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Aktualisiert: vor 12 Stunden 28 Minuten

Bessere Arbeitsförderung für junge Leute

30. Januar 2020 - 16:38
Was der wachsenden jungen Landbevölkerung Afrikas hilft, bezahlte Jobs zu finden

Entwicklungspolitische Akteure gehen ein großes Problem in Afrika an: die lokale Wirtschaft dabei zu unterstützen, Jobs für geschätzt 25 Millionen junge Menschen zu schaffen, die jährlich auf den Arbeitsmarkt kommen. Bis 2030 werden 320 Millionen neue Stellen gebraucht.

Fast die Hälfte der Neueinsteiger in den Arbeitsmarkt lebt auf dem Land, 70 Prozent davon sind jünger als 30 Jahre. Der enorme Bedarf und die Bedeutung von Beschäftigung für das Wirtschaftswachstum machen effiziente und effektive Förderprogramme erforderlich.

Arbeitssuchende junge Afrikanerinnen und Afrikaner auf dem Land haben es nicht einfach: Sie haben kaum Zugang zu Land, Märkten, Krediten, Qualifizierungsangeboten und Arbeitsvermittlung. So sind viele arbeitslos, unterbeschäftigt oder arbeiten als Kleinstunternehmer mit sehr niedrigem Einkommen.

Um zu ermitteln, wie sich die Lage verbessern lässt, gab die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eine Studie in Auftrag. Diese untersucht elf Programme der GIZ, die Jugendbeschäftigung im ländlichen Raum fördern, und identifiziert Erfolgsfaktoren, die im Folgenden präsentiert werden.

Programme institutionell einbetten

Die Programme müssen auf nationale oder kontinentale Agenden abgestimmt sein, um von den politischen Partnern akzeptiert zu werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Programm ATVET (Agricultural Technical Vocational Education and Training). ATVET ist Teil des Programms zur Entwicklung der Landwirtschaft in Afrika (Comprehensive Africa Agriculture Development Programme), einer Vorzeigeinitiative der Afrikanischen Union (AU).

ATVET fördert landwirtschaftlich-technische Ausbildungen in zwölf AU-Mitgliedstaaten. Das Unterrichtsmaterial entspricht nationalen Zertifizierungsanforderungen, so dass staatliche Berufsschulen es nutzen können. Durch die Anbindung an die AU genießt ATVET hohes Ansehen bei den nationalen Partnern; sie sehen ATVET eher als kontinentale Initiative und weniger als ein Programm internationaler Entwicklungsorganisationen.

Generell sollten sich Entwicklungsprogramme gut integrieren und eng mit lokalen Strukturen zusammenarbeiten. Es ist beispielsweise sinnvoll, Schulungselemente und andere Fördermaßnahmen mit nationalen Programmen der Arbeitsförderung zu verknüpfen. Die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren macht Programme zwar komplexer, aber auch wirksamer.

„Pro-Poor Growth and Promotion of Employment in Nigeria (SEDIN III)“ ist ein Beispiel für solch ein Programm; es bezieht öffentliche Institutionen in das Programmdesign ein, um die Finanzkompetenz von Jugendlichen besser zu fördern. Die Lehrpläne sind in das nationale Bildungssystem integrierbar – landesweit wurden so bisher schon mehr als 60 000 junge Menschen erreicht.

Mitspracherecht für junge Menschen schaffen

Jugendliche im ländlichen Raum haben oft das Gefühl, dass Politiker ihre Interessen nicht ausreichend berücksichtigen. Das GIZ-Vorhaben „Ernährungssicherheit durch verbesserte landwirtschaftliche Produktivität im Westen Kenias (FSP)“ will das ändern. Das Programm berät nationale und lokale Beamte in Kenia dabei, nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Es bezieht auch Jugendverbände in die Beratungsprozesse für nationale Strategien ein, die die ländliche Jugend betreffen. Die Jugendlichen erhalten die Möglichkeit, direkt mit ihren nationalen und regionalen Regierungen zu reden. Das schafft Vertrauen und im Ergebnis wirkungsvollere Strategien unter Berücksichtigung der Interessen von Jugendlichen auf dem Land.

Attraktivität der Landwirtschaft steigern

Jugendliche betrachten Landwirtschaft oft als Tätigkeit, die wenig attraktive Arbeitsbedingungen und kaum Möglichkeiten zur Einkommensgenerierung bietet. Die meisten kennen Landwirtschaft nur von ihren Eltern und Großeltern, die häufig mit veralteten Methoden und Geräten arbeiten. Programme können dieses Image ändern, indem sie Chancen, gute Arbeitsbedingungen und moderne Praktiken in der Landwirtschaft aufzeigen.

Zum Beispiel können Programme die Entwicklung moderner Lieferketten in der Agrar- und Ernährungswirtschaft fördern und deutlich machen, dass Lebensmittelverarbeitung und -lieferung viel Potenzial für unternehmerische Aktivität und eine attraktive Gewinnmarge bietet. Die Agrar- und Ernährungswirtschaft bietet diverse Arbeitsmöglichkeiten und reicht von Produktion von Setzlingen und Dünger über landwirtschaftliche Produktion und Ernte bis zu Verarbeitung, Verpackung, Transport und Vermarktung. Auch Verbraucher, Gas-tronomie und die Entsorgung von Müll spielen eine Rolle. Mehr Einblick in Landwirtschaft, neue Technologien und verwandte Branchen kann das Interesse der Jugendlichen wecken

Das Spektrum der Jobförderung erweitern

Arbeitsförderung umfasst Aktivitäten wie Qualifizierung, Unternehmensentwicklung und Arbeitsvermittlungsdienste. Diese sind umso wirksamer, je besser sie aufeinander abgestimmt werden.

Das zeigt beispielsweise Marokkos Programm zur „Förderung der Jugendbeschäftigung im ländlichen Raum (PEJ II)“. Im Auftrag des BMZ haben GIZ und marokkanische Regierungsbehörden ­einen integrierten Ansatz zur Förderung von Beschäftigung im ländlichen Raum entwickelt. Gemeinsam mit Organisationen der Zivilgesellschaft werden lokale Arbeitsämter auf dem Land eingerichtet, die Arbeitsvermittlung und an die lokalen Bedürfnisse angepasste Kurzzeit-Qualifizierungen anbieten. Außerdem etabliert das Programm lokale Gremien, die ein Unterstützungssystem für junge Unternehmer aufbauen und koordinieren. Die Gremien unter Leitung des lokalen Provinzgouverneurs bestehen aus Vertretern des öffentlichen und privaten Sektors sowie der Zivilgesellschaft.

Junge Unternehmer unterstützen

Unterstützungssysteme für Arbeitssuchende und junge Unternehmer sind gerade in ländlichen Regionen oft sehr schlecht entwickelt. Programme, die verschiedene Förderinstrumente kombinieren, können Jugendliche besser in dem unterstützen, was diese gerade benötigen, ob es Zugang zu Finanzdienstleistungen oder weiterführende Unterstützung durch Mentoren ist.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Beschäftigungsförderungsprogramm (EPP III) der GIZ in Sierra Leone. Wer erfolgreich ein Training zu grundlegenden Managementfähigkeiten absolviert hat, kann am Coaching-Programm „SME Loop“ der GIZ für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) teilnehmen. Dieses Programm coacht junge Unternehmerinnen und Unternehmer in Geschäftskompetenz, Produkt-/Marktpositionierung, Unternehmergeist, Verhandlungsführung, Kundenbeziehungen und Finanzkompetenz. Erfolgreiche Absolventen des SME Loops können dann aus dem GIZ-Programm „Facility for Innovation“ zudem Fördermittel für ihr Unternehmen beantragen.

Unternehmern helfen, Marktnischen zu erkennen

Junge Unternehmer wissen oft nicht, wo sie anfangen sollen. Eine große Hilfe ist es, Marktchancen über eine lokale Recherche zu Geschäftsmöglichkeiten zu identifizieren. Das tunesische Programm „Nachhaltige Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (PAD II)“ etwa nutzt solche Studien, um produktive und vielversprechende Geschäftsmöglichkeiten in der Agrarwertschöpfungskette aufzutun. Es hat jungen Unternehmern auf dem Land zu Geschäfts-ideen verholfen, die tatsächlich gefragt sind, wirtschaftliche Aktivität in der Region verbessern und nachhaltige Einnahmequellen für Jugendliche schaffen.

Jugendspezifische Indikatoren verwenden

Es ist wichtig, den Programmerfolg zu überwachen und zu bewerten. Dabei sollten für die Maßnahmen der Jugendbeschäftigungsförderung im ländlichen Raum eigene Indikatoren verwendet werden. Bisher wurden diese Indikatoren oft erst nachträglich in einem zuvor festgelegten Bewertungsrahmen hinzugefügt. Bei der landwirtschaftlichen Berufsausbildung für Frauen (ATVET4Women) etwa spiegeln die Kennzahlen den geschlechtsspezifischen Ansatz des Programms kaum wider. In der nächsten Phase wird ATVET4Women daher neue, relevantere Indikatoren einführen.

Austausch über bewährte Ansätze fördern

Es ist in der Entwicklungszusammenarbeit relativ neu, Jugendbeschäftigung in ländlichen Gebieten explizit zu fördern. Erfahrungsaustausch zwischen den Programmen kann dazu beitragen, erfolgreiche Ansätze in die allgemeine Praxis zu überführen. Kontinentale oder globale GIZ-Programme wie „Beschäftigung für nachhaltige Entwicklung in Afrika“ (E4D) oder „Grüne Innovationszentren der Agrar- und Ernährungswirtschaft (GIC)“ enthalten starke Peer-Learning-Elemente, die helfen, bewährte Ansätze und Praktiken zu übernehmen. E4D veranstaltet beispielweise regelmäßig Konferenzen, bei denen Geber, Vertreter der Regierung und Wissenschaftler sich mit dem E4D-Team zu den Ergebnissen und Lehren aus dem Vorhaben austauschen.

Maßnahmen mit den Partnern koordinieren

Das Thema Jugendbeschäftigung betrifft viele Akteure und umfasst meist verschiedene Ministerien. Oft blockiert sogenanntes Silodenken den Fortschritt – was sich durch eine bessere Abstimmung aller Beteiligten vermeiden ließe. Steuerungsgremien können sicherstellen, dass sich alle beteiligten Abteilungen und Organisationen abstimmen und Sichtweisen beachten, die bisher nicht berücksichtigt wurden.

Programme wie „Eco-Emploi“ in Ruanda oder „Landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten für nachhaltige Entwicklung (A4SD)“ haben Steuerungsgremien eingerichtet, um Prioritäten festzulegen und Maßnahmen zu koordinieren. Die Ausschüsse setzen sich aus Vertretern der zuständigen Ministerien, privatwirtschaftlichen Unternehmen und Berufsschulen sowie Fachleuten zusammen. Ihre Treffen helfen, Vertrauen aufzubauen, Zusammenarbeit zu fördern und Maßnahmen zu koordinieren.

Co-Finanzierung anstreben

Co-Finanzierung kann Programme flexibler machen, wenn die Partner um komplementäre Ziele bemüht sind. Einige Programme haben daher mehrere Finanzierungspartner – neben dem BMZ etwa die EU, philanthropische Stiftungen und privatwirtschaftliche Geldgeber.

Das A4SD-Programm etwa konnte dank Co-Finanzierung durch die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung seine Reichweite vergrößern. Gleichzeitig wurden andere Organisationen ermutigt, sich ebenfalls an dem Vorhaben zu beteiligen.

Link
Weitere Informationen über die Arbeit der GIZ zur Arbeitsförderung junger Landbevölkerung:
https://www.giz.de/en/worldwide/67975.html

Claudia Knobloch ist Direktorin des Berliner Forschungs- und Beratungsinstituts Endeva UG.
c.knobloch@endeva.org

Christian Pirzer ist Projektleiter bei Endeva UG.
c.pirzer@endeva.org

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Fürsprecher des Privatsektors

30. Januar 2020 - 15:28
Liberianische Unternehmer wollen bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Im Zuge einer schlimmer werdenden wirtschaftlichen und sozialen Krise nimmt in Liberia seit Monaten die Kritik an der Regierung zu. In diesem Umfeld hat Liberias Handelskammer (Liberia Chamber of Commerce – LCC) die erste systematische Erhebung unter Unternehmen durchgeführt, um das aktuelle Wirtschaftsklima zu dokumentieren. Die Handelskammer Hamburg hat sie dabei unterstützt.

Im Dezember 2019 wurden 126 Unternehmen verschiedener Branchen befragt. Die Hälfte davon bewertete die aktuelle Lage als schlecht, nur neun Prozent nannten sie gut. Zu den negativen Faktoren gehörten:

  • unzuverlässige, aber teure Versorgung mit Strom, sicherem Trinkwasser und Treibstoff,
  • hohe Zinsen,
  • der schwierige Zugang zu Finanzdienstleistungen,
  • der stark schwankende Wechselkurs und
  • schlechte Infrastruktur, besonders mit Blick auf Straßen.

All das muss besser werden, damit Firmen wachsen und mehr Jobs schaffen. Viele Unternehmen verwenden Dieselgeneratoren, und die Wasserversorgung wurde noch nicht vollständig rehabilitiert.

Es gab auch Klagen über Behörden. Sie bezogen sich auf Steuern, mangelnde Abstimmung zwischen Ämtern sowie Schwierigkeiten bei der Beantragung oder Erneuerung von Lizenzen, Genehmigungen und Registrierungen.

Liberia hieß früher wegen des hier angebauten Nelkenpfeffers „Pfefferküste“. Das Land exportiert aber auch Gummi, Holz, Eisenerz, Gold, Diamanten und Öl. Die Wirtschaft stützt sich auf Rohstoffausfuhren, aber die Außenhandelsbestimmungen für diese Branche lassen zu wünschen übrig. Unternehmensführer bemängeln, dass:

  • sie zu viele Dokumente vorlegen müssten,
  • Regeln intransparent seien und
  • Liberias Zölle nicht mit denen innerhalb der Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (Economic Community of West African States – ECOWAS) abgestimmt seien.

Die Umfrageergebnisse sind aber nicht nur negativ. 43 Prozent der Befragten erwarten, dass sich die Lage ihres Unternehmens in diesem Jahr verbessern wird. Derweil rechnen 31 Prozent mit Verschlechterung. Optimismus überwiegt. Viele Befragte fordern derweil, die Regierung solle die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern. Vorrangig sind dabei die bereits genannten Probleme.

Die Umfrageergebnisse wurden im Rahmen einer LCC-Veranstaltung veröffentlicht. Unternehmensvertreter lobten die Studie, und die Medienberichterstattung war gut. Ein Manager stellte jedoch enttäuscht fest, die Regierung habe niemanden zu der Veranstaltung geschickt.

Torsten König, der die Statistikabteilung der Hamburger Handelskammer leitet, hat die LCC bei der Gestaltung der Umfrage unterstützt. Ihm zufolge kommt es darauf an, „die richtigen Fragen zu stellen, die Daten akkurat zu erfassen und zusammenzustellen und auf dieser Basis relevante Schlüsse zu ziehen“ (siehe auch Beitrag von Michael Konow in der Rubrik Tribüne des E+Z/D+C e-Papers 2018/05). König sagt, Unternehmensumfragen gehörten zu den wirkungsvollsten Instrumenten einer Handelskammer. Letztlich dienten sie dazu, Regierungen zu beraten.

Unternehmensverbände wie die LCC spielen im politischen Leben eine wichtige Rolle, denn sie sprechen für den Privatsektor. Eine starke Dreiviertelmehrheit der Befragten in Liberia wollte denn auch von einem Verband vertreten werden. Entsprechend stark ist das Mandat der LCC. Sie wurde 1951 gegründet und vertritt heute 350 Unternehmen und Verbände, einschließlich multinationaler Konzerne wie Firestone. Die LCC vertritt zudem Liberias Unternehmen in Dreierverhandlungen mit Regierung und Gewerkschaften.

Link
Liberia Chamber of Commerce (LCC):
www.liberiachamber.org

SalaMartu Stephanie Duncan ist die Hauptgeschäftsführerin der Liberia Chamber of Commerce (LCC).
salamartu@gmail.com

Michael Konow ist Leiter der Abteilung Internationale Projekte und Partnerschaften der Handelskammer Hamburg.
michael.konow@hk24.de

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Informelle Siedlungen

30. Januar 2020 - 15:05
Syrische Flüchtlinge leben im Libanon in informellen Siedlungen ohne adäquate

Anders als 70 Jahre zuvor, als die Palästinaflüchtlinge ins Land kamen, entschied sich der libanesische Staat dieses Mal dagegen, Lager zu errichten und die Menschen zentral zu versorgen. Ein Grund sind die Erfahrungen mit den palästinensischen Lagern, die sich in dauerhafte Quartiere verwandelt haben. Der Staat will verhindern, dass das mit den syrischen Lagern noch mal passiert (siehe Haupttext).

So verteilen sich die syrischen Flüchtlinge übers ganze Land und sind weitgehend auf sich gestellt. Über ein Drittel hat sich in der östlichen Grenzregion des Libanon in der Bekaa-Ebene niedergelassen. Es ist ein landwirtschaftlich geprägtes Gebiet mit schlecht ausgebauter Infrastruktur und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Das Bild von informellen Siedlungen prägt die Landschaft – sie bestehen aus mit Plastikplanen und Holz errichteten Hütten, die auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen gebaut wurden. Das Land wird von den Flüchtlingen gepachtet oder von den Besitzern kostenlos zur Verfügung gestellt.

Diese Siedlungen liegen oftmals außerhalb der Ortschaften an Hauptstraßen oder landeinwärts. Die Straßen, die zu diesen Siedlungen führen, sind in schlechtem Zustand oder unbefestigt. Viele Bewohner gehen zu Fuß zur nächsten Hauptstraße, um ein Sammeltaxi oder einen privat betriebenen Minibus zur Stadt zu nehmen. Ebenso wie im restlichen Land gibt es auch in der Bekaa-Ebene keinen öffentlichen Nahverkehr. Die Bahnlinie, die früher libanesische Städte an der Küste und die Bekaa-Ebene miteinander und sogar mit Damaskus oder Aleppo verbunden hat, ist Mitte der 1970er Jahre kurz nach Ausbruch des Bürgerkrieges eingestellt worden.

Im Winter verschlechtert sich der Zustand der unbefestigten Straßen, und sie werden manchmal unpassierbar. Für die Bewohner der informellen Siedlungen, die an den Hauptstraßen liegen, ist es zwar leichter, Transportmittel zu finden, allerdings stellen die stark befahrenen Straßen auch ein Sicherheitsrisiko für Fußgänger und spielende Kinder dar. Bürgersteige oder Fahrradwege gibt es nicht. Die Straße von der Ortschaft Bar Elias nach Baalbek etwa, die an zahlreichen informellen Siedlungen vorbeiführt, hat wegen der vielen Unfälle den Beinamen „Straße des Todes“ bekommen.

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Infrastruktur spiegelt Status wider

29. Januar 2020 - 15:33
Infrastruktur ist auch eine Frage der Integration wie sich an Flüchtlingslagern im Libanon zeigt

Burj Hammoud gehört zum Großraum Beirut. Das Stadtviertel im Norden der libanesischen Hauptstadt ist exemplarisch dafür, wie sich ein von Flüchtlingen neu gegründeter Stadtteil entwickelte. Die Mehrheit der Bewohner sind Armenier, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Türken ermordet und aus ihrer Heimat vertrieben wurden. So ging es auch den Großeltern der 68-jährigen Arpi Mangassarian, die sich vor dem Völkermord in den Libanon retten konnten. Mangassarian hat die Entwicklung ihres Viertels hautnah miterlebt – als Stadtplanerin und Bewohnerin.

Mangassarian erzählt, dass ein Teil der armenischen Flüchtlinge, die heutiges libanesisches Gebiet erreichten, zunächst in Karantina unterkamen. Das war ein Flüchtlingslager, das unweit des Beiruter Hafens lag und heute nicht mehr existiert. Andere Flüchtlinge wurden von der zu jener Zeit herrschenden französischen Mandatsmacht in Burj Hammoud untergebracht, das damals noch Brachland war.

Viele blieben dort. In den 1930er Jahren begannen Armenier Grundstücke in Burj Hammoud zu kaufen und bescheidene Häuser darauf zu bauen. „Es gab Grundstücke, die nur 40 oder 35 Quadratmeter groß waren“, berichtet Mangassarian. Auf größeren Flächen mit bis zu 100 Quadratmetern wurden mehrere Häuser gebaut. „Die meisten Wohnungen bestanden aus zwei Räumen. Ein Teil wurde zum Wohnen benutzt, ein anderer Teil als Werkstatt.“

Die Flüchtlinge begannen Wurzeln zu schlagen und bauten sich ein neues Leben auf. Sie bekamen bereits 1924 das libanesische Bürgerrecht. Das armenische Viertel wurde zu einem wichtigen Standort für Ledermanufakturen und Handwerksbetriebe. Arpi Man gassarian erlebt allerdings, dass die Planung der 30er und 40er Jahre nicht mehr dem heutigen Komfortanspruch entspricht: „Einigen Eingesessenen sind die Wohnungen zu eng geworden und sie klagen über fehlende Parkplätze. Sie ziehen weg aus unserem Viertel.“

Die Straßen in Burj Hammoud sind eng. Die kleinen, zweistöckigen Häuser stehen dicht beieinander. Und doch ist der Stadtteil durch breite Zufahrtsstraßen und eine in den 1990er Jahren gebaute zweispurige Stadtautobahn gut an Beirut angebunden. Er ist ein Spiegel der Integration der Armenier in die libanesische Gesellschaft. Und immer dort, wo in Burj Hammoud etwas frei wird, kommen neue Bewohner hinzu. Er ist ein Anziehungspunkt für heutige Flüchtlinge – Menschen, die vor dem Krieg in Syrien fliehen, und Arbeitsmigranten auf der Suche nach billigem Wohnraum.
 

Schlecht ausgestattete Palästinenserlager

Bei weitem nicht so gut integriert wie die Armenier sind die Palästinenser im Libanon. Die Palästinenser wurden bei der Staatsgründung Israels 1948 vertrieben. Ein Teil von ihnen suchte Zuflucht im nördlichen Nachbarland, wo internationale Organisationen Lager im ganzen Land errichteten. Die fehlende Integration ist unter anderem an den Flüchtlingslagern zu erkennen, wovon in Beirut heute drei existieren.

Eines davon ist Shatila im Süden der Stadt, an der Stadtautobahn Richtung Flughafen. Kein Tor oder Checkpoint markiert eine Trennung zwischen dem Camp und dem umliegenden Gebiet. Aber der Unterschied ist dennoch unübersehbar. Es sind nicht nur die politischen Symbole, wie etwa die Palästinaflagge oder die Bilder politischer Führer, die erkennen lassen, dass der Stadtteil nicht für Libanesen gedacht ist, sondern die miserable Infrastruktur.

Shatila war 1949 für ungefähr 3000 Menschen geplant worden. Auf der gleichen Fläche leben heute vielfach mehr Menschen – vor allem Palästinenser, aber auch syrische Flüchtlinge und Arbeitsmigranten. Genaue Angaben zur Bevölkerungszahl gibt es nicht. Die Ausbreitung erfolgt vertikal. Die Menschen setzen neue Stockwerke auf fragil wirkende Häuser. Die Straßen sind eng; nur Fußgänger und Motorräder können passieren. Die Sonne dringt kaum durch. Eine funktionierende Kanalisation gibt es nicht. Ein faulig feuchter Geruch liegt in der Luft. Überall hängen Stromkabel herunter. Überirdisch verlegte Wasserleitungen lecken. Längst ist Shatila zum Slum geworden, eines der ärmsten Viertel Beiruts.

Diese Situation spiegelt die Stellung der Palästinaflüchtlinge und ihre jüngere Geschichte im Libanon wider (siehe meinen Beitrag im E+Z/D+C e-Paper 2019/04, Schwerpunkt). Obwohl seit über 60 Jahren im Land, haben sie nur einen beschränkten Zugang zu libanesischen Bildungsinstitutionen und zum Arbeitsmarkt. Und sie unterliegen diskriminierenden Gesetzen, wie etwa dem beschränkten Zugang zur Sozialversicherung oder dem Verbot, Grundbesitz zu haben. Das Thema der Einbürgerung ist ein Tabu.

Die Camps werden von den palästinensischen politischen Fraktionen verwaltet. Verantwortlich für Bildung und für die Gesundheitsversorgung ist UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees), die seit Jahren mit einer abnehmenden Finanzierung zu kämpfen hat. Für den libanesischen Staat sind Shatila und die anderen palästinensischen Camps vorübergehende Einrichtungen, die zwar auf dem Staatsgebiet liegen, aber als exterritorial behandelt werden. Nur bei sicherheitsrelevanten Fragen zeigt der libanesische Staat Präsenz.

Was alle Flüchtlingslager und ehemalige Camps gemeinsam haben, sind die Verkehrsstaus, die die großen Zufahrtsstraßen prägen. Die Bewohner sind hauptsächlich mit ihren Privatautos unterwegs. Ungefähr die Hälfte der Haushalte in der Hauptstadt besitzt ein Auto, ein Viertel hat sogar zwei. Auch für kurze Wege benutzen die Beiruter gerne ihr Auto. Der öffentliche Verkehr ist spärlich und besteht aus Taxis, Sammeltaxis und Minibussen, die feste Routen fahren und größtenteils privaten Unternehmen gehören. Seit dem Ende des Bürgerkrieges (1975–1990) gab es zwar Maßnahmen, um das zerstörte Stadtzentrum Beiruts wieder aufzubauen, aber ein Verkehrskonzept, sei es der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs oder ein großflächiger Ausbau des Straßennetzes, wurde nicht entwickelt. Ideen, die im 19. Jahrhundert gebaute Eisenbahn wieder in Betrieb zu nehmen, kamen über erste Planungen nicht hinaus. Sie war Mitte der 1970er Jahre eingestellt worden.

Mona Naggar ist Journalistin und Trainerin. Sie lebt in Beirut, Libanon.
mona.naggar@googlemail.com

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Wheels of justice

29. Januar 2020 - 14:39
Malawi police move deliberately to investigate officers accused of rape

The complaint centres on an ongoing police self-investigation following allegations that policemen assaulted and raped several women and girls during violent political demonstrations last October. Human-rights activists complain that this internal police investigation is moving suspiciously slowly.

While the police inquiry drags on, the state-funded Malawi Human Rights Commission has already reached its conclusion. It alleges in a report that policemen raped seven women and sexually assaulted one girl during the October demonstrations.

The assaults allegedly took place during mass protests in Lilongwe, Malawi’s capital, against suspected mismanagement of last May’s general election. Alongside the nationwide street demonstrations, opposition parties have challenged the election results in the Constitutional Court.

During the October demonstrations, police were themselves under attack by enraged protesters. One policeman was killed amidst the violence. In response, the police quickly arrested over 40 suspects.

Pointing to the swift arrests following the policeman’s death, women’s rights activists are asking why it is taking so much longer for the police to arrest suspected rapists from among their own ranks. In response, John Nyondo, deputy inspector general of police, says the investigation is making progress.

The critics – including The Women Lawyers Association, the Malawi Human Rights Defenders Coalition and the Women’s Legal Resources Centre – claim the police are dragging their feet. The coalition has organised demonstrations to press for arrests of suspected police wrongdoers. The coalition has also published a report documenting the allegations against the police.

“Our hope is to get justice for the women who were assaulted and to punish the perpetrators,” says Mphatso Iphani, a spokesperson for the Women Lawyers Association of Malawi, which has sued the police in an effort to speed up the internal investigation.

Agnes Nabanda, a relative of one of the alleged victims, sees hope in the filing of this lawsuit. “We hope there could be light at the end of the tunnel,” she says.

The European Union has weighed in as well. It urged the authorities to take “swift and decisive” action to bring wrongdoers to justice.

Violations of human rights go beyond the current rape accusations against the police, however. According to an October 2019 report from Amnesty International, Malawi is seeing an escalating crackdown on human-rights defenders. The report alleges that activists from the Human Rights Defenders Coalition who have organised demonstrations protesting suspected electoral fraud have been “attacked by the ruling party youth cadres, intimidated and are facing trumped up charges.”

Link

Amnesty International report:
https://www.amnesty.org/en/documents/afr36/1235/2019/en/

Raphael Mweninguwe is a freelance journalist based in Malawi.
raphael.mweninguwe@hotmail.com

 

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E+Z/D+C2020/03 – bl – Hans Dembowski – green swan

29. Januar 2020 - 14:15
A conservative global institution – the BIS – demands a double paradigm change

The Bank for International Settlements (BIS) is based in Basel and serves as something like an umbrella organisation of central banks. It does not normally make headlines and has a history of promoting orthodox economic theories. In a recent publication, on which it cooperated with the French central Bank, Banque de France (BdF), it calls for two paradigm changes. 

The study is called “The green swan”. As the authors elaborate, the term refers to what is called “black swan event" in economic theory.  These events are unexpected and rare; have wide-ranging or even extreme impacts, and they can only be explained after the fact. An economic crisis is likely to be severe if a black swan event triggers it, and policymakers will not know how to come to grips with it.

“Green swan events”, as defined in the BIS publication, are black swan events with environmental causes. The authors worry about global warming in particular, but they also point out that other issues, the erosion of biodiversity, for example, may trigger severe crises too.

Green swan events are more dangerous than conventional black swan events, according to the study. The reason is that economic policymaking cannot undo the environmental damage. Inflation, for example, can cause severe suffering in a country, but once the central bank and the finance ministry manage to halt it, a restart is possible. If, by contrast, the environmental foundations of an economy are broken, the central bank and the finance ministry can’t do anything about it.

The authors insist that green swan events have become so probable that central banks must prepare for them. To do so, they must adopt new methods for assessing risks. In the past, it was basically considered enough to compare current data with historical data in order to see whether a problem was building up that resembled a previous problem. In view of fast change, that approach no longer makes sense. The great challenge is to understand what new risks arise, how to assess them and what to do about them.

Adopting entirely new methods is the first paradigm change the study demands. The authors warn that central banks must act if they do not want to be overwhelmed. Food-price inflation may become severe, they argue, should harvests be destroyed by flooding, storms and drought. Problems may be compounded by harvests never returning to normal again. Moreover, climate disasters could erode people’s wealth by destroying uninsured assets, reducing both their purchasing power and productive potential. On the other hand, insurance and reinsurance companies may prove unable to pay for all the damages that are insured. In such cases, systemically important financial-sector corporations may have to be bailed out.

The authors demand that central banks take into account what climate-related risks financial-sector companies are running. They want those companies to report to the public on these matters. Eco-risks should have a bearing on their access to capital. For example, those running high risks should have to pay higher interest rates. On the other hand, they want distributional impacts to be assessed – both of global warming and of policy responses. The BIS publication warns that poor and poor countries are affected worst. As policy implementation depends on broad public acceptance, it insists that disadvantaged parties must be compensated for hardships.The study does not deal with carbon pricing. The authors state that it is necessary and has been discussed for decades, but policymakers have done too little to bring it about. Now, much more must happen. The expert team even suggests that governments should engage in deficit spending in order to boost climate-friendly technology and build carbon-neutral infrastructure. They find global warming more worrisome than government debt, and in view of currently low interest rates, they suggest that states have fiscal room for manoeuver. This is an unusual message from the normally orthodox BIS.

This message, however, fits the second paradigm shift the BIS experts demand. They want central banks to assume a new role in convening relevant actors and building alliances to promote effective climate action. They want central banks to become engaged at national and international levels. They insist, among other things, that rich nations must support adaptation and mitigation measures at least to the extent promised.

Quite obviously, top-level leaders and technical experts at the BIS and the BdF experts deserve praise for spelling out that the climate crisis will have serious impacts on the world economy. They express regret for research on the economic risks only having begun quite recently. To some extent, that is an admittance of guilt. That global warming is dangerous was spelled out clearly at the Earth Summit in Rio de Janeiro in 1992. Why have central-bank economists neglected the matter for so long?

The BdF, of course, is part of the European Central Bank (ECB) system. I find it quite encouraging that Christine Lagarde, the new ECB president, has made statements that point in the same direction as “The green swan”. Even better, the European Commission should prove a cooperative partner. Under its new president, Ursula von der Leyen, it has launched a European Green Deal. As Gerd Müller, Germany’s Federal Minister for Economic Cooperation and Development has pointed out on our platform, fighting climate change is of great developmental relevance.  

Link

BIS – Bank for International Settlements, 2020: The green swan – Central banking and financial stability in the age of climate change.
https://www.bis.org/publ/othp31.pdf

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Ursachen und Komplikationen

28. Januar 2020 - 15:52
Weshalb Menschen an Diabetes erkranken und welche Folgen drohen

90 Prozent der Betroffenen leiden unter dem Diabetes mellitus Typ 2, dessen Entstehung durch ein hohes Maß an überschüssigem Körperfett, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel begünstigt wird. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor ist das Rauchen. Verstärkt geraten aber auch die Auswirkungen starker Umweltbelastung, etwa in Form langlebiger organischer Schadstoffe wie Dioxine oder bestimmter Insektizide, in den wissenschaftlichen Fokus.

Genetische Veranlagung gefährdet manche Menschen besonders, etwa viele indigene Gruppen. Nach aktuellen Studien besitzen beispielsweise Aborigines in Australien, verglichen mit dem nationalen Durchschnitt, ein mehr als doppelt so hohes Risiko, an Diabetes zu erkranken. Oft haben gerade diese Bevölkerungsteile zudem einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Neben Diabetes mellitus Typ 2 gibt es den angeborenen Diabetes mellitus Typ 1 sowie eine Vielzahl seltener Diabetes-Varianten. Hinzu kommt der Schwangerschaftsdiabetes, eine der weltweit häufigsten Schwangerschaftskomplikationen. Problematisch sind zudem die zahlreichen Wechselwirkungen des Diabetes mit weitverbreiteten Infektionskrankheiten wie HIV/Aids, Malaria oder Tuberkulose (TB).

Die Konsequenzen der Stoffwechselerkrankung fallen durch eine späte oder gänzlich ausbleibende Behandlung in Entwicklungs- und Schwellenländern oft besonders gravierend aus. Lang anhaltende hohe Blutzuckerwerte schädigen zum Beispiel die Gefäße und Nerven. Das kann zur mangelnden Durchblutung der Ex­tremitäten führen und Amputationen notwendig machen. Auch der Sehnerv ist häufig betroffen. In Südafrika ist Diabetes einer der drei häufigsten Gründe für Blindheit, mit über 8000 neuen Fällen jährlich. Länder wie Bangladesch oder Tansania wiederum führten bereits vor 15 Jahren ein Pilotprojekt gegen den so genannten diabetischen Fuß ein und konnten so die Zahl der Amputationen senken.

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Stille Epidemie

28. Januar 2020 - 15:41
Diabetes zählt zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit und betrifft auch den globalen Süden massiv

Es ist nicht lange her, da galt Diabetes als eine Wohlstandskrankheit, die lediglich den globalen Norden betraf. Heute leiden jedoch Millionen Menschen weltweit unter der chronischen Erkrankung. Nach Schätzung des Internationalen Diabetesverbands (International Diabetes Federation – IDF) leben fast 80 Prozent der erwachsenen Diabetiker in Ländern niedrigen und mittleren Einkommens.

Zwar hat in der Entwicklungspolitik das Bewusstsein für die neue Bedeutung nichtübertragbarer Krankheiten zugenommen. Daran hatten auch verstärkte Bemühungen von Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization – WHO) und Vereinten Nationen ihren Anteil. Doch konzentrieren sich viele entwicklungspolitische Akteure nach wie vor besonders auf Infektionskrankheiten, während der Handlungsbedarf – wie einige Eckdaten verdeutlichen – wächst:

  • Etwa die Hälfte aller Diabetes-Erkrankungen wird schätzungsweise nie medizinisch diagnostiziert. Deshalb wird oft von einer „stillen Epidemie“ gesprochen.
  • Alle Weltregionen sind betroffen. So sehen Schätzungen die zukünftig stärkste prozentuale Zunahme in den Ländern südlich der Sahara.
  • Millionen Patienten haben keinen Zugang zu dem von ihnen benötigten Insulin. Neben logistischen Hürden spielt dabei vor allem der hohe Preis eine Rolle. Lediglich drei große Hersteller kontrollieren über 95 Prozent des globalen Insulinmarkts.

Unverändert klafft eine große Lücke zwischen dem eklatanten Bedarf an nachhaltigen Maßnahmen zur Diabetes-Bekämpfung und dem geringen Umfang ihrer Finanzierung und Umsetzung.

Nicht nur ein medizinisches Problem

Diabetes ist eine komplizierte Krankheit, die unbehandelt schwere Folgeerkrankungen auslösen und tödlich werden kann ­(siehe Kasten nächste Seite). Arme Patienten haben besonders schlechte Chancen, die Hilfe zu bekommen, die sie brauchen – und die Krankheit verschärft oft ihre Not, etwa wenn ein erwachsener Mensch wegen Diabetes das Augenlicht verliert und kein Geld mehr verdienen kann.

Der Kampf gegen Diabetes erfordert vielfältige, sich ergänzende Maßnahmen. Notwendig ist nicht nur eine verbesserte Diagnose, Behandlung und Beratung der Patienten, sondern vor allem Prävention. Sie sollte allerdings nicht allein individuelle Verhaltensweisen und Risikofaktoren in den Blick nehmen. Vor allem die Veränderung gesundheitsschädlicher Lebensverhältnisse – etwa durch gesetzliche Regulierung – kann Diabetesraten senken. Entwicklungsvorhaben sollten dies auch in den Bereichen Wirtschaft, Ernährung, Bildung und Stadtplanung berücksichtigen.

Vorbild können einige Länder Lateinamerikas sein, die in jüngerer Zeit bemerkenswerte Anstrengungen unternommen haben, um der zunehmenden Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu begegnen. Neben Ecuador oder Mexiko sorgte Chile mit einem Maßnahmenkatalog für Aufsehen. Verpflichtende Warnhinweise, unter anderem auf salz- oder zuckerreichen Produkten, wurden eingeführt, kombiniert mit strengeren Auflagen bei Werbung und Verkauf dieser Waren. Außerdem hob der chilenische Staat den Steuersatz für stark zuckerhaltige Getränke an, Abgaben für gering zuckerhaltige Produkte wurden gesenkt. In Kolumbien wiederum wird in einigen Städten seit den 1970er Jahren der öffentliche Raum zeitweise speziell für sportliche Aktivitäten der Bevölkerung freigegeben, etwa durch Straßensperrungen.

Mehr Öffentlichkeit, mehr Rechenschaft

Generell sollten zivilgesellschaftliche Akteure versuchen, Politiker, Spender, Stiftungen und Ministerien auf das Thema aufmerksam zu machen und auch betroffene Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Daneben gilt es, staatliche und privatwirtschaftliche Akteure in die Verantwortung zu nehmen und sie für gesundheitsschädliche Maßnahmen zur Rechenschaft zu ziehen. Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé bauen beispielsweise gezielt in ärmeren Gemeinschaften Netzwerke auf, um ihre Produkte direkt an der Haustür zu verkaufen. Außerdem drängen Tabakfirmen verstärkt auf neue Märkte in Ländern des globalen Südens. Die WHO gibt an, dass mittlerweile fast 80 Prozent der Raucher weltweit in Ländern geringen und mittleren Einkommens leben. Das ist relevant, weil Rauchen das Diabetes-Risiko deutlich erhöht. Auch trägt Rauchen zu Gefäßproblemen bei, die eine typische, gefährliche Folge von Diabetes sind. Zivilgesellschaftliche Akteure müssen solche Probleme benennen und politisches Handeln einfordern.

Wie zäh sich dieses Ringen um mehr Verantwortung allerdings in der Realität oft darstellt, zeigt nicht zuletzt die Lage in Deutschland. So wehrt sich das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nach wie vor intensiv gegen eine mögliche Zuckersteuer.

Zivilgesellschaftliche Initiativen reichen im Kampf gegen Diabetesursachen nicht. Staatliche Politik ist nötig – und manchmal auch staatlicher Schutz. In Kolumbien zum Beispiel müssen Aktivisten, die mächtige Wirtschaftsakteure herausgefordert haben, um Leib und Leben bangen.

Diabetes sollte in der staatlichen Gesundheitsversorgung sowie in zivilgesellschaftlichen Gesundheitsprojekten als Querschnittsthema berücksichtigt werden, sei es im Bereich Mutter-Kind-Gesundheit oder bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Dafür können bereits bestehende Strukturen und Erfahrungen genutzt werden. In Malawi beispielsweise diente ein bekannter Ansatz in der Tuberkulose-Bekämpfung als Vorbild für Maßnahmen gegen Diabetes. Eine wichtige Funktion kann zudem lokales Gesundheitspersonal erfüllen. Krankenschwestern und Pfleger klären bereits in Programmen zur Mutter-Kind-Gesundheit auf und könnten ergänzend zu Diabetes geschult werden.

Auch im Bereich Forschung und Zugang zu Medizinprodukten sind Veränderungen nötig. Viele Diagnose-Methoden und Medikamente wurden auf die Anwendung in wohlhabenden Nationen zugeschnitten und eignen sich nur bedingt für Entwicklungs- und Schwellenländer. So ist bei der Insulinversorgung oft das Einhalten der angemessenen Lagertemperatur eine große Herausforderung.

Zugleich führen hohe Medikamentenpreise weltweit zu mangelnder Versorgung – mit teils tödlichen Folgen. Regierungen und internationale Organisationen müssen Maßnahmen ergreifen, damit im Insulinmarkt Monopolstellungen ein Ende finden und die Preise fallen. Die WHO hat zum Weltdiabetestag 2019 (14. November) endlich erste Pläne für einen verbesserten Zugang präsentiert.

Eigentlich hätte es zu dieser dramatischen Marktlage ohnehin nicht kommen dürfen. Denn die Geschichte von Insulin verweist auf die große Bedeutung öffentlicher Forschung. Das Präparat wurde ursprünglich an der Universität von Toronto entwickelt, die bewusst auf Patenteinnahmen verzichtete. Preisprobleme sind deshalb ein recht neues Phänomen – und Beleg für die allzu große Marktmacht multinationaler Konzerne.

Link

Online-Kurs der BUKO-Pharma-Kampagne zum Thema Diabetes im globalen Süden (2018) (nur auf Deutsch):
http://www.bukopharma-online-lernbox.de/diabetes/

Max Klein ist Politikwissenschaftler und Mitarbeiter im Team der BUKO Pharma-Kampagne.
info@bukopharma.de

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Formalisierung ist für Kleinunternehmer unattraktiv

28. Januar 2020 - 14:46
In Mosambik kommen auf jeden formell Beschäftigten zehn Arbeitnehmer im informellen Sektor

In Mosambik gibt es nach offiziellen Daten knapp 1,1 Millionen formell Beschäftigte. Zumindest theoretisch verfügen sie über einen Arbeitsvertrag, erhalten den gesetzlichen Mindestlohn, genießen Kündigungsschutz und haben eine Sozialversicherung. Ob das in der Realität immer so ist und ob die Unternehmen korrekt alle Steuern und Sozialabgaben abführen, ist fraglich. Pro­blematischer ist jedoch, dass diesen Arbeitnehmern rund 11 Millionen Menschen gegenüberstehen, die im informellen Sektor der Wirtschaft arbeiten, und das bei einer schnell wachsenden Bevölkerung. Somit kommen auf jeden Beschäftigten im formellen Sektor zehn Beschäftigte im informellen Sektor. Letztere arbeiten vor allem in der wenig produktiven Subsistenzlandwirtschaft, der kleinen Küstenfischerei, im Kleinhandwerk und -handel sowie in sonstigen Dienstleistungsbereichen wie Wachdienste, Hausangestellte et cetera.

Zwar ist die Wirtschaft Mosambiks seit Ende der 1990er Jahre durchschnittlich pro Jahr um etwa sieben Prozent gewachsen. Es drängen aber auch jedes Jahr bis zu 500 000 junge Leute auf den Arbeitsmarkt. Diese kann der kleine formelle Sektor des Landes unmöglich aufnehmen: Er hat über die vergangenen zwei Jahrzehnte lediglich 18 200 Arbeitsplätze pro Jahr geschaffen (Balchin, 2017). Zugleich scheinen auch die Kapazitäten des informellen Sektors weitgehend erschöpft zu sein. Indikator dafür ist, dass rund 80 Prozent der dort Beschäftigten weniger als zwei Dollar pro Tag verdienen (Balchin, 2017). Der informelle Sektor ist in der Regel eine „Überlebensökonomie“ ohne ausreichendes Einkommen und ohne soziale Sicherung.

In Mosambik gibt es drei Arbeitsmarktsegmente mit unterschiedlichen Formalisierungsgraden, Gewichten und Hemmnissen: erstens den öffentlichen Dienst, zweitens Unternehmen einschließlich öffentlicher beziehungsweise staatlicher Unternehmen und drittens Institutionen ohne Erwerbscharakter sowie private Haushalte.

Der öffentliche Dienst

Der öffentliche Dienst ist traditionell ein wichtiger Arbeitgeber mit formalisierten Beschäftigungsverhältnissen. Viele Mosambikaner bevorzugen eine vergleichsweise sichere und oft mit gewissen Privilegien ausgestattete Anstellung im Staatsdienst, sei es in der staatlichen Verwaltung (Ministerial-, Provinz-, Distrikt- und Kommunalverwaltungen) oder angelagerten Diensten (Polizei, Zoll, Schulwesen, Gesundheitsdienst und ähnliches). Der öffentliche Dienst ist eng verwoben mit der Regierungspartei Frelimo und ihrer klientelistischen Logik. Nötig wäre eine Entflechtung von Staat und Partei, eine durchgehende Qualifizierung der öffentlich Beschäftigten und die Besetzung nach Qualifikation anstelle von Vetternwirtschaft. Zu mehr Beschäftigung würde eine solche Reform allerdings nicht führen. Auch ist der finanzielle Spielraum für Neueinstellungen begrenzt. Nicht zuletzt die jüngste Finanzkrise seit 2016 zwingt den Staat zu erheblichen Ausgabenbeschränkungen.

Unternehmen

Unternehmen sollten der Haupttreiber für formelles Beschäftigungswachstum sein. Dies war in Mosambik in den vergangenen Jahren aus mehreren Gründen nur begrenzt der Fall:

  • Die Zahl der Unternehmen wächst, doch für viele kleine Firmen ist es günstiger, informell zu bleiben. Zwar verbessert eine Formalisierung den Zugang zum Bankensystem und zu Krediten. Gleichzeitig bedeutet sie aber eine stärkere Sichtbarkeit, was oft bürokratischen Aufwand, Steuerpflichten, Korruption und andere Belastungen nach sich zieht. Zudem ist eine Formalisierung stets mit Kosten verbunden, doch viele Kleinunternehmer sehen keine Gegenleistung des Staates: Gerade sie haben oft keinen fairen Zugang zu effizienten öffentlichen Dienstleistungen und essenziellen Infrastrukturen wie Strom, Wasser und Sicherheit.
  • In Mosambik gibt es einen gesetzlichen Mindestlohn, an den sich formalisierte Firmen halten müssen. Der Gleichgewichtslohn am Arbeitsmarkt liegt aber in vielen Bereichen darunter. Auch deshalb ziehen informelle Betriebe es vor, sich nicht zu formalisieren. Viele können es sich schlicht nicht leisten, den Mindestlohn zu zahlen: Die informellen Unternehmen sind in der Regel landwirtschaftliche Subsistenzbetriebe sowie andere „Unternehmen aus Not“, die durch Familienarbeit, illegal Beschäftigte, bisweilen sogar Gelegenheitsjobs des Eigentümers überleben. Hohe Beschäftigungseffekte für externe Mitarbeiter sind hier nicht zu erwarten. Oft ist ihr einziges Wettbewerbsargument gerade eben die Informalität mit verminderten Auflagen und ohne Steuerlast.
  • Das größte Potenzial für formalisierte Beschäftigungsverhältnisse liegt in Neugründungen formeller Unternehmen, die oft mit ausländischem Kapital geschehen. Zurzeit dürfte es etwa 60 000 Unternehmen in Mosambik geben (INE, 2017). Die meisten davon sind aber Klein- und Kleinstunternehmen, die außer dem Inhaber allenfalls ein bis zwei weiteren Menschen Arbeit bieten. Im Gegensatz zu anderen Ländern hat Unternehmertum in Mosambik nach den langen Jahrzehnten der Kolonialherrschaft, des Sozialismus und der Kriegsphasen kaum Raum gegriffen.

Die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln sind nach wie vor schlecht. Ausländische Unternehmen ziehen es vor, in anderen Ländern zu investieren oder ihre Wertschöpfungsketten in Mosambik kurz zu halten (siehe unseren Beitrag im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Papers 2019/12). Korruption, Kriminalität, fehlende Infrastrukturen, inflexibles Arbeitsrecht und schlecht ausgebildete Arbeitskräfte tragen dazu bei. Im Doing-Business-Index bewegt sich Mosambik seit Jahren um Platz 130 unter den 180 beobachteten Ländern. Mosambik wird eher als Absatzmarkt gesehen, lediglich Rohstoffe, kommerzielle Landwirtschaft sowie Tourismus sind „ortsgebunden“ und erfordern Arbeiten im Land.

Beschäftigungspolitisch brisant ist zudem, dass in Mosambik in bestimmten Branchen, zum Beispiel der Rohstoffindustrie, vergleichsweise kapitalintensiv produziert wird. Unternehmen versuchen, ihre Abhängigkeit von Arbeitskräften gering zu halten und die Produktivität durch Kapitaleinsatz zu verbessern. Zudem gilt das Arbeitsrecht als sehr arbeitnehmerfreundlich, was Unternehmen zögern lässt, formelle Arbeitsverträge – vor allem langfristige – abzuschließen. Dies alles verhindert, dass in großem Stile formalisierte Beschäftigungsverhältnisse entstehen.

Offizielle Zahlen zu diesem Arbeitsmarktsegment gibt es nicht. Es ist nach wie vor Usus, Hausangestellte informell zu beschäftigen, um arbeitsrechtliche Verpflichtungen, Steuerzahlungen und Beiträge zum Sozialsystem zu vermeiden. Sehr viele – nicht nur wohlhabende – Haushalte beschäftigen Putzfrauen, Kindermädchen, Wächter, Gärtner, Fahrer oder Köche. Somit bietet dieses Segment eine wichtige Lebensgrundlage für die arme Bevölkerung, insbesondere im urbanen Bereich. Der Staat toleriert diese Praxis. Große formale Beschäftigungseffekte sind aber auch hier nicht zu erwarten.

Ausblick

Unternehmen müssen investieren und sich formalisieren, um mehr formelle Arbeitsplätze zu schaffen und Steuern zu bezahlen. Dafür müssen aber die notwendigen Voraussetzungen seitens des Staates geschaffen werden. Der Staat muss Unternehmen Sicherheit, administrative Effizienz wie auch Rechtsstaatlichkeit sowie die nötige materielle Infrastruktur bieten. Dies ist besonders für kleine und mittlere Unternehmen essenziell wichtig. In Mosambik gibt es aber weiterhin Kriminalität, Korruption und immer wieder aufflammende „kleine Kriege“ in einigen Landesteilen. Unter diesen Rahmenbedingungen bleiben viele Beteiligte lieber in der Schattenökonomie beziehungsweise unterlassen Investitionen. Nur die Transformation Mosambiks in einen Rechts- und Entwicklungsstaat kann diese Probleme lösen. Die Frage ist, ob die herrschende Elite dazu bereit und in der Lage ist.

Literatur

Balchin, N., et al., 2017: Economic transformation and job creation in Mozambique (report). London.
INE – Instituto Nacional de Estatística (Hg.), 2017: IV REGPH 2017. Maputo.

Friedrich Kaufmann ist Leiter der Deutschen Auslandshandelskammer in Maputo, Mosambik, gefördert durch BMZ, GIZ ExperTS.
friedrich.kaufmann@gmx.net

Winfried Borowczak ist Sozialökonom und freier Consultant mit den Schwerpunkten Privatsektorförderung und Organisationsentwicklung in Afrika und portugiesischsprachigen Ländern.
winborow@aol.com

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Ambitionierte Menschen mit guten Ideen

27. Januar 2020 - 14:52
Für nachhaltige Entwicklungen braucht die Menschheit millionenfach gute Arbeitsplätze für junge Leute

Derweil hält das Bevölkerungswachstum in Afrika, dem Nahen Osten und Südasien an. Die Geburtenraten liegen in Afrika generell über der Reproduktionsquote von im Schnitt 2,1 Kindern pro Frau, also werden die Menschen jungen Alters dort noch lange vergleichsweise viele Köpfe zählen. Aber selbst in Indien, wo die durchschnittliche Kinderzahl mittlerweile eigentlich demographische Stabilität in Aussicht stellt, gibt es noch so viele junge Frauen im gebärfähigen Alter, dass die Bevölkerung weiter wachsen wird.

Es wäre großartig, wenn die betroffenen Länder nun von einer demokratischen Dividende profitieren würden. Stattdessen droht eine demographische Zeitbombe. Viel zu viele junge Menschen sind arbeitslos oder unterbeschäftigt. Viele werden in kleinen, informellen Firmen arbeiten – ohne Aussicht auf echten Erfolg im Leben. Alkohol und Drogen werden Suchtprobleme verursachen. Manche Jugendliche werden kriminell und schließen sich womöglich gewalttätigen Banden an. Massenhafte Unzufriedenheit unterhöhlt zudem die politische Stabilität.

Solch ursprünglich innenpolitische Themen haben globale Implikationen, denn wenn ehrgeizige junge Leute keine Chance in der Heimat sehen, suchen sie ihr Glück im Ausland. Damit die Menschheit sich auf nachhaltige Weise entwickeln kann, müssen millionenfach gute Arbeitsplätze für die große Mehrheit der jungen Generation weltweit entstehen.

Dafür müssen Regierungen die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Die Vorstellung, Marktkräfte entfalteten sich umso dynamischer, je weniger der Staat eingreife, führt in die Irre. Würde sie stimmen, wäre der informelle Sektor, der praktisch unbesteuert und unreguliert ist, die Basis breiten Wohlstandes. Tatsächlich liegen aber die Einkommen nur auf Subsistenzniveau und die Menschen leben in großer Unsicherheit.

Schlechte Infrastruktur ist dabei nur eines von vielen Problemen. Wo es keine Rechtssicherheit gibt, bieten allenfalls kriminelle Organisationen Schutz. Wo Behörden technische Mindeststandards nicht durchsetzen, drohen mehr und gefährlichere Unfälle. Wo es keinerlei Sicherheiten gibt, geben Banken Kleinunternehmen keine Kredite, die sie aber brauchen, um zu gedeihen.

Kluges Staatshandeln widerspricht Marktfreiheit nicht, sondern ist eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Unternehmertum. In einer zunehmend globalisierten Welt hängt es auch nicht nur von nationalen Regierungen ab. Internationale Kooperation ist ebenso wichtig.

Es ist natürlich nicht alles düster. Erfreulicherweise zeigen Technologie-Start-ups, dass es auch in Ländern mit großem informellen Sektor kompetente und ehrgeizige junge Leute mit guten Ideen gibt. Innovative Websites und Apps bieten den Menschen neue Chancen. Weltweit vernetzte Tech-Hubs fördern heute in vielen Metropolen Unternehmertum.

Diese Start-ups können freilich auf sich gestellt nicht millionenfach Arbeitsplätze schaffen. Sie bieten aber Perspektiven für begabte junge Menschen, die daheim etwas bewegen wollen und beweisen, dass es auch in benachteiligten Gesellschaften Erfolgschancen gibt.

 

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bl-dem-caa-protests-india

19. Januar 2020 - 12:20
The background of current protests against Hindu supremacism

Europe should do more to promote human rights in Central Asia. That was what Hugh Williamson of Human Rights Watch, the international non-governmental organisation, demanded recently in our EU briefing. I agree, but would like to add in South Asia deserves attention too. India is currently witnessing a wave of protests that may have far-reaching implications, and in some Indian states, police repression has been brutal. Moreover, Kashmiris are being denied free access to the internet. 

Depressingly, international media are not paying much attention. One reason is that Indian politics is not easy to understand. India is a huge country with a great diversity of cultures and languages. To a large extent, outsiders do not understand the terms used in India's political debate. 

As our regular readers will know, the national government of Prime Minister Narendra Modi is implementing a Hindu supremacist agenda, to which the current protests are expressing determined opposition. I wrote a short blog post about it late last year, and would like to add some more information now because that might help readers from other world regions to understand the current scenario.  

At this point in time, three abbreviations - CAA, NRC and NPR - stand for the divisive approach of the national government. CAA means Citizenship Amendment Act, NRC means National Register of Citizens and NPR means National Population Register. What must look like technical administrative jargon to outsiders, actually has an important sectarian dimension.  

The CAA became law on December and grants fast-track access to citizenship to religiously persecuted people from neighbouring countries provided they are not Muslim. This is problematic not only because the constitution forbids religious discrimination, but also because Muslim minorities are persecuted in India’s neighbouring countries.

The NRC has yet to be established, but it was piloted in the state of Assam, and resulted in a great number of Muslims being denied citizenship (see our comment by Arfa Khanum Sherwani). The NPR is to be updated this year providing the database for the NRC.

It also matters of course that the Modi government has reduced Kashmir from a state to a mere union territory a few months ago. This Muslim-majority region used to have special rights. It also has a history of violent unrest, though it was comparatively peaceful in recent years. Shortly before it status was changed, more Indian soldiers were sent to Kashmir, and the Internet is now been switched off for months. Arfa Khanum dealt with this topic in her comment too. The situation hasn't really improved since.

The national government switched off the internet in Kashmir in summer. In January, the Supreme Court finally ruled that such action was unconstitutional. In response, the internet has been switched on again – but not in all districts in Kashmir. Making matters worse, those Kashmiris who can now go online still have only access to a limited number of government-selected websites. Siddarth Varadarajan of The Wire, an innovative news website, has assessed the matter well.  No, such censorship is obviously not compatible with democratic principles.  

India’s large Muslim minority has reason to worry. And so have the members of India's many other minorities. Masses of Hindus now also rallying in support of the constitutional principles the national government is not observing. In turn, the Hindu supremacists call them anti-national or even terrorists, but they are actually patriots defending the rule of law and social cohesion. 

An interesting aspect is that networks of Muslim women are playing a crucial role in the protests. To a large extent, they are the faces of the movement. They are raising their voices and protesting in public. In other words, they are assertively expressing a modern sense of active citizenship. Yes, many of them are wearing headscarves, but no, they are neither submissive nor stuck in outdated traditions. Some people in the west like to argue that Islam is by definition anti-modern. They should pay attention to what is happening in India. The activist women, moreover, obviously do not need a charismatic leader. They are able to network quite efficiently among one another, organising protest camps in various cities, as Yogendra Yadav, an activist and social scinetist, has spelled out.

Students too are agitating against Hindu supremacism, and there has been violence at several universities. Qite evidently, activists of Modi's party's youth wing were the main perpetrators, attacking people who were rallying for the Constitution. Typically, the police did nothing to rein them in. It seems unlikely that official investigations will deliver any convincing results concerning what happend. An independent tribunal organised by civil-society organisations, by contrast, has found proof of government malfeasance. No body should be surprised. 

Police repression has often been brutal, especially in the large state of Uttar Pradesh, which is run by Narendra Modi's party. Several protesters have been killed, but the state authorities claim that the security forces were under attack. As the Kolkata-based newspaper The Telegraph has reported, 19 protesters have been shot dead. By contrast, all injured police officers were released from hospital within 48 hours. Nonetheless, the authorities claim that criminals among the protesters fired all the shots. The Telegraph spelled out serious questions the police should answer, including the following two:

- “Why did they (the criminals) aim always at the policemen’s limbs while generally targeting the protesters’ torsos and heads?”

- “And how did the pattern repeat itself with such amazing consistency, from Meerut to Muzaffarnagar, and Lucknow to Firozabad (major towns in Uttar Pradesh)?” 

So far, the protest movement has been nonviolent. To some extent, this can be seen as a legacy of Mahatma Gandhi. At the same time, it makes strategic sense. Violent action fast discredits a social movement. Moreover, there is ample reason to suspect that the Hindu supremacists would like to see riots erupting. It would allow them to unleash their thugs on the minorities. South Asia has a history of traumatic “communal” riots, in which one faith community attacks another. Violence in one country, moreover, can fast lead to violence in another. When Hindus attack Muslims in India, Pakistani Muslims are tempted to retaliate against Pakistani Hindus, for example.

India’s economy is in crisis. The national government has been unable to deliver on its developmental promises. At the same time, it always had a Hindu supremacist agenda. It is now polarising society, deflecting public attention from its shortcomings and stoking hatred against Muslims. The journalist Kapil Komireddi has written a very good book about the decline of Indian governance and the rise of Hindu supremacism. I reviewed it in September and can recommend it to anyone who wants to understand what is going on. Moreover, I wrote a related blogpost in October discussing how The Economist and other international media sytematically under-estimate just how much the Modi government is driven by Hindu supremacist ideology. 

If you want to follow Indian English language media online, I'll recommend two websites, both of which I have referred to in this blogpost. The first belongs to The Wire (https://thewire.in) the other to The Telegraph (https://telegraphindia.com). If you are not familiar with Indian politics, however, you may have to do quite a bit of googling to fully understand the content.

Komireddi, K.S., 2019: Malevolent republic. A short history of the new India. London: Hurst/Delhi: Context.

 

 

 

 

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Straße zum Wohlstand

16. Januar 2020 - 15:40
Um in der Region an Bedeutung zu gewinnen, braucht die ghanaische Stadt Tamale eine angemessene Verkehrsinfrastruktur

Tamale ist eine Stadt mit 360 000 Einwohnern. Betrachtet man die Straßen in und um die Stadt, würde niemand auf die Idee kommen, dass es eine der am schnellsten wachsenden Städte Westafrikas ist. Die Straßen sind marode und nicht instand gehalten, wegen der tiefen Schlaglöcher haben alle Arten von Fahrzeugen ständig Pannen. In der Regenzeit ist alles voller Schlamm. Nachts zu reisen ist doppelt gefährlich, da kaum ein Straßenlicht funktioniert.

Dabei entwickelt sich Tamale gerade zu einem regionalen Wirtschaftszentrum, das die Bauern der umliegenden Gemeinden mit den Märkten im Süden des Landes verbindet und den Handel mit Togo im Osten und dem Binnenstaat Burkina Faso im Norden ermöglicht. Tamale liegt auch strategisch günstig: als Drehscheibe für den Handel mit Ghana und anderen Mitgliedstaaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Economic Community of West African States – ECOWAS), darunter Niger, Nigeria, Mali und Elfenbeinküste.

Tamale ist der Bevölkerungszahl nach Ghanas drittgrößte Stadt, nach Accra und Kumasi. Wegen ihrer wichtigen Lage im Norden des Landes und den daraus resultierenden Handelsmöglichkeiten bietet die Stadt ein Beispiel dafür, wie gute Infrastruktur das Wirtschaftswachstum einer Region fördern kann.

Die Weltbank erkannte die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt und gewährte ihr 2017 ein Darlehen von 150 Millionen Dollar. Damit sollen die Hauptstraße zwischen Tamale und Tatale an der Ostgrenze zu Togo sowie Zubringerstraßen von etwa 200 Kilometer Länge ausgebaut werden. Diese verbinden die umliegenden landwirtschaftlichen Gebiete mit den städtischen Märkten.

Zudem hat Ghana einen Vertrag mit der chinesischen Sinohydro Corporation über den Bau eines Verkehrsknotenpunkts geschlossen, der den Stadtverkehr entlasten soll. Das Tamale-Interchange-Projekt, das den Bau von zehn Kilometer langen Verbindungsstraßen zu diesem neuen Verkehrsknotenpunkt umfasst, könnte bis Ende 2021 abgeschlossen sein.

Solche Projekte – und überhaupt die Auseinandersetzung mit der Verkehrsinfrastruktur – sind dringend nötig. Bisher mindern die schlechten Verkehrsverbindungen Tamales Potenzial als Wirtschaftszentrum. Eine bessere Anbindung würde Bauern den Markt zugänglich machen und jegliche Geschäftstätigkeit erleichtern. Verstopfte Straßen, auf denen weder Recht noch Gesetz herrschen, verlangsamen hingegen das Wirtschaftswachstum.

Warnende Stimmen kommen aus dem Tourismus. Der niederländische Tourist Anakin erlebte kürzlich auf einer Reise nach Tamale weit Schlimmeres als Schlaglöcher. „Bewaffnete Räuber haben unser Auto angegriffen und uns Geld und Telefone weggenommen“, erzählt er. „Genau dort, wo die Straße schlecht war und der Fahrer langsam fahren musste.“ Wegen der schlechten Straßenverhältnisse und der somit ansteigenden Kriminalität meiden viele Touristen historische Stätten wie den Sklavenmarkt von Salaga in der Nähe von Tamale.

Verbrechen, die man in der Stadt bisher nicht kannte, nehmen zu – einige davon sind auf die schlechten Straßenverhältnisse zurückzuführen. „Früher gab es hier keine Entführungen und Autodiebstähle, jetzt gibt es das alles bei uns,“ sagt der in Tamale lebende Dauda Ali.

Tückisch sind die Straßen Tamales jedoch auch ohne Kriminalität. Stau und ein aggressiver Fahrstil machen den Verkehr chaotisch. Fußgänger überqueren achtlos die Straßen, streunende Tiere blockieren die Fahrbahnen.

Klar ist: Kleine, strategisch günstig gelegene Städte wie Tamale können nur dann eine Schlüsselrolle für die regionale Wirtschaft spielen, wenn die Infrastruktur mit dem Wachstum Schritt hält. Das gilt für schnell wachsende Kleinstädte in ganz Afrika, Südasien, Südostasien und Lateinamerika gleichermaßen.

Alltäglicher Ärger

Behutsam steuert Abdul Ganiyu Mahama sein motorisiertes Dreirad und versucht erfolglos, Schlaglöchern auf der Straße zwischen dem bei Tamale gelegenen Kpalsi und dem Stadtzentrum auszuweichen. Das Dreirad, mit dem er sein Liefergeschäft betreibt, geht regelmäßig kaputt. „Pro Woche bin ich etwa viermal bei der Reparatur. Man muss immer vorsichtig fahren. Das behindert das Geschäft. An manche Orte fahre ich sogar nicht, weil die Straßen zu unsicher sind“, sagt er.

Das Problem betrifft viele. „Es ist mühsam, landwirtschaftliche Produkte aus abgelegenen Gebieten über marode Straßen auf den Markt zu bringen“, sagt die Getreidehändlerin Mariama Abubakari. „Besonders problematisch ist es in der Regenzeit, weil dann kaum ein Lastwagen fahren kann“, ergänzt sie. „Die meisten Fahrer meiden solche Straßen. Wer sie doch befährt, verlangt wegen der hohen Pannengefahr viel Geld dafür. Am Ende geht das meiste deiner Einnahmen für den Transport drauf.“

Das ghanaische Ministerium für Autobahnen erkennt den Handlungsbedarf – 61 Prozent der Straßen sind seiner Einschätzung nach schlecht. Das Land benötigt für die Reparaturen bis zu zehn Milliarden ghanaische Cedis, etwa 1,6 Milliarden Euro.

Es ist unvorteilhaft, dass drei Behörden für Ghanas Straßen zuständig sind: das Department of Urban Roads für die Stadtstraßen, eine andere Behörde für die Zubringerstraßen und die Ghana Highways Authority für die innerstädtischen Hauptverkehrsadern.

In vielen Entwicklungsländern haben kommunale und städtische Behörden bei der lokalen Infrastruktur kaum ein Mitspracherecht. Das ist ein destruktives koloniales Erbe: Unter ausländischer Herrschaft wurden alle wichtigen Entscheidungen in der Hauptstadt getroffen.

Ungünstig ist auch, dass es in der Region Tamale keinen modernen internationalen Flughafen gibt, auf dem große Gütermengen abgefertigt werden könnten. Und dass in der Region viele Bauten ohne Genehmigung errichtet wurden, macht die Flächennutzung schwer planbar.

Kern des Problems ist: Viele Straßen in und bei Tamale wurden vor Jahrzehnten entsprechend den damaligen Bedürfnissen der Bevölkerung gebaut. Während Bevölkerung und Verkehr wuchsen, blieb das Straßennetz, wie es war.

Auch der Personen- und Gütertransport auf verstopften Straßen ist Teil des Problems. Zudem begünstigen chaotische Bedingungen und unzureichende polizeiliche Überwachung Kriminalität. „Sicher ist es hier nicht“, bestätigt Mohammed Kande Ruth, der im Zentrum von Tamale Kleidung verkauft.

Maxwell Suuk arbeitet als Journalist in Ghana.
Twitter: @MaxwellSuuk

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E+Z/D+C 2020/03 – mo – Hans Dembowski – Review Payal Arora

16. Januar 2020 - 15:31
Facing considerable risks, youngsters in developing countries use digital technology for recreational purposes

In international development discourse, the opportunities of digitalisation have long been emphasised. M-Pesa serves as an example of empowerment because it allows people in remote areas of African countries to transfer money by mobile phone. Experts also like to tell stories of how Facebook has given a voice to formerly disenfranchised people, giving rise to unprecedented political movements. Initiatives such as One Laptop Per Child even argued that digitalisation as such would lead to greater educational inclusiveness.

In her book “The next billion users”, Payal Arora puts such narratives in perspective. She convincingly points out that the promises of technology itself bridging educational divides have not come true. Her book elaborates research findings in Asia, Africa and Latin America, where she studied how poor young people use digital technology. The scholar was born in India and is now an associate professor at Erasmus University's School of History, Culture and Communications in Rotterdam.

Arora's core message is that the youth in developing countries are like their peers everywhere. To some extent, they use smartphones to enhance their livelihood prospects, but mostly they are interested in entertainment and connecting with others. They make considerable efforts to optimise their profiles on social media and are likely to spend extra money on photoshopping selfies. The author insists that the poor must not be considered especially thrifty, industrious or creative. Yes, the lack of resources forces them to economise and find new ways to enhance efficiency. Their basic motivations, however, do not differ from those of other people. The limitations they face in daily life reappear in the digital sphere.

Poor youngsters in developing countries are more at risk than their prosperous counterparts in advanced nations. One reason, according to the social scientist, is that a lot of digital activity takes place in informal settings in developing countries, and the hacking of existing systems is common practice.

Informality, however, blurs into illegality, especially as major internet corporations are paying ever greater attention to issues of intellectual property and the enforcement of related laws. To some extent, the multinationals are willing to cooperate with inventive young hackers from developing countries, but such practices basically serve to entrench their own predominance, further marginalising latecomers.

Media piracy is an example of how important the informal sector can be. Illegal copies of international films are typically distributed via networks of black-market shops. Locally produced entertainment is distributed via the same networks. Without them, national video or audio industries would hardly take off. The trend of dominance by multinationals is being exacerbated by digitalisation, warns Arora.

Romantic longings

Privacy is a serious concern for many netizens. In the slum areas of big Indian or Brazilian cities, however, young people have particular concerns. They tend to live in one-room homes with extended families and have very little space to themselves. As Arora elaborates, social media platforms offer them a space where neither relatives nor neighbours are watching. Teenagers take advantage of that space to practice flirting, for example, but they must pay attention to not being found out. Interaction with someone of the other sex tends to be forbidden. Girls in particular have a reputation to lose.

Arora reports that male youngsters in India have developed a pattern of befriending Brazilian girls on Facebook, because female youngsters from their country are unlikely to respond. Having international contacts, moreover, boosts a person's reputation. In their daydreams, the people concerned intend to meet one day. On the other hand, youngsters regularly have the experience of being ripped off online. Someone responds enthusiastically to their romantic advances, then asks for the transfer of money or airtime for extended communication and then goes silent once that transfer has occurred.

Adding to the problems, the internet offers easy access to pornography, which is considered unacceptable by society even though it is quite popular, Arora finds. The author does not delve into this topic deeply and could have spent more space on elaborating how pornography is often the only sex education teenagers get and that most youngsters do not find the kind of comprehensive information they would need on the web. That happens in rich world regions as well, but is even more likely in societies where sex is still largely taboo. They are not told that pornography merely depicts fantasies without conveying what else intimate relationships are about. Moreover, girls need reliable information concerning reproductive health (see Aditi Roy Ghatak in the Debate section of D+C/E+Z e-paper 2019). They should certainly not be expected to discover all relevant information by searching google.

Young slum dwellers find e-commerce attractive, writes Arora, and the main reason is that goods they desire are hard to get where they live, especially at affordable prices. At the same time, many of them find it creepy when they notice that online businesses are targeting them personally, which means that the companies are exploiting personalised data.

Gaming is popular, but there are downsides. Arora mentions “gold farming”. This term refers to masses of young people replaying the cumbersome early stages of digital games in order to earn those games' virtual currencies which are then sold on to users in rich nations. The gold farmers are frowned upon as cheats, though it is their clients who use the gaming currencies. As Arora reports, gold farming is an organised mass business, with a few bosses raking in most profits.

Since her book was published, Arora has been invited by many tech companies to discuss her insights, as she told a conference on the media and digitalisation held at Deutsche Welle in Bonn late last year (for impacts on journalism see report in Monitor section of D+C/E+Z e-Paper 2020/01). Those companies obviously want to expand their market reach. She finds it disappointing that development agencies are not taking a similarly keen interest in her work. Her assessment of governments and international agencies fully endorsing the idea that the digital revolution as such would solve all poverty related problems is a bit overblown, but it certainly would not hurt policymakers and implementing agencies to consider the empirical reality of young people's digital experiences.

Arora does a good job of showing that what members of this age group are looking for is not so different from the patterns known in rich countries. She also shows that the internet is not a level playing field. Youngsters from poor communities tend to be less well educated, and while time spent on the web may improve their English, they start with a linguistic disadvantage. Moreover, they need to spend a greater share of their income on mobile phone subscriptions, enjoy fewer legal protections and are more likely to be exploited online.

Source
Arora, P., 2019: The next billion users. Digital life beyond the west. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.

 

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Nachhaltig, biologisch abbaubar und chemikalienfrei

16. Januar 2020 - 13:38
Bio-Lutions entwickelte eine patentierte Technologie, um aus landwirtschaftlichen Reststoffen biologisch abbaubare Einwegprodukte herzustellen

Das Unternehmen entwickelte eine patentierte Technologie, um die pflanzlichen Reststoffe ohne den Einsatz von Chemikalien und zusätzlichen Bindemitteln zu nutzen. Spezielle Maschinen verarbeiten die Rohstoffe mechanisch zu selbstbindenden Naturfasern. Damit kann der Einsatz von Chemikalien und Wasser vermieden werden, was etwa die Produktion von Papier und Biokunststoffen umweltschädlich macht. Das Bio-Lutions-Forschungszentrum befindet sich in Schwedt im Nordosten Deutschlands, wo gerade auch eine zweite Fabrik gebaut wird (siehe Hauptartikel).

Das Konzept ist laut Bio-Lutions fast überall einsetzbar. Es ist möglich, die Fasern aus den meisten weltweit vorkommenden landwirtschaftlichen Pflanzen zu verwenden. Bio-Lutions plant, ein internationales, aber dezentrales Produktionsnetzwerk mit lokalen Fabriken und regionalem Vertrieb zu schaffen. Die Idee ist, die lokale Nachfrage zu befriedigen und Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen. Dies spart CO2-Emissionen und lange Transportwege.    E+Z/D+C

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Wachsendes Bewusstsein

16. Januar 2020 - 13:30
Um die Plastikflut in den Griff zu bekommen, bietet ein deutsch-indisches Unternehmen eine innovative Lösung

Warum haben Sie und Bio-Lutions-Gründer Eduardo Gordillo Indien als Standort für die erste Fabrik gewählt?
In Indien waren die Bedingungen perfekt. Im Jahr 2015 verbot die Regierung des Bundesstaates Karnataka die Verwendung aller Kunststoffe einer bestimmten Dicke. Das Verbot schließt die meisten Einwegartikel ein. Wir hatten die Idee, Einwegmaterialien für Verpackungen und andere Zwecke auf der Basis natürlicher, biologisch abbaubarer Rohstoffe herzustellen. Also beschlossen wir, mit unserem Business in Karnataka einzusteigen und eröffneten die Fabrik in Bangalore. Das erschien uns als richtige Entscheidung, weil unser Geschäft zum einen von ökologischer und sozialer Relevanz ist. Zum anderen ist Indien ein riesiger Markt. Wir haben viele Feste, Hochzeiten oder andere Veranstaltungen, bei denen die Menschen Einwegprodukte verwenden, die sie später entsorgen müssen.

Wie haben Sie den Unternehmer Eduardo Gordillo aus Deutschland kennengelernt?
Wir haben einen ähnlichen Hintergrund, sind beide Industriedesigner. Ich habe viel Verpackungs- und Displaydesign gemacht und diese Produkte in einer Fabrik in China herstellen lassen. Eduardo hat mit derselben Fabrik zusammengearbeitet. Dort haben wir uns vor etwa zehn Jahren kennengelernt. Wir stellten fest, dass wir vieles gemeinsam haben und in die gleiche Richtung denken. Als er die Idee zu Bio-Lutions hatte, fragte er mich, ob ich daran interessiert wäre, die Fabrik in Indien aufzubauen. Das Timing war wegen des Plastikverbots perfekt. Die Umsetzung des Projekts war jedoch eine große Herausforderung, denn im Vergleich zu dem, was wir bisher gemacht haben, ist die Größe unseres jetzigen Betriebs enorm. Letztendlich war es eine gute Entscheidung und wir sind erfolgreich. Ich bin natürlich sehr froh, dass wir es geschafft haben.

Was war die größte Herausforderung?
Die Finanzierung war zunächst das größte Problem. Wir hatten nicht die Unterstützung eines großen Konzerns im Rücken. Am Anfang setzten wir allein unser privates Geld ein. Als wir uns jedoch entschieden, eine große Anlage zu bauen, war klar, dass wir zusätzliches Kapital benötigen. Zum Glück hat uns die KfW-Tochter DEG ein Darlehen in Höhe von einer halben Million Euro gewährt, damit wir in Bangalore starten konnten. Inzwischen haben wir weitere Investoren wie etwa Delivery Hero SE. Auch die DEG gehört weiter zu den Hauptinvestoren. Es geht uns jetzt gut, aber wenn das Geschäft wächst, müssen wir weiter investieren. 

Sie produzieren Einwegartikel und Verpackungen, die komplett aus Pflanzenresten hergestellt werden (siehe Kasten). Können Sie mit den Einwegartikeln aus Kunststoff konkurrieren, die trotz des Verbots noch auf dem Markt sind?
Das Plastikverbot ist in Karnataka noch nicht vollständig umgesetzt. Aber es wird verpflichtend werden. Die großen Einzelhandelsgeschäfte und Restaurants verwenden kein Plastikgeschirr mehr, aber die vielen kleinen Bistros, Coffee-Shops und Straßenstände tun es immer noch. Trotzdem sind unsere Produkte wettbewerbsfähig. Produkte aus reinem Plastik sind nicht billiger als unsere. Aber wir haben ein Problem mit recyceltem Plastik, das billig und von schlechter Qualität ist. Es kostet die Hälfte unserer Artikel und wird noch oft verwendet. Es ist einfach so, dass man nicht alles innerhalb kurzer Zeit ändern kann. Es dauert Jahre und Jahrzehnte, um den Markt und die Einstellung der Menschen zu ändern. Die vollständige Umsetzung des Kunststoffverbots wird uns sicherlich helfen.

Verändert sich die Einstellung zu Plastik in Indien?
Es ist nicht leicht, die Menschen zu überzeugen, denn viele kämpfen noch immer ums Überleben und darum, jeden Tag eine Mahlzeit auf dem Tisch stehen zu haben. Aber die Welt verändert sich und die Menschen erkennen, dass es zu viel Plastik in der Umwelt gibt. Langsam wird vielen klar, dass saubere Luft, gesundes Wasser und gesunde Böden überlebenswichtig sind. Sie verstehen, dass es ziemlich teuer sein kann, wegen schlechter Nahrung oder schlechtem Wasser krank zu werden, besonders wenn sie dann ins Krankenhaus müssen. Eine Herausforderung für uns ist außerdem, dass unsere Produkte nicht für den Langzeitgebrauch gemacht sind. Sie nutzen einen unserer Teller für etwa 20 Minuten, und danach ist er Abfall. Trotzdem ist unser Ansatz nachhaltig und ich bin sicher, dass sich unser Erfolg auch als nachhaltig erweisen wird.

Wer sind Ihre Kunden?
Wir haben ein paar Distributoren, die unsere Produkte an Großhändler verkaufen. Diese vertreiben sie dann wiederum an Supermärkte und Restaurants. Wir haben sogar begonnen, nach Europa zu exportieren, zum Beispiel nach Deutschland. Wir haben drei Kunden in Deutschland, darunter eine große Supermarktkette. 

Als Rohstoffe verwenden Sie Zuckerrohr- und Bananenstauden und ähnliche organische Abfälle. Woher bekommen Sie diese?
Wir arbeiten mit einer Nichtregierungsorganisation (NGO) in unserer Region zusammen und diese arbeitet mit den Bauern. Die NGO heißt Vikasana und hat ihren Sitz etwa 50 Kilometer von unserer Fabrik entfernt. Sie konzentriert sich auf biologische Landwirtschaft, Wasserbewirtschaftung, Erhalt der biologischen Vielfalt, Kindererziehung und die Stärkung von Frauen. Wir beziehen alle Rohstoffe von ihren Farmen. In Zusammenarbeit mit Vikasana haben wir ein Sammelzentrum eingerichtet, wohin die Bauern ihre Pflanzenreste liefern können. Wir holen diese zum Teil aber auch direkt bei den Bauern ab.

Wie viele Arbeitsplätze haben Sie in Indien geschaffen?
Wir haben etwa 100 Arbeitsplätze in unserer Fabrik in Bangalore geschaffen, darunter 20 Festangestellte und rund 80 Vertragsarbeiter. Außerdem arbeiten 15 Leute in unserem Sammelzentrum. Unser Ziel ist die Chancengleichheit von Männern und Frauen. Wir wollen Arbeitsplätze und wirtschaftliche Werthaltigkeit in der Region schaffen, weil wir uns als Teil der lokalen Gemeinschaft verstehen. Wir stellen die Leute direkt vor Ort ein, da unsere Fabrikarbeiter keine besonderen Qualifikationen benötigen. Wir schulen sie stattdessen selbst für ihre jeweilige Tätigkeit.

Haben Sie Expansionspläne für Ihr Geschäft?
Ja, wir sind gerade dabei, unsere Fabrik in Bangalore zu erweitern. Wir werden weitere Maschinen zum Einsatz bringen und die Produktion erhöhen. Und wir wollen auch in anderen Regionen Indiens tätig werden. Es gibt Verhandlungen über die Errichtung von zwei neuen Werken und wir denken, dass dies innerhalb von sechs bis zwölf Monaten geschehen wird. Das ist eine Herausforderung, denn wir haben es mit völlig neuen Fabriken, neuen Landwirten und anderen Rohstoffen zu tun. Wir bauen außerdem eine neue Produktionsstätte in Schwedt in Brandenburg. Das Werk soll noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. Außerdem gibt es konkrete Planungen für eine neue Fabrik in Thailand, da gibt es aber noch keinen Eröffnungstermin.

Kurian Mathew ist Geschäftsführer von Bio-Lutions India.
Kontakt: Celine Barth, Communications and PR:
cb@bio-lutions.com

 

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15. Januar 2020 - 8:16
Wer ernsthaft an unseren Themen interessiert ist, kann derzeit ein Frei-Abo der Printausgabe bestellen

Wer will, melde sich bitte auf unserer Website an: https://www.dandc.eu/de/ez-abonnement. Wir produzieren im Jahr sechs Druckhefte. Sie enthalten jeweils zwei Schwerpunktthemen, in denen wir Ihnen einen Überblick über den Stand der internationalen Diskussion zu Themen geben, die für die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) wichtig sind. Die Hefte dokumentieren unser wichtigsten Beiträge zu den Debatten, die wir auf der Website (www.dandc.eu) sowie im e-Paper mit zusätzlichen Beiträgen führen.

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Grave diggers burden bereaved families

14. Januar 2020 - 13:59
While bereaved families mourn, some grave diggers in Malawi add to their woes by imposing late-payment penalties

Villagers in the north, especially around the Karonga district, complain that some young grave diggers, who are new to the occupation, are flouting the traditions associated with this work and are disrespecting village elders in the process.

Traditionally, by decision of local village chiefs, bereaved families have paid the equivalent of about $ 0.14 per month to grave diggers, a small fee intended to enable grave diggers to buy food during the time they are working. In addition to digging graves, the grave diggers also keep the grave sites in good order.

Until recently, the people doing this work were elderly villagers. “But a decision was made that the work will be done by youths, most of whom are unemployed,” says Alfred Gondwe, a 64-year old retired civil servant. In addition to helping to reduce youth unemployment, the change was intended to lighten the burdens of elderly people doing this work. “It was done as a matter of respect to the elderly,” Gondwe says.

However, some of the younger newcomers to the profession are taking matters into their own hands when families are late with payments. “These days the youths are fining the bereaved families huge sums of money just because they are not contributing,” Gondwe says. “The purpose of families making a small contribution was not to make a profit but just to help them buy food.”

He says that by unilaterally imposing fines on bereaved families, the young grave diggers are undermining the authority of village chiefs. “Our young men think that they have hit gold by charging bereaved families over $ 27 or even up to $ 138 as fines. They are even refusing to dig the grave if the family fails to pay,” says Anderson Mwalwanda, whose family was faced with demands for fines after the death of a relative who was staying nearby.

The young grave diggers contend that failure to pay their fee means they cannot carry out their work. They also argue that their fees should cover more than just food purchases during their work.

In August this year some young grave diggers disrupted a funeral to make their case. Village leaders tried to reason with them, but to no avail. “These young people have become so powerful that even the chiefs fear them,” says 43-year old Moreen Kalambo. She adds that the youths should no longer hold those jobs, and that they spend most of their earnings on beer.

Jones Mfune, a local church official, says while he agrees with the arrangement the village elders had instituted, he cannot accept “our youths disrupting church services during funerals.”

“In the Bible Jesus said ‘give to Caesar what belongs to Caesar,’” he notes. “But if bereaved families are failing to pay, there could be a reason. The village leaders must sit down with our youths to find out a solution after burial.”

Mfune adds that it is unfortunate when young grave diggers, whom he says are the villagers’ own children, “do not respect the elderly and the departed souls. Our cultural traditions must be respected at all cost.”

Raphael Mweninguwe is a freelance journalist based in Malawi
raphael.mweninguwe@hotmail.com

 

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Weniger zu essen, mehr Denguefieber

14. Januar 2020 - 12:35
In einem aktuellen Bericht warnt die Fachzeitschrift The Lancet vor den massiven Gesundheitsfolgen der Klimakrise

Die Erde heizt sich auf, und durch die steigenden Temperaturen kommt es immer häufiger zu Überschwemmungen und Dürren. Diese und andere Folgen der Klimakrise gefährden die Ernährungssicherheit und Gesundheit von Millionen Menschen. Laut einem aktuellen Bericht des internationalen Medizin-Fachjournals The Lancet birgt der Klimawandel schwere Gesundheitsrisiken. In einem wärmeren Klima verbreiten sich Infektionskrankheiten nicht nur rascher, die Autoren warnen sogar davor, dass der Klimawandel den gesamten Fortschritt der vergangenen 50 Jahre gefährden könnte.

Mehrere Dutzend Forscher von UN- und anderen Einrichtungen weisen in der Studie „The Lancet Countdown 2019“ auf die zunehmende Luftverschmutzung hin. Ein Grund dafür sind Wald- und Buschbrände, wie sie momentan in Australien wüten. Die Brände waren allerdings bei der Veröffentlichung des Berichts noch nicht ausgebrochen und werden folglich nicht erwähnt.

Hauptverantwortlich für die Verschlechterung der Luftqualität sind aber fossile Energieträger. Mit Blick auf die öffentliche Gesundheit sieht Hauptautor Nicholas Watts die wichtigste Aufgabe darin, den Verbrauch fossiler Energien zu reduzieren. Laut der Studie starben allein 2016 7 Millionen Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung. Die Wissenschaftler mahnen, wenn sich der Energiesektor nicht drastisch ändere, werde sich die Situation weiter verschlimmern. Eine Umstellung auf regenerative Energien würde auch den Klimawandel an sich abschwächen.

Die Autoren dringen auf die Einhaltung des Pariser Vertrags. Wenn die Weltgemeinschaft es versäumt, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, werden heute geborene Kinder im Alter von 71 Jahren in einem mehr als vier Grad wärmeren Weltklima leben. „Jedes Kind, das heute auf die Welt kommt, wird erheblich vom Klimawandel betroffen sein“, schreiben die Autoren.

Unterernährte Kinder

Seit 2014 ist die Zahl unterernährter Menschen weltweit stetig gestiegen. Besonders betroffen sind Kinder unter fünf Jahren, heißt es im Lancet Cowntdown. Unterernährung führt zu Wachstumsstörungen und -verzögerungen und vielen anderen Gesundheitsfolgen. Eine große Rolle spielen dabei Angebot, Zugang und Erschwinglichkeit von Nahrungsmitteln. In einem heißeren Klima sind die Ernten schlechter, dies treibt Nahrungsmittelpreise in die Höhe. Die Daten der Studie zeigen auch, dass das globale Ertragspotenzial in den vergangenen drei Jahrzehnten konstant rückläufig war: bei Reis um drei Prozent, bei Mais um vier Prozent und bei Winterweizen sogar um sechs Prozent.

Steigende Wassertemperaturen, Ex­tremwetterereignisse und die Übersäuerung der Ozeane wirken sich auch negativ auf den Fischfang aus. Fisch ist eine wichtige Proteinquelle für 3,2 Milliarden Menschen, besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern. Eine eiweißarme Ernährung schlägt auf die Gesundheit, warnen die Wissenschaftler.

Hinzu kommen Infektionskrankheiten, die in wärmeren Temperaturen wieder­aufleben. Moskitos, die das Denguefieber übertragen, können besser überleben. Neun von zehn Jahren mit der größten Wahrscheinlichkeit für Denguefieber-Infektionen sind seit der Jahrtausendwende verzeichnet worden. Die Autoren halten Denguefieber für die sich am schnellsten ausbreitende Krankheit. Sie bedrohe die Hälfte der Weltbevölkerung.

Im Bericht heißt es außerdem, wenn hitzebedingt Gesundheitsprobleme auftreten, zeige sich das häufig in einer verminderten Arbeitsproduktivität. 2018 gingen demnach wegen gestiegener Temperaturen 30 Prozent mehr potenzielle Arbeitsstunden verloren als 2000.

Das Gesamtbild ist eindeutig: Wie stark der Klimawandel die Gesundheit der Menschen beeinträchtigen wird, hängt von ihrem Wohlstand ab. Arme Menschen sind am meisten betroffen. Poornima Prabhakaran ist eine der Autorinnen und tätig an der öffentlich-privaten Forschungseinrichtung Public Health Foundation in Indien. Ihr zufolge werden nur wenige Länder von den Gesundheitsfolgen des Klimawandels so stark betroffen sein wie Indien. Sie nennt Gründe wie die große Bevölkerungszahl, große Ungleichheiten bei der Gesundheitsversorgung, Armut und Mangelernährung. Durchfallkrankheiten seien die Hauptursache für die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern. Mit steigenden Temperaturen verschlimmere sich die Situation.

Wohlhabende Weltregionen

Der Bericht betont, dass die Menschheit immer noch zu viel fossile Energien verbrennt und die globalen Emissionen weiter hochtreibt. China, Indien und Südostasien verheizen weiterhin viel zu viel Kohle, was zu katastrophaler Luftqualität führt. Allerdings sind auch wohlhabende Regionen nicht vor der steigenden Luftverschmutzung gefeit. Feinstaub der Partikelgröße kleiner als 2,5 Mikrometer (PM 2,5) verursacht schwere Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen. Selbst wenn die Feinstaubwerte 100 Jahre auf dem Stand von 2016 stehen blieben, würde die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa um fast sechs Monate sinken.

Weitere Gesundheitsrisiken für reiche Länder sind Hitzewellen, besonders in Europa und im östlichen Mittelmeerraum. Dort überaltert die Bevölkerung und ist deshalb besonders gefährdet. Hinzu kommt ein steigendes Risiko für nichtübertragbare Krankheiten. Gleichzeitig weisen die Autoren auf zunehmende Waldbrände hin, besonders in Indien und China.

Die Studie würdigt aber auch einige Erfolge:

  • China ist weniger abhängig von Kohle;
  • in Europa ist die Luftqualität insgesamt besser geworden;
  • etwa die Hälfte aller Länder hat Klima-Notfallpläne erarbeitet.

Die Autoren loben auch, dass sich die Gesundheitssysteme zunehmend an die neuen Bedürfnisse der Menschen anpassen. Sie machen jedoch gleichzeitig deutlich, dass noch viel mehr getan werden muss – und zwar bald.

Link
The Lancet Countdown 2019:
http://www.lancetcountdown.org/2019-report

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E+Z/D+C 2020/02 – bl – Hans Dembowski – PEGNet 2

10. Januar 2020 - 15:43
Cross-border social protection would solve great problems, so it must be considered

European countries have historically been the pioneers of welfare-state policies. As Praveen Jha of Jawaharlal Nehru University recently argued on our platform, however, years of austerity have led to the erosion of what was once called the “Europeans social model” (https://www.dandc.eu/en/article/after-dramatic-social-spending-cuts-it-does-not-make-much-sense-speak-european-social-model). That need not stay that way however.

It is inspiring that the new European Commission, which took office in late 2019 and is led by Ursula von der Leyen, wants to introduce a minimum wage. It will apply throughout the EU. Earlier, a joint system of unemployment benefits was discussed. Pan-European safety nets would indeed foster something like a pan-European identity (also see Dirk Messner on what challenges the EU must rise to (https://www.dandc.eu/en/article/eu-currently-not-convincing-model-supranational-policymaking-it-can-and-should-become-one).

Quite obviously, the euro crisis of the past decade would have been less divisive had the EU had such an unemployment insurance. The EU enforced austerity, but it did little to soften the impacts. A joint unemployment insurance would have made a difference, indicating solidarity among member nations.

Joint social protection would also help to fight the onslaught of right-wing populists, who tend to be particularly strong where wages are low and unemployment is high. Pan-European safety nets might  thwart their agitation. That is one reason why leaders like Wolfgang Schäuble, Germany's former finance minister who is now the president of federal parliament, are willing to countenance such ideas.

A problem for German policy makers, of course, is that such systems would certainly result in Germany, the EU strongest economy, contributing more funding than German beneficiaries would collect. On the upside, such systems would strengthen the EU, and the German economy has always benefitted massively from the EU’s common market.

Social-safety nets of international reach could be helpful in other ways too. Consider migration. Western governments are keen on reducing the number of people who want to flee to their countries. It would make sense for them to ensure that potential migrants feel safe and protected at home. Guaranteed minimum incomes would help, and so would pension schemes, child benefits of health-insurance coverage. Such schemes, moreover, could be considered at the level of regional organisations such as the ECOWAS (Economic Community of West African States) or the EAC (East African Community). Boosting their sense of cohesion cannot hurt. African governments, of course, would have to assume responsibility for social protection too.

The lines between national and supra-national policymaking are blurring in other respects too. The most striking example is the climate crisis. Poor countries are increasingly suffering because of emissions they did not cause. The rich nations are most to blame. Global social-protection measures might be part of the compensation. Moreover, targeted cross-border action may well contribute to eradicating extreme poverty, which is among the UN’s most important Sustainable Development Goals.

Opposition to cross-border solutions for social protection is strong. Such schemes would contribute to solving pressing problems, but policymakers would first have to break the mould of social protection being a nation-state issue. History tells us that innovations typically look impossible until they suddenly happen – and that was not different when Otto von Bismarck established the first, ground breaking, nation-wide protection schemes in the late 19th century (see an old blogpost of mine https://www.dandc.eu/en/article/how-development-circles-are-currently-di...).

P.S.: I planned to write this blogpost much earlier, and had even promised to do so in the blogpost linked in the final paragraph of this one. I was busy with other things and this topic slipped off my screen. I apologise for not posting earlier.

 

 

 

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Zambians choose Chinese cures

10. Januar 2020 - 15:27
As in many facets of life in Zambia, the influence of China is visible in the country’s health-care sector

Traditional Chinese cures avoid many side effects associated with modern medicine, its advocates say. At least 70% of Zambians use traditional medicine, according to the World Health Organization.

Zambia’s government has noticed the growing popularity of Chinese cures. Health Minister Chitalu Chilufya said recently the government is reviewing its rules on traditional medicine with a view toward making such practices more accessible. 

“We have identified the need to strengthen collaboration, in particular with China, in research on traditional herbal medicines,” the minister told a visiting delegation from Jiangxi University. “Zambia will collaborate to strengthen cultivation of medicinal plants and to share experience and knowledge.”

Chinese medical practitioners in Zambia have been happy to meet the growing demand. “I attend to patients suffering from stroke, HIV/AIDS, hypertension, paralysis and diabetes among others,” said Feng Kehong, owner of the Zhong Yi Surgery. She opened the private clinic in 2002, five years after arriving in Zambia.

Of the wide range of traditional Chinese cures on offer, acupuncture has seized Zambians’ imagination the most. In this traditional Chinese therapy, needles are inserted into affected points on the body to relieve pain and cure illnesses.

For Bernard Siwale, a Lusaka based taxi driver, the results of the procedure are worth some discomfort. He turned to the Zhong Yi surgery in Lusaka after modern medicine did not cure a partial paralysis he suffered early this year. “The doctor pricks you with small needles and you feel a slight discomfort,” he said. “After 30 minutes the needles are removed. The process is repeated for 10 days, but thereafter the pain disappears.”

Other patients area equally enthusiastic. “A Chinese health practitioner recommended herbal medicine and acupuncture for my abdominal pains, and after 10 days the pain was gone,” said Belinda Ngulube, a pharmacist. “Acupuncture is based on the interconnectivity of our hormones and nervous system. It has helped many patients.”

Three months of acupuncture and Chinese herbal medicines treatments were the solution to severe bleeding for Angela Nkandu, age 38. “I used to bleed badly even with a slight injury and conventional medicine couldn’t help much,” she said. “Doctor Tiang gave me blood boosters and acupuncture and it worked wonders.”

Traditional Chinese cures are longer-lasting than cures from modern medicine, according to Chris Banda, a teacher in eastern Zambia. He travelled to Lusaka for treatment at a private Chinese clinic and said it was worth the trip. “Western medicine couldn’t cure my chronic headache. Conventional medicine can reduce pain but afterwards the pain comes back.”

Derrick Silimina is a freelance journalist based in Lusaka, Zambia. He focuses on Zambian agriculture and sustainability issues.
derricksilimina@gmail.com

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