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Aktualisiert: vor 8 Stunden 23 Minuten

Solidarität mit Südafrika 

2. Februar 2022 - 16:14

von Birte Rodenberg

Im Januar jährt sich die Entdeckung der ersten Infektion in Deutschland mit dem Coronavirus SARS-CoV-2, kurz Covid-19, zum zweiten Mal. Seitdem haben so viele Menschen in Deutschland unter der Pandemie gelitten, gesundheitlich, sozial und ökonomisch. Aber der Blick über die europäischen Grenzen hat uns gelehrt, um wie vieles größer die Betroffenheit durch gesundheitlichen Notstand, Verarmung und Isolation in den Ländern des Globalen Südens ist.  

Seit einem Jahr wiederholt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Erkenntnis, dass die Pandemie nur weltweit mit Transparenz und internationaler Solidarität bekämpft werden kann. Impfgerechtigkeit ist das eine Stichwort. Wie das außerdem noch gehen kann, hat Südafrika im vergangenen Jahr der Welt gezeigt.  

Das vorbildliche Verhalten Südafrikas wird abgestraft

In der Adventszeit platzte die Nachricht einer neuen Virusvariante: Omikron. Die Mutation mit der schnellen Verbreitung (aber einem offenbar milderen Verlauf) war nach einem starken Anstieg der Infektionen in Pretoria und Johannesburg in einem Forschungslabor entdeckt worden. Sofort, und ohne den Ursprung zu kennen, informierte das Land den Rest der Welt – und wurde umgehend isoliert. Innerhalb weniger Tage stellten viele Länder Europas die Flüge von und nach Südafrika ein. Touristische Reisen wurden kurz vor deren Hauptsaison in großer Höhe storniert. Für die Menschen des Landes, die bereits im vergangenen Jahr unter der hier entdeckten Beta-Variante und den Folgen massiv gelitten hatten, sind solche Restriktionen ein Desaster. Und sie sind ungerecht.  

Das Virus und seine Varianten stammen nicht aus Südafrika. Aber mindestens zwei Mutationen wurden hier entdeckt, denn Südafrika ist seit Jahrzehnten von HIV und anderen Krankheiten gebeutelt, investiert jedoch in eine erstklassige Gesundheitsforschung, v.a. in Epidemiologie. Während in unseren Medien nach Bekanntwerden der Variante flugs die üblichen Klischees vom „verlorenen Armutskontinent Afrika“ kursierten, wurde bei entwicklungspolitischen Hilfsorganisationen Unmut über die stigmatisierende Abschottung der reichen Länder laut: „Es drängt sich Frage auf, was uns weltweit erspart geblieben wäre, hätten seit der Entdeckung des Coronavirus alle Länder so solidarisch gehandelt wie es Südafrika nun tut“, heißt es kritisch in einem Fachjournal für internationale Politik. „Omikron ist schlecht, aber die globale Antwort darauf ist verheerend“, twitterte der Genomforscher de Oliveira aus Durban, auf den die Entdeckung zurückgeht. Der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa sprach gegenüber der Staatengemeinschaft von Diskriminierung und forderte die Industrieländer auf, endlich für globale Impfgerechtigkeit zu sorgen.  

Die Impfraten in Afrika sind noch immer sehr niedrig

Im Februar 2021 wurden die ersten Impfstoffdosen in Johannesburg verladen. Inzwischen hat das Land zwar hinreichend Zugriff auf Impfstoffe, kämpft jedoch mit der Verteilung und den hohen Kosten. Denn die Impfstoffe, die von den europäisch-amerikanischen Herstellerfirmen gekauft und nicht von der globalen Initiative COVAX zur Verfügung gestellt werden, sind deutlich teurer als in Europa. Lauter als andere Länder fordert Südafrika deshalb die Abschaffung der Patentrechte und eine Verlagerung der Impfstoffproduktion für Afrika in afrikanische Länder. Während in unseren Breitengraden Impfstoffe verfallen, wird die globale Impfstoffinitiative nur unregelmäßig und nicht in ausreichendem Maße vom Westen beliefert. Den Vorschlag der Welthandelsorganisation, Patente für Covid-Impfstoffe zumindest zeitweise aufzugeben, hat die EU jedoch abgewiesen. Dabei ist es zum Beispiel der exzellenten Wissenschaft und dem transparenten Vorgehen in Südafrika zu verdanken, dass nach der Entdeckung von Omikron in Europa unverzüglich Impfstoffanpassungen vorgenommen werden konnten. Welche Erkenntnisse braucht es denn noch, um zu verstehen, dass die Pandemie letztendlich nur gemeinsam und im solidarischen Miteinander bekämpft werden kann? 

Anti-Apartheids-Stimme Desmond Tutu verstummt 

Südafrikas Zivilgesellschaft kämpft seit vielen Jahrzehnten gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit – ein Erbe des Kolonialismus und der langen Jahre der Apartheid und Ausgrenzung seiner eigenen Bevölkerung. Ein Vorkämpfer für Gerechtigkeit war der südafrikanische, frühere anglikanische Erzbischof, Desmond Mpilo Tutu. Der Verfechter des gewaltfreien Widerstandes gegen die Apartheid wurde zum Gewissen der Nation und zum Gesicht der Befreiungsbewegung, als Nelson Mandela und andere in Haft waren. Auch nach dem Ende der Apartheid hat „The Arch“ – der Brückenbauer, der Versöhner – wie ihn die Menschen in Südafrika nannten, unermüdlich für die Demokratie, gegen Korruption und Ungleichheit im Land gepredigt. Neben seiner scharfen Rede sind auch seine Freude und Lachen legendär. Tutu appellierte zuletzt an seine Landsleute, sich impfen zu lassen und wird zitiert mit dem humorvollen Satz: „Wer mein Alter erreicht hat, fürchtet sich weniger vor kleinen Nadeln als davor, sich bücken zu müssen“. Der Friedensnobelpreisträger verstarb am 26.12. 2021 im Alter von 90 Jahren in Kapstadt. Seine Stimme wird fehlen – nicht zuletzt im Kampf für die globale Impfgerechtigkeit. 

 

Birte Rodenberg ist unabhängige entwicklungspolitische Gutachterin und Gender-Expertin

Zum Weiterhören:

Das letzte Gespräch zwischen Dalai Lama und Desmond Tutu

Foto: GCIS via Flickr.com

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