als den Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Aber es scheint, dass sich das Blatt in Uganda langsam wendet. Frauenproteste können eine Zeitlang ignoriert werden. Aber sexuelle Gewalt weiterhin zu rechtfertigen – das ist unmöglich.

Lindsey Kukunda ist Autorin, Redakteurin und Trainerin für digitale Sicherheit sowie Leiterin der zivilgesellschaftlichen Organisation Not Your Body. Sie lebt in Kampala in Uganda.
lindseykukunda@gmail.com
@RizaLouise, @NotyourbodyUg

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Marrying the person you love

2. August 2019 - 10:04
Ecuador has legalised same-sex marriage

In a closed-door hearing in June, judges at Quito’s constitutional court ruled five-to-four in favour of same-sex marriage. They argued that homosexual couples should be allowed equal rights and that the country’s current marriage legislation was discriminatory and unconstitutional. It defined marriage exclusively as a union between a man and a woman.

The dissenting judges, on the other hand, said that any changes to the constitution should be decided and approved by the National Assembly, Ecuador’s parliament, and not the court. The parliament is required to change the laws that define marriage, but the decisions made by the constitutional court are “binding and mandatory”, clarified Gustavo Medina, a former supreme-court president.

The legal decision came after nearly two decades of work by LGBTQ advocacy groups, who waged a long battle against the Catholic Church and the Christian conservative Life and Family group. Lawyer Christian Paula of the Patka Foundation, which represents several same-sex couples seeking to marry, says that this ruling “recognises that human rights must be for all people without discrimination”.

The case was brought to the constitutional court by two same-sex couples who sued their country for their right to marry. One of the plaintiffs was Efraín Soria, who heads the LGBTQ rights group Ecuadorean Equality Foundation. After winning the case, he urges other gay people to stop hiding and “enjoy the happiness that comes from being equal”.

Ecuador’s LGBTQ movement has had some victories over the years, including a 2008 constitutional protection that prohibits discrimination based on sexual orientation and the 2015 ruling that legally recognised same-sex unions – which is not the same as marriage, though, as it does not allow same-sex couples to adopt, for example.

Nevertheless, homophobic attitudes continue to prevail in Ecuador, as they do in the whole region. Amy Lind of the University of Cincinnati, who has done a lot of research in Ecuador, cautions that the constitutional court’s verdict may only benefit the most privileged same-sex couples. “It is rare that someone will be criminally charged for assaulting an LGBTQ person,” Lind says. “On the contrary, LGBTQ people in communities that continue to oppose same-sex marriage still face being cast out of their communities.”

Iván, a 26-year-old gay student, is happy about the ruling: “It is a great moment to celebrate the victory of human rights,” he says. “Everyone should have the right to choose the partner of their choice.” However, he still prefers not to be recognised and thus does not give his surname, because he also knows that a change of law does not necessarily mean a change of attitude.

Roli Mahajan is a freelance journalist and photographer. She lives in New Delhi.
roli.mahajan@gmail.com

 

Link

Ecuadorean Equality Foundation – Fundación Ecuatoriana Equidad:
https://fequidadecuador.org/

 

 

 

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Berichte von Folter

2. August 2019 - 9:54
Minderjährige Straftäter werden in Ghana rechtswidrig in Gefängnissen für Erwachsene untergebracht

Voriges Jahr wurde der 15-jährige Issah Yakubu in seinem Dorf im  Nordosten Ghanas festgenommen und beschuldigt, ein Motorrad gestohlen zu haben. Er landete im Gefängnis. Erst fast ein Jahr später kehrte er auf Kaution nach Hause zurück. Yakubu erinnert sich an die qualvolle Erfahrung seiner Verhaftung: „Ich war mit meinen Freunden auf einer Musikveranstaltung. Plötzlich stürmten Leute rein, hielten mich fest und fragten mich, wo ihr Motorrad sei. Ich sagte ihnen, dass ich nichts davon wüsste“, erzählt er.

„Sie zogen ein Messer und verprügelten mich. Dann brachten sie mich zur Polizei.“ Im Vernehmungsraum der Polizeistation ging der Alptraum weiter: „Die Polizei verabreichte mir Elektroschocks, damit ich gestehe.“ Später wurde Yakubu zum Zentralgefängnis von Tamale gebracht, in dem sowohl Erwachsene als auch Minderjährige in Untersuchungshaft sitzen.

In Ghanas Jugendstrafrecht steht, dass der Staat „die Rechte von Jugendlichen schützen und eine angemessene und individuelle Reaktion für jugendliche Straftäter gewährleisten“ muss. Ein jugendlicher Straftäter wird definiert als „eine Person unter 18 Jahren, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist“. Innerhalb von 48 Stunden muss eine Freilassung auf Kaution ermöglicht werden, und die Verhandlung darf nicht später als sechs Monate nach der Verhaftung liegen. Aber Yakubu saß fast ein Jahr lang im Gefängnis, bis er auf Kaution freikommen konnte.

Laut einer Studie der Menschenrechtsorganisation Commonwealth Human Rights Initiative (CHRI) sind „vielen Polizeibeamten die herrschenden Gesetze und Vorschriften bezüglich straffälliger Kinder unbekannt, weshalb sie diese Gesetze verletzen.“ So ist es zum Beispiel gesetzlich vorgeschrieben, dass ein Jugendlicher nicht in ein Gefängnis mit Erwachsenen kommt. Yakubu gibt jedoch an, dass er in einer Gefängniszelle mit erwachsenen Straftätern schlafen musste.

Es gibt viele Berichte über Folter seitens der Sicherkräfte, um von Verdächtigen Geständnisse zu erzwingen. Yakubu ist kein Einzelfall. „Als ich die Elektroschocks bekam, war ich total durcheinander“, erzählt er. „ Der Staatsanwalt schrieb Dinge in die Akte, von denen ich gar nichts wusste.“ Yakubu beteuert nach wie vor, unschuldig zu sein.

Maxwell Suuk ist Journalist und lebt im nördlichen Ghana.
suuk.max@gmail.com

Links

Commonwealth Human Rights Initiative (CHRI):
https://humanrightsinitiative.org/

Commission on Human Rights and Administrative Justice (CHRAJ) Ghana:
https://chraj.gov.gh/

 

 

 

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More pressure is likely to make Iran’s regime more reckless

30. Juli 2019 - 13:51
How to respond to the Hormuz Strait tanker crisis

The background, of course, is that Iran recently took control of a British-flagged oil tanker in the Strait of Hormuz. That was a response to Britain seizing a tanker with Iranian oil in Gibraltar, claiming that it was about to deliver the fossil fuel to Syria in a breach of EU sanctions.

So far, Germany’s Federal government has not indicated any interest in taking part in a European military mission. Wolfgang Ischinger, a prominent diplomat who now heads the annual security conferences in Munich, however, argues it should do so. To summarise briefly, he says that:

  • Iran poses diplomatic as well as military challenges,
  • Germany depends on safe shipping routes, and
  • it would make sense to show Britain just how valuable EU cooperation can be at a time when the new government is preparing for Brexit.

Ischinger is a most competent observer of international affairs and his views deserve consideration. In this case, however, I do not agree with him.

While I do think that the EU must become a serious player in military affairs, I do not believe that coalitions of the willing are the right approach for military missions. Coalitions of the willing are too volatile. The international community needs reliability and predictability – not only, but especially in security matters. In my eyes, the EU should draft and adopt coherent policies on these matters, and Germany should then play its part. The point is that military security cannot be left to the likes of President Vladimir Putin of Russia and US President Donald Trump because they are evidently unpredictable and unreliable. Unfortunately, that seems to be true of the new British prime minister as well.

In my eyes, moreover, the underlying problem in the tanker crisis is not military weakness but an entirely different shortcoming of EU policymaking. The current scenario would be very different had Germany, France and Britain managed to live up to their promise of shielding Iran from the economic consequences of Trump’s decision to quit the nuclear deal and impose new sanctions (see recent essay by Maysam Behravesh on our website).

US sanctions are hurting severely Iran. In response, the theocratic dictatorship is telling its people that the nation is under attack. It understands perfectly well that US policymakers hope that popular dissatisfaction will trigger an uprising that might topple the autocratic rulers. They react by  mobilising anti-American and anti-western resentments. They want to be seen fighting, and they know that, while they themselves may be unpopular, Iranians still resent both the USA and the UK for historical reasons. 

Their greatest fear is not that things might escalate into war. The Shia dictatorship is confident that it can survive a few airstrikes and might even prevail in an extended regional war. Moreover, its experience tells it that Trump will ultimately shy away from getting involved in such a war. What the Mullah regime is afraid of, however, is to look weak and indecisive in Iranians’ eyes. As long as it feels it is being exposed to economic warfare, it is therefore likely to keep using its armed forces in recklessly provocative ways. In its view, that is the best way to safeguard its power.

In this setting, a European coalition of the willing would do diplomatic damage by sending a military mission to the Strait of Hormuz. At the same time, it would not achieve anything in terms of enhancing security. On the contrary, it would not ease, but only intensify military tension.

Todays’ newspapers report that Trump wants European countries to help USA to apply maximum pressure on Iran. Apparently, Prime Minister Johnson is considering that proposal favourably. He would do well to remember that Iran leaders feel betrayed – for good reason. Trump reimposed sanctions in spite of Iran complying with the nuclear deal. If Johnson tries to look strong, the Mullahs want to look strong too.

(The last paragraph was added on 9:15 a.m. on Wednesday,31 July 2019)

 

 

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Marriage Act must be changed

25. Juli 2019 - 14:53
Many girls in Indonesia are married as teenagers

Siti Fatimah, a teenage girl in a village in East Java, was married at the age of 17. Coming from a small farmer’s household with little income, she quit junior high school when she was 15, because her family could not afford to send her to school any longer. Later, she was married to a 20-year-old man who only has an elementary school education. “I hope my husband can help our family financially,” Fatimah says. Besides her, there are ten other girls in the village who got married before turning 18.

The United Nations Children’s Fund, UNICEF, states that child marriage is related to poverty: families who cannot feed their children tend to marry them off early. Usually, girls who marry underage achieve lower educational levels than the ones who marry later. 

According to UNICEF, child marriage has decreased in the past three decades in Indonesia. But with one percent of all girls married before they are 17 years old, the country still has one of the highest ratios in the East Asia and Pacific region.

Research by the Ministry of Women’s Empowerment and Child Protection in 2018 showed that of all underage married girls in Indonesia, almost 40 % married at the age of 15 or younger. Nearly 38 % married at 16 and the remaining share at 17.

One major obstacle in the fight against child marriage in Indonesia is the Marriage Act No.1 of 1974: it allows Indonesian women to marry when they are 16 years old – which is below the age limit under the UN Child Rights Convention, which is 18 years. For men, in contrast, the Indonesian Marriage Act sets the age limit at 19.

In 2018, two Indonesian women demanded the age limit for women to be raised to 19 years, making it the same as for men. The Constitutional Court granted the claim and ordered the Parliament to immediately revise the Marriage Act. However, this is still due to happen.

Meanwhile, civil-society groups try to raise awareness for the issue. One organisation engaged against child marriage is the Indonesian Women’s Coalition (KPI). Board member Lia Anggiasih says that between January and June 2019, the coalition received two to three child marriage reports per month. In order to prevent this practice, KPI established Women Community Centres as information, complaint and advocacy centres in 15 villages in West Java, one of the provinces with the highest number of child marriages. “The prevention programme involves parents and village leaders,” Anggiasih says. But as long as the legal age is not raised, major changes cannot be expected.

Ika Ningtyas is a freelance journalist based in Java, Indonesia.
ika_bwi@yahoo.com

Link
Indonesian Women’s Coalition (KPI):
http://www.koalisiperempuan.or.id

 

 

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Keeping women down

24. Juli 2019 - 12:12
Violence against women is used to keep them out of public life

Germany has had a female head of state for a number of years – Chancellor Angela Merkel. The country’s biggest party also has a female head, Annegret Kramp-Karrenbauer, who is also the new minister of defence. And the former German minister of defence, Ursula von der Leyen, will now lead the European Commission. All these positions are at the core of power and come with a lot of control over crucial political decisions. It looks like women have finally got the power in Germany and possibly in Europe as well.

But this is an illusion. Media outlets may write about the “matriarchy” now reigning in Germany, but the reality is different – in Germany, in Europe and in the world. There are countries with high numbers of female representatives in parliament. While this is an important step forward, it does not automatically mean that all women in that state are well off.

In Germany, of all members of parliament, 30.7 % are female. In Rwanda, it is 61.3 %. This is a great achievement, but it still does not tell a lot about the position of women in society in general. In Bolivia, for instance, in 2018 the share of female representatives in the national parliament was 53.1 %. At the same time, Bolivia is one of the countries with the most incidents of gender-based violence. Domestic violence is rampant in Bolivia.

So how does this tie together? Mainly, because when women in patriarchal societies start to assert themselves, a backlash usually follows. While women who conform to  their supposedly “natural” role of wife and mother, i.e. serving men, are being spared, women who challenge this order are subdued by violence. This can be domestic violence, rape, or – in the worst case – murder. The name for this is “femicide”.

The UN-supported civil-society organisation Femicide Watch defines femicide as “gender-related killing of women and girls”. Basically, it means that a woman is killed for being a woman. More often than not, the murderer is a male family member. This happens everywhere.

Last year, 123 women in Germany were killed by their partner or ex-partner. These murders are often belittled as “family drama”. In German jurisdiction, femicide does not exist.

Other countries have progressed in this matter. Mexico is one of the countries with a high incidence of femicides. In the northern Mexican town of Ciudad Juárez, in the early 1990s there was an avalanche of murders. Victims were blamed for going out late or wearing “provocative” skirts – as if this was a rational reason for killing a woman.

Feminist groups protested for years, arguing that the common motives for all these murders were structural discrimination and hate against women. Finally, femicide was included in Mexican jurisdiction; since 2012, it constitutes a criminal offence in its own right. Still, nine women are killed each day in Mexico. But now the police must follow strict rules in the investigation and cannot play it down as an argument between a couple gone too far. However, the conviction rate is very low.

Violence is the best way to keep women down, locked up in the house, invisible in public and powerless in politics. The highest female homicides rates in the world are found in El Salvador, Honduras and South Africa. The Organisation of Salvadoran Women for Peace (ORMUSA) in El Salvador found out that in 12 % of the cases of violence against women reported, the perpetrators were judges, prosecutors, lawyers and police officers in the communities in question.

But the perception of gender-based violence is changing. Even concerning sexual harassment – another way of keeping women down – the #MeToo movement raised awareness. However, according to figures by the OCSE (Organization for Security and Co-operation in Europe), a third of all women in Europe have suffered from sexual violence at least once in their lifetime, but only 11 % reported the incident to the authorities.

Therefore, a lot still needs to be done. Female politicians are important, as lawmakers and as positive examples. But often the poor and powerless women bear the brunt in a changing society. As men lose their supposedly “natural” power over women, some try to assert themselves by using violence – verbal, sexual, psychological or physical violence. Only when society is free from that, female access to power is possible.
 

Links

Femicide Watch:
http://femicide-watch.org/

Organización de Mujeres Salvadoreñas por la Paz (ORMUSA):
http://ormusa.org/

 

 

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Ending the taboo

19. Juli 2019 - 14:52
Award-winning Netflix documentary helps to break the stigma around menstruation

“Period. End of Sentence.” is a Netflix Original documentary about menstruation in rural Northern India directed and produced by Iranian-American Rayka Zehtabchi. The short-film is only 25 minutes long and follows the journey of a local group of women in Hapur, India, as they learn to use, produce and sell biodegradable menstrual pads. The film which was funded by The Pad Project, a Californian-based nonprofit organisation, won an Academy Award for best documentary in 2019.

The film succeeds in portraying the stigma girls and women face because of their periods. Women do not go to the temple while they are menstruating because elder generations believe they are dirty and that their prayers are not heard during this time. A large portion of the documentary features girls giggling and adults feeling extremely uncomfortable to discuss menstruation. Some even refuse to speak about it.

In this rural part of India the knowledge about menstruation is quite limited. When asked what the purpose of a period is, one elderly woman responded “only God knows”. Many of the women and girls did not know what pads were, or were not able to afford the ones they had seen in stores. Furthermore, they were uncomfortable buying menstrual products from the men who ran the stores.

The taboo of menstruation is what causes many girls to be confined within their homes, forgoing education and a chance of financial independence. Without proper facilities – including female-only toilets with disposal and washing options – or sanitary materials in schools, girls face the fear of walking around their peers with blood-soaked clothes.

These girls and women risk infection every time they get their period because they are using unsanitary materials. One woman said they use whatever they can find at home, including old cotton clothing which is not highly absorbable. When they are done with these clothes and try to throw them away in the local dump they face further embarrassment as the village dogs then parade them around in their mouths.

One girl says she stopped attending school after middle-school when she got her period because it was difficult to change the sanitary napkins. She had to travel far to change and because the cloth she used did not absorb enough blood, she had to frequently interrupt her studies and draw attention to herself to leave the classroom. She also complained of having to change her cloth in front of young boys and men. It was easier option for her and many other girls to just drop out and stay at home.

Social activist Arunachalam Muruganantham says “menstruation is the biggest taboo in my country”. Muruganantham says that less than ten percent of women in India use sanitary napkins. This is why he invented a low-cost, sanitary pad-making machine and is teaching women to use it across India.

The documentary shows how life in Hapur changed after women were taken through the process of making pads using Muruganantham’s machine. After their introduction, the women produced and marketed the “Fly” pads on their own. The money they earn is more than they did in their previous agriculture-based jobs. 

Women gained respect from their families and community because they are working and able to be more active while on their periods. One woman was able to buy a suit for her brother after working at the pad workshop, which she admitted was outside of the norm. “Usually it’s brothers who buy clothes for sisters – now a sister is buying clothes for her brother”. For some women it was their first job to work in the workshop.

Another girl, Sneha, was able to fund her training for the Dehli police with the earnings from the pad machine. At the beginning of the film she complains about the lack of girls freedom and financial independence, especially after marriage. Sneha had dropped out of school herself and wants to join the police force so she doesn’t have to get married. Sneha is an example of how such initiatives are helping women to empower themselves and achieve their dreams outside of the domestic sphere.

By the end of the film, the taboo was notably broken. Women and girls begin to buy from the female salespeople without hiding their faces. Men, initially not allowed in the workshop, are curious to learn about the production. They are allowed to help produce the pads and ask questions, and do so without teasing the women. One man proudly admits he was even inspired to produce his own pad. 

 

Link

Period. End of sentence (trailer):
https://www.netflix.com/title/81074663

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„Mangelnde Informationen richten Schaden an“

17. Juli 2019 - 14:22
Liberia braucht mehr Psychiatrien, um alle psychisch Kranken zu versorgen

Können Sie kurz erklären, was eine Psychose und was Schizophrenie ist?
Ein Psychose ist ein Krankheitsbild, das mit Realitätsverlust einhergeht. Betroffene hören zum Beispiel Stimmen oder sehen Dinge, die nicht da sind. Psychotische Episoden tauchen meistens erstmals zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr auf. Sie können durch dramatische Erlebnisse ausgelöst werden, etwa den Verlust einer Beziehung, Krieg, Missbrauch, Diskriminierung et cetera. Wissenschaftlich sind derartige Störungen noch nicht voll erforscht. Wir wissen aber, dass Schizophrenie eine Gruppe von psychotischen Störungen ist, die das Denken, das Verhalten, die Gefühle und die Realitätswahrnehmung beeinflussen. Ihre Ursache liegt in einer Kombination aus genetischen und nicht genetischen Faktoren. Dazu können eine Verletzung bei der Geburt, hormonelles Ungleichgewicht, eine Virusinfektion, Mangelernährung und anderes gehören.

In Liberia wurden sehr viele Menschen durch die Gewalt im Bürgerkrieg traumatisiert. Spielt das eine Rolle?
Ja, Traumatisierung ist auf jeden Fall ein Faktor. Eine posttraumatische Belastungsstörung kann zum Beispiel zu Alpträumen führen. Wenn ein furchtbares Ereignis immer wieder durchlebt wird, löst das großen Stress aus. Betroffene können sich nur schwer auf etwas anderes konzentrieren oder werden depressiv. Auch psychotische Episoden können eine Folge sein. Katastrophen wie ein Bürgerkrieg wirken sich langfristig auf die psychische Gesundheit der Menschen aus.

Inwieweit kann das Gesundheitssystem Menschen behandeln, die unter psychotischen Episoden leiden?
Betroffene können sowohl in Krankenhäusern als auch außerhalb behandelt werden. Selbst in nicht spezialisierten Gesundheitszentren gibt es Hilfe. Die medizinische Versorgung ist einfach und effektiv. Ein wichtiger Teil davon ist die Gabe von Medikamenten, die die Menschen beruhigen. Während einer psychotischen Episode können die Patienten zumeist nicht schlafen. Sie sind extrem unruhig, und die Kommunikation mit ihnen ist schwierig, weil ihre Realitätswahrnehmung so anders ist. Leider gibt es nur in zehn der 15 Regionen Liberias eine spezialisierte Versorgung. Unser Gesundheitssystem kann nicht alle Menschen behandeln. Vor allem in ländlichen Gegenden fehlt es an Einrichtungen und qualifiziertem Personal.

Was passiert mit den Menschen, die keine professionelle Hilfe erhalten?
Die Gefahr, dass sich ihr psychischer Gesundheitszustand weiter verschlechtert, ist groß. Manche Betroffene stellen eine ernsthafte Gefahr für ihre Angehörigen dar – oder für sich selbst, wenn sie zum Beispiel versuchen, sich umzubringen. Professionelle Hilfe ist essenziell. Aber es kann auch Rückfälle geben. Manche Liberianer glauben, dass psychische Störungen übernatürliche Ursachen haben.

Menschen mit einer Psychose stellen eine große Belastung für ihr Umfeld dar. Es heißt, dass sie in armen Gegenden in Entwicklungsländern oft einfach angebunden oder eingeschlossen werden, bis die Episode vorüber ist, oder dass Exorzismus oder Zauberei angewendet werden.
Nun, welche Alternativen haben Menschen ohne Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung denn? Die Allgemeinheit weiß nicht viel über psychische Krankheiten. Es ist sehr wichtig, dafür zu sensibilisieren und den Zugang zu professioneller medizinischer Versorgung zu verbessern. Mangelnde Informationen richten Schaden an, aber eine angemessene soziale Infrastruktur ist ebenfalls unerlässlich. Liberia hat fast fünf Millionen Einwohner, aber nur eine stationäre Einrichtung für psychisch Kranke. Sie ist in der Hauptstadt Monrovia und nimmt Patienten mit vielen verschiedenen Problemen auf, etwa Drogenmissbrauch, Angstzuständen, Depressionen, Epilepsie, bipolaren und manischen Störungen, Psychosen und Schizophrenie. Es wäre gut, das Bewusstsein dafür zu schärfen und mehr Einrichtungen zu bauen. Beides könnte die Art, wie psychische Krankheiten wahrgenommen werden, verändern.

Selekie M. Tulay Jr. ist Psychiater und leitet die Abteilung für psychische Gesundheit am Ganta United Methodist Hospital in der liberianischen Region Nimba.
http://gantahospital.com

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Kreativ und engagiert

17. Juli 2019 - 12:54
Junge Frauen in der arabischen Welt haben starke und kreative Frauen als Vorbilder

Die Frage nach ihren Vorbildern beantworten junge arabische Frauen sehr unterschiedlich. Eine Kombination mehrerer Eigenschaften scheint bei positiven Rollenmodellen aus der arabischen Welt wichtig zu sein – politisches und gesellschaftliches Engagement, Individualität, Kreativität, aber auch gutes Aussehen.

Die Jordanierin Rahma Al Tamimi ist 25 Jahre alt. Sie hat Sozialarbeit studiert und arbeitet in der nordjordanischen Stadt Irbid bei einer Nichtregierungsorganisation als Trainerin für Jugendliche. Die junge Frau nennt Nada Nasser als ihr Vorbild, die sie aus dem Internet kennt.

Die Kuwaiterin Nasser ist kreativ. Sie entwirft Mode, schreibt Bücher und ist auf sozialen Netzwerken aktiv – auf Twitter hat sie mehr als 90 000 Follower. Nasser verfasst nachdenkliche Tweets zu ihren Alltagserfahrungen mit den Menschen um sie herum, schreibt aber auch über Selbstzweifel und übt gesellschaftliche Kritik. Nasser sieht gut aus und hat keine Scheu, Persönliches öffentlich zu machen. Sie gibt sich oft verletzlich und verschafft sich mit viel Mut Gehör in einer konservativen Gesellschaft, in der Frauen trotz Bildung und Engagement mit vielen Hindernissen konfrontiert sind.

Das macht sie für Tamimi interessant, die ehrgeizig ist und davon träumt, als Schriftstellerin viele Leser zu erreichen und sich einen Namen zu machen. Dafür nutzt Tamimi, wie ihr Vorbild, soziale Netzwerke. Auf Facebook hat die junge Frau schon mehr als 5 000 Follower. Dass andere Frauen ebenfalls versuchen, sich in einer restriktiven Umgebung durchzusetzen, macht ihr Mut.

Für junge Palästinenserinnen sind vor allem kämpferische Figuren weibliche Vorbilder. Ein bekanntes Beispiel ist die palästinensische Schülerin Ahed Tamimi, die gegen die Besatzung protestiert hatte und Ende 2017 von der israelischen Armee für mehrere Monate ins Gefängnis gesteckt wurde. Aber auch palästinensische Künstlerinnen, die sich politisch engagieren, haben oft Vorbildcharakter, wie etwa die kürzlich im Alter von 51 Jahren verstorbene Sängerin und Aktivistin Rim Banna. Sie kämpfte viele Jahre gegen ihre Krebserkrankung. Ihre Bilder, auch nach einer Chemotherapie, waren oft auf den Straßen von Ramallah zu sehen. Die 36-jährige Wissenschaftlerin und Sängerin Dalal Abu Amneh ist ebenfalls ein Rollenmodell für palästinensische Frauen. Sie ist in beiden Berufen erfolgreich, auch über Palästina hinaus.

Ein aktuelles Beispiel ist die Sudanesin Alaa Salah, die Anfang dieses Jahres über Nacht zu einem Symbol für die Forderung nach Freiheit im Sudan wurde. Bei einer Demonstration in Khartum stieg die 22-Jährige spontan auf ein Auto und begann, vor der Menge kämpferische Slogans vorzutragen. Fotos davon zeigen eine mutige und schöne junge Frau, mit großen Ohrringen und in einen traditionellen weißen Umhang gehüllt. International steht sie nun für den Widerstand der Sudanesen gegen die Diktatur, insbesondere für den Widerstand von Frauen gegen politische Unterdrückung und Benachteiligung.

Für Salah ist der Bezug zur sudanesischen Geschichte sehr wichtig; eine Geschichte, in der Frauen früher eine starke Rolle hatten. Sie beansprucht die Vergangenheit ihres Landes für sich. Das schafft eine neue weibliche Identität und entreißt den Männern die Deutungshoheit über historische Machtverhältnisse.

Weibliche Figuren aus der islamischen oder vorislamischen Geschichte tauchen immer wieder auch als Vorbilder auf. Diese historischen Frauen kombinieren ebenfalls mehrere Eigenschaften: Kreativität, Individualität und manchmal politisches Engagement.

Nach wie vor werden Frauen in der arabischen Welt oft unterdrückt und diskriminiert. Aber gerade junge Frauen orientieren sich neu. Sie suchen sich weibliche Vorbilder, die stark, einfallsreich, gebildet und durchsetzungsfähig sind. Das ist ein gutes Omen für die Zukunft.

Mona Naggar ist Journalistin und Medientrainerin. Sie lebt in Beirut, Libanon.
mona.naggar@googlemail.com

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Geschlechtergerechtigkeit durch Bildung

17. Juli 2019 - 12:36
Die Sun-spring Charity School in Sambia nimmt zu gleichen Teilen Mädchen und Jungen auf

Die Sun-spring Charity School (SCS) ist eine nicht-staatliche Initiative. Unsere Schule ist kostenlos und richtet sich an benachteiligte Kinder aus dem Armenviertel Ng’ombe nahe der Hauptstadt Lusaka (siehe hierzu meinen Beitrag im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2016/01). Wir tun unser Bestes, die SDGs voranzutreiben, besonders unter dem Aspekt der Gleichberechtigung.

Die Schule nimmt gleich viele Mädchen und Jungen auf. Wir vermeiden es, mit Stereotypen zu arbeiten wie „Jungs weinen nicht“ oder „Mädchen prügeln sich nicht“. Das sind falsche Aussagen und hindern Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung. Zudem benutzen Lehrkräfte an der SCS gendergerechte Sprache. Die Kinder lernen je nach Situation andere Wörter zu benutzen. Sie sagen dann etwa Lehrkraft statt Lehrer oder Lehrerin. Wir raten ihnen auch, Wörter wie „guys“ („Jungs“) zu vermeiden, weil sich Mädchen ausgeschlossen fühlen könnten.

Die SCS nimmt das UN-Ziel, geschlechtsspezifische Gewalt an Schulen zu vermeiden, sehr ernst. Alle unsere Lehrkräfte verpflichten sich zu einem Verhaltenskodex, den sie bei Arbeitsantritt unterschreiben müssen. Meistens geht die Gewalt in der Schule von Lehrern und Jungen aus. Deshalb ermutigen wir gerade sie, Schlüsselfiguren des Wandels zu sein. Gleichermaßen loben wir Mädchen, die uns auf verdächtige Lehrkräfte hinweisen. Dafür gibt es auch einen anonymen Postkasten. Ein sicheres Lernumfeld für alle Kinder ist Priorität an der Schule. Mobbing, Prügelstrafen und Diskriminierung sind inakzeptabel.

Angesichts der Benachteiligung von Mädchen in ganz Sambia hat die SCS zusätzlich eine Mädchenschule in einem anderen Viertel aufgebaut. Wir sind fest entschlossen, die Chancen für Frauen und Männer dadurch zu verbessern (fm).

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Freiheit durch Lesen

17. Juli 2019 - 12:25
Schulbildung ist der Schlüssel für mehr Geschlechtergerechtigkeit in Sambia

Trotz des rasanten Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren ist Sambia nach wie vor ein sehr ungleiches Land. Sambias Gini-Index liegt derzeit bei 57,1. Das bedeutet, dass die soziale Ungleichheit sehr groß ist. Frauen und Mädchen sind besonders betroffen.

Sambias Wirtschaft kann besonders wegen der Ungleichheiten der Geschlechtern nicht inklusiv wachsen. Insgesamt leben 17 Millionen Menschen in dem zentralafrikanischen Staat. Wenn sich die Lage nicht verbessert, wird die Vision der Regierung, dass Sambia bis 2030 ein Land mittleren Einkommens wird, keine Wirklichkeit.

Das UN-Entwicklungsprogramm (UN Development Programme – UNDP) hat einen Index für geschlechtsspezifische Ungleichheit (Gender Inequality Index – GII) entwickelt. Er setzt sich aus drei Faktoren zusammen: reproduktive Gesundheit, Stärkung von Frauen sowie ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt. 2017 lag Sambia mit einem GII-Index von 0,517 auf Rang 125.

Weitere Statistiken bestätigen das. Frauen sind häufiger Analphabetinnen als Männer. Nur etwa ein Viertel der Frauen besuchen eine weiterführende Schule, im Gegensatz zu 44 Prozent der Männer. Laut UN-Daten waren 95 Prozent der Männer im Jahr 2015 erwerbstätig, aber nur 78 Prozent der Frauen. Obwohl Frauen mehr als die Hälfte der Bevölkerung Sambias ausmachen, sitzen weniger als zwölf Prozent von ihnen im Parlament.

Einer Arbeitsmarktstudie zufolge wurde fast zwei Drittel der landwirtschaftlichen Arbeit im Jahr 2012 von Frauen verrichtet. Allerdings können sie wichtige Entscheidungen wie Düngergabe und so weiter nicht treffen, da das Land nicht ihnen, sondern den Männern gehört. Ebenso ist der Anteil der Frauen im Niedriglohnsektor besonders hoch.

Etwa 60 Prozent der Menschen in Sambia sind arm. Armut bringt Frauen dazu, Entscheidungen zu treffen, die ihre Situation noch verschlechtern. Weil Mütter oft weniger gebildet sind als Väter, haben sie zu Hause weniger Mitspracherecht. Eltern investieren traditionsgemäß eher in die Schulbildung ihrer Söhne. Nicht wenige Mädchen entscheiden sich dann, in der Prostitution zu arbeiten, und riskieren, schwanger zu werden oder sich mit HIV/Aids anzustecken. Das zwingt sie wiederum dazu, die Schule abzubrechen.

Den Frauen fehlt häufig die Zeit, um Erwerbsarbeit nachzugehen. Sie arbeiten 12 bis 13 Stunden im Haushalt, und das sieben Tage die Woche. Das ist wertvolle Zeit, in der sie Geld verdienen könnten. Männer haben dagegen nach sechs bis sieben Stunden Feierabend. Hausarbeit ist also ein großer wirtschaftlicher Faktor, der aber nicht in den volkswirtschaftlichen Zahlen auftaucht.

Schließlich spielen auch kulturelle Normen eine Rolle. Verheiratete Mädchen brechen meistens die Schule ab und arbeiten dann im Haushalt. Diese Tradition verstärkt das Bevölkerungswachstum, weil Frauen bereits als Teenager ihre ersten Kinder bekommen. Die Ehemänner sind oft um einiges älter, betrachten die Frauen nicht als ebenbürtig und erwarten von ihnen Gehorsamkeit. Gebildete Frauen wissen in der Regel mehr über Geburtenkontrolle und können ihre Männer eher überzeugen, zu verhüten.

Wenn Frauen die Gesellschaft in Sambia vorantreiben sollen, brauchen sie mehr Möglichkeiten, ihr ganzes Potenzial zu entfalten. Der Schlüssel dazu ist Bildung. „Sobald man lesen lernt, ist man für immer frei.“ So beschrieb es der ehemalige Sklave und US-Menschenrechtsaktivist Frederick Douglass. In der Tat ist Analphabetismus die größte Sackgasse für viele Frauen in Sambia.

Ehrgeizige Ziele

Die Regierung will die Geschlechtergerechtigkeit vorantreiben. Frauen machen nun sogar Politik auf höchster Ebene. Inonge Wina von der Regierungspartei Patriotic Front ist Vizepräsidentin Sambias und die erste Frau, die dieses hohe Amt bekleidet.

2012 hat die Regierung das Ministerium für Gleichstellung und Kindesentwicklung gegründet. Zwei Jahre später hat sie die frauenpolitische Strategie aus dem Jahr 2000 überarbeitet und eine neue entwickelt, die National Gender Policy. Sie soll Frauen und Männern gleiche Teilhabe ermöglichen.

Die Regierung hat sich einige ehrgeizige Ziele gesetzt: Die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen sollen in weiblichen Besitz übergehen. Mädchen, die wegen einer Schwangerschaft die Schule abgebrochen haben, sollen wieder in den Unterricht zurück dürfen. Grundsätzlich soll auch die Schulbildung und Gesundheitsversorgung verbessert werden. Die Regierung hat sich zudem verpflichtet, in Absprache mit den Regionalregierungen qualitative Aufklärungsarbeit umzusetzen sowie Zwangs- und Kinderehen zu beenden. Frauen sollen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen und vor allem Aussichten auf besser bezahlte Jobs in höheren Positionen.

Die Ziele sind grundsätzlich lobenswert, aber sie müssen auch erreichbar sein. Und das geht nur, wenn die Regierung mehr in die Bildung von Frauen investiert. Der ungleiche Bildungsstandard von Männern und Frauen bleibt die Hauptursache für alle geschlechterspezifischen Ungleichheiten in Sambia. Ungebildete Eltern führen häufig Traditionen fort, die die Chancen ihrer Töchter einschränken. Menschen mit wenig Schulbildung haben zudem einen Hang zum Aberglaube und zur Hexerei.

Bildung kann dem entgegenwirken. Laut einer Vergleichsstudie des International Food Policy Research Institute (IFPRI) konnten besser gebildete Frauen effektiver Landwirtschaft betreiben. Daten zwischen 1970 und 1995 zeigen auch, dass so die Unterernährung in 63 Ländern um 40 Prozent reduziert werden konnte. Ein zusätzliches Schuljahr nach der Grundschule bringt einer Frau laut der IFPRI-Studie zwölf Prozent mehr Einkommen und verringert die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, um 7,3 Prozent.

Jedes weitere Schuljahr ist deshalb entscheidend für die Zukunft einer Frau, egal ob sie einen Schulabschluss macht oder nicht. Wenn Frauen also fundierte Entscheidungen treffen und in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mitwirken sollen – sei es in der Familie, auf kommunaler oder nationaler Ebene –, ist Bildung entscheidend. Gebildete Frauen leben außerdem gesünder und kümmern sich mehr um die Gesundheit ihrer Familie.

Hätten Frauen und Mädchen bessere Chancen, würde das Sambias Zukunftsper­spektive deutlich verbessern. Laut internationalen Studien geben junge Frauen 90 Prozent ihres Einkommens für die Familie aus, Männer hingegen nur 30 bis 40 Prozent. Die gesamte UN-Nachhaltigkeitsagenda hängt also am Ziel 5 für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Darauf muss Sambia setzen, wenn es sich nachhaltig weiterentwickeln will.

Frank Masanta Jr. ist ein Bildungsaktivist in Sambia. Er hat 2011 die Sun-spring Charity School in Ng’ombe, einem Armenviertel in Lusaka, gegründet und leitet diese auch. Seine Schule bietet Vor- und Grundschulbildung für mehr als 100 Mädchen und Jungen (siehe Kasten).
frankmasanta.jr@gmail.com

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Die „Gender-Linse“ benutzen

17. Juli 2019 - 11:44
UNESCO analysiert den Zusammenhang von Geschlecht und Bildung

2018 veröffentlichte die UNESCO im Rahmen des Global Education Monitoring Report ihren sechsten Gender-Bericht. Damit will sie den Fortschritt bei der Erreichung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) verfolgen. Laut der Agenda sollen Männer und Frauen gleichermaßen von Entwicklung profitieren. Der UNESCO-Bericht konzentriert sich auf SDG 4 (Gewährleistung einer inklusiven und gleichwertigen Bildung und Förderung von Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle) und SDG 5 (Gleichstellung der Geschlechter erreichen und alle Frauen und Mädchen stärken).

Die gute Nachricht ist, dass weltweit auf allen Bildungsebenen außer dem Tertiärbereich Gleichheit erreicht wurde. Die schlechte Nachricht ist, dass es auf nationaler und regionaler Ebene Unterschiede gibt, die sich in höheren Bildungsstufen verschärfen.

Der Bericht geht über den Vergleich der Anzahl von Jungen und Mädchen in Klassenzimmern hinaus. So befasst sich der erste Teil mit den Themen, die geschlechtsspezifische Unterschiede in der Bildung verursachen, etwa Gesundheit, Wasser und Sanitärversorgung. Im zweiten Teil geht es um Anreize und Strafmaßnahmen, die zur Erreichung der SDGs beitragen können. Im Idealfall sollten Regierungen und Schulen sicherstellen, dass die Standards eingehalten werden, und unabhängige Instanzen – wie Journalisten, Gerichte und NGOs – sollten sie überwachen.

Was muss noch geschehen?

Der Bericht führt den Begriff „Gender-Linse“ ein. Er bedeutet, dass das Geschlecht bei jedem Aspekt des Lebens berücksichtigt werden sollte. So soll Diskriminierung erkannt und angegangen werden. Relevante Bereiche in Bezug auf Bildung sind:

  • Geschlechternormen,
  • Werte und Einstellungen,
  • Nicht-Bildungseinrichtungen,
  • Gesetze und Richtlinien,
  • Verteilung von Ressourcen und
  • Lehr- und Lernpraktiken.

Beispielsweise verwendet der Bericht die Gender-Linse, um den Mangel an Frauen in Führungspositionen weltweit zu betrachten. In allen OECD-Ländern zusammengenommen stellen Frauen 68 Prozent der Lehrkräfte im Sekundarbereich, haben jedoch nur 45 Prozent der Führungspositionen inne. Die Kluft zwischen männlichen und weiblichen Führungskräften wächst im Allgemeinen mit dem Schulniveau. In Ruanda zum Beispiel sind 30 Prozent der Grundschulleiter Frauen, aber nur 19 Prozent der Leiter weiterführender Schulen. Die Autoren argumentieren, dass der Einfluss von Frauen beschränkt ist, wenn sie nicht auf allen Ebenen vertreten sind – von Schulgremien bis zu gesetzgebenden Organen. Dies könne Fortschritte zur Gleichheit verlangsamen oder sogar verhindern.

Die UNESCO-Autoren richten die Gender-Linse auch auf die UN. Sie betonen deren Vorbildfunktion und wollen, dass sie ihre Ideale als einen „entscheidenden ersten Schritt“ auf dem Weg zur Gleichstellung umsetzen. Natürlich haben auch die UN noch keine Gleichstellung der Geschlechter auf der Führungsebene erreicht.

Der Bericht fordert, dass UN-Organisationen, multilaterale Organisationen und nationale Regierungen Frauen mehr Führungspositionen zugestehen. Dazu verweist er auf den erfolgreichen Einsatz von Quoten in Ländern wie Schweden, Italien und Uganda. Dieser hat zu mehr Frauen in Spitzenjobs geführt – und zum Teil zu kompetenteren und besser ausgebildeten Führungskräften. Durch die Durchsetzung der Quoten sind die Länder der Erreichung ihrer Ziele nähergekommen. Frauen in Führungspositionen sind außerdem Vorbilder für Mädchen.

Der Bericht weist darauf hin, dass die Gleichstellung der Geschlechter in der Bildung kein isoliertes Thema ist. Sie ist mit allen anderen Bereichen der Gesellschaft verbunden. Wenn sich die Gleichstellung der Geschlechter in der Bildung verbessert, verbessert sie sich auch im Gesundheitswesen, in der Regierung, auf dem Arbeitsmarkt und so weiter. Nach Ansicht der Autoren sollte jeder – egal ob Student, Elternteil, Lehrer, Regierungsbeamter, Frau oder Mann – Bildung und Politik durch die Gender-Linse betrachten und dann Maßnahmen ergreifen, um die Lage zu verbessern.

Link
Global Education Monitoring Report:
https://en.unesco.org/gem-report/2018_gender_review

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Von der Macht des Aberglauben

17. Juli 2019 - 11:05
Debüt eines nigerianischen Autors über die Geschichte einer Familie, der eine unfassbare Tragödie widerfährt

Die Geschichte beginnt unspektakulär. Der neunjährige Erzähler Benjamin, genannt Ben, und seine Brüder langweilen sich, und sie kommen auf die Idee, im Fluss ihres Heimatortes Akure im Süden Nigerias zu fischen. Die Jungs erhoffen sich, mit dem Fischverkauf etwas Geld dazuzuverdienen.

Doch der Erzähler berichtet, dass es den Kindern streng verboten ist, sich dem Fluss Omi-Ala zu nähern, da er verflucht sei und Unglück bringe. Die Kinder, die großen Spaß am Fischen haben und sich stolz als „Fischer“ bezeichnen, kümmern sich nicht um diese Warnung. Nach drei Wochen erwischt sie jedoch eine Nachbarin und erzählt alles der Mutter, die sich um zwei weitere kleine Kinder kümmern muss und sich als Marktfrau verdingt.

Die Mutter ist sehr aufgebracht und droht, alles dem Vater zu erzählen, der seit einigen Wochen als Angestellter der Zen­tralbank von Nigeria ins hunderte Kilometer entfernte Yola versetzt wurde und die Familie nur an den Wochenenden besucht. Die vier Brüder haben große Angst vor dem Vater, einem strengen, gottesfürchtigen Mann, der seine Kinder bei Regelverstößen mit dem Stock züchtigt. Wie zu erwarten, ist der Vater außer sich, als er von der „barbarischen Tat“ hört, und verprügelt seine Kinder gnadenlos. Am härtesten schlägt er den ältesten, den 15-jährigen Ikenna.

Dieser Moment markiert den Beginn der „Metamorphose“ Ikennas, wie es der Erzähler nennt. Ikenna fühlt sich vom Vater ungerecht behandelt und verhält sich zunehmend abweisend gegenüber seinen Brüdern – vor allem gegenüber seinem bisher engsten Vertrauten, dem zwei Jahre jüngerem Boja.

Als Ikennas Verhalten immer aggressiver wird, drängt die Mutter darauf zu erfahren, was mit ihm los ist. Sie (und der Leser) erfährt, was wirklich passiert ist. Die Jungen trafen an ihrem letzten Tag am Omi-Ala auf den stadtbekannten Verrückten Abulu, der bei einem Autounfall den Verstand verlor und den alle wegen seiner Prophezeiungen fürchten. Abulu verfluchte Ikenna und sagte voraus, er werde von einem Fischer umgebracht.

Für Ikenna ist sofort klar, dass dieser Fischer sein Bruder Boja sein muss. Ab diesem Zeitpunkt schottet Ikenna sich zunehmend ab, will nichts mehr mit der Familie zu tun haben und sperrt Boja aus dem gemeinsamen Zimmer aus. Ikennas Verhalten wird für alle immer unerträglicher.

Es entspinnt sich eine Kettenreaktion an Ereignissen, die von einer Tragödie in die andere mündet. In dem Moment, an dem der Leser denkt, das Schlimmste sei passiert, ist das Buch noch nicht zu Ende, und Obioma gelingt es, den Klimax noch zu steigern. Die letzten Seiten lassen den Leser nicht mehr los. Er will endlich wissen, wie die Geschichte endet.

Neben der eigentlichen Story erfährt der Leser, wie die Menschen in Akure ticken, wo der Autor 1986 als eines von 12 Kindern geboren wurde. Die Handlung spielt Mitte der 1990er Jahre und wird im Rückblick erzählt. Die Familie des Erzählers ist sehr religiös und gehört einer der zahlreichen evangelikalen Kirchen an. Sie lebt in einem Haus mit mehreren Zimmern, ist sicher nicht arm, die Kinder gehen zur Schule und haben alles, was sie brauchen. Die Abwesenheit des Vaters und seine Kontrollfunktion bringen jedoch das Unheil ins Rollen.

Der christliche Glaube vermischt sich stark mit Aberglauben. Niemand zweifelt an den magischen Kräften des Verrückten Abulu. Auch Ikenna scheint der festen Überzeugung, dass Abulu ihn verflucht hat, und die damit einhergehende Angst treibt ihn in den Wahnsinn. Er vertraut seinem gesunden Menschenverstand oder den Worten seiner Brüder nicht mehr, die ihm versichern, ihn zu lieben und ihm nichts antun zu wollen. Die gemeinsame Vergangenheit zählt nicht mehr, und Ikenna vernichtet sogar wichtige Erinnerungsstücke, die die Einigkeit der Brüder symbolisieren.

Der Erzähler erfährt nie, wie Ikenna wirklich denkt und wie es in ihm aussieht. Nach dem Vorfall mit Abulu spricht er kaum mehr, er ist nicht fähig, seine Gedanken und Ängste zu artikulieren. Die Angebote der Mutter und Brüder, über alles zu reden, nimmt er nicht an. Diese Ratlosigkeit, die die Familie verzweifeln lässt, erfährt auch der Leser. Nach einem überraschenden und dramatischen Finale bleibt das Gefühl, dass alle Geschehnisse völlig sinnlos und unnötig sind.

Buch
Chigozie Obioma, 2015: Der dunkle Fluss, Aufbau Verlag, Berlin.

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Ermordet, weil sie eine Frau war

16. Juli 2019 - 11:42
Femizide sind häufig in Mexiko, aber zivilgesellschaftliche Organisationen kämpfen dagegen

Straffreiheit der Täter wiederum trägt zu Gewalt gegen Frauen bei. Es gehöre zum „patriarchalen Systems der Ungleichheit“, erklärt die zivilgesellschaftliche Menscherechtskommission (CMDPDH - Comisión Mexicana de Defensa y Promoción de los Derechos Humanos).

Der Rechtsstaat in Mexiko ist schwach, und viele Verbrechen werden nicht geahndet – inklusive Femiziden. Laut UN-Statistiken werden in Mexiko durchschnittlich sieben Frauen pro Tag getötet. Manche dieser Morde haben Verbindungen zum organisierten Verbrechen, andere sind schlicht und einfach genderbasiert.

Die Behörden vernachlässigen in der Regel Hassverbrechen gegen Frauen. Laut dem National Citizens’ Observatory on Femicide wurden zwischen Januar und Juni 2017 in 13 Staaten Mexikos 800 Frauen ermordet. Nur in 49 Prozent der Todesfälle wurde wegen Femizid ermittelt. „Es ist noch ein langer Weg, bevor die Behörden schnell handeln, um das Leben von Frauen zu retten“, sagt María de la Luz Estrada, Koordinatorin des Observatory, einer Allianz von 49 Menschenrechtsorganisationen aus ganz Mexiko. Ihr Aktivismus hat die Rechenschaftspflicht erhöht.

Die Gerichte verhandeln nun mehr Fälle von Femiziden. Die Statistiken sind jedoch irreführend, denn verschiedene staatliche Institutionen verwenden unterschiedliche Definitionen von Femizid. Zugleich ist es beunruhigend, dass die Polizei in der Regel kaum ein Verständnis für Geschlechterfragen hat. Das muss sich ändern.

Viele zivilgesellschaftliche Organisationen arbeiten daran, die Gewalt gegen Frauen in Mexiko zu beenden: Nuestras Hijas de Regreso a Casa, Red Mesa de Mujeres, El Closet de Sor Juana, Las Hijas de Violencia und viele andere. Diese Gruppen organisieren Kampagnen und Demonstrationen, um Femizide an die Öffentlichkeit zu bringen.

2017 wurde in Mexiko City im Museum der Erinnerung und Toleranz (Museo Memoria y Tolerancia) eine permanente Ausstellung über Femizide eröffnet, mit dem Titel „Feminicidio en México. ¡Ya basta!“ (Femizide in Mexiko. Schluss damit!). Die klare Botschaft: st: Genderbasierte Gewalt wird nicht toleriert. (vm/my)

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Ungleiche Sozialisierung

16. Juli 2019 - 11:18
Trotz gesetzlichem Diskriminierungsverbot ist es in Mexiko noch eine weiter Weg bis zur Gleichberechtigung von Frauen

In jeder Kultur gibt es spezifische Mechanismen und Strukturen im Sozialisationsprozess, der dazu führt, dass Männer und Frauen eine bestimmte Rolle innerhalb ihrer sozialen Gruppe übernehmen. Mexiko ist ein multikulturelles Land. Es existieren aber landesweite Merkmale der Rolle der Frauen. Spezifische Gemeinschaften haben aber häufig nochmals ein eigene Vorstellung davon, welche Rolle sie ihren weiblichen Mitgliedern zuschreiben.

Überlieferte Verhaltensmuster und Traditionen haben einen starken Einfluss. Zu den sogenannten weiblichen Eigenschaften zählen Sensibilität, die Fähigkeit, zu vergeben, Verletzlichkeit, Demut, Gehorsam und Schweigen.

Sowohl auf dem Land wie auch in städtischen Gebieten bestehen Beziehungsmodelle fort, die auf Geschlechterstereotypen basieren: So etwa müssen viele Frauen ihre Männer um Erlaubnis fragen, um arbeiten oder studieren zu dürfen. In der Regel kontrollieren Männer das Geld und den Besitz der Familie. Die meisten Eltern vererben ihr Eigentum ausschließlich an ihre Söhne. Auch wird die Bildung der Söhne priorisiert. Solche Verhaltensweisen schränken die Unabhängigkeit und den Einfluss der Frauen ein. Ungeschriebene patriarchale Regeln werden so verinnerlicht, dass auch Frauen selbst häufig solche Praktiken unterstützen.

Frauen sollen jederzeit hübsch und begehrenswert aussehen, um das sexuelle Interesse ihres Partners wach zu halten. Und obwohl in zunehmendem Maße anerkannt wird, dass beide Partner für den Erfolg einer Ehe, aber auch der Kindererziehung und -betreuung verantwortlich sind, trägt in der Praxis hauptsächlich die Frau diese Lasten. Das gilt auch für die Pflege älterer oder kranker Verwandter und die Hausarbeit.

Wenn die Frauen-Fußballmannschaft ein Spiel gewinnt, folgen in den sozialen Medien mehr sexistische Kommentare als Glückwünsche. Negative Äußerungen und Beleidigungen gegenüber der oscarnominierten, indigenen mexikanischen Schauspielerin Yalitza Aparicio offenbarten ebenfalls das sexistische und rassistische Gedankengut, das in den Köpfen vieler Mexikaner verwurzelt ist. Es hieß zum Beispiel, sie könne nicht schauspielern und sähe nicht gut aus.

In sozialen Netzwerken zeigt sich mehr denn je, wie wichtig es ist, Frauen zu schützen, zu fördern und zu ermutigen. Auch Solidarität unter Frauen ist nötig. Leider beteiligen sich nämlich viele Frauen daran, Geschlechtsgenossinnen zu kritisieren, ohne sich selbst als potenziell Betroffene zu sehen. Wenn es um sexuelle Übergriffe geht, hagelt es in sozialen Netzwerken negative Kommentare über das Opfer – auch von Frauen.

Doch die #MeToo-Bewegung hat auch in Mexiko Einzug gehalten. Sie enthüllt, wie normal die Belästigung von Frauen ist – ob in der Familie, bei der Arbeit, im Bildungswesen und anderen Institutionen. Es wird davon ausgegangen, dass in Mexiko zwischen 2010 und 2015 3 Millionen sexuell motivierte Übergriffe stattfanden, von sexueller Belästigung bis zu Vergewaltigung. In der überwältigenden Mehrzahl der Fälle kam es laut staatlicher Kommission zur Opferbetreuung (Comisión Ejecutiva de Atención a Víctimas – CEAV) nicht zur Anzeige. Morde an Frauen sind sehr häufig (siehe Kasten).
 

Väter brechen ihr Studium nicht ab

Der Schlüssel, um diese Machtverhältnisse zu ändern, ist Bildung. Obwohl das Gesetz den gleichberechtigten Zugang der Geschlechter zu Hochschulen garantiert, werden junge Studentinnen der Ingenieurwissenschaften immer wieder von Dozenten gefragt, warum sie denn einen Männerstudiengang gewählt haben. In anderen Studiengängen wird Frauen dagegen oft unterstellt, sie wollten nur die Zeit bis zur Hochzeit überbrücken. Im Fall von Schwangerschaft brechen Mädchen und junge Frauen ihre Schul- und Hochschulbildung ab – nicht die Väter. Angehörige setzen derweil junge Frauen unter Druck, zu heiraten und Kinder zu bekommen.

In der katholisch geprägten Gesellschaft Mexikos haben Jungfräulichkeit und Mutterschaft hohen Symbolwert.  Eine Folge ist die zunehmende Kriminalisierung der Abtreibung zu sehen. Bislang ist sie in fast allen mexikanischen Staaten unter bestimmten Voraussetzungen legal:

  • nach einer Vergewaltigung,
  • wenn Gefahr für die Gesundheit der Mutter besteht und
  • bei Nachweis eines körperlichen oder geistigen Schadens des Kindes.

Manche konservative Staaten verschärfen jedoch die Gesetze und verbieten Abtreibung wie etwa der Bundesstaat Nuevo León im Nordosten. Dort wurde im März dieses Jahres die Verfassung mit dem Ziel „Schutz des Lebens vom Empfängnis an“ dahin gehend geändert, dass auch bei den bisher üblichen Ausnahmen – also etwa bei Vergewaltigung – ein Schwangerschaftsabbruch illegal ist und mit Gefängnis bestraft wird.

Nur in Mexiko-Stadt ist es erlaubt, eine Schwangerschaft während der ersten zwölf Wochen zu beenden. Trotzdem versuchen Abtreibungsgegner, Frauen bei ihrer Entscheidung zu beeinflussen. Hinzu kommt, dass viele Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, sozial geächtet werden.

Ein weiteres ernstes Problem betrifft die Kinderheirat. Der internationale zivilgesellschaftliche Dachverband Girls not Brides schätzt, dass in Mexiko 26 Prozent der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag heiraten.  Um die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu wahren, hat der Senat voriges Jahr diese zivilrechtliche Praxis verboten.

In der Politik gab es beschämende Ereignisse. Um die Geschlechterquote zu erfüllen, stellen Parteien bei Kommunalwahlen vermehrt Frauen auf. Nach der gewonnenen Wahl setzten Parteispitzen dann Frauen unter Druck, abzutreten, damit ein männlicher Stellvertreter ihren Platz einnehmen konnte. Dieses Phänomen ist in Mexiko unter dem Namen „Juanitas“ bekannt. Andererseits hat in der laufenden Legislaturperiode die nationale Abgeordnetenkammer 241 weiblich und 259 männliche Mitglieder. Im Senat sitzen 63 Frauen und 65 Männern.

Nach Angaben des nationalen Wahlinstituts waren beide Parlamentskammern noch nie so nah an der Geschlechterparität. Andererseits sind nur zwei von 31 Gouverneuren weiblich, und Frauen stehen in nur 545 von 2 400 Kommunen an der Spitze.

Die Veränderung von Verhaltensmustern, die in Mexiko zu geschlechtsspezifischen Ungleichheiten führen, ist eine langfristige Aufgabe. Sie erfordert eine ständige Schulungs- und Sensibilisierungsarbeit, aber auch Vorgaben und Gesetze, die gewährleisten, dass jede Person, ob Mann oder Frau, uneingeschränkt alle ihre Rechte geltend machen kann. Frauen in Führungspositionen sind auch wichtig – zum Beispiel als Vorbilder.

Virginia Mercado ist Wissenschaftlerin an der Universidad Autónoma del Estado de México (UNAM) und Lehrkraft für Friedens- und Entwicklungsstudien.
virmercado@yahoo.com.mx

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Klick-Aktivismus

16. Juli 2019 - 10:47
Feministinnen in Ghana verändern mit Hilfe der sozialen Medien den öffentlichen Diskurs

„Ich habe mich lange nicht als Feministin gefühlt“, sagt die ghanaische Autorin und Journalistin Nana Ama Agyemang Asante. Obwohl sie in einem Umfeld aufwuchs, das sie dazu ermutigte, Geschlechterklischees zu hinterfragen, begegnete sie den Begriffen „Feminismus“ und „Patriarchat“ erst als Studentin. Das liegt vermutlich daran, dass Frauenrechtlerinnen in Ghana lange Begriffe wie „Befähigung“, „Fraueninteressensgruppen“ oder einfach „Menschenrechtsaktivismus“ bevorzugten. „Feministin“ sei ein Schimpfwort gewesen, das Männer benutzten, um Frauen zu beleidigen, erinnert sich Asante.

Heute benutzen ghanaische Frauen das Wort Feministin viel häufiger. An der Etablierung des Begriffs war Asante gemeinsam mit anderen Frauen maßgeblich beteiligt. Sie ist eine bekannte Kommentatorin gesellschaftlicher und politischer Debatten und war lange Zeit die einzige weibliche Ko-Moderatorin in einer der beliebten Radio-Frühstücksshows in Accra. Obwohl Gleichberechtigung der Geschlechter in Ghanas Verfassung verankert ist, ändert sich die Gesellschaft nur langsam.

Asante gehört zu einer neuen Generation von Feministinnen, die soziale Medien nutzen, um die männlich dominierte Gesellschaft zu kritisieren und Widersprüche aufzuzeigen. Laut Asante gibt es in den Massenmedien Grenzen der freien Meinungsäußerung: „Ich habe bei Citi FM sehr viel Freiraum, aber manche Ansichten kann ich im Radio nicht äußern.“ Um gegen alte Denkmuster anzugehen, nutzt sie deshalb die sozialen Medien. Wegen ihrer Tweets wurde sie schon „Hexe“ und „Männerhasserin“ genannt.

Offen und direkt

Andere Feministinnen sind im Netz genauso direkt wie Asante. „Männer, die denken, Frauen gehörten in die Küche, sind dieselben, die für ihre schwangere Frau nur Ärztinnen akzeptieren.“ So lautete ein Post auf der Facebookseite Our Collective Vagina (OCV). Maame Akua Awereba hat die Seite im Januar 2018 gegründet, ebenso die Seite Dear Survivor, auf der Opfer sexueller Gewalt anonym über ihre Erfahrungen berichten können.

„Irgendwie war ich schon immer Feministin“, sagt Awereba. Schon als sie klein war, stieß sie in der Schule und in der Kirche auf Aussagen, die sie nicht nachvollziehen konnte. Sie erinnert sich, dass den Mädchen gesagt wurde, wie sie sich verhalten sollen, damit Jungs sie gut behandelten. Ihr war schon damals klar, dass Jungs für ihr Verhalten selbst verantwortlich sind. Genauso argumentiert sie, wenn es um sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen geht. Der Grund könne niemals im Kleidungsstil der Frau gesucht werden, sondern nur im Fehlverhalten der Männer.

OCV ist eine „echte feministische“ Facebookseite, sagt Awereba. Ihr zufolge hat es bisher zu wenig Informationen für ghanaische Frauen gegeben. „Ich habe festgestellt, dass viele feministische Plattformen hier ziemlich diplomatisch mit den Themen umgegangen sind“, sagt sie. Sie gebe Feministinnen dagegen eine Plattform, auf der sie sich offen und ohne Angst vor Hetze äußern können.

Awerebas Seite ist bekannt für Satire und schwarzen Humor. Im Gegensatz zu anderen feministischen Plattformen toleriert OCV keine frauenfeindlichen Kommentare und lässt sich auch nicht auf Diskussionen mit Nutzern ein. OCV löscht, meldet, sperrt oder ignoriert Hasskommentare. Das Ziel der Seite sei, Frauen zu informieren und Feministinnen einen geschützten Raum zu bieten.

Awereba stört es nicht, dass ihr vorgeworfen wird, als „feministische Echokammer“ kritisiert zu werden. „Ist das nicht notwendig?“, entgegnet sie. Solange Männer das gesellschaftliche Leben dominierten, brauchten Frauen sichere Räume. Die Diskussion an sich zeige schon, dass männliche Machtstrukturen immer noch ein Problem seien.

Die sozialen Medien sind mächtige Instrumente. Menschen, die früher vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen waren, haben jetzt eine Stimme und können sich zusammentun. Allerdings haben noch viele Menschen in Ghana und in anderen afrikanischen Ländern aufgrund der schlechten Infrastruktur und der hohen Kosten keinen Zugang zum Internet.

Tatsächlich kommen auch Ghanas Onlineaktivistinnen meist aus wohlhabenderen Familien. Asantes Vater war Rechtsanwalt und traditionelles Oberhaupt. Sie wuchs in komfortablen Verhältnissen auf. Bei Awerebas Eltern ist es ähnlich, beide haben eine gute Bildung genossen.

Kritiker sagen, die Diskrepanz zwischen den privilegierten Feministinnen und den Problemen ärmerer Frauen und ihren geschlechtsspezifischen Gewalterfahrungen sei zu groß. Oft werden Frauen in einfachen Verhältnissen wegen absurder Gründe der „Hexerei“ angeklagt und in trostlose Camps im Norden des Landes verbannt.

Das wird die Aktivistinnen aber nicht zum Schweigen bringen. „Ich kann nichts dafür, dass ich in den Mittelstand hineingeboren wurde“, sagt Awereba. Sie fühle sich verpflichtet, ihre Privilegien für diejenigen einzusetzen, die es schwerer haben. Dafür müsse man nicht selbst Unrecht erfahren haben.

Beim „Klick-Aktivismus“ wird häufig bezweifelt, dass er auch auf lokaler Ebene wirkt. Asante sieht das anders. Ihr Account hat mehr als 21 000 Follower auf Twitter. Sie ist überzeugt, dass die Diskussion im Netz auch offline nachklingt.

Heftiger Gegenwind

Mitte Mai brachte es die OCV-Facebookseite auf fast 10 000 Likes. Der Erfolg macht Awereba aber auch zur Zielscheibe. Das wurde Ende 2018 deutlich, als OCV und die feministische Facebookseite Pepper Dem Ministries Ziel einer Hasskampagne wurden, nachdem sie den Mobilfunkanbieter Huawei aufgefordert hatten, seine Zusammenarbeit mit einem bekannten Komiker zu beenden. Er hatte Witze über sexualisierte Gewalt gemacht und Zuschauer dazu aufgefordert, „Vergewaltigungstechniken“ in den sozialen Medien zu posten. Der Komiker, der auch Grundschullehrer ist, bekam aber nur eine Verwarnung. Die Internet-Feministinnen waren schockiert und mussten sich zusätzlich einer Flut von Hasskommentaren stellen.

Asante hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Ihr Name war überall auf Twitter, nachdem sie das Verhalten eines berühmten Schauspielers als „übergriffig“ bezeichnet hatte. Der verheiratete Schauspieler wurde dabei gefilmt, wie er Studentinnen am Valentinstag in ihren Schlafsälen überraschte und ihnen seine Umarmung aufdrängte.

Beide Frauen haben schon Vergewaltigungsdrohungen bekommen, beide sahen sich gezwungen, Vorkehrungen für ihre Sicherheit und ihr psychisches Wohlergehen zu treffen. Asante hat zeitweise überlegt, ihren Onlineaktivismus zu beenden, beschloss dann aber, sich von Trolls nicht unterkriegen zu lassen. Awereba hat alle Onlinebilder ihres Sohnes gelöscht, aber aufzuhören kommt auch für sie nicht infrage. „Onlineaktivismus hat schon Regierungen gestürzt, genauso kann er auch das Patriarchat stürzen“, sagt sie.

Nana Darkoa Sekyiamah von der internationalen Frauenrechtsorganisation Association for Women’s Rights in Development (AWID) lobt den Aktivismus der Frauenrechtlerinnen im Netz. „Feministinnen wissen, dass das Persönliche auch immer politisch ist und einen großen Einfluss auf die Gesellschaft hat.“ Es sei wichtig, dass Mädchen und junge Frauen die Gesellschaft besser verstehen, und sie könnten viel von Onlinevorbildern lernen.

Kwasi Gyamfi Asiedu ist ein ghanaischer Journalist.
newskwasi@gmail.com

Links

Nana Ama Ageymang Asante’s twitter feed:
https://twitter.com/justnanaama

Our Collective Vagina:
https://www.facebook.com/OurCollectiveV/

Pepper Dem Ministries:
https://de-de.facebook.com/PDMunlearningToxicNarratives/
 

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