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E+Z/D+C 2022/06 – op – Charles Martin-Shields – Twitter

13. Mai 2022 - 11:38
The implications of an important social-media platform depending on a billionaire’s whims

In the global south, Twitter is not as popular as other social-media platforms such as WhatsApp, Telegram, TikTok or Facebook. It is nonetheless an important global forum that shapes public debate and influences people.

Many internet users will not personally notice Twitter’s relevance to political discourse, since it has a comparatively small user base. What matters is that specific groups heavily rely on Twitter, including journalists, public intellectuals and policymakers. What makes Twitter valuable is the networks of people who belong to these elite circles.

Rewarding celebrity

Prominent persons have the greatest reach on Twitter, as personalities from politics, the media, pop culture et cetera have the most followers. Bots – software that automatically shares and retweets specific messages – are known to boost propaganda in manipulative ways. However, an average person would probably be unable to attract a large number of followers even with the support of an army of bots.

Musk has more than 90 million followers on Twitter. He is known for jokes, sarcasm and leaking proprietary business information, which earned him the attention of the Security and Exchange Commission, the stock-market regulator in the USA. To him, “freedom” seems to mean doing what he wants without a government agency getting in his way, an attitude we often see among oligarchic populists (see Hans Dembowski on www.dandc.eu).

Musk rules?

Depending on how Musk might change Twitter’s rules, the platform may either strengthen democratic deliberation or authoritarian populism in the future. Crucial issues will be who is allowed to use Twitter and what kind of messaging is permitted. Musk claims to be a “free-speech absolutist”. For all practical purposes, that will probably mean that anyone with a loud voice will be free to state whatever they want – including disinformation, hate speech and lies. When this manuscript was finalised in mid-May, the prospective Twitter owner had tellingly just said he does not want former US president Donald Trump to stay barred from the platform.

In the global south, Twitter will most likely keep amplifying powerful members of the elite. Debates that start on Twitter often find their way onto other social-media platforms as well as into mainstream media. India’s reactionary Hindu supremacists typically rely on WhatsApp to amplify messages, whereas Russian and Ukrainian actors are using Telegram channels for the propaganda campaigns as part of the ongoing war.

Would a new Twitter leadership make matters worse? It is unlikely that the platform will become an unusable hub of mis-and disinformation. Though Musk denies he has an economic interest in Twitter, he would not have become a billionaire without caring for money. To generate revenues, he has proposed charging Twitter users “a small fee”. That might make the platform even more elitist.

Should Musk try to turn Twitter into a commercial platform like Instagram or Facebook, the constant flow of advertising would probably make serious voices from civil society, politics and journalism abandon it. Twitter’s current role would be compromised. In the USA, pro-democracy Twitter users have begun to leave the platform. Such a trend might well prove harmful to both Twitter and democracy.

Complex algorithm

Musk has also said he wants the Twitter algorithm, which determines what people see on their timelines, to be transparent. Transparency would reduce the scope for manipulation. However, the algorithm is quite complex, so only few people would actually understand it.

What is more publicly relevant is who Musk hopes will support his $ 44 billion acquisition. Relevant allies include an investment fund controlled by the reactionary Royal House of Qatar, a superrich Saudi Prince and software billionaire Larry Ellison of Oracle.

Twitter is an important platform of international debate. Now it seems at risk of becoming a billionaire’s toy. We should consider that a warning.

Charles Martin-Shields is a senior researcher at the German Development Institute in Bonn.
charles.martin-shields@die-gdi.de

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In Benin kämpfen blinde Menschen um ihren Lebensunterhalt

12. Mai 2022 - 16:06
Menschen mit Sehbehinderungen in Benin verdienen Unterstützung von Regierung, NGOs und religiösen Einrichtungen

Um die Not blinder Menschen in Benin zu verstehen, muss man nur freitags um die Mittagszeit die Hauptstraße des überfüllten Viertels Zongo in der Metropole Cotonou entlanggehen. Dann strömen die Muslime zum wöchentlichen Gebet in die Moschee. In ihrem Schlepptau befinden sich zahlreiche blinde Menschen, die betteln. Voller Verzweiflung scharen sie sich um die wenigen Personen, die wirken, als könnten sie helfen.

Eine Sehbehinderung in Benin bedeutet Hilflosigkeit. Da es keine systematische Unterstützung durch die Regierung gibt, sind Betroffene für fast alles auf andere angewiesen: Nahrung, Unterkunft, Medikamente und Hilfe bei alltäglichen Tätigkeiten wie Essen, Anziehen, Duschen und dem Gang zur Toilette.

Die Vorurteile beginnen schon früh im Leben. „Viele Eltern sehen ein behindertes Kind als Last an“, sagt Alexis Boton, Leiter des Zentrums zur sozialen Förderung blinder Menschen in Parakou, etwa 400 Kilometer nördlich von Cotonou. „Oft sind sie nicht daran interessiert, ihrem Nachwuchs zu helfen.“

Vermeidbares Elend

Ein Großteil des Elends könnte durch frühzeitige Erkennung und Behandlung einer beginnenden Erblindung verhindert werden. Laut einer Studie der Universität Parakou in Benin aus dem Jahr 2018 waren mehr als 40 Prozent der untersuchten sehbehinderten Patienten aufgrund von vermeidbaren Ursachen erblindet. „Die Prävalenz vermeidbarer Ursachen ist hoch“, so die Wissenschaftler um Salimatou Monteiro. Es brauche einen besseren Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Augenversorgung, um die Vorbeugung und Diagnose vermeidbarer Augenkrankheiten zu verbessern. Die Studie wurde im Journal of Clinical Research and Ophthalmology veröffentlicht.

Die Hauptursachen für Sehbehinderungen in Benin sind der altersbedingte Graue Star und das Glaukom. Weitere Ursachen sind Refraktionsfehler und Störungen der Makula, eines wichtigen Bereichs in der Mitte der Netzhaut.

Der Schweregrad der Behinderung variiert je nach Alter, Einkommen und geografischer Lage. Menschen in abgelegenen, flussnahen Dörfern fallen immer wieder der Flussblindheit zum Opfer. Diese Tropenkrankheit wird durch Kriebelmücken übertragen, die in schnell fließenden Gewässern brüten. Wenn die Infektion früh genug erkannt wird, stehen die Chancen auf Heilung gut. Leider suchen viele erst dann Hilfe, wenn es zu spät ist.

Andere Gründe für Erblindung in Benin hängen mit dem Einkommen zusammen. Dazu gehören eine schlechte Ernährung, mangelnde Hygiene, unbehandelter Bluthochdruck und Diabetes. Viele Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Diese Faktoren beschleunigen die Ausbreitung der „Krankheiten der Armen“ (siehe Sheila Mysorekars Aufsatz von 2016 auf www.dandc.eu). Diese Zusammenhänge sind nicht nur in Benin zu beobachten, sondern in vielen afrikanischen Ländern (siehe Maxwell Suuk auf www.dandc.eu).

Trotz begrenzter Haushaltsmittel könnten und sollten die staatlichen Stellen mehr tun, um sehbehinderte Menschen zu unterstützen, meint Pater André Kpadonou. Der blinde katholische Priester lebt in Zagnanado, 165 Kilometer von Cotonou entfernt. Kpadonou verlor sein Augenlicht, nachdem er Priester geworden war, hat aber nie seine Mission aufgegeben, bedürftige Menschen zu unterstützen. Seiner Meinung nach sollten sich auch nichtstaatliche Akteure engagieren.

Pater Kpadonou veröffentlicht regelmäßig Artikel und Bücher und versucht, die Regierung, zivilgesellschaftliche Organisationen und die ganze Gesellschaft für die Notlage blinder Menschen zu sensibilisieren. Er beherrscht die Brailleschrift und nutzt digitale Hilfsmittel. Kpadonou lässt keine Gelegenheit aus, um zu kommunizieren. „Ich bin zwar blind“, sagt er, „aber mein Mund und meine Ohren funktionieren perfekt.“

Kpadonou fordert die Regierung auf, trotz begrenzter Finanzmittel konkrete Hilfsmaßnahmen zu ergreifen. Er verlangt, sie solle blinden Menschen eine Unterkunft zur Verfügung stellen, damit diese nicht auf der Straße leben müssen. Auch besteht er darauf, dass sie weiße Gehstöcke erhalten, damit sie sich besser fortbewegen können und von anderen als sehbehindert erkannt werden. Und er fordert, rücksichtslose Auto- und Mopedfahrer zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie blinde Fußgänger verletzen. Da es keine ausgewiesenen Straßenübergänge gibt, werden viele sehbehinderte Menschen beim Versuch, eine Straße zu überqueren, von Fahrzeugen erfasst.

Konkrete Ergebnisse

Ein weiteres Anliegen von Pater Kpadonou: Zivilgesellschaftliche Organisationen und religiöse Einrichtungen sollen Schulungen anbieten und blinden Menschen helfen, Arbeit zu finden. Zwei kirchliche Organisationen gehen seiner Meinung nach mit gutem Beispiel voran: das Siloé-Zentrum in dem Ort Djanglanmè und das Pater-Paul-Rival-Zentrum in Adjohoun im Süden Benins. Sie stellen kostenlos Lebensmittel, Hygienemaßnahmen und Schulungen zur Verfügung.

Diese Art von Arbeit zeigt greifbare Ergebnisse: Ein Orden rettete ein junges Mädchen, das blind geboren und von seiner Familie verstoßen worden war, und gab ihm Unterkunft, Nahrung und eine Ausbildung. Sie wurde schließlich Nonne bei den „Soeurs Servantes de la Lumière du Christ“ (Schwestern im Dienste des Lichts Christi).

Letztlich können religiöse Organisationen aber nur wenigen helfen. Um das Leben der vielen sehbehinderten Menschen in Benin zu verbessern, bedarf es offizieller Unterstützung der Regierung und weiterer Organisationen. Gäbe es systematische medizinische Untersuchungen und eine angemessene Gesundheitsversorgung sowie Berufsausbildung und Unterstützung im Alltag, könnten die sehbehinderten Menschen ein weitaus besseres Leben führen, als sie es heute tun.

Link
Monteiro, S., et al., 2018: Causes of avoidable blindness in Parakou. Journal of Clinical Research and Ophthalmology.
https://www.peertechzpublications.com/articles/JCRO-5-152.php

Karim Okanla ist Medienwissenschaftler und freiberuflicher Autor in Benin.
karimokanla@yahoo.com

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CARICOM will Widerstandsfähigkeit gegen Katastrophen stärken

11. Mai 2022 - 14:07
Wegen der Erderwärmung werden Hurrikane in der Karibik immer gefährlicher

Hurrikane sind eine Naturgefahr, die sich in äquatornahen Meeresgebieten bildet. Die gleiche Art von Sturm ist im Pazifik als „Taifun“ und im Indischen Ozean als „Zyklon“ bekannt. In der Karibik treten Hurrikane zwischen Juni und November auf. Die „Hurrikan-Saison“ erreicht zwischen Mitte August und Mitte Oktober ihren Höhepunkt. Diese Extremwetterereignisse können sehr zerstörerisch sein. Im Jahr 1979 zum Beispiel forderte der Hurrikan David 2068 Menschenleben. Mehr als die Hälfte der Todesopfer war in der Dominikanischen Republik zu beklagen, wo auch 70 Prozent des Stromnetzes zerstört wurden.

Ein aktuelleres Beispiel ist Hurrikan Maria, der 2017 Puerto Rico verwüstete. Schätzungen der George Washington University zufolge starben fast 3000 Menschen. Die gesamte Bevölkerung des US-Territoriums war ohne Strom. Er konnte erst nach 11 Monaten wieder vollständig hergestellt werden.

Kleine Inselstaaten sind den Klimarisiken besonders ausgesetzt (siehe Monika Hellstern auf www.dandc.eu), doch meist nimmt die internationale Öffentlichkeit nur die Schäden an den am stärksten betroffenen Orten wahr. Auch andere Inseln sind betroffen. 1979 wurden durch Hurrikan David rund 60 000 Menschen – oder rund 75 Prozent der Bevölkerung – auf Dominica, einer kleinen Insel, die früher britische Kolonie war, obdachlos. 2017 verursachte Hurrikan Maria dort Schäden in Höhe von 930 Millionen Dollar. Nach UN-Angaben waren vier Monate später immer noch 80 Prozent der Dächer unzureichend gedeckt und 15 Prozent der Kinder nicht in die Schule zurückgekehrt. Auf der Insel wurden 31 Tote und 37 vermisste Personen gezählt.

Extreme Wetterlagen werden immer extremer

Naturkatastrophen können nicht vermieden werden. Gesellschaften müssen lernen, mit ihnen zu leben. Die Erderhitzung verschärft jedoch die Probleme, da die Wetterextreme immer extremer werden. Das erklärt, warum die Karibik nicht besser auf diese Katastrophen vorbereitet ist. Die Risiken sind zwar bekannt, aber sie sind größer als früher.

Hurrikane gewinnen ihre Stärke aus warmer und feuchter Luft. Heißere Temperaturen führen zu stärkeren Stürmen, die länger andauern, mehr Regen bringen und mehr Schäden verursachen. Sobald ein Hurrikan Land erreicht, wird er schwächer. Mittlerweile gewinnen sie jedoch mehr Kraft, da sie sich über dem Meer aufbauen und daher länger brauchen, um sich über Land wieder aufzulösen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Hurrikane früher am ersten Tag über Land 75 Prozent ihrer Stärke verloren haben. Heute liegt dieses Verhältnis bei nur noch 50 Prozent. Wenn sich die Klimakrise weiter verschärft, werden die Stürme noch verheerender.

Wenn der Klimawandel nicht eingedämmt wird, sieht die Zukunft der Karibik düster aus. Gleichzeitig muss sich die Region an den Wandel anpassen, der bereits eingetreten ist oder nicht mehr verhindert werden kann. Der Archipel muss widerstandsfähiger werden. Das erfordert neue Ansätze und kohärente Maßnahmen.

Regionale Institutionen stellen sich der Herausforderung. Die Karibische Gemeinschaft (CARICOM) und die Caribbean Disaster Emergency Management Agency (CDEMA) haben wichtige Arbeit geleistet.

Zunächst wurde die UN-Definition von „Resilienz“ an die regionalen Bedürfnisse angepasst. Laut dem UN Office for Disaster Risk Reduction (UNDRR) meint Resilienz, dass ein System, eine Gemeinschaft oder eine Gesellschaft, die Gefahren ausgesetzt ist, fähig ist, „rechtzeitig und effizient den Folgen zu standzuhalten, sie zu absorbieren, sich anpassen und sich zu erholen“. Dazu gehört auch die „Erhaltung und Wiederherstellung der wesentlichen Grundstrukturen und -funktionen“. Resilienz bedeutet auch, „sich schnell und auf eine Weise zu erholen, die die Anfälligkeit“ (CARICOM/CDEMA) für gleichartige Gefahren in Zukunft verringert.

Säulen der Resilienz

Auf dieser Grundlage wurden fünf „Säulen der Resilienz“ aufgestellt. Diese sind:

  • sozialer Schutz für gefährdete und ausgegrenzte Menschen,
  • Sicherung der Infrastruktur,
  • verbesserte wirtschaftliche Möglichkeiten,
  • Schutz der Umwelt und
  • Einsatzbereitschaft für den Wiederaufbau.

Die supranationalen politischen Entscheidungsträger haben für jede Säule detaillierte Empfehlungen abgegeben. Zudem betonten sie, dass Regelwerk und Vorschriften ein „förderliches Umfeld“ schaffen sollten. Eine gute Regierungsführung bezieht in ihren Augen auch die Öffentlichkeit – und besonders die junge Generation – sinnvoll ein. Sie forderten den Aufbau von Kapazitäten, Forschung, Datenmanagement und Finanzierung für einen besseren Katastrophenschutz. Schließlich betonten CARICOM und CDEMA, dass gute Pläne wertlos sind, wenn sie nicht ordnungsgemäß umgesetzt werden.

Es ist von Bedeutung, dass 11 der 13 unabhängigen karibischen Staaten Entwicklungsländer sind. Von ihnen kann nicht erwartet werden, ihre Resilienz selbst aufzubauen. Schließlich haben sie mit sich verschlimmernden Katastrophen zu kämpfen, die sie kaum selbst verursacht haben. Die karibischen Länder sind keine großen Verursacher von Treibhausgasemissionen, aber die Beseitigung von Katastrophenschäden erfordert beträchtliche Ressourcen, die sie sonst für Entwicklungszwecke einsetzen könnten.

Nach einer besonders verheerenden Hurrikan-Saison fand im November 2019 in New York die hochrangige Geberkonferenz von CARICOM und UN statt. Sie führte zu Geberzusagen im Wert von 1,3 Milliarden US-Dollar, darunter über 1 Milliarde US-Dollar an Darlehen und Schuldenerlass. Zu den wichtigsten Partnern gehörten die EU und ihre Mitglieder, die USA, die Weltbank und viele andere. UN-Generalsekretär António Guterres erklärte: „Die Länder in der Karibik brauchen jetzt Unterstützung für den Wiederaufbau und für wirksame Klimaschutzmaßnahmen.“

Vom Klimawandel am stärksten betroffenen

Laut dem Globalen Klima-Risiko-Index 2021, der von der deutschen zivilgesellschaftlichen Organisation Germanwatch erstellt wurde, gehörten zwei karibische Gebiete zu den Ländern, die von 2000 bis 2019 am stärksten von extremen Wetterereignissen betroffen waren. Puerto Rico belegte in dieser Liste den ersten und Haiti den dritten Platz.

Während die Gefährdung durch Wirbelstürme im Grunde gleich ist, unterscheiden sich die soziopolitischen Verhältnisse in Puerto Rico und Haiti erheblich. Puerto Rico ist ein US-Territorium, wenn auch kein Bundesstaat, mit begrenzten Möglichkeiten der Selbstverwaltung (siehe Hans Dembowskis Blogbeitrag aus 2017 auf www.dandc.eu). Die Einwohner sind US-Bürger, dürfen aber nicht an nationalen Wahlen teilnehmen. Eine schwere Schuldenkrise hat die Probleme noch verschärft. Obwohl der Lebensstandard vergleichsweise hoch ist, lebt die Hälfte der Menschen in Puerto Rico in Armut. Die Abwanderung auf das US-amerikanische Festland ist allerdings einfach, und die Bevölkerung Puerto Ricos ist in den vergangenen zehn Jahren tatsächlich um fast 12 Prozent auf 3,3 Millionen gesunken.

Haiti hingegen ist eines der Länder, die von den UN als „am wenigsten entwickelt“ eingestuft werden – und davon das einzige auf dem amerikanischen Kontinent. Es kämpft mit einer schrecklichen Kombination aus hoher Armut, zerfallender Staatlichkeit und zahlreichen Katastrophen, von denen nicht alle mit dem Klimawandel zusammenhängen. Beispiele dafür sind das Erdbeben von 2010 und der darauffolgende Choleraausbruch. Die Bevölkerung des Landes ist in den vergangenen zehn Jahren um etwa 12 Prozent auf knapp 11,4 Millionen gestiegen.

Haitis Elend ist so vielschichtig, dass internationale Medien wenig über das von Hurrikanen regelmäßig verursachte Leid berichten. Deshalb ist zwar allgemein bekannt, dass Hurrikan Sandy 2012 New York heimsuchte, aber nicht, dass derselbe Sturm in Haiti mindestens 108 Menschen tötete, 21 vermisst wurden und 200 000 Menschen ihre Häuser verloren.

Die Karibik befindet sich in einer attraktiven, aber heiklen Lage. Dank des konstant warmen Wetters wird sie von vielen Nichteinheimischen als eine Art Paradies angesehen. Die weit verbreitete Armut und die schlecht ausgebaute Infrastruktur, vor allem in abgelegenen Dörfern, sprechen jedoch eine andere Sprache. Der unaufhaltsame Anstieg der Temperaturen führt zu immer extremeren Wirbelstürmen. Die Menschen in der Karibik können die Herausforderungen nicht aus eigener Kraft bewältigen. Sie verdienen Unterstützung bei der Anpassung an den Klimawandel – und ihre Zukunft hängt davon ab, dass die großen Verursacher von Treibhausgasemissionen ihren CO2-Fußabdruck radikal reduzieren.

Link
Germanwatch: Global Climate Risk Index 2021:
https://www.germanwatch.org/sites/default/files/Global%20Climate%20Risk%20Index%202021_2.pdf

Marjorie Pons Piñeyro macht ihren Masterabschluss an der Bauhaus-Universität in Weimar. Sie ist spezialisiert auf Naturgefahren und Infrastruktur.
marjorieponspi@gmail.com

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E+Z/D+C 2022/06 – now – Raphael Mweninguwe – Malawi – maize yields

5. Mai 2022 - 11:45
Floods and drought threaten maize yields in Malawi

In 2018, the country produced 3.4 million tons of maize; 3.3 million tons in 2019, 3.8 million tons in 2020 and 4.4 million tonnes in 2021. High yields in previous years were attributed to abundant rainfall and a successful government programme, according to the Affordable Inputs Programme (AIP) that distributes agricultural inputs.

Malawi’s president, Lazarus Chakwera, has acknowledged that the country will not produce high maize yields like it did last year. Production estimates for 2022 are at 3.9 million tonnes, a reduction of about 11.3 %. He blames this on tropical cyclone Ana which formed in the Indian Ocean on 21 January and made landfall in Malawi on 24 January, causing heavy rains and flooding.

The storm affected around 20 districts in the southern and central regions of the country, especially in Phalombe, Chiradzulu, Mulanje and Chikwawa districts. An estimated over 190,000 households were affected, alongside crops, livestock and other property being washed away by flooding rivers. The country has also experienced drought spells that have affected the northern region and parts of the central region.

Amidst the disturbances of extreme weather condition, farmers are raising alarm and calling for governmental intervention. “A food crisis is looming,” says Richard Chibwana, an agribusiness specialist and farmer. He says that the crisis comes at a time when people are suffering with rising market prices for food, especially maize.

“I hope the president understands that this year there will be less maize for farmers because drought is taking its toll. Crops are drying, not because they have matured, but due to severe heat and no rains,” says Chibwana. The president, however, assures Malawians that nobody will die of hunger. He says that the government will purchase maize in readiness for the looming food crisis.

Additionally, the Malawian government is banking on its Affordable Inputs Programme to continue supporting farmers countrywide. Under the programme the government offers seeds and fertiliser at a subsidised price. The AIP has however been inefficient and not delivered on its objectives. It has been characterised by poor management. Farmers in Malawi have complained that they could not find the fertilisers and seeds at AIP designated depots. There are also claims that fertilisers on sale were tampered with and mixed with sand and ash. As result of this, the targeted 4.2 million farm families under the programme have not been adequately served.

While presenting the National Budget in February this year, Minister of Finance Sosten Gwengwe admitted that the AIP had not been properly managed. He however promised to address the management challenges.

He says that the government has allocated 20 billion Malawi kwacha (MK – $ 25 million) for maize purchases which will help to cushion the food shortage. The agricultural sector has been allocated about MK 447.66 billion ($ 554 million) of the MK 1.8 trillion ($ 2.2 billion) current budget.

 

Raphael Mweninguwe is a freelance journalist based in Malawi.
raphael.mweninguwe@hotmail.com

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Gift in Kleidung und Kleidungsproduktion

5. Mai 2022 - 10:57
Ohne es zu wissen, sind viele Textilbeschäftigte Gesundheitsrisiken ausgesetzt

Die Textil- und Modeindustrie gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Sie ist verbunden mit der intensiven Nutzung von Pestiziden, Wasser, Energie und gefährlichen Chemikalien. Ihre Emissionen belasten Wasser, Böden und Luft. Von Herstellung bis Entsorgung hat sie gewaltige Auswirkungen auf den Planeten. Problematisch sind Rohstoffzulieferung, Vertrieb und Müllbeseitigung, welche besonders arme Weltgegenden betrifft.

Der Kleidungskonsum hat enorm zugenommen. Entsprechend wird mehr hergestellt; es fällt aber auch mehr Abfall an. Laut Value Village, einer Weiterverwertungsinitiative, landen jährlich fast 12 Millionen Tonnen Textilmüll auf Halden. Davon könnten 95 Prozent weiter genutzt oder recycelt werden – wofür aber in vielen Ländern die Vorbedingungen nicht erfüllt sind. Die Folge ist giftige Umweltverschmutzung durch Müllverbrennung oder Deponien. Besonders betroffen sind Entwicklungsländer, weil sie vielfach Altkleider aus Ländern mit hohen Einkommen importieren.

Gleichzeitig findet bis zu 90 Prozent der Kleidungsfertigung in Entwicklungsländern statt, wo Arbeitsrecht und Schutzbestimmungen entweder kaum beachtet werden oder gar nicht existieren. Die Umweltgesetzgebung ist meist ähnlich dysfunktional. Die sozialen Probleme sind wohlbekannt, und sie bestehen fort, obwohl viele Firmen sich offiziell zu strengen Standards bekennen. Die meisten Beschäftigten sind weitgehend ungebildete Frauen, die Angst um ihre Jobs haben. Zu den Hauptproblemen gehören:

  • niedrige Löhne,
  • lange Arbeitszeiten,
  • unbezahlte Überstunden,
  • kein bezahlter Urlaub,
  • Ausbeutung von Kindern,
  • geringe Aufstiegschancen und
  • sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz.
Geschlechtsspezifische Gesundheitsrisiken

Zudem bekommt Arbeitsschutz oft nicht die gebotene Aufmerksamkeit. Manche Gesundheitsrisiken betreffen Männer und Frauen, andere sind jedoch geschlechtsspezifisch. Dazu gehören Brustkrebs, Fehlgeburten und Bluthochdruck während der Schwangerschaft. Erschwerend kommt hinzu, dass die Betroffenen oft gar nicht wissen, mit welchen Chemikalien sie in Kontakt kommen und weshalb das gefährlich ist. Die Firmen lassen sie vielfach im Dunkeln und haben auch keine Betriebsärzte, die im Krankheitsfall helfen könnten.

Bis zu 40 000 synthetische Substanzen werden in der kompletten Liefer- und Produktionskette eingesetzt. Manche sind karzinogen, mutagen oder stören das Hormonsystem. Kaum eine Produktionsstufe kommt ohne Chemikalien aus. Deren schiere Vielfalt erschwert sicheres und umweltfreundliches Management (siehe auch Hans-Christian Stolzenberg über chemische Intensivierung auf www.dandc.eu).

Pro Kilogramm Textilstoff kommen geschätzte 580 Gramm Chemikalien zum Einsatz. Färbereien allein verwenden bis zu 1600 verschiedene Substanzen, zu denen auch gefährliche wie Formaldehyd, Phthalate and perfluorierte Chemikalien zählen. Ihr Nutzen ist Fleckenschutz, Wasserdichte, Knitterschutz oder Ölresistenz.

Carbon-Disulfat wird trotz ernster Gesundheitsrisiken bei der Viskoseherstellung verwendet. Zu den möglichen Folgen gehören koronare Herzprobleme, Störungen des zentralen Nervensystems und Beeinträchtigungen der Netzhaut. Studien haben zudem gezeigt, dass manchmal der Menstruationszyklus gestört wird, die Menopause früher eintritt und andere hormonbedingte Probleme vorkommen.

Tödliche Viskose

In seinem Buch „Fake Silk” (2016) hat Paul Blanc von der University of California der Viskoseproduktion eine “tödliche Geschichte” bescheinigt, die multinationalen Unternehmen bekannt sei. Hohe Profite seien ihnen aber wichtiger als vernunftgebotene Sicherheitsbestimmungen. Das Buch berichtet von „Greenwashing“, das Viskose als umweltfreundlich ausgibt, obwohl die Produktion Gift erfordert. Zum Schutz der Beschäftigten wären strenge Umweltregeln und Arbeitsschutz nötig.

Ein weiteres Problemmaterial ist Polyester. Es ist Plastik, das aus fossilen Rohstoffen gemacht wird. Die synthetische Faser erhält durch toxische Additive gewünschte Eigenschaften. Polyester ist das meistverwendete Material und kommt in 60 Prozent der Kleidung weltweit vor. Es gibt verschiedene Varianten, wobei PET in Kleidung und Verpackungen verwendet wird.

Zu den Giftstoffen in der Polyesterherstellung gehört der karzinogene Katalysator Antimon-Trioxid. Er gefährdet nicht nur im Produktionsprozess Tätige, denn Fabrikabwässer sind regelmäßig belastet und verschmutzen dann Grundwasser und Quellen. Selbst Verbraucher und Verbraucherinnen können betroffen sein, denn Experimente haben ergeben, dass für Hautkontakt konzipierte Stoffproben Antimon abgeben können (in einem früheren Aufsatz auf www.dandc.eu bin ich auf Konsumrisiken durch Chemikalien eingegangen).

Mikroplastik ist ein weiteres von Polyester und anderen Kunststoffen verursachtes Umweltproblem. Es kommt in Trinkwasser, Bier sowie in diversen Lebensmitteln einschließlich Honig, Salz und Zucker vor. Waschmaschinen spülen regelmäßig Mikroplastik aus. Es wird mittlerweile in den Ozeanen sowie Gletscher- und Polareis gefunden (siehe Sabine Balk on www.dandc.eu).

Die Branche muss nachhaltig werden

Die Textil- und Kleidungsproduktion nachhaltig zu machen ist eine gewaltige Aufgabe. Die Industrie muss den Einsatz von Giftstoffen minimieren und dann beenden – und zwar sowohl im Herstellungsprozess als auch in den Produkten selbst. Das ist ein Gebot der unternehmerischen Verantwortung.

Es bestehen zudem ökonomische Anreize. Ein Beispiel ist der Blaue Engel. Dieses Siegel beruht auf der Gesetzgebung Deutschlands und der EU, welche unter anderem die Verwendung von Schwermetallen streng begrenzt und ganze Chemikaliengruppen ausschließt – wie etwa Chloralkane und perfluorierte Stoffe oder Alkylphenol-Ethoxylate. Außerdem dürfen beispielsweise Nanomaterialen in der Herstellung von Leder und Lederprodukten nicht verwendet werden.

Auch der IVN Leather Standard ist erwähnenswert. Der in Berlin ansässige Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) hat ihn geschaffen. Für die Zertifizierung müssen Firmen im gesamten Produktionsprozess Kriterien erfüllen. Diverse Stoffe sind nicht zulässig – darunter auch solche, die nach den Kriterien des EU-Regelsystems REACH („Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals“ “– siehe Katja Dombrowski auf www.dandc.eu) zwar problematisch, aber noch nicht verboten sind.

Selbstverständlich steht Menschen weltweit und nicht nur in Europa Schutz zu. Die Industrie muss also überall Sozial- und Umweltstandards einhalten. Auch Arbeitsschutz gilt es vom Baumwollanbau bis zur Abfallentsorgung sicherzustellen.

Informationslücken in den Lieferketten tragen zu den Problemen bei. Die Manager wichtiger Marken wissen zwar, bei wem sie selbst bestellen, haben oft aber nur vage Vorstellungen davon, wer in deren Zulieferung eine Rolle spielt.

Bei nachhaltigen Textilien geht es um den kompletten Produktions- und Verwendungszyklus. Auf jeder Stufe ist ökologisch- und sozialverträgliches Handeln nötig. Daraus folgt auch, dass in moderne Technik investiert werden muss.

Nachhaltigkeit erfordert in der Textilwirtschaft entschlossenes Handeln im Sinne des Umweltschutzes, der sozialen Gerechtigkeit, der wirtschaftlichen Stabilität. Es geht zudem um verwandte Dinge wie die Müllentsorgung. Auf jeder Stufe verdienen die Chemieprobleme mehr Aufmerksamkeit als bisher.

Quelle
Blanc, P., 2016: Fake Silk – The Lethal History of Viscose Rayon. Yale University Press.

Olga Speranskaya ist eine der beiden Co-Vorsitzenden der zivilgesellschaftlichen Organisation Health and Environment Justice Support (HEJSupport), die Büros in Dachau, Moskau und Ottawa hat.
olga.speranskaya@hej-support.org

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Eindämmung der Plastikflut

5. Mai 2022 - 10:21
Die UN-Mitgliedsstaaten planen einen globalen, rechtsverbindlichen Vertrag, um Kunststoffmüll zu reduzieren

Täglich landen Unmengen an Plastik im Müll – und viel zu wenig davon wird recycelt. Bis es sich zersetzt, kann es mehr als ein Jahrhundert dauern. So trägt Plastik zur globalen Umweltkrise bei, die Tiere, Pflanzen und deren Lebensräume vernichtet. Ein erheblicher Teil der Verschmutzung ist giftig. Außerdem verunreinigen winzige Partikel die menschliche Nahrungskette.

Das Abfallproblem verschärft sich seit Jahrzehnten. Von den 9,2 Milliarden Tonnen Kunststoff, die von 1950 bis 2017 produziert wurden, sind laut UNEP (UN Environment Programme – UN-Umweltprogramm) etwa 7 Milliarden zu Abfall geworden. Jährlich fallen rund 300 Millionen Tonnen zusätzlicher Müll an, davon werden laut UNEP nur neun Prozent recycelt.

Es ist deshalb eine gute Nachricht, dass die UNEP-Jahresversammlung beschlossen hat, innerhalb von zwei Jahren einen Vertrag zu schließen, der zum bedeutendsten multilateralen Abkommen zu einem ökologischen Thema seit dem Pariser Klimaabkommen 2015 werden könnte. Ein zwischenstaatlicher Ausschuss muss den Vertrag nun ausarbeiten und ratifizieren.

Der Vertrag soll Kunststoffe nicht verbieten, sondern den gesamten Lebenszyklus von Plastikwaren berücksichtigen – von den Produktionsprozessen über die Wiederverwendung und das Abfallrecycling bis hin zur Entsorgung. Einwegkunststoffe, häufig als Verpackungsmaterial genutzt, sollen schrittweise abgeschafft werden. Künftig sollten Kunststoffe zudem immer mit Blick auf ein einfaches und effektives Recycling hergestellt werden. Derzeit werden spezielle Kunststoffsorten für verschiedene Zwecke eingesetzt. Stärker standardisierte Produkte würden das Recycling erleichtern.

Ziel ist es, eine Kreislaufwirtschaft zu schaffen. Laut UNEP-Schätzungen könnte dies:
die Menge der Kunststoffe, die in den Meeren landen, bis 2040 um mehr als 80 Prozent verringern,
die Produktion von Neuplastik um 55 Prozent reduzieren und
die kunststoffbedingten Treibhausgas­emissionen mindern.

Afrikanische Länder als Müllhalden

Länder mit niedrigen Einkommen sind stark von Plastikmüll betroffen. Obwohl sie selbst kaum Plastik produzieren und nutzen, bekommen sie die Folgen der Verschmutzung zu spüren. Länder mit hohen Einkommen exportieren einen Großteil ihres Abfalls. Nachdem China die Importe 2017 gestoppt hatte, sind vor
allem afrikanische Länder zu Müllhalden ge­worden.

Für Angelo Louw von Greenpeace Africa ist die Plastikverschmutzung „eine Frage von Leben und Tod“. Überschwemmungen entstehen beispielsweise oft durch starke Regenfälle, die verstopfte Abwassersysteme überlasten. Plastikmüll ist ein wesentlicher Teil dieses Problems. Auch giftiger Rauch, der bei der Plastikverbrennung entsteht, sowie Giftstoffe, die sich aus zersetzendem Kunststoff lösen, spielen eine Rolle.

Die jüngste UNEP-Resolution fordert zudem, dass der Vertrag auch Müllsammler berücksichtigen muss. Sie sind meist in Armut gefangen und schuften in Entwicklungsländern im informellen Sektor. Sie leisten wichtige Arbeit, wurden aber bislang von Regierungen und Unternehmen weitgehend übersehen.

Der Vertrag will auch Mikroplastik angehen. Das sind winzige Kunststoffteile, die mit bloßem Auge oft nicht erkennbar sind. Es findet sich mittlerweile in den Ozeanen, im Gletschereis, in Böden und sogar in Lebensmitteln (siehe Sabine Balk auf www.dandc.eu).

Es ist höchste Zeit, dass mehr passiert. Das Ziel 12.4 der SDGs (Sustainable Development Goals – Ziele für nachhaltige Entwicklung) lautet: „bis 2020 einen umweltverträglichen Umgang mit Chemikalien und allen Abfällen während ihres gesamten Lebenszyklus in Übereinstimmung mit den vereinbarten internationalen Rahmenregelungen erreichen und ihre Freisetzung in Luft, Wasser und Boden erheblich verringern, um ihre nachteiligen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt auf ein Mindestmaß zu beschränken“. Wird das neue Abkommen nach derzeitigem Plan verabschiedet, kommt es also vier Jahre zu spät – und es wird nur einen Teil der Herausforderungen rund um Kunststoffe angehen (siehe Hans-Christian Stolzenberg auf www.dandc.eu). Auch Farben, Lacke, Chemikalien in der Landwirtschaft und andere Anwendungen sind wichtig.

„Als junge Menschen brauchen wir eine sichere und saubere Umwelt für uns und kommende Generationen“, forderte die kenianische Klimaaktivistin Patricia Kombo vor der UNEP-Versammlung. Mit anderen Worten: Alle Aspekte des SDG-Ziels 12.4 müssen auf der Tagesordnung bleiben.

Rabson Kondowe ist freier Journalist aus Malawi.
kondowerabie@gmail.com

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E+Z/D+C 2022/06 – now – Kilasa Mtambalike – Tanzania – technology start-ups

4. Mai 2022 - 15:19
An area in Dar es Salaam is becoming a hotspot for technology start-ups and businesses

Locally referred to as “Silicon Dar,” the area is a four-kilometre stretch along Ali Hassan Mwinyi Road (New Bagamoyo Road). The area helps tech-based start-ups to access market for their products and services and meet potential investors.

In Tanzania, technology and ICT (information and communications technology) remain largely underdeveloped despite public and private sector efforts to boost them. Hassan Mshinda, a former Director General of Tanzania Commission for Science and Technology pitched the idea of establishing a technology park in the country. He believed that technology entrepreneurship would help unemployed young Tanzanians find jobs. He however failed in his ambitious plan.

Years down the road, a technology ecosystem has emerged organically in Dar es Salaam. “Silicon Dar” is a hub for academia, private and public sector investments in science, technology, and innovation. The College of ICT of University of Dar es Salaam has established an academic sector block along the street. Similarly, all major Telcom companies operating in Tanzania; Tigo, Vodacom, TTCL, Zanzibar Telecom (Zantel), Halotel and Airtel Tanzania are situated here.

Technology hubs and business incubators such as Buni Hub, Data Lab, DTBI and Sahara Ventures are also found in “Silicon Dar.” Banking institutions, which offer much needed financing to SMEs (small and mid-sized enterprises) and start-ups have also started setting up shop.

Adam Mbyallu, the chief strategist at Sahara Ventures says that the rise of an innovation technology district has long been in the pipeline. “Just in 2011 there were two innovation hubs and one business incubator but as of now there are over a dozen innovation hubs along the stretch of the same road.

Habib Mrisho, the chief executive officer of e-Afya, a mobile platform that promotes access to sexual reproductive health information for visually impaired Tanzanians says: “So far there have been over ten beneficiaries of Silicon Dar. This concept needs to be supported, it has benefitted many young people who could not get employment in the formal job market, it is a viable alternative to the unemployment challenge among young people.”

The Silicon Dar area also hosts public offices for state firms such as the Commission for Science and Technology Tanzania (COSTECH). COSTECH director-general, Amos Nungu sees Silicon Dar as a potential smart city in Tanzania. He pledges the support of his Commission to help the area continue growing into a start-up ecosystem for the country.

Despite the moniker (Silicon Dar), the area is nowhere near the standard of Silicon Valley in the US. However, rising unemployment among young graduates is pushing young people towards entrepreneurship and innovation, which could be the spark to grow start-up ecosystems like Silicon Dar.

Kilasa Mtambalike is freelance journalist, media and PR consultant in Dar es Salaam.
kmtambalike@yahoo.com

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E+Z/D+C 2022/06 – bl – Hans Dembowski – Ukraine – democracy – autocracy

4. Mai 2022 - 15:11
Global repercussions of the war in Ukraine

The truth is that this conflict is not only raging in Ukraine. Western democracies, after all, are being challenged by authoritarian populists, whereas many Russians do not agree with their government and some of them still dare to express their opposition.

Russia’s regime is fast becoming totalitarian. For two decades, President Vladimir Putin has continuously been making life harder for opposition parties and more recently begun severely restricting civil-society space (see me on www.dandc.eu). However, there always was some scope for expressing dissent. Now, by contrast, Putin has begun to outlaw the expression of thoughts that do not coincide with his own. His rule is thus no longer merely autocratic, but totalitarian. Democratic resistance must thus become clandestine.

Matters are far more transparent in western countries, and it is easy to see that democracy is not in a good shape. In France, more than 40 % of voters opted for Marine Le Pen, a right wing extremist, in the recent presidential elections. In the USA, Donald Trump won an even larger share in the presidential elections in 2020 and even after the insurgency of 6 January 2021, many Republican policymakers still pretend, without offering any evidence, that Joe Biden somehow “stole” the election. It adds to the worries that Republicans are changing voting laws at the level of individual states that make it harder for minorities and young people to vote, which makes Democratic majority less likely.  Indeed, in US politics, the minority often wins (see Katie Cashman and me on www-dandc.eu).  

There are obvious problems in other EU countries too. Yes, the Polish government has become an eager supporter of Ukraine, but it is clearly more driven by fear of Russia than by democratic principles. In regard to the rule of law, freedom of expression, citizens’ fundamental rights and related issues, it has aggressively deviated from the EU. Things are similar in Hungary, and the Hungarian government has a pattern of still being soft on Russia.

Indian ambivalence

Biden and other western leaders clearly want to isolate Russia internationally and mobilise other governments to support Ukraine. They are eager to engage Prime Minister Narendra Modi of India, hoping to somehow draw him into their camp. However, his autocratic leanings are well known, and though he shies away from explicitly endorsing anti-Muslim violence, his central government and the state government that are run by his party do very little to rein in brutal action by the supporters. Moreover, they stoke anti-Muslim sentiments in election campaigns.

So far, Modi is not taking sides. In relevant UN votes, India abstained. The background is complex. India has a long history of importing Russian weaponry and depending on Russian commodities. Since independence in 1947, the country has kept the distance to the western countries, many of which are former colonial powers. It certainly plays a role, however, that Modi himself is not interested in human rights and probably likes the idea of unilaterally changing borders by use of military means in Kashmir, should an opportunity arise.

Disappointment in developing countries

Indeed, many governments of developing countries have not endorsed the west in the current scenario. Colonial history is only part of the reason. It also matters that western governments have all too often not lived up to promises (see Imme Scholz on www.dandc.eu).

Western leaders, I think, should keep pointing out that Putin has a long history of supporting populist forces in the west, from the Brexit campaign in Britain to Donald Trump in the USA and Marine Le Pen in France. It will also make sense to make people aware of the fact that all of them have a pattern of attacking democratically legitimate government action. Like Putin, they claim to restore the greatness of their nation, but do not offer solutions to everyday problems and in many ways serve the interests of the superrich elite. There is indeed such a thing as plutocrat populism, and it is dangerous (see me on www.dandc.eu).

If western leaders want democracy to prevail, it makes sense to support the democratically legitimate government of Ukraine, a sovereign nation. That is not enough however. To be credible, they must fight antidemocratic forces and kleptocracy at home. And they must challenge partners and would-be partners like Modi who do not consistently live up to democratic principles either.

Rule of law

Fareed Zakaria of the Washington Post recently argued that Biden should use a different distinction, according to which the big struggle is one between the rule of law and lawlessness. He has a point, and he was right to add an important implication, which is that the USA should join the International Criminal Court. Staying outside means to undermine the rule of law at the international level. There would also have to be a reassessment of the Iraq war, which George W. Bush, a previous US president, started without securing a UN mandate, neglecting the US Security Council’s rightful monopoly on deciding these matters.

As I argued previously (see my comment on www.dandc.eu), Russia’s attack on Ukraine was – and is – an attack on humanity as a whole. Armed warfare is taking place in Ukraine, but the economic impacts via food and energy prices affect every nation. Moreover, the war is distracting attention from urgent global challenges, especially climate change. Isolating Russia must thus be the top priority.

The Russian regime clearly does not care about international law or the multilateral order at all. It does not even pretend it does. Unfortunately, however, the west does not have a consistent pattern of adhering to multilateral agreements and principles. Western nations tend to opt for multilateral solutions when it suits them and stick to their narrowly defined national interest when they can. This kind of ambivalence has weakened international institutions. Had the west been a convincing advocate for - and facilitator of - global public goods, isolating Russia in the international arena would now be much easier. To weaken Putin, western policymakers should get their act together fast. They must not only defend democracy in Ukraine, but at home and in allied countries too.

Hand Dembowski is the editor in chief iof D+C/E+Z.
euz.editor@dandc.eu

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Mikroversicherungen digital anbieten

3. Mai 2022 - 15:21
Die gestiegene Verbreitung von Handys und mobilen Zahlungssystemen eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, benachteiligte Menschen zu versichern

Was eine Versicherung leisten kann, muss in verständlicher Sprache erklärt werden. Auch das nötige Vertrauen gilt es erst aufzubauen. Die Corona-Pandemie hat diese persönlichen Kontakte allerdings reduziert. Zahlreiche Mikrofinanzorganisationen hatten etwa Schwierigkeiten, Zahlungen einzusammeln und neue Kredite zu vergeben.

Zugleich bringt die Pandemie aber die Digitalisierung voran. Die stark gestiegene Verbreitung von Handys und mobilen Zahlungssystemen eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Laut dem internationalen Verband der Mobilfunkunternehmen GSMA gibt es inzwischen mehr als eine Milliarde registrierte mobile Geldkonten (Mobile Money Accounts), einen großernTeil davon in Ländern des globalen Südens. Im Schnitt sind 300 Millionen davon mindestens einmal im Monat aktiv. Über solche Systeme lassen sich etwa Prämien- und Schadenszahlungen unkompliziert abwickeln. Darüber hinaus können Versicherer mobile Technologien dazu nutzen, Daten zu erheben oder Versicherte mit Informationen wie Wetterdaten, Preisen oder Katastrophenwarnungen zu versorgen.

WhatsApp-fähige Mikroversicherungen in Indien oder die Kombination von mobilen Geldbörsen mit Versicherungen in Kenia sind Beispiele dafür, wie Versicherungsanbieter mit etablierten Instrumenten den Massenmarkt erobern können. Auch die Popularität von Krankenversicherungen (siehe Haupttext) ist maßgeblich auf die Digitalisierung zurückzuführen. Beispielsweise haben sich Telemedizin-Programme während der Pandemie als attraktiv erwiesen und den Zugang zu Gesundheitsleistungen verbessert.

Die Kehrseite der Digitalisierung ist, dass diejenigen zurückbleiben könnten, die keinen Zugang zu digitalen Lösungen haben – wie es bei Frauen in vielen Schwellenländern häufig der Fall ist. Daher ist immer eine Kombination aus digitalen und Offline-Lösungen in Betracht zu ziehen, um den Zugang zu Versicherungen zu erleichtern (zu Chancen und Risiken der Digitalisierung siehe Sabine Balk auf www.dandc.eu).

Dirk Reinhard ist stellvertretender Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung.
dreinhard@munichre-foundation.org

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Inklusive Versicherungen für alle

3. Mai 2022 - 14:37
Angesichts von Klimakrise und Pandemie benötigen die unteren Einkommensschichten weltweit besseren Zugang zu bezahlbaren Versicherungen

Nach zwei Jahren Corona-Pandemie erholt sich die Weltwirtschaft nur langsam und ungleichmäßig. Die Weltbank schätzt, dass die Pandemie bis zu 120 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut stürzen wird. Zugleich bedroht die Klimakrise die Existenzen von Milliarden Menschen im globalen Südens, die hauptsächlich von Einkünften aus der Landwirtschaft abhängen. Nach wie vor hat nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung Zugang zu adäquater Absicherung gegen die wichtigsten Lebensrisiken wie Krankheit oder Verlust der Ernte. (Zum Vorschlag eines Globalen Fonds für Soziale Sicherheit siehe Markus Kaltenborn und Laura Kreft auf www.dandc.eu)

Versicherungen für untere Einkommensschichten waren ursprünglich als „Mikroversicherungen“ bekannt, heute spricht man mehr von „inklusiven Versicherungen“ (Inclusive Insurance). Sie beschreiben bezahlbare und für alle zugängliche Absicherungen gerade für diejenigen, die entlang der Armutsgrenze wirtschaften. Sie haben ohne Absicherung im Ernstfall das höchste Risiko, wieder in die Armut zurückzufallen.

Inklusive Versicherungen beinhalten sowohl Lösungen auf Individualebene (Mikroversicherungen) als auch regionale oder staatliche Versicherungssysteme (etwa Kranken- oder Agrarversicherungen) sowie internationale Systeme (etwa ARC – African Risk Capacity, siehe Beitrag von Chinedu Moghalu auf www.dandc.eu). Je größer die Kundenzahl und regionale Verteilung ist, desto besser lassen sich die Risiken verteilen. Kern der Versicherung ist die Zahlung einer Prämie an einen Risikoträger. Sie wird errechnet unter Berücksichtigung der möglichen Schadenhöhe, Eintrittswahrscheinlichkeit sowie Betriebskosten und Gewinnmarge.

Doch nicht alle können sich eine solche Prämie leisten, weshalb häufig Subventionen ins Spiel kommen. Die Bandbreite von Inclusive Insurance reicht deshalb von rein privatwirtschaftlich organisierten Versicherungen über PPPs (public private partnerships – öffentlich-private Partnerschaften) bis hin zu den sozialen Sicherungssystemen (siehe Beitrag von Markus Loewe auf www.dandc.eu).

Inklusive Versicherungen haben sich in Wellen entwickelt: Um die Jahrtausendwende spielten Lebensversicherungen in Kombination mit Krediten eine große Rolle, häufig angeboten von Mikrofinanzinstitutionen (MFIs – microfinance institutions). Danach kamen Versicherungen auf, die von Mobilfunkunternehmen – oft als Instrument der Kundenbindung – vertrieben wurden. Im Zuge der Digitalisierung sind inklusive Versicherungen inzwischen zunehmend in Online-Plattformen wie die indonesische Gojek eingebunden.

Nur wenige sind versichert

Im globalen Südens ist der Zugang zu inklusiven Versicherungen ausbaufähig. Das zeigt auch die Studie „Landscape of Microinsurance 2021“ des Microinsurance Network. Demnach genossen in 30 untersuchten Ländern nur zwischen sechs und 14 Prozent der Zielbevölkerung solchen Versicherungsschutz (Merry 2021). Am weitesten verbreitet war dabei die Krankenversicherung, gefolgt von Unfall-, Lebens- und Kreditversicherungen.

Märkte entwickeln

Weltweit erkennen immer mehr Länder, wie wichtig Versicherungen für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung sind. Wie die Access to Insurance Initiative berichtet, haben mittlerweile 40 Länder Regulierungen, die das Angebot von – und die Nachfrage nach – Versicherungen auch in unteren Einkommensschichten unterstützen.

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, Versicherungsanbieter für diese Zielgruppe zu interessieren. Sie müssen erkennen, dass am unteren Ende des Marktes mehr Wachstum möglich ist als am tendenziell gesättigten oberen Ende. Auf der Nachfrageseite gibt es das Problem, dass Menschen mit niedrigem Einkommen Geld nur für das Allernotwendigste ausgeben und ungern in den Schutz vor einer Gefahr investieren, die vielleicht gar nicht eintritt.

Für Agrarversicherungen zeigt sich: Die Chancen, dass sie viele Menschen erreichen, steigen, wenn sie:

  • von der jeweiligen Regierung unterstützt werden und
  • weitere Dienstleistungen integrieren.

So hat beispielsweise das indische Agrarversicherungssystem PMFBY mehrere Millionen Bäuerinnen und Bauern versichert. Der Staat unterstützt das Programm mit Prämiensubventionen.

Beispiele aus der Karibik zeigen zudem: Die allgemeine Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft steigt, wenn verschiedene Ansätze des Risikomanagements kombiniert werden. Dafür sollten Privatsektor und Staat eng zusammenarbeiten.

Erfolg versprechen folglich nationale Strategien zur finanziellen Inklusion (National Financial Inclusion Strategies). Sie binden Stakeholder ein und helfen dabei, Versicherungsmärkte strategisch zu entwickeln. Aufsichtsbehörden sollten dabei auf der Höhe der technologischen Entwicklung sein, um Verbraucherschutz in Einklang zu bringen mit innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen.

Die Pandemie schwächt zwar die globale finanzielle Inklusion, sie eröffnet jedoch auch Chancen für die Digitalisierung (siehe Kasten) und weitere PPPs. Nennenswerte Initiativen sind unter anderen:

  • die InsuResilience Global Partnership,
  • das Insurance Development Forum sowie
  • die 2021 gestartete Insurance and Risk Finance Facility des UNDP (United Nations Development Programme).

Die InsuResilience Global Partnership will bis 2025 zusätzlich 500 Millionen Menschen durch Klimaversicherungen absichern – und das UNDP-Vorhaben unterstützt sie dabei.

Um die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs – Sustainable Development Goals) zu erreichen, kommt Versicherungen eine bislang unterschätzte Rolle zu. Sie machen Gesellschaften widerstandsfähiger, indem sie bezahlbares Risikomanagement ermöglichen. Die Branche gehört deshalb auf die internationale Entwicklungsagenda, damit sie weltweit ihr volles Potenzial entfalten kann – und zwar besonders zugunsten vulnerabler Gruppen.

Links
InsuResilience Global Partnership Vision 2025:
https://www.insuresilience.org/wp-content/uploads/2021/11/vision2025_211022.pdf

Merry, A., 2021 (Hg. v. Microinsurance Network): The Landscape of Microinsurance.
https://microinsurancenetwork.org/resources/the-landscape-of-microinsurance-2021

Münchener Rück Stiftung – Inclusive Insurance:
https://www.munichre-foundation.org/en/Inclusive_insurance.html

Dirk Reinhard ist stellvertretender Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung.
dreinhard@munichre-foundation.org

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Gesundheitssysteme für informell Beschäftigte finanzieren

3. Mai 2022 - 13:03
Viele informell Beschäftigte können nicht die nötigen Mitgliedsbeiträge leisten, deshalb braucht es oft Quersubventionierung

Viele können sich Besuche beim Arzt oder im Krankenhaus nicht leisten und müssen sich für lebensnotwendige Behandlungen überschulden (siehe Hans Dembowski auf www.dandc.eu). Universelle Systeme der Gesundheitssicherung würden dagegen helfen. Sie lassen sich über Steuern finanzieren – oder über Mitgliedsbeiträge, wobei auch hier fast immer eine Quersubventionierung nötig ist.

Steuerfinanzierte Systeme

Einige Länder mit niedrigem oder mittlerem Pro-Kopf-Einkommen setzen auf steuerfinanzierte nationale Gesundheitssysteme – teils statt, teils zusätzlich zu beitragsfinanzierten Krankenversicherungen. Im Idealfall versprechen diese allen Bürgerinnen und Bürgern kostenlose Diagnose und Behandlung wichtiger Krankheiten.

Allerdings treten oft erhebliche Mängel auf. Zum Beispiel werden zahlreiche medizinische Dienstleistungen häufig nur in Metropolen angeboten, die für große Teile der Bevölkerung zu weit entfernt liegen. Hinzu kommen lange Wartezeiten, schlechte Hygiene und eine insgesamt niedrige Qualität der Leistungen. Vor allem ist die Rechenschaftspflicht der Beschäftigten oft gering, und kaum jemand traut sich, Patientenrechte einzuklagen. Viele, die es sich leisten können, nehmen deshalb kostenpflichtige Dienstleistungen privater Anbieter in Anspruch. Zum Teil kostet eine gute Behandlung schlichtweg extra und ist nur für Besserverdiener erschwinglich.

Beitragsfinanzierte Systeme

Für die Finanzierung durch Mitgliedsbeiträge spricht, dass Krankenversicherte ihnen zustehende Dienstleistungen eher einfordern, weil sie über Mitgliedschaftskarten verfügen – selbst wenn sie nur symbolische oder gar keine Beiträge einzahlen. Das ist etwa aus Indien bekannt. Tatsächlich reichen die Beiträge, die viele Menschen – vor allem informell Beschäftigte – zahlen können, oft nicht aus, um eine Versicherung zu finanzieren. Außerdem entstehen Kosten durch die Verwaltung der Mitgliedschaften.

Ohne substanzielle Quersubventionierung können Krankenversicherungen in vielen Ländern nur eine überdurchschnittlich gut verdienende Minderheit der Bevölkerung vor Gesundheitsrisiken schützen. Da viele Empfänger kaum zur Finanzierung beitragen können, muss fast überall massiv subventioniert werden. Beispielsweise finanziert Thailand die soziale Krankenversicherung ganz überwiegend aus Steuermitteln – schaffte es aber, sie auf große Teile des informellen Sektors auszuweiten. In Vietnam wird die Krankenversicherung für informell Beschäftigte aus jener für den formellen Sektor quersubventioniert. Auch in der Mongolei oder in Indien sind die Subventionen hoch. Nur in Ländern, in denen Krankenversicherte im Schnitt deutlich mehr einzahlen können, klappte bislang die Ausweitung mit nur mäßiger Quersubventionierung. Ein Beispiel dafür ist Tunesien.

Wenn Länder vorhaben, Krankenversicherungssysteme auf Beschäftigte im informellen Sektor auszuweiten, benötigen sie starken Reformwillen. Die Widerstände sind oft groß. Werden neue, einkommensschwächere Gruppen in die Systeme aufgenommen, haben viele langjährige Mitglieder Angst, dabei zu verlieren. Zudem sorgen sich Finanzpolitiker und externe Geberinstitutionen um die Kosten für den Staat.

Markus Loewe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn.
markus.loewe@die-gdi.de

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Soziale Sicherheit für alle

3. Mai 2022 - 12:18
Systeme der sozialen Sicherung sollten universell sein, um auch informell Beschäftigte gegen Schocks wie Krankheit und Arbeitslosigkeit abzusichern

Covid-19 hat die Welt um Jahre zurückgeworfen beim Versuch, extreme Armut auszurotten und Ungleichheiten abzubauen. Bereits zuvor war es wenig wahrscheinlich, dass diese Ziele bis 2030 erreicht werden, wie es die Agenda 2030 der UN vorsieht. Nun aber müsste sich hierfür das globale Wachstum sehr stark beschleunigen – und alle Regierungen der Welt müssten auch noch massiv in umverteilende Sozialtransfersysteme investieren.

Noch immer lebt ein beträchtlicher Teil der Menschheit dauerhaft unter der Armutsgrenze – und dieser Anteil ist zuletzt wieder gestiegen. Eine noch größere Herausforderung ist die enorme Zahl der sogenannten transitorisch Armen. Sie leben zeitweise knapp über der Armutsgrenze, fallen aber immer wieder darunter. Grund dafür sind Schocks wie Krankheiten, Unfälle oder Arbeitslosigkeit. Sie führen dazu, dass Einkommen einbrechen oder sehr hohe Ausgaben anstehen.

Um solche Schocks zu bewältigen, müssen die Betroffenen ihren Konsum einschränken, Land oder Maschinen verkaufen, Kinder zur Arbeit schicken oder ungesunde Erwerbstätigkeiten annehmen, was wiederum ihre Zukunftschancen schmälert. Selbst wer es schafft, sich wieder aus extremer Armut zu befreien, ist in Gefahr, schon beim nächsten Schock wieder abzurutschen.

Absicherung der Alltagsrisiken

Systeme der sozialen Sicherung schützen hiervor (siehe Markus Kaltenborn und Laura Kreft auf www.dandc.eu). Im Falle der genannten Schocks leisten sie Kompensationszahlungen an die Betroffenen und bewahren diese vor allzu schlimmer Verarmung, wenn diese nicht mehr arbeiten können oder hohe Gesundheitsausgaben tätigen müssen. Systeme der sozialen Sicherung können vom Staat, von Unternehmen oder Selbsthilfegruppen organisiert werden. Das Besondere an staatlichen Sozialsystemen ist, dass die Mitgliedschaft vorgeschrieben wird und dadurch auch Umverteilung von reicheren zu ärmeren Mitgliedern stattfinden kann. Außerdem können sie auch aus dem Staatshaushalt finanziert werden, sind also, anders als private Versicherungen, nicht notwendigerweise auf Beitragseinnahmen angewiesen. Dadurch können sie auch Menschen mit geringem Einkommen absichern, die nicht in der Lage sind, Beiträge zu leisten.

Noch immer haben aber große Teile der Bevölkerung in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Pro-Kopf-Einkommen keinen Zugang zu adäquaten Systemen der sozialen Sicherung. Fast alle Länder der Welt haben mittlerweile Sozialversicherungssysteme, diese sind aber weitgehend auf die Bedarfe und Möglichkeiten der formell beschäftigten Arbeitnehmer zugeschnitten. Informell Beschäftigte, die ja ohne Arbeitsvertrag oder auf eigene Rechnung arbeiten, sind nirgendwo registriert, und sie haben keinen Arbeitgeber, der Sozialversicherungsbeiträge für sie abführen könnte. Außerdem sind ihre Einkommen oft zu niedrig und zu volatil, als dass sie überhaupt regelmäßige Beiträge zahlen könnten. In Ländern mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen machen sie 30 bis 60 Prozent der Bevölkerung aus und in Ländern mit geringem Pro-Kopf-Einkommen bis zu 90 Prozent. Dadurch sind beispielsweise mehr als die Hälfte aller Menschen weltweit nicht gegen Arbeitslosigkeit abgesichert, wie der World Social Protection Report 2020–22 berichtet. In Subsahara-Afrika sind es sogar 95 Prozent.

Einige Länder haben Versuche unternommen, um zumindest die Krankenversicherung stärker auf den informellen Sektor auszuweiten (siehe Kasten). In fast allen Ländern gibt es zudem steuerfinanzierte Sozialhilfe- und Beschäftigungsprogramme, die ärmere Haushalte unterstützen sollen. Davon profitieren aber aufgrund des begrenzten Budgets meist nur kleine Teile der Bevölkerung. Hinzu kommt: In vielen Ländern ist der Anteil der Transferempfänger unter den Wohlhabenden fast genauso hoch wie unter den Ärmsten, auch weil verlässliche Daten zu Einkommen und Wohlstand fehlen. Dagegen ist es für notleidende Haushalte oft ein Glücksspiel, Hilfe von Sozialämtern zu empfangen.

Nachhaltigkeitsziele in Gefahr

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN (Sustainable Development Goals – SDGs) sind unerreichbar, wenn nicht auch informell Beschäftigte besseren Zugang zu sozialen Sicherungssystemen erhalten. In den meisten Ländern kann dies nur mit universellen, steuerfinanzierten Sozialsystemen gelingen, insbesondere:

  • öffentlichen Gesundheitssystemen oder Krankenversicherungen mit stark subventionierten Beitragssätzen,
  • sozialen Grundrentensystemen für Menschen über 65 Jahre und für Erwerbsunfähige,
  • einem universellen Kindergeld und
  • Beschäftigungsprogrammen (Cash-For-Work-Programmen).

Ein Paket aus diesen vier Elementen empfehlen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bereits seit 2012 unter dem Stichwort „Basic Social Protection Floor“. Es ist an der Zeit, dass alle Länder ein solches Paket schnüren, soweit sie nicht bereits hier­über verfügen. Für die internationale Gebergemeinschaft sollte es Priorität haben, diese Länder hierbei technisch und finanziell zu unterstützen.

Markus Loewe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn.
markus.loewe@die-gdi.de

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Wirtschaftslobby in Nairobi veröffentlicht Wahlmanifest

29. April 2022 - 14:42
Was die Kenya Association of Manufacturers von der neuen Regierung fordert

Die Lobby-Organisation fordert von der künftigen Regierung, Priorität auf die Schaffung neuer qualifizierter Jobs zu legen, Regulierungen abzubauen, Exporte zu fördern und Investoren anzulocken. Eine entsprechende Steuerpolitik soll diesen Zielen dienen. KAM zufolge würde das die meisten Wirtschaftsprobleme Kenias lösen. Ein im Auftrag der kenianischen Regierung und Weltbank erstellter Bericht benennt genau diese von der KAM hervorgehobenen Herausforderungen (siehe Hauptartikel). Ein Zufall ist das nicht.

Laut KAM-Vorsitzendem Mucai Kunyiha gibt es etliche Belege dafür, dass die verarbeitende Industrie in der Lage ist, „Einkommen zu steigern, Armut zu verringern und die Entwicklung von Nationen zu verändern“. KAM-Geschäftsführerin Phyllis Wakiaga ergänzt: „Das Manifest soll uns bei unseren Gesprächen mit führenden Politikern leiten, wobei der Fokus auf wirtschaftspolitischen Herausforderungen und der Notwendigkeit, einen wettbewerbsfähigen Fertigungssektor in Kenia zu schaffen, liegen soll.“

Alphonce Shiundu ist Journalist und Faktenchecker in Nairobi.
shiunduonline@gmail.com

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Der Schlüssel zu Kenias industriellem Wachstum

29. April 2022 - 14:24
Kenias Textil- und Bekleidungssektor kämpft mit diversen Engpässen Headline: Der Schlüssel zu Kenias industriellem Wachstum

Voraussichtlich ist die Bekleidungsindustrie die führende Branche Kenias im nächsten Jahrzehnt. Das besagt ein kürzlich von der Standard Chartered Bank veröffentlichter Bericht. Die Autoren begründen das mit dem Einfluss von Investoren aus Asien und dem Mittleren Osten und fokussieren besonders auf die von der Regierung eingerichteten Freien Exportzonen (FEZ).

Trotz Lieferkettenproblemen während der Corona-Pandemie exportierte Kenia 2020 Kleidung im Wert von 420 Millionen Dollar. Die Branche ist arbeitsintensiv und beschäftigt derzeit 50 000 Menschen im Land, viele davon Frauen. Aus entwicklungspolitischer Sicht ist das Wachstum in diesem Sektor sehr wertvoll, da es zum Lebensunterhalt vieler Familien beiträgt.

Abel Kamau von der Kenya Association of Manufacturers (KAM) und zuständig für Textilindustrie sieht großes Potenzial. Er glaubt, dass „eine voll entfaltete Wertschöpfungskette” in der Bekleidungsindustrie bis zu 10 Prozent der Bevölkerung beschäftigen könnte, denn Baumwollanbau und Herstellung von Bekleidung sind sehr aufwändig.

Die internationale Konkurrenz ist hart. Laut Standard-Chartered-Bericht ist China nicht nur weltweit „größter Produzent und Exporteur von Rohmaterialien und Kleidung“, zudem „investiert es in moderne Produktionsanlagen, Technologien und ,grünere‘ Produkte“. Klar ist: Die Chinesen wollen ihren Wettbewerbsvorteil erhalten. Soll Kenia aufholen, müssen Wirtschaftsführer und Politiker wachsam sein.

Infrastruktur ist wichtig

Eine der größten Herausforderungen ist die physische Infrastruktur. Kenianische Produzenten brauchen zuverlässig Strom, bessere Straßen und kontinuierliche Wasserversorgung. Laut Landesregierung sind „die Kosten für den Straßentransport viermal höher als im weltweiten Vergleich“. Das schränkt Transportzeiten und internationale Wettbewerbsfähigkeit ein. Auch sind die Lieferketten unzuverlässig. Andererseits sieht es in den meisten anderen afrikanischen Ländern noch schlechter aus.

Auch Finanzdienste spielen eine Rolle. Laut Standard Chartered kommen die verschiedenen Akteure der Bekleidungsbranche nicht leicht an Kredite. Hauptprobleme sind hohe Zinssätze und komplexe Vorschriften – etwa eine Mehrfachbesteuerung durch verschiedene Behörden auf Landes- und Bundesebene.

Hinsichtlich qualifizierter Arbeitskräfte ist das Bild gemischt. Kenianische Regierung und Weltbank haben den Textil- und Bekleidungssektor gemeinsam untersucht. Im Bericht heißt es, es gebe qualifizierte Arbeitskräfte im Land – um deren Potenzial zu entwickeln, müsse jedoch mehr getan werden. Sie empfehlen mehr betriebliche Ausbildung. Qualifikationsprüfungen und darauf basierende Programme zu entwickeln wäre den Experten zufolge teurer. Löhne seien in Kenia für afrikanische Verhältnisse hoch, an die Nichtrohstoffindustrie würden hohe Qualitätsanforderungen gestellt. Daher begrüßen sie, dass Kenia versucht, Qualifikationen auf Management-, Technik- und Betriebsebene zu verbessern, um produktiver zu werden.

Problematisch sind aber auch Angebot und Qualität der Baumwolle aus Kenia. Die Industrie muss entscheiden, ob sie lokale Baumwolle kauft und qualitativ aufarbeitet oder ob sie höherwertige teurere Stoffe importiert. Korruption in den Häfen und laxe Durchsetzung von Zollvorschriften ermöglichen das Einschleusen von Fälschungen und minderwertigen Stoffen.

Auch der internationale Handel mit Secondhand-Kleidern ist nicht unproblematisch. Ausrangierte Kleider aus reichen Ländern werden auf afrikanische Märkte importiert und an Endverbraucher verkauft (siehe Thomas Fischer auf www.dandc.eu). Besonders ärmere Menschen kaufen diese Artikel, was den Absatz der einheimischen Produzenten mindert. Das Institute of Economic Affairs in Kenia hat jedoch festgestellt, dass importierte Gebrauchtkleidung und lokal hergestellte Kleidung „nicht unbedingt miteinander konkurrieren“.

Was Kenia tun kann

Damit die Branche im Ausland größere Marktanteile gewinnen kann, müssen sich Wirtschaftsführer und Politiker diesen Herausforderungen stellen. Laut KAM-Experte Kamau ist das machbar: „Kenia kann sich vom aufstrebenden Textil- und Bekleidungsexportriesen Bangladesch bewährte Verfahren abschauen.“ (für die Arbeitgeberperspektive siehe M. A. Jabbar auf www.dandc.eu, für die Arbeitnehmerperspektive Nazma Akter auf www.dandc.eu). Arbeitgebervertreter Kamau findet vielversprechend, dass Kenia „eine erhebliche Menge an Einkäufern aus aller Welt herbeilocken konnte“.

Kenia braucht eine Strategie, darüber ist sich die Branche einig. Zunächst braucht es mehr Investoren. Bekleidungshersteller siedeln sich in Kenia an wegen der guten Arbeitskräfte und Nairobis Rolle als Verkehrsknotenpunkt in Ostafrika. Frachtflüge erleichtern den Vertrieb. Für afrikanische Verhältnisse sind die kenianischen Schienen- und Straßenverbindungen sehr gut. Der Transport vom und zum Hafen von Mombasa ist relativ einfach.

Zudem können sich neue Investitionen auf energieeffiziente Technologie verlassen. Geringere Energiekosten sind ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Läuft es dort gut, hilft das Herstellern, Öko-Zertifikate zu erhalten, mit denen sie wiederum höhere Preise verlangen können. Angesichts der Klimakrise gibt es auf den globalen Märkten immer mehr umweltbewusste Verbraucher.

Nützliche Handelsabkommen 

Auch Handelsabkommen sind hilfreich. Kenia gehört zu der sieben Länder umfassenden ostafrikanischen Gemeinschaft (East African Community) mit über 280 Millionen Menschen und dem gemeinsamen Markt für das östliche und südliche Afrika mit 21 Mitgliedern und einem Markt von rund 600 Millionen Menschen. Die afrikanische kontinentale Freihandelszone wird es vermutlich zudem erleichtern, in Kenia hergestellte Ware auf dem gesamten Kontinent zu verkaufen.

Auch haben Kenia und die EU im Februar vereinbart, über ein Interim-Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zu verhandeln. Laut Europäischer Kommission wird sie allen kenianischen Exporten zollfreien und quotenfreien Zugang zum EU-Markt gewähren, während Kenia sich zu einer teil- und schrittweisen Öffnung seines Marktes verpflichten muss.

Dem Standard-Chartered-Bericht nach profitieren kenianische Exporte zudem von einem zollfreien Zugang zum amerikanischen Markt gemäß dem African Growth and Opportunity Act (AGOA). Diese Regulierung gilt bis 2025 und hat geholfen, industrielle Entwicklung in afrikanischen Ländern zu erleichtern.

Kenias Regierung sieht zudem Chancen in der Spezialisierung und Diversifizierung. Sie will „Kenias Image als Afrikas Drehscheibe für Innovation und grüne Herstellung“ entwickeln. Leitidee ist, dass Unternehmen hochwertige Waren produzieren, um von höheren Preisen für kleine Serien und umweltfreundliche Produkte zu profitieren.

Damit Unternehmen ihre Qualität verbessern können, sieht die Regierungsstrategie auch die Beschaffung im öffentlichen Sektor Kenias vor. Polizeiuniformen und Kittel für öffentliche Gesundheitseinrichtungen werden wahrscheinlich aus dem Inland geordert, ebenso Schuluniformen. „Eine Analyse zeigt, dass die meisten Haushalte bei Bedarf neue Kleidung kaufen – etwa Schul- oder Arbeitsuniformen“, so das Kenyan Institute of Economic Affairs.

Alphonce Shiundu ist Journalist und Faktenchecker in Nairobi.
shiunduonline@gmail.com

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Ugandische Regierung sieht Inflation als externen Schock

27. April 2022 - 12:09
Steigende Rohstoffpreise erschweren das tägliche Leben in Uganda

Nach Angaben des Uganda Bureau of Statistics stieg der Preis für Speiseöl zwischen Dezember 2021 und Februar 2022 um 21 Prozent, der Anstieg innerhalb eines Jahres betrug sogar 77,6 Prozent. Im Februar kostete ein Stück Seife 20 Prozent mehr als im Dezember und fast 50 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Benzinpreis stieg innerhalb von drei Monaten um 15,3 Prozent und innerhalb von 12 Monaten um 34 Prozent.

Der ugandische Finanzminister Matia Kasaija erklärt, dass dieser Trend von Ereignissen außerhalb des Landes verursacht wird. Zunächst führte die Covid-19-Krise zu höheren Transportkosten und Lieferengpässen bei wichtigen Gütern. Russlands Angriff auf die Ukraine verschärfte die Probleme weiter. Beide Länder liefern normalerweise große Mengen an Grundnahrungsmitteln auf den Weltmarkt (siehe Claudia Isabel Rittel auf www.dandc.eu), und Russland ist ein wichtiger Exporteur von fossilen Brennstoffen.

Nach Regierungsangaben lag die jährliche Gesamtinflationsrate Ugandas im März bei 3,7 Prozent, was im Vergleich zu anderen Ländern moderat ist – Inflation ist ein weltweites Phänomen. Kenia verzeichnete im März fünf Prozent und die USA sogar 8,5 Prozent.

„Kein Politiker kann die Ursachen für den Preisanstieg direkt angehen“, sagte Kasaija. Er sieht aber keinen Grund zur Panik und geht davon aus, dass sich die vorübergehende Situation „früher oder später“ beruhigt.

Neutralität gegenüber Russland und der Ukraine

Wie viele afrikanische Länder hat Uganda bisher eine neutrale Haltung zum Russland-Ukraine-Konflikt eingenommen. In der UN-Generalversammlung enthielt es sich bei allen Abstimmungen über Russland. Hintergrund ist, dass sich viele Afrikaner unwohl fühlen, wenn sie sich auf die Seite des Westens stellen (siehe Imme Scholz auf www.dandc.eu). Sie haben den Eindruck, dass die G7-Staaten ihre Versprechen allzu oft nicht einhalten und ihre brutale Kolonialgeschichte nie aufgearbeitet haben.

In gewissem Maß profitiert Russland von solchen Gefühlen, obwohl es eindeutig gegen internationales Recht verstoßen hat und sein Krieg viel Leid verursacht. Die russische Propaganda will den Afrikanern weismachen, dass die EU und die USA den Inflationsdruck durch die Verhängung von Wirtschaftssanktionen noch verschärft haben.

Das tägliche Leben vieler Ugander wird durch die Inflation schwieriger. Nanyonga Shamim, die einen Lebensmittelladen in Kampala betreibt, sagt, dass sie die Preise für Tomaten und Zwiebeln wegen der höheren Transportkosten anheben musste. Die Zwiebeln werden aus Kenia importiert, wo die Kraftstoffpreise ebenfalls gestiegen sind. Gleichzeitig musste sie feststellen, dass die Nachfrage zurückging, weil viele Kunden sich die Waren nicht mehr leisten können.

Issa Bogere betreibt ein kommerzielles Motorradtaxi (Boda boda) muss seinen Kunden jetzt mehr für die Fahrten berechnen, weil das Benzin seit 2021 so teuer geworden ist. Er berichtet, dass „viele frühere Kunden zu Fuß zu gehen, anstatt eine teure Boda-boda-Fahrt zu machen“. Er wünscht sich, die Regierung würde etwas unternehmen, um die Inflation zu stoppen.

Düstere Aussichten

Inmitten der allgemeinen Unzufriedenheit hat die ugandische Regierung jedoch immer wieder erklärt, dass sie keine Subventionen, Preiskontrollen oder Steuersenkungen zur Bewältigung exogener Schocks einführen will. Es könnte jedoch noch schlimmer kommen. Der Internationale Währungsfonds warnt vor einer Verlangsamung des Wachstums und davor, dass höhere Zinsen in wohlhabenden Ländern es den Entwicklungsländern erschweren werden, ihre Schulden zu bedienen. Die frühere nigerianische Finanzministerin und heutige Leiterin der Welthandelsorganisation (WTO) Ngozi Okonjo-Iweala hat davor gewarnt, dass die durch den Ukraine-Krieg verursachte Lebensmittelknappheit zu Unruhen führen könnte. Hinzu kommt, dass Armut und Ungleichheit sich in der Pandemie generell verschlimmert haben (siehe meinen früheren Kommentar auf www.dandc.eu).

Die Realität ist, dass afrikanische Regierungen mit plötzlichen Problemen fertig­werden müssen, die sie nicht verursacht haben. Und das verschärft langfristige Herausforderungen wie die globale Erderwärmung, die sie ebenfalls nicht verursacht haben (siehe David Mfitumukiza auf www.dandc.eu).

Ronald Ssegujja Ssekandi ist ein ugandischer Autor und bearbeitet die E+Z/D+C-Kolumne „Heutzutage“.
sekandiron@gmail.com

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Schuldenerlasse zur Erreichung der Klimaziele?

26. April 2022 - 16:07
Schuldenumwandlungen können helfen, die Klimaziele zu erreichen, sind aber kein Allheilmittel

Die Corona-Pandemie hat kritisch verschuldete Staaten noch weiter in die Schuldenfalle getrieben. Nicht nur zivilgesellschaftliche Organisationen, sondern auch Weltbank und Internationaler Währungsfonds fordern rasche und umfassende Schuldenerlasse. Gleichzeitig braucht es Lösungen zum Umgang mit dem Klimawandel.

Der Vorschlag von Schuldenumwandlungen (Debt-Swaps) kling deshalb gut. Dabei einigen sich Schuldner und Gläubiger darauf, dass einem verschuldeten Staat die Schulden erlassen werden, sofern die freiwerdenden Mittel in Klimamaßnahmen investiert werden. Seit den frühen 1990er Jahren spielen Debt-Swaps für soziale oder ökologische Zwecke in der Entwicklungspolitik eine Rolle.

Auch die Bundesregierung verfügt mit der sogenannten deutschen Schuldenumwandlungsfazilität über ein Instrument, welches es ihr erlaubt, jährlich auf bis zu 150 Millionen Euro Rückzahlungen zu verzichten, sofern sich das Empfängerland zu entsprechenden Maßnahmen verpflichtet. Da die Bundesregierung diese Mittel in den vergangenen Jahren nicht annähernd ausgeschöpft hat, bietet sich hier eine Chance, die Klimafinanzierung für Länder des Globalen Südens zu erhöhen.

Begrenzte Wirkung von Schuldenwandlungen

Allerdings ist die Wirksamkeit solcher Schuldenumwandlungen begrenzt. So wie Schuldenumwandlungen in der Vergangenheit umgesetzt wurden, sind sie zu klein, zu langsam und in ihrer fiskalischen Bilanz zu uneindeutig, um Schuldenkrisen zu lösen oder nennenswerte Mittel für den Klimaschutz zu mobilisieren. Sofern es einem Schuldnerstaat noch möglich ist, seinen Schuldendienst pünktlich zu bedienen, kann nur von Gläubigern mit explizit entwicklungspolitischem Mandat angenommen werden, dass sie Schuldenumwandlungen freiwillig zustimmen. Dies sind primär westliche öffentliche Gläubiger, die jedoch nur noch einen relativ geringen Anteil an Forderungen gegenüber Niedrig- und Mitteleinkommensländern halten. Die Umwandlung dieser Schulden würde nur relativ geringe Mittel für den Klimaschutz mobilisieren. Wenn Staaten hingegen unmittelbar die Zahlungseinstellung droht, brauchen sie einen echten Schuldenschnitt – keine Umwandlung.

Sowohl von Wissenschaftlern als auch von Schuldnerstaaten selbst wird daher die Kombination von Schuldenumwandlungen und echten Erlassen vorgeschlagen. Demnach soll ein relevanter Teil der Schulden erlassen werden, während ein weiterer Teil für Investitionen in klimapolitische Maßnahmen umgeschuldet wird.

Ökologische Konditionierung von Schuldenerlassen

Andere Vorschläge konzentrieren sich auf die Konditionierung von Schuldenerlassen. Im Vergleich zu klassischen Schuldenumwandlungen geht es dabei nicht darum, dass die durch den Erlass freiwerdenden Mittel unmittelbar in klimapolitische Maßnahmen investiert werden. Schuldnerstaaten sollen langfristig zu einer klimapolitisch verantwortlichen Politik verpflichtet werden. So fordern Wissenschaftler zum Beispiel, dass Schuldnerstaaten sich im Gegenzug für Schuldenerlasse dazu verpflichten, die Förderung fossiler Energien einzustellen und langfristig den Ausbau regenerativer Energien zu fördern.

Angesichts der enormen klimapolitischen Herausforderungen erscheint dies zunächst plausibel. Es müssen aber neokoloniale Tendenzen vermieden werden. Schuldnerstaaten sollten nicht zum Ausbau regenerativer Energien verpflichtet werden, um den Energiehunger westlicher Staaten zu stillen. Und der Bau von Wasserkraftwerken oder ähnlichen Projekten darf nicht dazu führen, dass sich die Lebensbedingungen für die lokale Bevölkerung im Schuldnerstaat weiter verschlechtern.

Sofern Schuldenerlasse an Konditionen geknüpft werden, ist es daher zentral, zu beachten, dass bei den auferlegten Konditionen vor allem die Auswirkungen auf vulnerable Bevölkerungsgruppen berücksichtigt werden, deren Lebensumstände nicht noch schlechter werden dürfen.

Verbindliche Beteiligung

Sowohl bei Schuldenumwandlungen als auch bei echten Schuldenerlassen ist zudem die Koordination der Gläubiger eine besondere Herausforderung. Anders als für Privatpersonen und Unternehmen gibt es für Staaten kein rechtsstaatliches Verfahren zur Restrukturierung ausstehender Schulden.

Die Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag dazu verpflichtet, die Schaffung eines internationalen Staateninsolvenzverfahrens zu unterstützen. Durch die diesjährige deutsche G7-Präsidentschaft bietet sich ihr ein wichtiger Ansatzpunkt, konkrete Reformen in diesem Sinne anzustoßen. Wichtig wäre das nicht zuletzt, da klimabedingte Naturkatastrophen zunehmen und dazu beitragen werden, dass Staaten ihre Schuldenlast nicht mehr tragen können.

Weiterführende Literatur

Kaiser, J., 2022: Gestern Schulden, heute Entwicklungsfinanzierung. Sind Schuldenumwandlungen ein Weg aus der Krise? In: erlassjahr.de, Misereor (Hrsg): Schuldenreport 2022. https://erlassjahr.de/wordpress/wp-content/uploads/2022/01/SR22-online-Artikel-5-Gestern-Schulden-heute-Entwicklungsfinanzierung.pdf

Kaiser, J., 2020: Wenn der Klimawandel zur Schuldenfalle wird. Mit Schuldenerlass Schäden und Verluste bewältigen. In: erlassjahr.de, Misereor (Hrsg): Schuldenreport 2020.
https://erlassjahr.de/wordpress/wp-content/uploads/2020/01/SR20-online-.pdf

Volz, U., et al., 2020: Debt Relief for a Green and Inclusive Recovery. A Proposal
https://drgr.org/files/2021/01/DRGR-report.pdf

Malina Stutz ist politische Referentin bei erlassjahr.de.
m.stutz@erlassjahr.de

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E+Z/D+C 2022/06 – ma – Aline Burni / Niels Keijzer – DIE – democracy promotion

26. April 2022 - 15:42
A two-decade trend of autocratisation is eroding democratic principles worldwide. Providers of development cooperation should take notice

Even before the Ukraine war, recent years have been challenging in terms of international cooperation and democracy promotion. The Covid-19 pandemic halted or even reversed progress made towards the Sustainable Development Goals (SDGs). The health emergency was the top priority for policymakers and international development agencies. At the same time, a 20-year period of democratic backsliding continued, and in some regions was even accelerated by the pandemic.

Long-standing conflicts worsened in Libya and Yemen. Others flared up again in Ethiopia and Azerbaijan. In Afghanistan, the Taliban are back in power after western withdrawal. Military coups took place in Guinea, Chad, Mali and most recently Burkina Faso (see Vladimir Antwi-Danso on www.dandc.eu).

Moreover, authoritarian populists have been gaining strength in western countries, and while Donald Trump was not re-elected in the USA, his legacy is worrisome. Republicans are doing what they can to make voting harder for minorities, the big lie about President Joe Biden having stolen the election keeps spreading and the masterminds of the insurrection in the Capitol on 6 January 2021 still enjoy impunity. Minority rule looks increasingly likely in the USA (see Katie Cashman and Hans Dembowski on www.dandc.eu). In addition, the two EU members Hungary and Poland are seriously affected by democratic backsliding.

Autocrats and aspiring autocrats across the globe are dismantling democratic mechanisms, freedoms and institutions. This trend poses fundamental questions about what role, if any, development cooperation can play (Niels Keijzer and Christin Hackenesch assessed this issue in 2015 on www.dandc.eu. Western countries’ international-development policies are geared to democracy promotion. Relevant questions are thus: At what point does autocratic rule make cooperation inappropriate and what should policymakers do differently?

Autocratisation typically begins with steps to restrict and control the media, curb academic freedom and reduce the space of civil society. With the aim of polarising people, autocratic forces treat legitimate opponents with disrespect and suggest they are enemies. Once in office, aspiring autocrats use the government machinery to spread further misinformation and delegitimise the opposition. They then typically move on to undermine formal institutions, including the judiciary and election systems.

When democratic backsliding is evident in a partner country, western governments basically have three options. They can try to:

  • agree and insist on conditionalities,
  • find work-around solutions or
  • discontinue cooperation.

As the sanctions imposed on Russia since the start of the Ukraine war show, these issues do not only concern development cooperation. Since western governments have been gearing their international-development policies to democracy promotion for three decades, this field of policymaking is affected in particular. Development cooperation can – and should – play a major role in protecting democracy, and established approaches should be constantly reconsidered.

Conditionalities

In many cases, development cooperation has been made contingent on democratic measures. The problem with this approach is that it is difficult to insist on conditionalities. Imposing sanctions requires a strong political will, consistent application of rule and close attention to the political dynamics in a partner country. This is a challenging agenda even in cases when the conditions of cooperation are specifically spelled out in formal agreements with a partner government.

Sanctions can work as a short-term response to a military coup and reinforce demands for returning to civilian rule and holding elections. However, setting conditions is less effective as a response to a broader trend towards autocratic rule. A big risk is that an international institution does not apply its conditions consistently or stringently enough. Sanctions then become empty threats. Much depends on the willingness of donor governments to pursue a common policy in a sustained and coordinated fashion.

Once democratic backsliding sets in, simply continuing “business as usual” will not help. Indeed, ongoing programmes may actually strengthen autocrats. On the other hand, development cooperation can make a difference if it boosts institutions and political interests with a minimum degree of democratic legitimacy.

Bypassing the national government

Where autocratisation has progressed beyond a certain level, bypassing the national government becomes an option. The idea is to reduce government-to-government cooperation and instead reach out directly to subnational agencies and/or civil-society organisations.

The effectiveness of this approach depends on the national government’s level of control and the degree of repression. It is unlikely to work in contexts where the state is “everywhere” or where civil-society organisations are not permitted to accept external funding. More generally speaking, the effectiveness of work-around solutions depends on the space civil society still enjoys. Of course, partner organisations’ commitment to democratic values matters too. Democratic governments should also take into account that work-around solutions can be expensive. Moreover, there is a risk of resources being “captured” by autocratic forces.

To some extent, engaging in region-wide cooperation may be an option too. For example, reduced involvement in Mali could go along with stronger engagement in ECOWAS (Economic Community of West African States), the regional organisation to which the country belongs. Two important advantages of this approach are that it makes it comparatively easy to re-engage (1) and make use of experiences gained in neighbouring countries (2).

Disengage

However, once despotism is fully in force, cooperation must be reconsidered. If it bolsters an autocratic government, it becomes part of the problem. In such contexts, a final decision to disengage is warranted, and only fundamental support to the country’s people should still continue, notably through humanitarian aid. Support for long-term development should only resume once the political context improves.

It is important to recognise the limitations of development cooperation. It can support and facilitate a developing country’s own change processes, but it cannot fundamentally change the political dynamics.

On the other hand, the trends towards autocratisation makes it even more important to support democracy. Donors can do so if they find appropriate entry points. They must reassess the impact their programmes have on democracy in partner countries, and change course when and as conditions require.

Liberal democracies such as Germany continue to provide long-term support for introducing and strengthening democratic institutions in countries concerned. Germany has long relied on a “civilian power” approach, cooperating with autocratic regimes in the hope that development will lead to a diversification of mutually interdependent institutions, which will eventually lead to democratisation. While such efforts do not directly drive autocratisation, they might nonetheless support the trend. No doubt, policymakers must pay attention to stopping such programmes before they become inappropriate.

Adding to the problems, non-democratic regimes – especially the Chinese government – are increasingly reaching out to developing countries. Beijing is assertively promoting a different development paradigm, according to which a strong government is essential, but democracy and human rights are not. Both however are essential for achieving sustainability for humankind (see Imme Scholz on www.dandc.eu).

Finally, western governments must consider their own dented legitimacy. One reason is that military interventions, which were supposed to support democratisation, have failed spectacularly. The most obvious cases are Afghanistan (see Paul D. Miller on www.dandc.eu) and Mali. The other is that democratic backsliding affects the US and the EU too.

In Warsaw in March, Biden prominently spoke of a conflict between democracy and authoritarianism. He had a point, but he failed to address that authoritarian forces are frightfully strong both in the country he was visiting and the country he represents. He should have acknowledged that the conflict is raging within nations and not simply between them.

Democratic governments must certainly promote democracy abroad. That applies to foreign relations in general, not only development cooperation. EU policymakers would do well to coordinate their responses to autocracy and democratic backsliding. Germany’s Federal Government should help to get such a process started.

Aline Burni is political scientist and researcher in international cooperation at the German Development Institute (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, DIE).

Niels Keijzer is a senior researcher at DIE.
niels.keijzer@die-gdi.de

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Kleidung muss wieder mehr Wert bekommen

26. April 2022 - 14:46
Das Thema Textilproduktion ist ethisch-moralisch und ökologisch komplex – die Branche braucht soziale und Nachhaltigkeitsstandards

Seit dem Einsturz der mehrstöckigen Fabrik in Rana Plaza in Bangladesch 2013 mit mehr als 1100 Toten ist vielen Menschen in Ländern mit hohen Einkommen bewusst geworden, unter welch elenden Bedingungen Waren in Entwicklungsländern produziert werden (siehe Nazma Akter auf www.dandc.eu).

Zivilgesellschaftliche Organisationen und auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) engagieren sich für bessere Arbeitsbedingungen und ökologisch-nachhaltige Produktion. Das ist auch bitter nötig, denn die immer größer werdende Menge an Kleidung belastet die Umwelt. Problematisch sind der riesige Ressourcenverbrauch – vom Baumwollanbau bis hin zu synthetischen Fasern – und der intensive Einsatz von Chemikalien. Der Kleidermüll ist auch relevant – besonders wegen der hohen Kunststoffanteile.

Das Konsumverhalten ist destruktiv schnelllebig geworden. Die Modeindustrie bringt im Billigsegment mittlerweile 12 bis 16 Kollektionen im Jahr auf dem Markt. Ein neues T-Shirt kostet teils weniger als ein Brot, sodass diese Waren keine Wertschätzung mehr erfahren. Diese sogenannte Fast Fashion ist Mode zum Wegwerfen. Dies ist zwar vor allem ein Problem der Länder mit hohen Einkommen, aber auch Afrika wird zunehmend von chinesischer Billigware überschwemmt.

Früher wurden vergleichsweise langhaltende, aber auch teure Kleidungsstücke gekauft. Von 2000 bis 2015 hat sich die Anzahl der globalen Kleidungskäufe weltweit von etwa 50 Milliarden auf mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke verdoppelt. Bis 2030 erwarten Experten eine weitere Verdoppelung. Das ist Wahnsinn.

Leider ist es für Verbraucher schwer, ethisch und ökologisch produzierte Ware von problematischer Ware zu unterscheiden. Selbst der Preis eines Kleidungsstücks sagt nichts darüber aus, unter welchen Bedingungen produziert wurde. Allein zertifizierte Ökolabels garantieren gewisse Standards. Sie versorgen aber nur ein winziges Nischensegment. 2019 startete das BMZ die Initiative „Grüner Knopf“, um nachhaltig produzierte Ware auszuzeichnen. Kritiker halten die Kriterien für die Vergabe dieses Siegels jedoch nicht für ausreichend – unter anderem, weil sie Missstände in Spinnereien oder der Baumwollproduktion nicht berücksichtigen.

Viele sehen die Arbeiterinnen nur als ausgebeutete Opfer. Die Situation ist aber differenzierter. Viele junge Frauen wollen gern Geld verdienen – um selbständiger zu werden, aber auch um ihre Familien unterstützen zu können. In Bangladesch gehören Textilarbeiterinnen nicht zu den Ärmsten, sondern werden eher zur unteren Mittelschicht gezählt. Wichtig ist obendrein, dass Industrialisierung fast überall mit Textilherstellung begonnen hat. Tatsächlich sind viele afrikanische Regierungen daran interessiert, dem Beispiel Bangladeschs zu folgen (siehe Michaela Fink und Reimer Gronemeyer auf www.dandc.eu).

Das Thema Textilproduktion ist ethisch-moralisch und ökologisch komplex. Die Branche verdient weiterhin globale Aufmerksamkeit, denn sie muss nachhaltig werden – und zwar sowohl in sozialer als auch ökologischer Hinsicht.

Sabine Balk ist Redakteurin von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit /D+C Development and Cooperation.
euz.editor@dandc.eu

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Nutzlose Billigkleidung

26. April 2022 - 14:11
Experte erklärt, warum der Export von Altkleidung von Deutschland nach Afrika nicht unethisch ist

Sie sind ein Verband mit etwa 100 überwiegend gewerblichen Unternehmen, die ihr Geld mit der Entsorgung von Altkleidern verdienen. Ihre Unternehmen stellen Altkleidercontainer auf und sind auf kostenlose Kleiderspenden angewiesen. Wie finanzieren sich Ihre Unternehmen?

Die Unternehmen finanzieren sich allein durch den Verkauf der Altkleider mit höchster Qualität, der sogenannten Creme-Ware. Das Sammeln und Sortieren von Altkleidern lohnt sich ökonomisch nur, wenn mindestens etwa 60 Prozent der gesammelten Kleidung verkauft werden kann, denn alles andere kostet unsere Mitgliedsunternehmen Geld, da alle Schritte des Sortierens zeitintensiv von Hand gemacht werden müssen. Die Altkleider, die nicht verkauft werden können, sowie textile Fremdstoffe, die leider immer wieder in Containern landen, müssen fachgerecht entsorgt werden, was ebenfalls kostet. Nur reine Baumwolle kann derzeit recycelt und als Putzlappen verwendet werden. Der nichtwiederverwertbare Rest geht als sogenannte Ersatzbrennstoffe in die Verbrennungsanlagen. Das sind meist billige Synthetikfasern und Mischgewebe.

Wie viel Altkleidung fällt in Deutschland an?
2013 fiel etwa eine Million Tonnen Altkleidung an, 2018 waren es 1,3 Millionen. Die Tendenz ist steigend. Aber seit der Pandemie haben wir keine verlässlichen Zahlen mehr, denn diese beziehen sich auf die verkaufte Menge im textilen Einzelhandel. In den vergangenen zwei Jahren war alles anders als sonst.

Sie verkaufen den Großteil der Secondhandkleidung in Entwicklungsländer. Die Exporte nach Afrika stehen in der Kritik. Ein Argument ist, dass die Altkleidung aus dem Westen die dortige Textilindustrie kaputt macht. Was entgegnen Sie dem?
Auch die karitativen Anbieter wie Rotes Kreuz oder Caritas verkaufen die Altkleidung für den Export in Entwicklungsländer, weil der Bedarf an Secondhandkleidung bei Bedürftigen in Deutschland gar nicht so groß ist wie Ware vorhanden. Wir verkaufen unsere Kleidung hauptsächlich an Großhändler in Polen und den Niederlanden, und von dort gehen sie in die Zielländer in Afrika und Lateinamerika. Zu dem Argument, die Altkleiderexporte würden die heimische Textilindustrie zerstören, muss man sagen, dass es so etwas in vielen Ländern gar nicht gibt oder dass die traditionelle Kleidung, die dort hergestellt wird, nicht den Wünschen vieler Konsumenten entspricht. Sie wollen bezahlbare modische Kleidung aus Europa.

Vor einigen Jahren versuchten Länder wie Kenia, Ruanda, Uganda und Tansania, einen Importstopp von Altkleidern umzusetzen, was außer in Ruanda nicht gelang. Warum?
Einer der Gründe ist, dass die Märkte in Afrika sich seit Jahrzehnten etabliert haben und viele Leute vor Ort vom Verkauf leben. Außerdem wollen diese Menschen die Kleidung haben. Das Problem ist nicht die Secondhandware aus Europa, sondern die Billigklamotten aus Synthetik, mit denen Asien Afrika überschwemmt. Diese Chinaware kommt auch zunehmend zu uns, was ein großes Problem ist. Die Mode ist so schnelllebig, dass die Hersteller 12 bis 16 Kollektionen pro Jahr auf den Markt bringen. Die Qualität dieser Kleidung ist sehr schlecht. Sie ist nach ein paar Mal waschen aus der Form oder kaputt und kann nicht mehr weiterverkauft oder recycelt werden. Allerdings wäre der derzeitige Bedarf an Kleidung mit Baumwolle gar nicht mehr zu decken.

Was wäre Ihr Wunsch diesbezüglich?
In Bezug auf Wegwerfkleidung gibt es eine zunehmende Sensibilisierung. Meine Hoffnung ist, dass die Verbraucher weiter umdenken hin zu weniger, aber dafür qualitativ hochwertigerer Kleidung und dass die Hersteller dem Rechnung tragen und wieder nachhaltiger produzieren. Auch wenn es auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein scheint, aber weniger Konsum ist nicht schädlich für unsere Branche. Denn von Billigware haben wir nichts. Wird wieder mehr hochwertige Kleidung gekauft, landet auch mehr davon in unseren Containern. Nur hochwertige Altkleider können zur Weiterverwendung vermarktet werden und sorgen dafür, dass die bislang kostenfreie Abgabe von Altkleidern weiter so funktioniert.

Thomas Fischer ist Referent für Kreislaufwirtschaft beim Fachverband Textilrecycling beim Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse).
fischer@bvse.de

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E+Z/D+C 2022/05 – op – Marva Khan – Imran Khan

19. April 2022 - 15:36
With swift and decisive action, Pakistan’s Supreme Court has ended a constitutional crisis

Twelve minutes after midnight on Sunday 10 April 2022, Imran Khan lost his office as prime minister. He lost a vote of no confidence in the National Assembly. His party, the Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI) tried to prevent this democratic procedure, but the Supreme Court ensured the constitutional order prevailed. Khan became the first prime minister of Pakistan to be ousted this way.

Khan’s tenure as prime minister was marred in controversy. The former cricket star was accused of vengeful politics against opposition members and their families as well as corruption, and because of undisclosed foreign funding. Moreover, he had a pattern of attacking independent state institutions, including the judiciary and the election commission. He had risen to power as an outsider in the election of 2018 because people were frustrated with the long-established major parties (see Afshan Subhi’s comment of 2018 on www.dandc.eu).

In recent months, however, a coalition of opposition parties cooperated to oust Khan and it became clear that they had enough votes in the National Assembly. Khan started agitating in public and claimed he had proof that the USA was trying to topple his government. However, the National Security Council, which includes cabinet members as well as military leaders, did not confirm any such evidence.

Unconstitutional manoeuvering

The PTI relied on parliamentary machinations too. The vote of no confidence was scheduled for Sunday 2 April, but the deputy speaker of the National Assembly unconstitutionally took it off the agenda and ended the procedure. Shortly after, Khan announced the dissolution of the National Assembly in a pre-recorded telecast.

In normal circumstances, a prime minister has this power, and the president must confirm the decision within 48 hours. However, the vote-of-no-confidence procedures had already begun. According to Pakistan’s constitution, that means that the head of government loses this particular power. Nonetheless, President Arif Alvi accepted the dissolution within a few hours. Things had obviously been pre-planned.

On its own motion, the Supreme Court took notice, and several parties filed petitions the same day. After a five-day hearing, the Supreme Court decided on Thursday 7 April that cancelling the vote of no confidence was unconstitutional. In a unanimous judgment, the Court restored the National Assembly and insisted that the vote of no confidence had to take place before Sunday 10 April.

The National Assembly convened on 9 April at 10 am, but PTI legislators once again acted obstructively. Apparently, Khan had instructed his party members to delay things. They held hours-long speeches, while opposition members demanded that voting begin.

The Supreme Court stepped in again. Around 11 pm, journalists reported it would start hearing a contempt-of-court case against the National Assembly’s speaker if the vote was not conducted as ordered. Next, the speaker, a PTI member, resigned and asked an opposition politician to take over. The vote of no confidence began three minutes after midnight, and eight minutes later, Khan was no longer prime minister.

Lingering political crisis

The Supreme Courts deserves praise for insisting on democratic checks and balances and reinforcing the rule of law (see my essay on rape-victims’ access to the judiciary on www.dandc.eu). It resolved the constitutional crisis, but the political crisis lingers on. The National Assembly has elected Shahbaz Sharif as the new prime minister. The strength of the coalition of 11 parties remains to be seen.

Khan has lost his parliamentary majority, but has rallied masses of elite supporters in the cities.  Indeed, Sharif belongs to the kind of political dynasty that Khan always agitated against. Sharif’s elder brother, Nawaz, served as prime minister three times, but was never able to complete his term.

The situation is indeed very difficult. Pakistan’s debt burden is huge. The Ukraine war is compounding inflation, with food and fuel prices rising fast. The crisis in neighbouring Afghanistan (see Conrad Schetter and Katja Mielke on www.dandc.eu) has considerable impacts on Pakistan. On the upside, Shebaz Sharif, as a former chief minister of Punjab, is generally considered to be a competent administrator.

Marva Khan is an assistant professor of law at LUMS (Lahore University of Management Sciences).
marva.khan@lums.edu.pk

 

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