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Chinas Aufstieg und Deutschlands Positionierung (Autoren: Thomas Bonschab, Robert Kappel & Helmut Reisen)
Aktualisiert: vor 6 Stunden 57 Minuten

Die Afrikanische Freihandelszone – ein starkes Zeichen für den Welthandel

29. Mai 2018 - 11:14

Die Afrikanische Freihandelszone – ein starkes Zeichen für den Welthandel

von Matthias Wachter und Kerstin Petretto

29.5.2018

Ende März haben Vertreter aus 44 Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union auf einem Sondergipfel in Ruanda die Vereinbarung für ein kontinentales Freihandelsabkommen, das sogenannte African Continental Free Trade Agreement, unterzeichnet. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, setzt die Vereinbarung doch ein ermutigendes Signal gegenüber der jüngsten Welle protektionistischer Maßnahmen der größten Wirtschaftsmächte.

Was aber bedeutet das Abkommen für Handelspartner jenseits des Kontinents? Werden dadurch die angestrebten regionalen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen der Europäischen Union (Economic Partnership Agreements, EPAs) obsolet? Ganz im Gegenteil: Der Prozess muss nun beschleunigt werden!

Die afrikanische Freihandelszone zielt in erster Linie darauf ab, den Handel zwischen den afrikanischen Staaten zu verstärken. Denn mit mageren 16 Prozent ist deren Handelsvolumen das niedrigste aller Kontinente. Afrikanische Unternehmen zahlen mehr Zölle auf Exporte in ihre Nachbarstaaten als nach Europa. Das Freihandelsabkommen soll freien Personenverkehr zwischen afrikanischen Staaten ermöglichen, Dienstleistungen völlig und den Warenverkehr zu 90 Prozent von Zollschranken befreien. Sollten alle Mitglieder der Afrikanischen Union (AU) die Vereinbarung ratifizieren, entstünde eine Freihandelszone mit einem Gesamt-Bruttoinlandsprodukt von zwei Billionen Euro und einem Markt von 1,2 Milliarden Menschen.

Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg: Seit Jahrzehnten bemühen sich mehrere Regionalorganisationen des Kontinents um den Abbau von Handelshemmnissen auf regionaler Ebene. Bislang nur mit mäßigem Erfolg, die Handelsbilanz zwischen afrikanischen Staaten hat sich nur minimal verbessert. Jenseits formaler Rahmenbedingungen sind hierfür freilich Faktoren verantwortlich, die tief in der Wirtschaftsstruktur afrikanischer Staaten angelegt sind. Allen voran deren Ausrichtung auf Rohstoffabbau und Monokulturen mit dem Ziel des Exports nach Übersee. Unzureichende Verwaltung und Infrastruktur, ungenügendes Management von Grenzverkehr sowie Korruption sind weitere Hindernisse auf dem Weg zur Stärkung des innerafrikanischen Warenaustausches.

Die Implementierung einer Freihandelszone auf kontinentaler Ebene wird nicht einfacher, vor allem angesichts der Weigerung der wirtschaftlichen Zugpferde des Kontinents, Südafrika und Nigeria, das Abkommen überhaupt zu unterzeichnen.

Die von der EU-Kommission im Jahre 2000 initiierten EPAs bilden bis dahin eine notwendige Zwischenstufe, gerade um die strukturellen Herausforderungen anzugehen. Erstens schaffen sie eine längst überfällige WTO-konforme Grundlage für den Handel zwischen Afrika und Europa. Zweitens ermöglichen sie langfristig gegenseitige Marktzugänge mit der Option von Ausnahmeregelungen und Schutzklauseln für sensible Sektoren oder Produkte der afrikanischen Partnerstaaten. Davon könnten vor allem deren Landwirtschaftssektoren profitieren, die bislang einen nur sehr eingeschränkten Zugang zum europäischen Markt haben. Und drittens schaffen sie Anreize, afrikanische Märkte regional zu vernetzen, um sie derart gestärkt in die globale Wertschöpfungskette zu integrieren.

Eine afrikanische Freihandelszone bietet diese Vorteile nicht, denn ihr Fokus ist der innerkontinentale Binnenhandel. Einmal effektiv implementiert, kann sie als Plattform für interkontinentale Wirtschaftsbeziehungen dienen, von der aus weitere Handelsabkommen, auch mit der EU, verhandelt werden können.

Die gerade in Deutschland oft geäußerte Kritik, EPAs seien eine Initiative der Wirtschaft um afrikanische Staaten auszunutzen, wird widerlegt durch die Staaten, die bereits vorläufige bilaterale Abkommen mit der EU geschlossen haben.

Ghana beispielsweise profitiert enorm von der seit 2016 eingeleiteten EPA-Implementierung und dem bereits seit 2008 bestehenden zoll- und quotenfreien Zugang zum europäischen Markt: die ghanaischen Ausfuhren von Schokolade, Kakaobutter, Kakaomasse und Kakaopulver sind seitdem um 450 Prozent gestiegen. Vor allem wurde erreicht, dass nicht nur Rohstoffe exportiert, sondern diese im Land zu hochwertigen Produkten weiterverarbeitet werden können. Auch auf Basis dieser Erfahrung betont der ghanaische Industrieverband Association of Ghana Industries (AGI) die positive Wirkung, die EPAs selbst in kurzer Zeit entfalten. James Asare-Adjei, Präsident von AGI bis Ende 2017, stellt fest: „Zurzeit ist die EU der größte Abnehmer für Ausfuhren (46 Prozent) aus Ghana. Studien haben ergeben, dass das EPA die Rentabilität um 77 Prozent bei Unternehmen in Teilsektoren der verarbeitenden Industrie, im Wesentlichen durch niedrigere Eingangspreise, erhöhen wird. Das entspricht dem Hauptschwerpunkt des EPA, Zollsenkungen bei Vorprodukten und Zwischenerzeugnissen einzuführen, was wiederum Hersteller vor Ort begünstigt.“ Er hat auch keine Sorge, dass EPAs die lokale Wirtschaft benachteiligen: „Die EPAs beinhalten Schutzklauseln, die es Ländern gestatten, das Abkommen einer Überprüfung zu unterziehen, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass es ihre Wirtschaft, bestimmte Industriezweige oder Handelsbereiche negativ beeinflusst. Mit diesen Schutzklauseln tritt man auch den Befürchtungen entgegen, dass die Abkommen für immer bindend sind.“ Laut Berechnungen des World Economic Forum kann Ghana seine Erfolge durch entsprechende Reformbemühungen und Investitionen auch weiter ausbauen und gilt mit 8,3 Prozent Wirtschaftswachstum 2018 sogar als am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt.

Eine baldige Unterzeichnung der noch ausstehenden EPA-Verträge würde es anderen afrikanischen Staaten ermöglichen, durch den besseren Zugang zur EU ihre wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Vimal Shah, Vorsitzender des erfolgreichen kenianischen Lebensmittelunternehmens Bidco Africa meint: „Wir brauchen Handel nicht Hilfe. Die andauernden Hilfeleistungen halten die Afrikaner arm. Nur so können die afrikanischen Wirtschaften wettbewerbsfähiger und in den Weltmarkt integriert werden.“ Seiner Erfahrung nach bringe es nichts, junge afrikanische Unternehmen dauerhaft vor internationalem Wettbewerb zu schützen. Stattdessen müssten die Unternehmen vor Ort in der Lage sein, ihre Standards so anzuheben, dass sie international wettbewerbsfähig sind.

Vor allem der regionale Ansatz ist dabei essenziell, um nicht Konkurrenz, sondern Kooperation zwischen Nachbarn zu fördern. Protektionismus hat bislang keinem Staat und seinen Bürgern zu Wohlstand verholfen, im Gegenteil. Umso wichtiger ist es also, dass afrikanische Staaten den mit der Initialzündung einer kontinentalen Freihandelszone eingeschlagenen Weg konsequent weiter verfolgen und Wirtschaftsabkommen mit anderen Regionen nicht als Ersatz, sondern als unentbehrliche Ergänzung anerkennen.

Matthias Wachter, Abteilungsleiter Sicherheit, Rohstoffe und Subsahara-Afrika, Bundesverband der Deutschen Industrie, BDI
Kerstin Petretto, Senior Manager Subsahara-Afrika, BDI

 

Afrika drängt nicht nach vorn

23. Mai 2018 - 20:01

pdf-Datei klick hier: Afrika holt nicht auf. Wirtschaftsentwicklung.kurzfassung

Afrika drängt nicht nach vorn

Robert Kappel
23.5.2018

Es wird immer mühsamer, dieselben optimistischen und pessimistischen Analysen über Afrika zu lesen. Die Wiederholungen der alten Leiermelodien: es geht voran oder es geht nicht voran. Die Berichterstattung über Afrika steht für so ein Dichothomienalphabet, das langweilt und keinen Schub für eine Neubetrachtung des Kontinents eröffnet (vgl. Hansohm, Kappel 1993). Zu viele Gesundbeter predigen falsche Hoffnungen und verkleistern den Blick auf Machbares. Dabei hat sich in Afrika etwas getan, aber vieles hat sich anders entwickelt als in anderen Teilen der Welt. Trotz aller grundlegenden dynamischen Veränderungen kann gegenwärtig nicht von nachholender Entwicklung in Afrika ausgegangen werden. Konvergenz bleibt aus. Es ist daher an der Zeit, das Postulat „endogener Entwicklung“ durch selektive Abkopplungmaßnahmen wieder neu zu beleben. Afrika benötigt einen anderen Entwicklungsweg als den der nachholenden Entwicklung. Die Diskussionen innerhalb Afrikas zeigen, wie wichtig es ist, sich auf die eigenen Kräfte zu besinnen, die Integration innerhalb Afrikas voranzubringen und die Asymmetrien abzuschütteln.

Es gibt viel Positives über einige afrikanische Länder zu berichten. Ein paar Länder haben relativ hohes Wirtschaftswachstum über ein paar Jahre, wie Äthiopien, Ruanda und Tansania. In manchen Ländern gibt es eine demografische Transition, wie auf Mauritius und den Kapverden. Viele Länder haben die Einschulungsraten erhöhen können und andere wiederum haben es geschafft, die Investitionen zu steigern. Positiv ist auch das Engagement der afrikanischen Staatengemeinschaft zu bewerten, wie der Plan zur Schaffung einer „African Continental Free Trade Area“ oder die vielen guten Ideen zur Industrialisierung des Kontinents. Dass auch Entwicklungshilfe keine mehr so große Rolle spielt, ist ein Zeichen, dass Afrika aus eigener Kraft vorankommen will. Eine positive Veränderung zeigen zudem steigende interne Steuereinnahmen der Staaten an, die deutlich höher als die Auslandsdirektinvestitionen und die Remittances sind. Leicht wachsende Mittelschichten, steigende Investitionen in die Infrastruktur, und ein in den letzten zehn Jahren gewachsenes Interesse von Investoren aus China, Indien, den Golfstaaten und der Türkei in Afrika deuten Veränderungen an. Deutsche Unternehmer sind im Rahmen des Compact with Africa und des Marshallplans mit Afrika (vgl. Kappel, Reisen 2017; Kappel, Pfeiffer, Reisen 2017) aktiv, um die Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmen zu verbessern. Das Wachsen einer lokalen Unternehmerschicht, die vor Ort investiert, macht auch deutlich, dass sich in einigen Ländern ein Wandel vollzieht. Das vielleicht Wichtigste ist das neue Selbstbewusstsein afrikanischer Eliten und ein Erstarken der Zivilgesellschaft. Afrika hat sich verändert. Die vielen positiven Entwicklungen haben manch einen Beobachter dazu verleitet, vom afrikanischen Hoffnungs- oder Zukunftskontinent zu sprechen.

Es stellt sich also die Frage: holt Afrika auf, kommt es zu Konvergenz und wird Afrika nachholende Entwicklung herbeiführen können?

Schaut man sich die Entwicklungen unter Berücksichtigung einiger wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse an, so scheint sich Dieter Senghaas‘ (1982) Aussage zu bestätigen, wonach aufholende Entwicklung der Ausnahmefall in der historischen Betrachtung ist. Die Untersuchungen von Dani Rodrik (2013) erhärten diesen Befund. Es gibt einige, die aufgeholt haben und in den Club der reichen Länder der OECD aufstiegen, wie Korea oder Israel. Andere haben ebenfalls aufgeholt, wie Taiwan, Hong Kong, China oder Chile. Aber die afrikanischen Erfolgsgeschichten (wie auch die Lateinamerikas und des Nahen Ostens) sind rar und zumeist blieben sie in der Middle Income Trap hängen, wie Südafrika oder Botswana. Offenbar ist aufholende Entwicklung und Aufschließung zur OECD-Welt sehr schwer.

Folgende Kriterien werde ich heranziehen, um die o.g. Fragen zu beantworten: 1. Konvergenzkriterien: bedingte β-Konvergenz, absolute β-Konvergenz und σKonvergenz, 2. Löhne, 3. Strukturwandel.

  1. Konvergenz

Inwieweit konvergieren afrikanische Länder, welche Art von Konvergenz es gibt und welche Länder gehören dazu? Dafür ist es erforderlich, die Konvergenzkriterien offen zu legen: Absolute β-Konvergenz heißt, dass relativ arme Länder mit geringer Kapitalausstattung mit höherer Wachstumsrate wachsen als relativ reichere Länder mit höherer Kapitalausstattung. Der Grund sind abnehmende Grenzerträge des Kapitals. Länder mit geringer (hoher) Kapitalausstattung realisieren höhere (geringere) Grenzerträge des Kapitals. Langfristig findet nach diesem Ansatz ein Aufholprozess der ärmeren Länder statt, sodass alle Volkswirtschaften auf dem gleichen Wachstumspfad landen. Die absolute β-Konvergenz besagt, dass zwei Länder mit verschiedenen Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Pro-Kopf-Einkommen (PKE) aber mit gleichen Niveaus der Sparquote, Abschreibungsrate, Populationswachstumsrate und der Rate des technischen Fortschritts langfristig zum gleichen Niveau des Kapitalstocks und PKE konvergieren. D.h. von den Ländern, die ähnliche Parameter aufweisen, realisieren in der Theorie die ursprünglich ärmeren Länder höhere Wachstumsraten.

Bedingte β-Konvergenz heißt, dass Staaten umso schneller wachsen, je weiter sie von ihrem eigenen langfristigen Gleichgewichtswachstum entfernt sind. Wenn Länder unterschiedliche totale Faktorproduktivitäten, Sparquoten oder Abschreibungsraten aufweisen, unterscheiden sie sich folglich in ihrem langfristigen Gleichgewicht. Robert Solows Modell (Solow 1956) geht nicht von absoluter Konvergenz aus, bei der alle armen Länder gleichermaßen aufholen, stattdessen vertritt Solow die These, dass es bedingte β-Konvergenz gebe. D.h. Ökonomien konvergieren zu unterschiedlichen Steady States[1], sofern diese Unterschiede in den Modellparametern aufweisen. Die Annahme, dass alle Volkswirtschaften identische Rahmenbedingungen und somit auch identische Wachstumsdeterminanten haben, wird aufgegeben.

Absolute β-Konvergenz verzeichnen nur wenige afrikanische Länder, diese weisen über einen langen Zeitraum höheres Wachstum als andere Weltregionen auf. Dazu gehören Botswana, Burkina Faso, Lesotho und die Seychellen, die jeweils positives Wachstum seit den 1960er Jahren erreichen. Seit dem Jahr 2000 konnten lediglich sechs Länder ein durchschnittliches Wachstum von mehr als 3% erzielen (Äthiopien, Mauritius, Mosambik, Ruanda, Sudan und Tansania). Alle anderen hatten niedrigeres Wachstum – wie die wichtigsten Volkswirtschaften auf dem Kontinent Südafrika und Nigeria, oder gar negatives Wachstum, wie Zimbabwe und Südsudan (vgl. Addison et al 2017).

Durch hohes Wirtschaftswachstum kann ein ursprünglich niedriges BIP stark ansteigen, so dass auch die Armut geringer werden kann. Diesen Fall illustrieren die vor Jahren noch extrem armen Länder Ruanda und Äthiopien. Sie hatten ein durchschnittliches Wachstum des BIP von über 5% während des letzten Jahrzehnts und konnten zugleich die Armut reduzieren. Sie befinden sich auf dem Weg von einem Niedrigeinkommensland zu einem Mitteleinkommensland, vorausgesetzt das Wachstum setzt sich weiter fort. Andere Länder hingegen haben so einen Wachstumsprozess nicht vollzogen und der Durchschnitt Afrika auch nicht (Grafik 1 und 2).

Grafik 1: Wachstum der Pro-Kopf-Einkommen 1960-2010, in %/Jahr
Quelle: Addison et al 2017.

σ-Konvergenz umfasst die Steigerung der PKE und die Reduktion der Einkommensunterschiede zu anderen Regionen der Welt, bspw. OECD-Länder, G7 oder G20. Mit dem Konzept der σ-Konvergenz werden Veränderungen der Verteilung der Pro-Kopf-Einkommen gemessen. Dafür wird die Streuung der Pro-Kopf-Einkommen zwischen den einzelnen Staaten erfasst und die Standardabweichung am Anfang (σ0) und am Ende (σT) des gewählten Beobachtungszeitraums ermittelt. σ-Konvergenz ergibt sich, wenn die Streuung der Pro-Kopf-Einkommen abnimmt, also σ0 > σT.

Je nachdem welche Vergleichsländer man heranzieht, sind die Ergebnisse für Afrika ernüchternd. Die Untersuchungen von Ranjbar et al. aus dem Jahr 2014 zeigen, dass von 52 untersuchten Ländern nur fünf einen catching-up-Prozess gegenüber den USA einleiten konnten, während 47 gegenüber den USA zurück fielen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der IWF (2018) für die Zeit von 2000-2017. Während es vergleichbare Länder in anderen Regionen gibt, die höheres Wachstum und gewisse Konvergenz zu den USA erreichen konnten, gibt es nur wenige aufschließende afrikanische Länder (Grafik 1 und 2). Dies Bild erweist sich dennoch als relativ positiv verglichen mit dem Zeitraum von 1985-2000, der eine ganz klare Einkommensdivergenz zu den USA verdeutlicht. Daraus speist sich die gewisse Euphorie in Afrikakreisen. Dennoch: die meisten Länder Afrikas realisieren keine bedingte β-Konvergenz, auch keine absolute β-Konvergenz sowie keine σ-Konvergenz zu den G7-Ländern/USA.

Grafik 2: Reales PKE im Verhältnis zu den USA, 2000 und 2017
Quelle: IMF 2018, https://www.imf.org/~/media/Files/Publications/REO/AFR/2018/May/


Quelle: eigene Darstellung auf der Basis von Weltbank Daten. https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.PP.CD?locations=ZG&name_desc=false

Die am besten abschneidenden afrikanischen Länder waren Länder, die eine Steigerung der PKE $PPP-Einkommen mit einer Faktorentwicklung von 3 bis 6 realisieren konnten (Grafik 3 und 4): Kapverden 6.11, Mosambik 4.96, Sudan 4.2, Äthiopien 4.12; Uganda 3.66, Ghana mit 3.46 und Ruanda 4.2. Schlusslichter sind zahlreiche fragile Länder wie Demokratische Republik Kongo mit 0.91, Burundi mit 1.1; Zimbabwe mit 1.2 und Madagaskar mit 1.4. Die meisten Länder haben ihre PKE (PPP) innerhalb von 25 Jahren zwar mehr als verdoppelt, verbleiben damit trotzdem zumeist im Club der Niedrigeinkommensländer (NEL). Sie nähern sich weder dem afrikanischen Durchschnitt mit 2.27 an, noch sind sie in der Lage mit den „rising stars“ in Afrika mitzuhalten. Die “best performers” waren in der Lage, den Abstand zu den bereits relativ stark entwickelten afrikanischen Ländern zu verkleinern und konnten daher zu diesen konvergieren. Sie konnten auch zum Durchschnitt Afrikas konvergieren, aber nur eine Handvoll von Ländern zu den G7 aufschließen.
Quelle: World Bank Data. http://www.imf.org/en/publications/reo/ssa/issues/2018/04/30/sreo0518

Die Auswertung dir Daten zu den PKE legt nahe, dass es auch keine Club-Konvergenz in Afrika gibt, d.h. sie konvergieren auch nicht untereinander (vgl. Djennas, Ferouani 2014). Anders ausgedrückt: Afrika driftet auseinander, einige Länder steigen auf, die Mehrheit nicht. Diese verharren (siehe Anhang Tabelle 1) zumeist auf einem niedrigen Niveau der PKE. Es bildet sich somit ein Club von zwanzig relativ stagnierenden und nicht-konvergierenden NEL. Sie bleiben zurück. Die bereits seit langem armen Länder verbleiben auf dem Niedrigeinkommensniveau mit oft wachsender Armut. “Divergence, big time” – wie Lant Prichett (1997) schrieb.

  1. Löhne.

Es gibt die Vermutung, dass manche Länder höhere Zuflüsse an Auslandsdirektinvestitionen realisieren können, weil die Löhne in der Produktion einfacher Konsumgüter (T-shirts, Schuhe, Kühlschränke, Fahrräder oder Motorräder) in China, Vietnam oder Bangladesh steigen (vgl. zu China Reisen und Stemmer 2018). Doch dies scheinen die Daten nicht zu bestätigen. Möglicherweise hat dies auch damit zu tun, dass afrikanische Löhne höher sind als in vergleichbaren Ländern wie Bangladesh (Tabelle 1).

Zwar investieren inzwischen europäische, chinesische, türkische oder nordamerikanische Unternehmen auf dem Kontinent, und auch Südafrikas Unternehmen sind zunehmend aktiv. Sie investieren meist in die Rohstoffsektoren und in die Landwirtschaft, in den letzten zehn Jahren steigen die Auslandsdirektinvestitionen in der Produktion von einfachen Konsumgütern.

Es gibt wenigstens in China Evidenz dafür, dass chinesische Unternehmen auch wegen höherer Löhne anderswo investieren, diese Investitionen finden jedoch innerhalb Chinas (Verlagerung nach Westen) und in Asien statt. Sie investieren auch in Afrika, weil sie auf der Suche nach neuen Märkten sind und weil sie sich strategisch einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen wollen. Die Hoffnung, dass Investoren aufgrund steigender Lohnkosten in China nun einige afrikanische Länder zu „Industriekernen“ ausbauen, ist eher trügerisch. Abgesehen von einigen Textil und Lederfirmen in Äthiopien und einzelnen Industrieunternehmen in Ghana, Nigeria, Senegal oder Kenia gibt es kaum Nachweise für einen solchen Trend (vgl. Xu, Gelb et al 2017). So bleibt Südafrika bislang der wichtigste Industriestandort in SSA mit Automobilunternehmen und deren Zuliefererindustrie.

Tabelle 1: Lohnkosten und Kapitalkosten. Vergleich einiger afrikanischer Länder mit Bangladesh

Lohnkosten/Arbeiter in $ Kapitalkosten/Arbeiter in $ PKE Bangladesh 835 1070 853 Kenia 2118 9775 1117 Tansania 1777 5741 1095 Senegal 1562 2422 775 Äthiopien 909 6138 471

Quelle: https://set.odi.org/wp-content/uploads/2018/03/SET_Digitalisation-and-future-of-African-manufacturing_Final.pdf

  1. Wie stark industrialisieren sich afrikanische Länder?

Grundsätzlich stehen zu spät kommende Industrialisierer – wie die meisten subsaharischen Länder – vor dem Problem, dass Industrialisierung nicht mehr als Allheilmittel für Wachstum und Beschäftigung angesehen werden kann. Historisch gesehen geht dauerhaftes und hohes Wachstum mit Industrialisierung einher. Dies ist der Fall in den emerging economies aber nicht auf dem afrikanischen Kontinent. Während Südkorea und Taiwan während der 1960er bis 1980er Jahre in der Prä-Globalisierungsphase noch ca. 30 Prozent der Arbeitskräfte in der verarbeitenden Industrie absorbieren konnten (in Deutschland waren es im Jahr 1970 35 Prozent, in Mexiko 1990 20 Prozent), erreichte Vietnam gerade 15 Prozent (Indien bislang 13 und China 16 Prozent). Auf dieses Niveau zu kommen, wird den meisten Ländern Afrikas sehr schwer fallen.

Insgesamt ist der Anteil der verarbeitenden Industrie in Afrika sehr gering (Grafik 5).

Grafik 5: Wertschöpfungsanteil der verarbeitenden Industrie am BIP, in %
Quelle: https://www.brookings.edu/blog/africa-in-focus/2017/04/27/figure-of-the-week-manufacturing-value-added-in-sub-saharan-africa/

Ärmere Länder – wie die meisten Länder im subsaharischen Afrika – bleiben industriell zurück und sie können sich angesichts des globalen Wettbewerbs, des schnellen technologischen Wandels und der globalen Nachfrageverschiebungen hin zu Dienstleistungen kaum noch erfolgreich industrialisieren und damit einen deutlichen Anstieg der industriellen Beschäftigung erreichen. Dies hat vor allem mit der Globalisierung zu tun. D.h. afrikanische Unternehmen produzieren heute nicht mehr hinter Schutzmauern im eigenen Land, sondern stehen im Wettbewerb mit Produzenten aus aller Welt. Auch der Anwendung neuester Technologien, die prinzipiell einen Industrialisierungsschub herbeiführen könnte, sind Grenzen gesetzt.

Dies hat u.a. mit den niedrigeren Produktivitäten zu tun, die fast alle afrikanischen Länder aufweisen. Über einen langen Zeitraum verlieren sie bspw. gegenüber asiatischen Ländern (Grafik 6).

Grafik 6: Vergleich der Produktivitätsentwicklung in der verarbeitenden Industrie
Quelle: Banga, te Velde 2018.

Von besonderer Bedeutung ist aber auch, dass die meisten afrikanischen Länder im Produktzyklus zu spät kommen. Ausnahmen sind die meist von multinationalen Konzernen betriebenen Produktionen von Automobilen in Südafrika oder Ägypten. Die Produktzyklustheorie beschreibt die die Entwicklung von Produktdifferenzierung zur Produktstandardisierung. Die Zyklustheorie geht von drei Lebensphasen eines Gutes aus: „neues Produkt“, „Reifeprozess des Produkts“ und „standardisiertes Produkt“ (vgl. Hufbauer 1970). Haben afrikanische Länder komparative Vorteile in der Produktion in einer bestimmten Phase des Produktzyklus? Theoretisch ist dies sicherlich möglich. In den frühen Phasen des Zyklus sind die kapitalreichen Industrieländer im Vorteil, bei der arbeitsintensiven Massenfertigung die Niedriglohnländer. Ausländische Unternehmen stellen selbst standardisierte Produkte auf verlagerten Werkbänken her oder lassen lokale Unternehmen aus Entwicklungsländern in der Wertschöpfungskette produzieren. Dass ein Entwicklungsprozess nach diesem Arbeitsteilungsmuster erfolgreich sein kann, haben die vier fernöstlichen Schwellenländer Hongkong, Singapur, Korea und Taiwan demonstriert. Afrika hat hingegen selbst in Ländern mit freien Produktionszonen (FPZ) keine arbeitsintensiven Massenfertigungen auf sich ziehen können (Ausnahme Mauritius). Erst im letzten Jahrzehnt ist arbeitsintensive Massenfertigung entstanden, sei es im Agrarsektor, sei es in der Textilindustrie und in der Nahrungsmittelproduktion. Von einem sehr niedrigen Niveau aus versucht Äthiopien sich zu industrialisieren und hat dies mit relativ großem Erfolg während der letzten Jahre praktiziert.

Insgesamt ist ein sehr großer technologischer Rückstand im Entwicklungsprozess Afrikas gegenüber asiatischen Ländern festzustellen und der Abstand wird eher größer als kleiner, was neuerdings auch mit der Roboterisierung und der Digitalisierung usw. zu tun hat. Die technologische Lücke ist sehr groß. Ausgangspunkt der „technology gap theory“ ist ein technologischer Vorsprung in einem Land A, der dazu genutzt wird, ein neues Gut x zu produzieren. Nach einer gewissen Zeit entsteht auch in Land B ein Bedarf nach diesem Gut x, der jedoch nur durch Importe gedeckt werden kann. Dieser durch technologische Lücken des Landes B bedingte Außenhandel hält aber nicht lange an: Nach einer gewissen Reaktionszeit und einer Lernphase gelingt es Unternehmen in Land B Produkte zu imitieren und die Importe gehen zurück. Wieviel insgesamt importiert wird, hängt von der Dauer der Imitationsphase ab. China u.a. Länder. In China, Taiwan, Malaysia, Vietnam, Korea u.a. Ländern ist diese Imitation gelungen, jedoch nicht in Afrika. Vor allem NEL mit niedrigerem Pro-Kopf-Einkommen verfügen nicht über die erforderlichen technologischen Kompetenzen und Anpassungsfähigkeiten und geraten so ins Hintertreffen.

Dies demonstriert auch die Analyse hinsichtlich der Digitalisierung. Zwar hat Afrika in den letzten zehn Jahren sehr hohe Wachstumsraten in der Internetnutzung zu verzeichnen, bleibt aber noch weit hinter anderen Regionen zurück. Wie Banga, te Velde (2018) demonstrieren, nutzen in den untersuchten afrikanischen Ländern mit Ausnahme von Kenia immer noch sehr wenige Unternehmen überhaupt Internet. Gerade der Abstand zur OECD-Welt sowie auch den emerging economies wird eher größer als kleiner. Dies hat u.a. auch mit den hohen Kapitalkosten für die digitale Entwicklung zu tun. Die Reduzierung der digitalen Lücke kann dazu beitragen, dass Unternehmen verstärkt in Afrika investieren und das lokale Unternehmertum sich durch die digitale Revolution neue Unternehmensfelder erschließt. Soweit ist es nicht in der Mehrheit der afrikanischen Länder, weil die Voraussetzungen für die Industrialisierung fehlen oder nur schwach entwickelt sind, wie eine ausreichende Infrastruktur, die Kompetenzniveaus von Unternehmen und Arbeitskräften und ein wettbewerbsfähiger afrikanischer Mittelstand (vgl. Kappel, Pfeiffer, Reisen 2017). Die meisten afrikanischen Unternehmen sind klein und informell und wachsen nicht.

Grafik 7: Durchschnittliche Internet-Penetration Afrika und Asien
Quelle: Banga, te Velde 2018.

Die Effekte der Roboterisierung in den OECD-Ländern und Chinas für die Entwicklung Afrikas lassen sich gegenwärtig nicht abschätzen. Es stellt sich die Frage, ob der Industrialisierung Afrikas weitere Hürden entgegen stehen, wenn die Roboterisierung dazu führt, dass arbeitsintensive Industrien nicht mehr nach Asien oder nach Afrika verlagert werden, sondern in Europa verbleiben oder gar in die EU zurückverlagert werden. Um dies einschätzen zu können, wäre es hilfreich, sich die Produktivitätsentwicklung in Afrika anzuschauen.

Dani Rodrik (2013) geht davon aus, dass es in der verarbeitenden Industrie zu einer nicht-konditionierten Konvergenz der Arbeitsproduktivitäten komme. D.h. jene Länder, die sich weiter weg von der “Frontier” befinden, können schneller wachsen und einen catching-up-Prozess in Gang setzen. Dies hat damit zu tun, dass die verarbeitende Industrie abhängig von jenen Handelsgütern ist, die es den Ländern erlaubt, sich in globale Netzwerke einzuklinken, um Technologietransfers realisieren zu können. Ob es absolute Konvergenz der Arbeitsproduktivitäten geben kann, lässt sich mit der folgenden Formel zum Wachstum der Arbeitsproduktivitäten demonstrieren

Wa APt = α + β (Log (AP)t-1 + ui

wobei Wa = Wachstum; AP = Arbeitsproduktivität. Die abhängige Variable ist das Wachstum der AP. Die Auswertungen von Gelb et al zeigen nun, dass es bei einem negativen Wert von β zu Konvergenz der AP kommt, d.h. einige afrikanische Länder schaffen es, die Arbeitsproduktivitäten zu erhöhen. Aber ob diese ausreichen, um auch industriell stärker zu wachsen, hängt von einer Reihe von Bedingungen ab. Zudem tritt der Fakt auf, dass Industrieinvestitionen aufgrund von Produktivitätswachstum bei weitem weniger Arbeitsplätze schaffen als in den vorherigen Jahrzehnten. D.h. selbst bei Industrieinvestitionen großen Ausmaßes bleibt die Nachfrage nach Jobs zurück, wie Joseph Stiglitz vermerkte (https://www.moneyweb.co.za/news/economy/stiglitz-the-east-asian-miracle-cant-be-repeated-in-sa/). D.h. Konvergenz der Arbeitsproduktivitäten bedeutet nicht unbedingt mehr Arbeitsplätze.

Grafik 8: Unkonditionierte Konvergenz der Arbeitsproduktivitäten der verarbeitenden Industrie, 1991-2002 und 2002-2103
Quelle: Banga, te Velde 2018.

Wenn die Kapitalkosten ansteigen, werden afrikanische Länder es schwerer haben werden, in neue Technologie zu investieren, denn diese ist teuer. Als Resultat ergibt sich daraus, dass afrikanische Länder sich auch nicht leicht digitalisieren können und damit aus globalen Wertschöpfungsketten ausgeschlossen werden bzw. erst gar nicht eintreten können. Fallen hingegen die relativen Kapitalkosten (im Verhältnis zu den Arbeitskosten), dann könnte es auch zu einer Relokalisierung der Produktion von Fertigwaren in Richtung der OECD-Welt kommen, so dass Afrikas Möglichkeiten für Industrialisierung und damit Konvergenz eindeutig eingeschränkt werden.

Globalisierung verstärkt Asymmetrien

Afrikanische Unternehmen produzieren heute nicht mehr hinter Schutzmauern im eigenen Land, sondern stehen im Wettbewerb mit Produzenten aus aller Welt. Der Anwendung neuester Technologien, die prinzipiell einen Industrialisierungsschub herbeiführen könnte, sind durch steigende Kapitalkosten, durch mangelnde F&E sowie unterentwickeltes Humankapital Grenzen gesetzt. Investitionen in F&E könnten technologische Externalitäten hervorrufen, aber mit Ausnahme einiger weniger Länder (Südafrika, Marokko, Ägypten) sind die privaten wie staatlichen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung extrem niedrig.

Die Folgen dieses Zurückbleibens im globalen Wettbewerb sind vielfältig:

– Auslandsdirektinvestitionen in der verarbeitenden Industrie Afrikas bleiben gering,

– Fertigwarenexporte sind kaum von Bedeutung und der afrikanische Anteil daran ist eher gefallen als gestiegen (Grafik 9). Hohe Handels- und Transportkosten (Häfen, Landverkehr), hohe nicht-tarifäre Handelsbarrieren in Afrika, der EU, den USA und China schränken die Exportmöglichkeiten ein.

– der intra-afrikanische Handel bleibt durch hohe Transportkosten, hohe informelle Barrieren und nicht-komplementäre Märkte vorerst begrenzt (und damit ausbaufähig, wie die Beschlüsse zur Schaffung einer intra-afrikanischen Freihandelszone der Afrikanischen Union zeigen).

– die Bedingungen für Wachstum der lokalen Industrie sind stark eingeschränkt, Unternehmen sind meist klein, ein Mittelstand beginnt erst allmählich zu entstehen.

– afrikanische Unternehmen sind in globale wie regionale Wertschöpfungsketten kaum eingebunden.
– Die Industrialisierung in Sonderwirtschaftszonen kann kaum ein Allheilmittel für die meisten Länder sein, da meist die Voraussetzungen für erfolgreiches Agieren fehlen.
– Es bedarf also möglicherweise eines Weg jenseits der Investitionen in der verarbeitenden Industrie mit niedrig qualifizierten Jobs und stattdessen der Qualifizierung von Jobs im Dienstleistungssektor, wie Andy Sumner (2018) nahelegt.

Grafik 9: Weltmarktexportanteile Afrikas bei Fertigwaren, in%

Ein Durchbruch in der Industrieentwicklung Afrikas ist mittelfristig kaum zu erwarten. Afrika hat sich sogar de-industrialisiert. Die meisten kleinen Länder, die Binnenstaaten und die fragilen Staaten werden weder genügend Direktinvestitionen aus dem Ausland noch eine nennenswerte lokale Industrieentwicklung erwarten können, auch wenn sie Industriepolitik betreiben. Lediglich einige größere Mitteleinkommensländer, wie Äthiopien, Nigeria und Kenia, haben die Möglichkeit, zusätzlich zu Südafrika und Mauritius Industriekerne aufzubauen. Dies wird umso besser funktionieren, je stärker der lokale Mittelstand ist. Dieser wird eine zentrale Rolle für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung spielen. Ausländische Direktinvestitionen können komplementär vor allem eine Rolle für Technologietransfer durch die Integration lokaler Unternehmen in Wertschöpfungsketten spielen.

Schlussfolgerungen

Afrika differenziert sich weiter. Es gibt einige aufsteigende Länder, wie Äthiopien, Kenia, Ruanda und sowie einige Middle Income Countries wie Südafrika, Mauritius und Botswana, die konvergierten bzw. noch konvergieren und wenigstens den Anschluss halten. Die Mehrheit der Länder bleibt abgekoppelt, hat niedriges Wachstum und hohe Armut zu verzeichnen. Diese NEL verharren auf relativ stagnierendem Niveau (siehe Anhang Tabelle 1), was u.a. mit den in diesen Ländern besonders hohem Bevölkerungswachstum zu tun hat (siehe Anhang Grafik A). Es bildet sich ein Konvergenzclub von ca. zwanzig afrikanischen NEL. Es steht auch kaum zu erwarten, dass viele afrikanische Länder international wettbewerbsfähige Industrien hervorbringen können, was damit zu tun hat, dass das Produktivitätswachstum hinter dem anderer Regionen zurückbleibt und die globale Konkurrenz extrem hoch ist. In der digitalen Revolution und Roboterisierung hält Afrika kaum Anschluss.

Trotz der weitgehenden Öffnung der Märkte Afrikas hat sich der Außenhandel nicht vorteilhaft entwickelt. Noch immer gibt es starke Asymmetrien, die Diversifizierung im Außenhandel ist nur langsam vorangegangen, die Integration in Wertschöpfungsketten ist niedrig, so dass Wissens- und Technologiediffusion gegenwärtig allenfalls eine Randrolle einnehmen, bedingt u.a. auch dadurch, dass die afrikanischen Bildungsanstrengungen und Forschungsaktivitäten gegenüber anderen Regionen zurückbleiben. Ein innovatives Afrika besteht nur in Ansätzen, die Fähigkeiten erfolgreiche Länder zu imitieren und Wachstumserfolge durch den Import moderner Güter zu nutzen, um Innovationen in lokalen Unternehmen hervorzurufen, stehen am Anfang. Die start-up-Szene ist meist im Aufbau begriffen und nur wenige Länder weisen hier Durchbrüche auf (Südafrika, Kenia und Nigeria bspw.). Nur mit deutlicher produktiver Diversifikation kann ein Prozess des Aufholens in Gang gesetzt werden.

Das Abgehängtsein vom technologischen Fortschritt, der in Europa, den USA, Japan, China usw. extrem schnell ist und das Hinterherhinken im Produktionszyklus sowie den zugleich hohen Transport- und Handelskosten, die durch die schwache Infrastruktur (Straßen, Elektrizität) und die vergleichbar niedrigen Kompetenzgrade der Unternehmen (zumeist informeller Sektor) hervorgerufen werden, erschwert den Aufholprozess. Für die NEL ist dieser in weite Ferne gerückt.

Die Konsequenz könnte sein, sich auf die endogenen Entwicklungspotentiale zu fokussieren, die durch vernünftige Schutzmaßnahmen und Anreizsysteme durch einen Entwicklungsstaat entfaltet werden können. Dies ist umso dringlicher, als der Protektionismus der USA, auch Chinas, der Europäischen Union und anderer OECD-Länder sowie der emerging economies kaum eine Perspektive durch Integration bietet, da die ökonomischen Machtkonstellationen (große multinationale Konzerne, Staatssubventionen in der OECD-Welt) offenbar zu Exklusion und nicht zu Inklusion und Konvergenz führen. Asymmetrien zwischen den führenden Länder und Afrika verstärken sich, Abkopplungsprozesse technologischer Art vertiefen sich, so dass das Postulat „endogener Entwicklung“ durch selektive Abkopplungmaßnahmen, wie bspw. von Dieter Senghaas, Justin Lin und Dani Rodrik beschrieben, wieder neu belebt werden sollte. Afrika benötigt einen anderen Entwicklungsweg als den der nachholenden Entwicklung. Das weitgehende Ausbleiben der Konvergenz für die NEL erfordert geradezu eine Abkehr von den wenig erfolgreichen Wegen der Vergangenheit. Denn nicht nur hat der Kolonialismus seine Mission nicht erfüllt, auch der Post-Kolonialismus hat bewiesen, dass seine Segnungen nicht den Beitrag geleistet haben, den er versprach. Mit Auflagen des IWF, mit Weltbank-Konditionalitäten, mit Blauhelmen, den „diversen Konditionen der Entwicklungszusammenarbeit“ (Menzel 2010: 155) hat sich trotz aller gegenteiligen Rhetorik ein Szenario von Patrimonialismus ausgebreitet, dem die OECD-Welt und auch einige der emerging economies anhängen.

Die Diskussionen innerhalb Afrikas, sich auf die eigenen Kräfte zu besinnen, die Integration innerhalb Afrikas voranzubringen, die Asymmetrien abzuschütteln und das Aufbegehren von Intellektuellen und Zivilgesellschaften zeigen den neu erwachten Sinn für ein anderes Modell als das des Aufholens.

Literatur

Addison, Tony, Ville Pikkarainen, Risto Rönkkö und Finn Tarp (2017), Development and Poverty in sub-Saharan Africa, Helsinki: WIDER WP 169.

Banga, Karishma und Dirk Willem te Velde (2018), Digitalisation and the Future of Manufacturing in Africa, London: SET.ODI Working Paper 3. https://set.odi.org/wp-content/uploads/2018/03/SET_Digitalisation-and-future-of-African-manufacturing_Final.pdf

Bhorat, Haroon und Finn Tarp (2016), Africa’s Lions: Growth Traps and Opportunities for Six African Economies. Washington, DC: Brookings Institution Press.

Djennas, Mustapha und Belkacem Ferouani (2014), Growth and Income Convergence in Africa, in: Journal of Economics and Development Studies 2, 4: 63-76.

Hansohm, Dirk und Robert Kappel (1993), Schwarz-weiße Mythen. Afrika und der entwicklungspolitische Diskurs, Münster.

IMF (2018), Regional Economic Outlook: Sub-Saharan Africa, Washington, D.C. http://www.imf.org/en/publications/reo/ssa/issues/2018/04/30/sreo0518

Hufbauer, Gary (1970), The Impact of National Characteristics and Technology on the Commodity Composition of Trade in Manufactured Goods, in Raymond Vernon (ed.), The Technological Factor in International Trade, New York.

Kappel, Robert und Helmut Reisen (2017), The G20 Compact with Africa is Unsuitable for African Low-income Countries, Berlin: FES. http://library.fes.de/pdf-files/iez/13441.pdf

Kappel, Robert, Birte Pfeiffer und Helmut Reisen (2017), Compact with Africa: fostering Private Long-term Investment in Africa, Bonn: DIE Working Paper 13/2017. https://www.die-gdi.de/uploads/media/DP_13.2017.pdf

Prichett, Land (1997), Divergence, big time, in: Journal of Economic Perspectives 11, 3: 3-17.

Ranjbar, Omid, Chien‐Chiang Lee, Tsangyao Chang und Mei‐Ping Chen (2014), Income Convergence in African Countries: Evidence from a Stationary Test With Multiple Structural Breaks, in: South African Journal of Economics, 82, 3: 371-391. https://doi.org/10.1111/saje.12036.

Reisen, Helmut und Michael Stemmer (2018), Die drei Phasen des China-Schocks; Blog Ökonomenstimme 30.4.2018. http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2018/04/die-drei-phasen-des-china-schocks/

Rodrik, Dani (2013), Unconditional Convergence in Manufacturing, in: Quarterly Journal of Economics 128, 1: 165-204.

Senghaas, Dieter (1982), Von Europa lernen, Frankfurt/Main.

Solow, Robert (1956), A Contribution to the Theory of Economic Growth, in: Quarterly Journal of Economics 70: 65–94 (doi:10.2307/1884513).

Sumners, Andy (2018), What is premature deindustrialisation and does it matter? London: GPID, https://www.gpidnetwork.org/wp-content/uploads/2018/03/Brief_9.pdf

Xu, Jiajun, Stephen Gelb, Jiewei Li und Zuoxiang Zhao (2017), Adjusting to Rising Costs in Chinese Light Manufacturing. What opportunities for developing countries?, London: ODI, SET Survey. https://set.odi.org/wp-content/uploads/2017/12/SET_Survey-report_Chinese-manufacturing_Final.pdf

 

Anhang

Grafik 1: Bevölkerungswachstum und Pro-Kopf-Einkommen


Quelle: Djennas, Mustapha und Belkacem Ferouani (2014), Growth and Income Convergence in Africa, in:Journal of Economics and Development Studies 2, 4: 75.

Tabelle 1: Afrika – Niedrigeinkommens- und Mitteleinkommensländer, 1987-2016

Quelle: World Bank Analytical Classifications, www.siteresources.worldbank.org/DATASTATISTICS/Resources/OGHIST.xls

[1] Zustand einer Wirtschaft, bei dem alle ökonomisch relevanten Größen, wie Konsum, Investitionen, Arbeitsmenge, im Zeitablauf relativ zueinander konstant sind oder mit derselben Rate wachsen (stetiger Entwicklungspfad).

 

Zur Not Europa

11. Mai 2018 - 16:15

Gastbeitrag von Theo Rauch, 11.5.2018

Zur Not Europa
Notwendigkeit, Möglichkeiten und Grenzen einer Bekämpfung von Migrationsursachen in Sub-Sahara Afrika

Werden immer mehr Afrikaner sich auf den Weg nach Europa machen, sobald die EU sich im Sinne einer liberalen, humanitären Einwanderungspolitik gegenüber den Menschen auf unserem Nachbarkontinent öffnet? Viele Bewohner Europas befürchten das. Einige Wissenschaftler, unter ihnen renommierte Afrikakenner und Migrationsfachleute (Kappel 2018, Oltmer 2015) bezweifeln das. Sie verweisen auf die vergleichsweise bescheidenen Zahlen der in den vergangenen Jahren an Europas Küsten angekommenen Afrikaner (weniger als 10% der Zuwanderer in die EU 2015 kamen aus Afrika südlich der Sahara), auf deren Präferenz zugunsten heimatnaher afrikanischer Zielregionen und auf Anzeichen für eine bessere wirtschaftliche Zukunft Afrikas. Handelt es sich bei diesen Entwarnungssignalen um mehr als um zweckoptimistische Beruhigungspillen gegen rechte Panikmache?

Es geht hier um Prognosen, d.h. Voraussagen über zukünftiges menschliches Verhalten unter nicht hinreichend bekannten Bedingungen. Dabei handelt es sich um ein für Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften unsicheres Terrain. Die verfügbaren Fakten taugen als Indizien – nicht mehr und nicht weniger. Vorsicht ist also geboten. Zweifel sind angebracht. Dieser Beitrag will zeigen, welche Fakten, sprich Indizien, dafürsprechen, dass in Zukunft mehr Menschen aus Afrika ihre Chance in Europa suchen werden, sofern ihnen das nicht durch eine restriktive Einwanderungspolitik seitens der EU verweigert wird. Der Fokus liegt dabei auf Arbeitsmigration, wenngleich diese nicht immer eindeutig von Flucht im engeren Sinn, also politisch oder kriegsbedingter Migration zu unterscheiden ist.

Fünf Argumente für die Hypothese, dass Afrikaner weiterhin und zunehmend ihr Glück in Europa suchen werden (vgl. Reisen 2017):

  1. Migrationskosten: Der Verweis auf die bisher niedrigen Zahlen afrikanischer Migranten in Europa ist kein überzeugender Beleg für eine geringe Migrationsneigung oder dafür, dass Europa für Afrikaner kein attraktives Migrationsziel sei. Angesichts der massiven Barrieren der „Festung Europa“ sind derzeit die Migrationskosten – nicht nur monetär, sondern auch in Form von Zeitaufwand, Kraftanstrengung und Risiken – extrem hoch. Sie beziffern sich bei Wahl des informellen Weges über das Mittelmeer auf mehrere Tausend Euro pro Person, auf monatelange, z.T. mehrjährige Reise- und Wartezeiten, auf ein Todesfallrisiko von über 5% und ein sehr hohes Risiko des Misserfolgs. Eine Legalisierung der Einwanderung würde allein die monetären Kosten auf einige hundert Euro, den Zeitaufwand auf wenige Tage, das Überlebensrisiko auf nahe Null senken. Bliebe das Risiko des ökonomischen Scheiterns, welches gemessen an jenem in afrikanischen Großstädten sich wohl nicht verschärfen würde. Angesichts des nachgewiesenen Einflusses der Migrationskosten auf Migrationsfähigkeit und -neigung (Collier 2016) liegt die Hypothese nahe, dass eine deutliche Reduzierung der Kosten die Entscheidung zugunsten einer Migration und deren Realisierung positiv beeinflussen wird.
  2. Arbeitsmarkt: Trotz eindrucksvoller Raten des Wirtschaftswachstums von mehr als 5 % bleibt der Zuwachs an Beschäftigungsmöglichkeiten in Subsahara Afrika weit hinter dem Zuwachs des Arbeitskräfteangebots zurück. Jährlich 15 Millionen zusätzlichen jungen Arbeitssuchenden stehen gerade einmal 2 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze gegenüber (Losch et al 2012). Sind auch in diesen Zahlen die informellen Einkommensmöglichkeiten nicht berücksichtigt, so ist zu berücksichtigen, dass etwa 70 % dieser informellen wirtschaftlichen Tätigkeit extrem unproduktiv (und entsprechend schlecht vergütet) und unsicher sind (Haggeblade et al. 2010). Man kann also davon ausgehen, dass zur ohnehin großen Zahl von Unterbeschäftigten jährlich 10 Millionen junge Arbeitsuchende hinzukommen. Die Hoffnungen auf einen Strukturwandel in Afrika, der zu einer Zunahme von außerlandwirtschaftlichen Einkommensmöglichkeiten führen könnte erweisen sich als trügerisch. Wächst auch der Anteil der städtischen Bevölkerung, so bleibt doch die Dynamik der nicht-landwirtschaftlichen Sektoren sehr bescheiden (Döver/Kappel 2015; Rauch et al. 2016).
  3. Migrationskultur: Unabhängig von individuellen Präferenzen für ein Leben in der Heimat, in der Stadt oder in der Fremde hat sich im postkolonialen Afrika eine ausgeprägte Migrationskultur im Rahmen eines ökonomischen Zwangs zu translokalen Familienstrukturen herausgebildet. Junge Menschen, insbesondere Männer, in dörflichen Haushalten sind gefordert, ihre Existenz zumindest temporär selbst zu sichern und möglichst auch zum Familieneinkommen beizusteuern. Über 50 % der ländlichen Bevölkerung leben in translokalen Haushalten, während ca. 70% der Stadtbewohner noch Teil dörflich -städtischer Existenzsicherungsgemeinschaften sind (Steinbrink 2017). Meist liegt das daran, dass weder die Landwirtschaft allein, noch die städtischen bzw. nicht-landwirtschaftlichen Einkommensquellen allein zum Überleben reichen. Gehen wir von etwa 100 Millionen ländlichen Haushalten (FAO 2014) mit durchschnittlich je einem migrierendem Haushaltsmitglied aus, so kommen wir auf eine grob geschätzte Größenordnung von 100 Millionen migrationsbereiten bzw. migrationserfahrenen Afrikaner, die zumindest temporär Einkommenschancen anderswo zu nutzen bereit sind. Der Großteil dieser Migrationsbereitschaft ist der Not geschuldet (Steinbrink 2017), der kleinere Teil der Suche nach neuen Möglichkeiten auf einer einigermaßen gesicherten Existenzgrundlage. Gute Gründe also, die Migrationsbereitschaft der Afrikaner – bei aller Präferenz für ein Leben in der Heimat – nicht zu unterschätzen.
  4. Migrationsziele: Es deutet vieles darauf hin, dass afrikanische Migranten die räumliche und kulturelle Nähe zu ihrer Herkunftsregion schätzen. Auch erfolgreiche Migranten kehren gerne im fortgeschrittenen Alter in die Heimat zurück, um dort mit dem Ersparten eine Farm zu eröffnen. Die innerafrikanischen Destinationen verfügen aber über eine begrenzte Absorptionskapazität und eine sehr selektive Absorptionsbereitschaft. Selbst in wirtschaftlich boomenden Ländern wie Südafrika und Süd-Nigeria gibt es viele unterbeschäftigte arme Bevölkerungsgruppen, die sich in Konkurrenz zu den meist niedriger entlohnten Zuwanderern sehen. Gewaltsame Konflikte und Massenausweisungen sind oft die Folge. Die etwa 30.000 in Guangzhou -meist ohne Aufenthaltsgenehmigung auf Basis eines Touristenvisums – lebenden afrikanischen Händler und Gewerbetreibenden sind kein Indiz für eine zunehmende Attraktivität Chinas für Arbeitsmigranten, sondern Manifestation eines afrikanischen Handelsstützpunktes auf dem chinesischen Festland (Böhm 2017).
  1. Kaskadenmigration: Die Migrationsforschung hat empirische Belege dafür geliefert, dass die Migrationsentfernung von Migrant mit deren Einkommensniveau steigt (z.B. Thieme 2006 am Beispiel Nepal). Nach Europa kommen also nicht die extrem Armen, sondern aufgrund der höheren Migrationskosten nur die etwas bessergestellten Schichten. Demzufolge würde eine erfolgreiche armutsmindernde Entwicklungspolitik nicht Migrationsursachen bekämpfen, sondern sogar Menschen erst die Möglichkeit zur Migration nach Übersee verschaffen (Asche 2016). Dieses Argument übersieht jedoch das Migrationssystem als Ganzes, das gekennzeichnet ist durch das Phänomen stufenweiser Migration: Die ganz Armen wandern vom Dorf in die nächste Stadt. Dort erhöht sich – bei begrenzten wirtschaftlichen Chancen – der Migrationsdruck auf die bereits über etwas größere Migrationspotenziale verfügenden Stadtbewohner. Diese begeben sich auf die Suche nach besseren Möglichkeiten, z.B. im wirtschaftlich dynamischeren Nachbarland. Kämpfen dort zu Viele um begrenzte Einkommensmöglichkeiten, wächst der Druck, den Sprung hin zu überseeischen Destinationen zu wagen. Diese Kombination von sich räumlich fortpflanzendem Migrationsdruck und wachsenden Migrationspotenzialen führt tendenziell dazu, dass mangelnde Existenzmöglichkeiten für die Armen in den Dörfern sich kaskadenförmig auch auf interkontinentale Migrationsströme auswirken. Umgekehrt gilt: Armutsminderung in den Herkunftsregionen der Armen kann den Migrationsdruck im Gesamtsystem zu reduzieren.

Diese auf Indizien basierenden Argumente bieten keinen Anlass zur Befürchtung, dass nach einem Abbau der Festung Europa anderntags 100 Millionen migrationsbereite Afrikaner für ein Arbeitsvisum für Europa Schlange stehen werden. Sie mahnen aber zur Skepsis gegen Einschätzungen, die den ökonomischen Migrationsdruck und die daraus resultierende Migrationsneigung südlich der Sahara unterschätzen. Wunschdenken ist keine angemessene Antwort auf rechtspopulistische Panikmache und entsprechende Mauerbauphantasien. Eine gleichermaßen humanistische wie realistische Einwanderungspolitik muss der fortwährenden ökonomischen Existenznot in großen Teilen Afrikas und dem daraus resultierenden Bestreben zum Aufbau translokaler (notfalls auch interkontinentaler) Überlebenssysteme Rechnung tragen. Hierzu gehört die Notwendigkeit einer bei den Nöten der Menschen ansetzenden Migrationsursachenbekämpfung. Jobs bzw. Existenzmöglichkeiten in den Herkunftsregionen zu schaffen durch eine fairere Handelspolitik, eine beschäftigungsförderliche (statt -vernichtende) Investitionssteuerung, eine arbeitsmarktorientierte Infrastrukturpolitik und eine armutsmindernde Entwicklungspolitik sind Antworten auf diese Herausforderung (Rauch 2017). Eine weitere Antwort könnte darin liegen, dem Streben vieler Afrikaner nach temporären Erwerbsmöglichkeiten jenseits der Landesgrenzen durch Schaffung von Angeboten für temporäre Wanderarbeit vor allem für gering Qualifizierte entgegenzukommen. Niedrigschwelliger, legaler und zeitlich befristeter Zugang zu europäischen Arbeitsmärkten für Viele anstelle eines teuren, gefährlichen, illegalen und dauerhaften Zugangs für die Wenigen, die stark genug sind, die Festungsgräben zu überwinden – das sollte das Motto für die zu führenden Debatten um eine gleichermaßen humanistische wie realistische Migrationsursachenbekämpfungs- und Einwanderungspolitik sein.

Literatur

Asche, H. 2017: Die wahren Gründe des Exodus, in TAZ 20.9.2016, http://www.taz.de/!5335468/.

Böhm, A. (2017): Das Ende der westlichen Weltordnung. München.

Collier, P. (2014): Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen. München.

Haggeblade, S. (2010): The rural non-farm economy. Prospects for growth and poverty reduction. In: World Development 38(10).

Döver, M. und Kappel, R. (2015): Hürden für die Industrialisierung in Afrika, Hamburg: GIGA Focus Afrika 7, 2015, https://www.subsahara-afrika-ihk.de/wp-content/uploads/2015/12/gigafocus_afrika_1507.pdf

Kappel, R. (2018): Kommen immer mehr Afrikaner nach Europa? Blog weltneuvermessung.wordpress.com/2018/02/01/kommen-immer-mehr-afrikaner-nach-europa-china-betreibt-eine-erfolgreiche-migrationspolitik-mit-afrika-und-europa-nicht/

Losch, B. et al (2012): Structural transformation and rural change revisited: Challenges for late developing countries in a globalizing world. World Bank. Washington D.C.

Oltmer, J. (2015): Zusammenhänge zwischen Migration und Entwicklung. Welthungerhilfe / Terre des Hommes: Zur Zukunft der globalen Entwicklung. Bonn.

Rauch et al. (2016): Ländlicher Strukturwandel in Subsahara Afrika. SLE Discussion Paper 01/2016. Berlin.

Rauch, Th. (2017): Can development cooperation help reduce international labour migration? In: Rural 21, 4/2017.

Reisen, H. (2017): Helmut Reisen (2017): Migrationspartnerschaft, Blog Weltneuvermessunf, weltneuvermessung.wordpress.com/2017/08/29/migrationspartnerschaft/

Steinbrink, M. (2017): Translokale Livelihoods und ländlicher Strukturwandel in Subsahara Afrika. SLE Discussion Paper 01/2017.

Thieme, S. (2006): Social Networks and Migration: Far West Nepalise Labour Migrants in Delhi. Münster.

Professor Dr. Theo Rauch ist Dipl. Volkswirt und Honorarprofessor am Zentrum für Entwicklungsländer-Forschung des Geographischen Instituts der FU Berlin. Er hat im Rahmen eines BMZ-finanzierten Forschungsprojektes des Seminars für Ländliche Entwicklung (HU Berlin) an einer Studie zum Ländlichen Strukturwandel in Subsahara Afrika mitgearbeitet und war seit 1977 über viele Jahre in der entwicklungspolitischen Praxis im Bereich der ländlichen Entwicklung in verschiedenen afrikanischen Ländern tätig. Siehe auch Blogbeitrag von Theo Rauch auf Weltneuvermessung: weltneuvermessung.wordpress.com/2017/05/17/investitionen-per-se-schaffen-keine-jobs/

 

Siehe andere Beiträge auf Weltneuvermessung zu Migration und Flucht:

Robert Kappel (2018): Kommen immer mehr Afrikaner nach Europa? weltneuvermessung.wordpress.com/2018/02/01/kommen-immer-mehr-afrikaner-nach-europa-china-betreibt-eine-erfolgreiche-migrationspolitik-mit-afrika-und-europa-nicht

Helmut Reisen (2017): Migrationspartnerschaft, weltneuvermessung.wordpress.com/2017/08/29/migrationspartnerschaft/

Helmut Reisen (2016): Jobs für Afrikas Jugend, weltneuvermessung.wordpress.com/2016/10/08/jobs-fuer-afrikas-jugend/

 

 

 

Die drei Phasen des ´China-Schocks´

19. April 2018 - 17:10

Helmut Reisen & Michael Stemmer*

Der steigende Lebensstandard, der mit der Eröffnung Chinas in den 1980er Jahren einherging, unterstützte zunächst die Ansicht, dass der Handel ein wichtiger Motor für das Wirtschaftswachstum im Norden und Süden ist. Die Verschlechterung der Austauschraten von China bis 2005 zeigte, dass die chinesischen Exporte die Welt besser stellten, indem sie die Kaufkraft der Handelspartner erhöhten. Verbesserungen in der Auswahl und Qualität der Produkte, eine größere technologische Dynamik, verbesserte Unternehmenserträge, eine größere Nachfragebasis und billigere Konsumgüter – all diese Faktoren haben zu erheblichen Wohlfahrtsvorteilen auch in den OECD-Staaten geführt.

Der Aufstieg Chinas hat sich in den 2000er Jahren als Segen für die Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen erwiesen, von dem sowohl Rohstoffexporteure als auch Nicht-Rohstoffländer profitieren konnten. Infolgedessen ist der Einfluss des chinesischen Wachstums auf die Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen deutlich gestiegen, während der Einfluss der OECD-Länder deutlich zurückgegangen ist.

Der ´China-Schock´

Zunehmend wird China vom Westen als Bedrohung empfunden. Im Gegensatz zur herkömmlichen Einschätzung der Globalisierung als Win-Win-Situation konzentrieren sich aktuelle Studien zum „China-Schock“ auf die arbeitsplatzmindernde Wirkung der steigenden Importe aus China. Sie deuten darauf hin, dass China die Armut in den fortgeschrittenen Ländern, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, erhöht haben könnte. So wird allgemein angenommen, dass der Verlust von Arbeitsplätzen in der US-Fertigungsindustrie den Sieg von Donald Trump bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen erheblich begünstigt hat.

Der frühere Mainstream-Konsens, dass der Außenhandel in der Theorie negative Verteilungseffekte haben könnte, in der Praxis aber relativ gutartig und reibungslos sei, wurde nicht nur durch US-Befunde in Frage gestellt[1]. Colantone & Stanig (2018)[2] beschäftigen sich mit dem Schock der steigenden Importe aus China in den letzten drei Jahrzehnten als struktureller Treiber der unterschiedlichen Wirtschaftsleistung in den britischen Regionen. Sie finden, dass die Unterstützung für die Leave-Option im Brexit-Referendum in den von der chinesischen Importkonkurrenz stärker betroffenen Regionen systematisch höher war. Das deutsche verarbeitende Gewerbe hat im Gegensatz zu den Erfahrungen der USA und einiger europäischer Länder per Saldo von einem steigenden Handelsvolumen mit China (und Osteuropa) profitiert. Aber auch auf den deutschen regionalen Arbeitsmärkten gab es Verlierer: das Ruhrgebiet, die Pfalz und Oberfranken[3].

Autor, Dorn & Hanson (2016) zeichnen in „The China Shock“ die erheblichen Anpassungskosten und Verteilungsfolgen des Handels nach, die am deutlichsten auf den lokalen Arbeitsmärkten zu erkennen sind, in denen sich die dem ausländischen Wettbewerb ausgesetzten Branchen konzentrieren. Der lokale Arbeitsmarkt passt sich nur langsam an, die Löhne und Erwerbsquoten bleiben gedrückt und die Arbeitslosenquoten mindestens ein ganzes Jahrzehnt nach Beginn des  ´China-Schocks´ hoch. Dadurch erleiden exponierte Arbeitnehmer ein geringeres Lebenseinkommen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Politik in den fortgeschrittenen Ländern eine Reihe von Maßnahmen ergreifen muss. Es reicht nicht, die Verlierer des ´China-Schocks´ zu entschädigen, nötig sind auch eine aktive Arbeitsmarkt- und ortsbezogene Regionalpolitik[4].

Die  Literatur über den ´China-Shock´ suggeriert keinen Protektionismus, aber sie birgt die Gefahr des Missbrauchs. Zunächst ist festzuhalten, dass die Arbeitslosigkeit in bestimmten Sektoren oder Regionen der OECD-Länder zu einem großen Teil auf technologische Veränderungen und nicht auf den Handel zurückzuführen ist. Allerdings sind die beiden Ursachen nicht immer leicht von einander zu unterscheiden. In den OECD-Ländern betreffen sowohl die Globalisierung als auch der technologische Wandel eine oft von der Industrie geprägte Mittelschicht, die ihre guten Arbeitsplätze verloren hat oder Angst vor drohenden Arbeitsplatzverlusten hat.

Die Arbeitsplatzverluste durch den Importwettbewerb allein geben jedoch nicht das vollständige Bild wieder. Feenstra, Ma und Xu (2017)[5] zeigen, dass die Nettoeffekte im verarbeitenden Gewerbe zwischen 1991 und 2007 zwar negativ waren, für einen längeren Beobachtungszeitraum (1991-2011) jedoch ausgeglichen. Der damit indizierte positive Netto-Job-Effekt besteht für die USA sogar seit 2009, wie Daten des US Bureau of Labor Statistics[6] zeigen.

Die drei Phasen der China-gestützten Globalisierung

 Was bei der Analyse der Globalisierung oft übersehen wird: Der Aufstieg der Schwellenländer durchläuft drei unterschiedliche Phasen. Die Politik riskiert, auf die Vorteile des wirtschaftlichen Aufschwungs Asiens zu verzichten, weil sie vor allem auf die erste Eröffnungsphase der 1980/90er Jahre reagiert, die für die Globalisierungsverlierer langfristige Kosten verursacht hat. Wichtige Lohn- und Preistrends kehren sich jedoch derzeit durch Veränderungen im globalen Arbeitsangebot und durch Chinas schnellen Übergang zu einer neuen Normalität um.

Die erste Phase des ´China-Shocks´ in den 1980er und 1990er Jahren ging einher mit niedrigem Lohndruck und höheren Kapitalerträgen in den OECD-Ländern. Die Öffnung Chinas, Indiens und des ehemaligen Sowjetblocks hatte die Zahl der gering qualifizierten Arbeitskräfte praktisch über Nacht verdoppelt. Die Form und Geschwindigkeit der Integration der bevölkerungsreichen Schwellenländer in die Weltwirtschaft hing dann wesentlich von der Verlagerung von Arbeitskräften aus ländlichen Gebieten mit geringer Produktivität in städtische Sektoren mit hoher Produktivität ab. Die Weltwirtschaft sah sich für eine Weile mit einem unbegrenzten Arbeitsangebot zu Löhnen unweit des Existenzminimums konfrontiert. Wie vom Stolper-Samuelson-Theorem vorhergesagt führte der Arbeitsangebotsschock zu einem Preisverfall bei lohnintensiven Gütern, der zu einer Verringerung des Gleichgewichtslohns, oder bei geringer Lohnflexibilität zu Arbeitsplatzverlusten, führte.

Die zweite Phase des ´China-Shocks´, von Chinas WTO-Beitritt 2001 bis zur Globalen Finanzkrise 2008/9, war geprägt von einem raschen Aufholprozess der armen Länder, der vor allem auf ein zunehmend China-zentriertes Wachstum und auf höhere Rohstoffpreise zurückzuführen war. Während die Öl- und Metallproduzenten davon profitierten, erlitten die meisten OECD-Länder als Nettoimporteure von Rohstoffen Kaufkraftverluste. Als der Welthandel zunehmend unausgewogener wurde, wurde China als Währungsmanipulator und Prädator hervorgehoben. Die Deindustrialisierung in den USA wurde fälschlicherweise auf ihr Leistungsbilanzdefizit zurückgeführt. In den 2000er Jahren waren die Leistungsbilanzüberschüsse von rund 100 Ländern jedoch weitgehend auf das Spardefizit der USA zurückzuführen.

Die dritte Phase des ´China-Shocks´ hat seit der Krise 2008/09 eine Umkehr dieser Trends erlebt, da China seine Produktions- und Handelsstrukturen in Richtung Konsum, weg von Investitionen und Zwischenhandel, verändert. Da das Arbeitsangebot Chinas, vormals quasi unbegrenzt, weitgehend absorbiert wurde und die Bevölkerung rasch altert, und weil die Geburtenrate Indiens gesunken ist, hat das Wachstum der globalen Arbeit ihren Höhepunkt erreicht[7]. Eine sich verlangsamende Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird sich zunehmend in einer steigenden Bevölkerung der Mittelschicht widerspiegeln. Dies stimuliert den Teil des Welthandels, der durch einen höheren Konsum angeheizt wird, während der Handel mit Zwischenprodukten stagniert[8]. Da die chinesischen Löhne  sowohl in Dollar und Yuan rapide steigen (Abbildung 1), dürfte der Lohndruck in der OECD in Zukunft nachlassen.

 Abb. 1: Jährliche Durchschnittslöhne in Chinas Fertigungsindustrie, Yuan, 1978-2016

Quelle: CEIC Database.

 

Die Daten des US Bureau of Labor Statistics (Abbildung 2) zeigen Chinas deutlichen Fußabdruck auf das verarbeitende Gewerbe in den USA. Über vierzig Jahre, von der Eröffnung von Chinas Ende der 70er Jahre bis zur globalen Finanzkrise Ende der 2000er Jahre, verloren die USA Arbeitsplätze in der Industrie. Der Rückgang der Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe hat sich mit dem Beitritt Chinas zur WTO (2001) beschleunigt. Seit 2009 findet in den USA eine kleine Renaissance der Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe statt. Die negativen Verteilungseffekte des ´China-Shocks´ sind heute wahrscheinlich überwunden. Leider führt die Beschäftigung mit der Vergangenheit heute zu protektionistischen Maßnahmen einiger OECD-Länder. Diese werden nicht nur den Schwellenländern, sondern auch den OECD-Ländern selbst schaden, insbesondere wenn sie zu einem globalen Handelskrieg führen. Eine Einschränkung des Handels ist nicht die Antwort: Protektionismus schadet denjenigen, die er am meisten schützen soll.

 

Abb 2: Jobs in der US-Fertigungsindustrie, Millionen, 1975-2018

Quelle: US Bureau of Labor Statistics

 

*Helmut Reisen ist derzeit  Scientific Advisor und Michael Stemmer economist am OECD Development Centre, Paris. Dieser Blogpost ist Teil der laufenden Arbeit an den OECD Perspectives on Global Development 2019.

[1] David H. Autor, David Dorn, and Gordon H. Hanson (2016), “The China Shock: Learning from Labor-Market Adjustment to Large Changes in Trade”, Annual Review of Economics, Vol. 8, pp. 205–240.

[2] Italo Colantone & Piero Stanig (2018), „Global Competition and Brexit“,  American Political Science Review, 25 March.

[3] Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen & Jens Südekum (2017), “Trade and Manufacturing Jobs in Germany”, American Economic Review, Vol. 107, No. 5, May, pp. 337-42.

[4] Jens Südekum (2017), “Besser als das Arbeitslosengeld”, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23 September.

[5] Robert Feenstra, Hong Ma, and Yuan Xu (2017), “US Exports and Employment”, NBER Working Paper No. 24056.

[6] https://data.bls.gov/timeseries/CES3000000001 (abgerufen am 19. April 2018)

[7] Charles Goodhart and Manoj Pradhan (2017), “Demographics will reverse three multi-decade global trends“, BIS Working Paper No. 656, Bank for International Settlements.

[8] Francoise Lemoine and Deniz Unal (2017), “China’s Foreign Trade: A “New Normal”China & World Economy,  Vol. 25.2, pp. 1-21.

Chinas Belt and Road Initiative – Drei Gründe, warum sich der Westen damit anders beschäftigen sollte als bislang

2. April 2018 - 11:08

von Thomas Bonschab

 

Während des Wirtschaftsgipfels in Davos soll der Vorstandsvorsitzende von Siemens, Joe Kaeser, mahnend gesagt haben: „The China One Belt, One Road is going to be the new W.T.O. — like it or not“.[1] Es sind die Worte eines Industriekapitäns, der im transatlantischen Denken sein zu Hause hat und der vielen aus Politik und Wirtschaft aus der Seele zu sprechen scheint. Leben wir bald in einer neuen Welt nach chinesischen Regeln? In einer Welt, in der westlichen Staaten und Unternehmen bestenfalls eine Rolle in der zweiten Reihe zugestanden wird?

Solche und ähnliche Ängste sind kennzeichnend für die aktuelle Debatte um Chinas „Belt and Road Initiative“ (BRI). Viele im Westen haben noch immer Schwierigkeiten damit, China als maßgeblichen Akteur in das eigene Weltbild zu integrieren. Noch schwieriger scheint der Schritt zu der Erkenntnis, dass dieser neue Akteur mit anderen Methoden, Grundsätzen und Instrumenten verfährt als dies im Westen üblich ist.

Es mag in vielen Fällen daran liegen, dass zwei intellektuelle Welten aufeinander treffen. In der chinesischen Politik, wie auch in der chinesischen Bevölkerung zweifelt kaum jemand an der offiziellen Selbstdarstellung, dass es sich bei der BRI um ein friedvolles Angebot an die Welt handelt. Das Angebot eines Landes, das es selbst gerade aus der Armut geschafft hat und nun andere daran teilhaben lassen will. Viele im Westen hingegen sehen in dieser Politik nur eine knallharte geopolitische Strategie, dessen Umsetzung die eigene demokratische Wertevorstellung und den eigenen Wohlstand gefährdet.

Beide Darstellungen sind wenig hilfreich. Es würde vielen im Westen das Verständnis erleichtern, wenn China seinen globalen Gestaltungsanspruch hinter der BRI nicht kontinuierlich kleinredete. Zugleich wünscht man vor allem den vielen Transatlantikern im Westen einen Blick auf die offenkundigen Missstände des eigenen Globalisierungsmodells und auf die wirtschaftlichen und politischen Opportunitäten, die sich aus der BRI ergeben.

Für eine vernünftige Positionierung des Westens gegenüber der BRI sollten vor allem folgende drei Gesichtspunkte berücksichtigt werden:

1. Die BRI ist keine sorgfältig ausgearbeitete geopolitische Strategie der chinesischen Führung

Zu der Befürchtung, die chinesische Regierung verfolge einen geopolitischen Masterplan trägt sie selbst bei. Kaum eine Erläuterung der Initiative kommt aus ohne der üblichen unten stehenden Landkarte. Sie zeigt die historische Landwege und die maritimen Wege, die China mit weiten Bereichen Asiens und Europa in früheren Zeiten verbunden hat.

Quelle: MofCom (2016)

Die Darstellung macht das Projekt anschaulich, mit klaren Zielsetzungen und Routen. Sie stiftet aber, zumindest für westliche Beobachter, mehr Verwirrung als Aufklärung.

Das fängt schon mit den mehrfachen Namensänderungen an. Im Jahr 2013 als „Economic Belt along the Silk Road“ eingeführt, wurde noch im selben Jahr die „21st Century Maritime Silk Road“ ergänzt, die auch Länder Südostasiens und Nordafrikas einschließt. Daraus entstand der lange Zeit gebräuchliche Name „One Belt, One Road“. Die heute verwendete Formulierung lautet „Belt and Road Initiative“ – mit ausdrücklicher Betonung, dass es sich hierbei um keine „Strategie“ oder Agenda“ handelt.[2]

Mit den Namensänderungen hat sich auch die Liste der in der Initiative inbegriffenen Länder geändert. Längst losgelöst von der historischen Seidenstraße umfasst die Initiative heute auch Länder Zentralafrikas, Südeuropas und künftig wohl auch Lateinamerikas.[3]

Zudem ist für westliche Beobachter schwer zu bestimmen, welche Projekte genau unter der BRI zu erfassen sind. Aus den Dokumenten der chinesischen Regierung lässt sich zumindest keine klare Struktur entnehmen. Wer es dennoch versucht, muss damit umgehen können, dass gerne auf eine Reihe afrikanischer Infrastrukturprogramme verwiesen wird, die zu einer Zeit geplant und begonnen wurden, als noch lange nicht von der BRI (oder einem Vorgängernamen) die Rede war.

Mehrfache Namensänderungen, wechselnde regionale Umspannung, eine gewisse Sportlichkeit in der zeitlichen Zuordnung – das alles spricht nicht für eine sorgfältig ausgearbeitete Strategie. Zumindest nicht im westlichen Sinne.

Statt von einer Strategie sollte man lieber von einem offenen Prozess sprechen. Das entspräche auch einem vertrauten Muster, das bei allen – nationalen und internationalen – Veränderungsprozessen des Landes zu finden ist. Die globale Neuaufstellung Chinas folgt dem bewährten Prinzip „crossing the river by feeling the stones“. Ein Prozess des Herantastens und der kontinuierlichen Anpassung der Zielsetzungen und der Instrumente. Gerade weil bei diesem Vorgehen nichts strategisch in Stein gemeißelt zu sein scheint, ist es so wichtig, wie westliche Länder darauf reagieren und die BRI mitgestalten.

2. Die BRI bietet ein alternatives Modell für Globalisierung

Wenn die BRI keine Strategie im herkömmlichen Sinne ist, wie ist sie dennoch im globalen Kontext einzuordnen? Die chinesische Regierung gibt sich betont zurückhaltend. In keinem Fall soll der Eindruck erweckt werden, als verfolge China mit der BRI einen Systemexport oder gar das Ziel, die bestehenden, westlich geprägten, globalen Regeln zu ersetzen. Öffentliche Quellen sprechen lieber von der Bereitstellung eines „öffentlichen Gutes“ und einem „Win-Win-Angebot“ an die entsprechenden Länder.[4]

Auch diese Selbstdarstellung Chinas stiftet für westliches Verständnis mehr Verwirrung als Aufklärung. Vor allem vermittelt sie die BRI unter ihrem Wert, weil sie den Innovationscharakter für künftige Globalisierungsprozesse nicht herausstreicht. Sicher: Wie sehr die BRI tatsächlich neue Perspektiven für die wirtschaftliche und politische Integration der betroffenen Länder bieten kann, wird sich erst historisch zeigen. Hier als Beispiel nur einige Ansatzpunkte, die für eine künftige Beurteilung von Relevanz sein dürften:

  • Bislang scheint es, als würden die Infrastrukturmaßnahmen im Rahmen der BRI die Hauptursache der letzten westlich geprägten Wirtschaftskrisen vermeiden können. Investitionen in die Zielländer sind eher langfristig angelegt, in Vermeidung spekulativer Prozesse jenseits der Realwirtschaft. Die renommierten chinesischen Ökonomen Justin Yifu Lin und Yan Wang sprechen in diesem Zusammenhang vom komparativen Vorteil des „geduldigen Kapitals“, das in den Projekten eingesetzt wird.[5] Gelingt es der BRI besser als dem westlich geprägten Globalisierungsmodell, in den strukturschwachen Zielregionen der Realwirtschaft zu dienen?
  • Es sollte schon heute als eine Innovation gesehen werden, dass nennenswerte Kapitalinvestitionen und Technologieexporte in vielen der Zielländer der BRI überhaupt wieder möglich scheinen. Auf Dauer wird sich der Beitrag der BRI aber daran bemessen, ob es gelingt, den Ländern nicht nur die dringend erforderliche Infrastruktur zu bringen, sondern ob sie ihnen zugleich einen Ausweg aus den bestehenden globalen Zulieferketten bietet. Kann sie die internationale Arbeitsteilung zwischen Zentrum und Peripherie durchbrechen?
  • Voraussichtlich eine der zentralen Fragestellungen wird sich auf die Konfliktwirkung der BRI beziehen. Kann das Vorgehen Chinas als ein Entwicklungsmodell für islamische Länder wie Iran oder Pakistan dienen? Was werden die Effekte auf Terrorismus, Fremdenhass, ethnische Spannungen und autoritative Regime sein?

Es ist offensichtlich, dass China mit der BRI auch nationale Ziele verbindet, die ihren eigenen Interessen dienen und in Konkurrenz zu westlichen Interessen stehen. Hierzu gehören der Bau von Militärstützpunkten, der internationale Abbau von industriellen Überkapazitäten, die staatliche geförderte Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Firmen und vieles mehr. Über jeden dieser Punkte sollte man sich kritisch auseinandersetzen.

Für die zwei im Westen am häufigsten zu beobachtenden Reaktionen dürfte eine solche kritische Auseinandersetzung indes nur bedingt Substanz liefern. Schon gar nicht für die Heraufbeschwörung eines chinesischen Generalangriffs auf die Werte der Freiheit und Demokratie (so Ex-Außenminister Gabriel auf der Münchner Sicherheitskonferenz), verbunden mit einer Solidarisierung der vermeintlichen Opferländer der BRI (wie etwa der vom deutschen Botschafter in Delhi geforderte „Verteidigungspakt mit Indien“).

Ernster zu nehmen ist da schon der in politischen und wirtschaftlichen Kreisen diskutierte Versuch, einen westlichen Gegenentwurf zur BRI zu entwickeln. Im Umfang vergleichbar mit der BRI, und im Verbund mit Frankreich ggf mit erheblicher politischer Bedeutung. Eine solche Initiative müsste allerdings eine von den gängigen Praktiken abweichende Vision entwickeln, die für die Zielländer attraktiv ist und ihnen ein besseres Globalisierungsmodell vorschlägt als in der Vergangenheit. Allein die Einrichtung eines Fonds für Kapitalinvestitionen würde keine ernsthafte Gegenperspektive bieten.

In beiden Fällen stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, sich in der Rhetorik des Systemwettbewerbs gegen die BRI zu stellen, statt sich mit China an den Verhandlungstisch zu setzen und die Grundregeln der Initiative zu beeinflussen. Ein gemeinsamer Auftritt von Macron und Merkel in Peking würde schon einen großen Unterschied machen. Derzeit nutzt der Westen leider die BRI noch nicht als Chance, die Schwächen des eigenen Globalisierungsmodells offen einzugestehen und sich im Dialog mit China ein Stück weit neu zu erfindet.

3. Besonders deutsche Unternehmen können von der BRI profitieren, sie brauchen aber Unterstützung dafür

Die prinzipiellen Geschäftsopportunitäten, die sich für westliche Unternehmen im Rahmen der vielen Infrastrukturprojekte ergeben, bilden große Teile der Wertschöpfung ab. Sie können:

  • als Investoren auftreten – eigenständig oder im Verbund ,mit chinesischen Unternehmen
  • als Zulieferer von Technologie für chinesische Investoren auftreten oder
  • als Experten im internationalen Projektmanagement, um auf diesem Weg eine der Hauptschwächen der international meist unerfahrenen chinesischen Unternehmen zu kompensieren.

Deutsche Unternehmen sind wegen ihrer Technologiekompetenzen von chinesischer Seite (noch) gefragt. Man sollte also annehmen, dass sich viele entsprechende Projekte in Vorbereitung befinden.

Warum passiert das in der Realität nicht? Ein Grund mag sein, dass westliche Unternehmen der Risikoseite – Vertragsunsicherheiten, Produktklau etc. – oft mehr Gewicht verleihen als den dahinterstehenden Opportunitäten – neue Absatzmärkte, schnellere Transportwege etc.

Eine weitere Erklärung dürfte darin liegen, dass besonders mittelständische Technologieunternehmen („Hidden Champions“) interkulturell und hinsichtlich der Projektkomplexität oft überfordert sind.

Der gewichtigste Grund aber ist der fehlende Zugang zu entsprechenden Finanzierungen. Präzise Daten über aktuelle Kapitalströme in die BRI-Länder sind derzeit zwar nicht erhältlich. Ein realitätsnahes Bild dürfte aber in etwa so aussehen, wie folgende Zusammenstellung aus Unternehmensbefragungen, Oxford Economics und der Financial Times.

Quelle: Deloitte Insights, Embracing the BRI Ecosystem in 2018. Navigating Pitfalls and Seizing Opportunities.

Die Grafik zeigt, dass ein Großteil der Kredite derzeit nur chinesischen Firmen offen steht. Und wenn nicht: Wer kennt sich schon in dem Dschungel aus, über politische Verbindungen und Joint Ventures an Kredite von chinesischen Staatsbanken oder der CDB und Exim Bank zu kommen? Ein Zugang ist für westliche Unternehmen zwar nicht unmöglich, kommt aber einem Meisterstück gleich. Die multilateralen Banken, AIIB und NDB, sind hier deutlich offener, befinden sich aber erst im Aufbau.

Will man nicht die oben beschriebenen Wege der Fundamentalopposition zur BRI oder den des Aufbaus alternativer Strukturen gehen, liegt ein stärkeres Engagement des Westens in den multilateralen Banken, AIIB und NDB, nahe.

Mindestens genauso wichtig aber ist es, westliche Unternehmen darin zu befähigen, an komplexen Projekten der BRI zu partizipieren. Dies trifft insbesondere auf die deutschen „Hidden Champions“ zu, die zwar marktführende Technologien anzubieten haben, aber schon aufgrund mangelnder Informationen und politischer Unterstützung nicht in der Lage sind, den chinesischen Unternehmensagglomeraten und Finanzierungsinstrumenten entgegenzutreten. Sie brauchen die Unterstützung der Bundesregierung und der EU insgesamt. Warum nicht mit den vorhandenen wirtschaftspolitischen Instrumenten den Mittelstand ermutigen, geschlossener aufzutreten und damit überhaupt erst eine starke Verhandlungsposition aufzubauen? Ein entsprechendes Unterstützungs- und Serviceangebot der Politik ist bislang kaum vorhanden.

Fazit:
Losgelöst von der defensiven Rhetorik in der chinesischen Selbstdarstellung, sollte der Westen die Augen nicht davor verschließen, dass die BRI nicht nur den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Chinas widerspiegelt, sondern auch vernünftige Innovationen für eine künftige Globalisierung ermöglicht. Europa z.B. könnte sich darüber politisch wiederfinden und an der Initiative im kritischen Dialog mit China mitwirken. Deutsche und europäische Unternehmen sind auf diesen Sinneswandel angewiesen, denn ohne politische Unterstützung wird es ihnen auf Dauer nicht gelingen, auf Augenhöhe mit China mitzuspielen.

Endnotes:

[1] https://www.nytimes.com/2018/01/28/business/davos-trump-china.html

[2] http://news.chinadevelopment.com.cn/zj/2015/09/963154.shtml

[3] https://www.reuters.com/article/us-chile-china/china-invites-latin-america-to-take-part-in-one-belt-one-road-idUSKBN1FB2CN

[4] Siehe exemplarisch hierzu den Beitrag des chinesischen Botschafters am 8.03.2018 im Handelsblatt: „Bei der neuen Seidenstraße geht es nicht um Dominanz“

[5] Justin Yifu Lin and Yan Wang: The new structural economics: Patient Capital as a comparative advantage; Journal of Infrastructure, Policy and Development (2017), Volume 1, Issue 1, pp 4-23

 

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Südafrika vor dem BRICS-Gipfel 2018 Teil 1: Armut und Arbeitslosigkeit steigen deutlich an

20. März 2018 - 8:03

Südafrika vor dem BRICS-Gipfel 2018

Teil 1: Armut und Arbeitslosigkeit steigen deutlich an

Robert Kappel, 20.3.2018

Vom 25.-27. Juli des Jahres 2018 findet in Johannesburg der nächste Gipfel der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) statt. Südafrika möchte sich hier als wichtiges Mitglied dieses Clubs präsentieren, doch sowohl BRICS als auch Südafrika befinden sich in einer eher schwierigen Lage. BRICS ist als Gruppe kaum präsent und hat kaum irgendwo Zeichen gesetzt (abgesehen von der Etablierung der New Development Bank durch China, an der sich die anderen Staaten beteiligt haben). Von BRICS bleiben China und Indien. Vor allem China ist in den letzten Jahren zum wichtigsten Player in der Weltwirtschaft geworden, hat mit der BRI (Belt Road Initiative) einen strategischen Vorstoß gemacht und nimmt auf die Ausgestaltung der Weltwirtschaft deutlich Einfluss. Brasilien, Russland und Südafrika schwächeln und sind im BRICS Club noch unwichtiger geworden. Sie tragen zum globalen Welt-Output nur wenig bei. Auch wenn manche Beobachter glauben, Südafrika sei der „Taktgeber der Schwellenländer“[1], ist dies ist mehr Wunsch und Glaube. Südafrikas Rolle im Club der Großen ist sehr klein. Den Gipfel in Johannesburg will Südafrika nun nutzen, um sich wieder ins Gespräch zu bringen. Was nur schwerlich gelingen kann. Denn Südafrika befindet sich in einer extrem angespannten Lage, die nicht gerade Spielräume für Gestaltung eröffnet. 2/3 der Wirtschaftsleistung der BRICS ist auf China und nur 3% auf Südafrika zurückzuführen.

In drei Folgen wollen wir die Entwicklungen Südafrikas beleuchten. Der erste Teil nimmt sich der Frage an, wie sich Armut und Arbeitslosigkeit entwickelt haben. Der zweite Beitrag erklärt, dass Südafrika nicht in einer Middle Income Trap sondern in einer wirtschaftlich-politischen Krise verharrt, die auf das Versagen der Regierungspartei ANC (African National Congress) zurückzuführen ist. Der dritte Teil wird sich mit der Frage befassen, inwieweit Südafrika in dem Prozess der Weltneuvermessung von Bedeutung ist.

Der neue südafrikanische Präsident Ramaphosa hat große Aufgaben vor sich. Ein verlorenes Jahrzehnt unter Präsident Zuma hinterlässt deutliche Spuren. Ramaphosa war und ist Teil des Systems. Ob er aus dem Schwebezustand heraustreten und die Weichen neu stellen kann? Wird Südafrika einen Aufschwung erleben? Die größte Herausforderung besteht darin, die steigende Armut und Arbeitslosigkeit in dem Land zu reduzieren.

Südafrikas Entwicklungen in den Jahren 1994-2010 können sich in gewisser Weise als Erfolgsgeschichte bezeichnen lassen. Es gab ein stabiles wenngleich relativ niedriges Wachstum. Durch eine solide Geld- und Finanzpolitik konnte das Land Turbulenzen vermeiden.[2] Für den Erfolg standen die stabile Währung, die relativ niedrige Inflation und das allmähliche Anwachsen der Investitionsquote. Das Wachstum bescherte Südafrika für einige Jahre ein leicht steigendes Wohlstandsniveau (Pro-Kopf-Einkommen in Kaufkraftparitäten PKE/PPP) bis ins Jahr 2008, danach stagnierten die PKE bei knapp 12 Tsd. $ PPP/Jahr (1990: 10707 $). Im Vergleich zu den BRIC-Staaten verliert Südafrika an Dynamik. Hatte das Land im Jahr 2008 ein Durchschnittseinkommen, das mehr als 50% des chinesischen betrug, so hat China Südafrika inzwischen überholt. Und Indien ist ebenfalls dabei, von einem deutlich niedrigeren Niveau aufzuschließen. Abbildung 1 verdeutlicht Chinas und Indiens Einkommenssteigerungen, während der Wohlstand in Brasilien, Russland und Südafrika seit dem Jahr 2008 deutlich stagniert. Damit werden sie auch immer unbedeutender im BRICS-Club.

Abbildung 1: Veränderung der PKE/PPP
2008 – 2016, BRICS-Länder


Quelle: https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.PP.CD

Südafrikas Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts (BSP) lagen vor allem bis zum Jahr 2006 im Durchschnitt bei ca. 3-4%, erlebten aber mit der Finanzkrise und anschließend einen starken Niedergang (Abbildung 2). Seit ca. fünf Jahren liegt das durchschnittliche Wirtschaftswachstum unter 2% und fiel sogar auf unter 1% während der letzten beiden Jahre. Diese Wachstumsentschleunigung seit 2006 ist nicht in erster Linie bedingt durch die Finanzkrise und die Globalisierung, sondern verweist auf grundlegende Versäumnisse der wirtschaftlichen Steuerung durch die Regierung unter Führung des ANC. Die Stagnation der PKE seit 2013 ist eine Folge vieler wirtschaftspolitischer Fehler und der Nachwirkungen der während der Apartheid geschaffenen Ungleichheit (Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit). Hinzu kamen Investitionsrisiken[3], eine populistische Politik, Kapitalflucht und Expertenmigration, die der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Lage geschuldet sind. Die südafrikanische Wirtschaft deindustrialisierte sich zunehmend und schnitt hier besonders schlecht im Vergleich zu anderen Rohstoffländern ab.[4] Hunderttausende von Jobs gingen verloren, wie bspw. in der Textilindustrie. Die relativ hohen Wachstumsraten bis zum Jahr 2006 sind u.a. auch auf die hohe Nachfrage nach Rohstoffen durch China zurückzuführen. Die geschrumpften Wachstumsraten wiederum haben mit der nachlassenden Nachfrage und den gesunkenen Preisen für Rohstoffe zu tun, zum Teil auch hervorgerufen durch Shifting Wealth[5] und Chinas Strukturwandel.

Abbildung 2: Wachstum des Bruttosozialprodukts BSP, in %, 1986-2018


Quelle: https://data.worldbank.org/country/south-africa

Zur enttäuschenden Bilanz der Post-Apartheidökonomie haben auch die niedrigen privaten Investitionen beigetragen. Diese langanhaltende Schwäche ist grundlegend der Tatsache geschuldet, dass lokale wie ausländische Investoren wegen der politischen Instabilität und des mangelnden Vertrauens in den Kurs der Regierung eher vorsichtig sind mit Investitionen. Es wird befürchtet, dass Südafrika den Weg Zimbabwes nehmen könnte. Dass die Regierung unter Ramaphosa kürzlich beschloss, dass bspw. weiße Farmer entschädigungslos enteignet werden können, bestätigt diese Furcht.

Arbeitsplätze wurden über mehr als ein Jahrzehnt kaum noch geschaffen. Am 31.10.1998 vermeldete die Londoner Wirtschaftszeitung ”The Economist” unter der Überschrift ”Out of Work – out of Hope”, dass die südafrikanische Arbeitslosigkeit desaströse Höhen erklommen habe. Ein Ausweg aus der Massenarbeitslosigkeit sei nicht erkennbar. Die Befürchtungen des „Economist“ aus dem Jahr 1998 haben sich im Wesentlichen bewahrheitet. Südafrika hatte eine Phase bis 2006, die am besten mit „jobless growth“ zu kennzeichnen ist. Danach sinkt das Wachstum erheblich und geht einher mit steigenden Arbeitslosenzahlen. Dies zeigen die offiziellen Berichte zur Arbeitslosenrate, die im Jahr 2010 offiziell bei 24% lag und auf knapp 27% (2018) anstieg (Abbildung 3 und 4). In allen Sektoren ist das Beschäftigungswachstum sehr gering, so dass vor allem diejenigen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, kaum Chancen auf einen Job haben. Die Absorptionsfähigkeit ist im Vergleich mit anderen Middle Income Countries am niedrigsten und liegt nur knapp über 40% (Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung). Hingegen beträgt dieser Anteil bspw. in Mexiko 60%, in der Türkei 50% und in Brasilien knapp 70%. Bei den Jugendlichen ist die Absorptionsrate mit 20% noch wesentlich geringer.[6]

Besonders drastisch ist der Beschäftigungsrückgang in der Landwirtschaft und im Minensektor. Weit mehr als 8 Mio. Menschen suchen nach Arbeit, hinzu kommt die Zahl der nicht mehr nach Arbeit Suchenden, die sich ebenfalls deutlich erhöht hat.

Abbildung 3: Arbeitslosenquote in %, 2006-2017

Zwei Aspekte sind besonders zu betonen:

  1. Die Arbeitslosigkeit nach Bevölkerungsgruppen zeigt eindeutig eine große Bandbreite. Während die Arbeitslosigkeit bei den Weißen bei weit unter 10% und bei den Indians etwas über 10% liegt, ist der Anteil der Arbeitslosen bei den Blacks und Coloureds extrem hoch und über einen langen Zeitraum weiter gestiegen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Arbeitslosigkeit nach Bevölkerungsgruppen, in %, 2008-2017


Quelle: Basierend auf Daten von Statistics South Africa

  1. Die Jugendarbeitslosigkeit (Abbildung 5) ist deutlich auf über 50% angestiegen und besonders perspektivlos für black und coloured Jugendliche (Abbildung 6), die kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Zwar sieht die Lage bei Asian/Indian und Whites etwas besser aus, aber sogar diese haben es schwer, einen Job zu finden.

Abbildung 5: Jugendarbeitslosigkeit in %, Januar 2015 – Januar 2018

Abbildung 6: Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen in %, nach Bevölkerungsgruppen


Quelle: Basierend auf Daten von Statistics South Africa

Folge dieser Entwicklungen ist, dass die Hälfte aller Südafrikaner als arm gelten.[7] Je nachdem, welchen Armutsindikator man heranzieht, liegt die Zahl der Armen zwischen 40% und 55%. Die Armut ist seit 2008 deutlich angestiegen.

Tabelle 1: Armut in Südafrika, 2015

Armut (Basis 2015 lower-bound poverty line LBPL) Armutslinie (Rand pro Monat)

R647

Anteil der Armen unter der LBPL Armutslinie

40%

Anzahl der Menschen unterhalb der Armutslinie

21.9 million

Armut (Basis 2015 upper-bound poverty line, UBPL) Value of poverty line

R992

Anteil der Bevölkerung unter UBPL Armutslinie

55.5%

Anzahl der Menschen unterhalb der Armutslinie 30.4 million

Quelle: Statistics South Africa

 

Besonders gravierend ist die Armut der African/Black mit 64% und der Coloured mit 41%. Hingegen gibt es bei Indian/Asian und White kaum Armut (Abbildung 7).

Abbildung 7: Arme nach Bevölkerungsgruppe (2015), Mio und %


Quelle: Basierend auf Daten von Statistics South Africa

 

Ausblick

  1. Im Vergleich zu China (und auch Indien) schneidet Südafrika erheblich schlechter ab: Südafrikas Wirtschaftswachstum bleibt seit mehr als zwei Jahrzehnten deutlich niedriger. China reduzierte seine Armut erheblich, während sie in Südafrika stieg. Die chinesischen Arbeitslosenzahlen sind stark gefallen, während sie in Südafrika weiter wuchsen. Die Ungleichheiten der beiden Länder unterscheiden sich gravierend (Chinas Gini Koeffizient beträgt 0.46; Südafrika 0.63, d.h. Südafrika ist extrem ungleich).
  2. Es wird oft die These vertreten, dass die bestehende Ungleichheit im Lande zwischen sehr reichen Südafrikanern (die 20% der Reichsten verfügen über 70% der Einkommen; und 1% der Vermögensten 20%  der Einkommen) und der steigenden Armut eines großen Teils der Bevölkerung, eine Folge des Apartheidsystems sei. Es ist keine Frage, dass die Voraussetzungen für die Regierung Mandela besonders schwer waren. Durch die Ausgrenzung der Nicht-Weißen von Bildung und guten Jobs, sozialer Deprivation der Mehrheit der Bevölkerung und einer nur kleinen nicht-weißen Elite, wurde der Neubeginn von Anfang an erschwert. Dennoch ist dieser These nur wenig abzugewinnen, denn der ANC hatte während der nun fast 25 Jahren an der Macht viele Möglichkeiten, durch eine fördernde Politik die gravierende Armut zu reduzieren. Während der Ära der Präsidenten Mandela und Mbeki wurde durch verschiedene Maßnahmen auch einiges getan (Häuserbau, soziale Grundsicherung für 17 Millionen von Menschen, Zugang zum Gesundheitssystem und Bildungssystem für alle, Fördermaßnahmen für das ländliche Südafrika, wo die Mehrheit der Armen lebt). Allerdings wurde mit der neo-liberalen Wende seit Ende der 90er Jahre Abschied von inklusiven Wirtschaftsreformen genommen. Vor allem die Regierung Zuma hat sich der Aufgabe gewidmet, eine Umverteilung zugunsten des Black Business (Black Economic Empowerment) und der politischen Elite vorzunehmen und das „Big Business“ (große Rohstoffmultis, Staatsmonopole) zu schützen, ohne die Klein- und Mittelunternehmen, die während der Apartheid sträflich vernachlässigt wurden, zu fördern und damit Jobs zu schaffen. Machtmissbrauch, Korruption und Nepotismus sowie state capture sind weit verbreitet. Investitionen in eine bessere Bildung für die Bevölkerung, in die Förderung der Klein- und Mittelunternehmen und gezielte Maßnahmen, um die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, blieben aus.
  3. Eine zweite These besagt, dass die Lage im gegenwärtigen Südafrika schlechter sei als während der Apartheid. Die heutige Segregation sei vor allem eine zwischen der reichen schwarzen Elite und den Armen. Tatsächlich – und das zeigen die Ausführungen – hat der überwiegende Bevölkerungsteil der Black nicht viel von den Segnungen der Regenbogennation profitiert. Aber auch dieses Argument greift zu kurz. Erstens war während der Apartheid der nicht-weiße Teil der Bevölkerung durch die verschiedenen Gesetze vollkommen segregiert und permanenter Schikane, Repression und Ausgrenzung bei gleichzeitiger sozialer Deprivation unterworfen. Es gab keinerlei Partizipation. Im gegenwärtigen Südafrika sind immer noch große Teile der Bevölkerung und auch Regionen des Landes vom Wohlstand abgekoppelt, aber die Möglichkeiten, zu wählen, Partizipation einzufordern, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen, sind große Errungenschaften. Die sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und neue Parteien fordern eine Veränderung der Wirtschafts- und Sozialpolitik des Landes. Ein Vergleich mit dem Apartheid-System verbietet sich und ist Wasser auf die Mühlen der rassistischen und rechten Kräfte.
  4. Eine dritte These geht davon aus, dass durch die neo-liberalen Reformen seit der Amtszeit von Präsident Mbeki der Staat immer weniger Einfluss nehmen kann. Tatsächlich spricht nur wenig für diese Einschätzung. Zahlreiche Aspekte, die Berücksichtigung finden müssten, werden in dieser Argumentation ausgeklammert: erstens nimmt der Staat durch sehr hohe Investitionen eine überragende Rolle ein (bspw. Infrastruktur, Bildungs- und Gesundheitswesen). Zweitens hat der Staat die Macht der staatlichen Monopole der Telekom, Eskom (Elektrizitätsversorgung) und bspw. auch anderer Staatsunternehmen nicht eingeschränkt, und ebenso nicht die der privaten Oligopole, bspw. die der Supermarktketten. Der ANC sieht den Staat als Entwicklungsstaat, der Staat steuert bzw. wird durch state capture gesteuert, nicht zum Wohle der Mehrheit der südafrikanischen Bevölkerung.

Welche Optionen es für die Zukunft nach Zuma gibt, ist in vielen südafrikanischen Diskussionen deutlich herausgearbeitet worden.[8] Aller Voraussicht nach wird sich  die soziale Spaltung zwischen Arm und Reich fortsetzen. Präsident Ramaphosa bleibt zunächst bis zu den Wahlen im Jahr 2019 im Amt. Er ist der typische Übergangspräsident, der kaum deutliche Reformschritte einleiten wird. Er ist eingeklemmt innerhalb der eigenen Partei mit zwei sich widerstreitenden Flügeln, eingehegt in die Elitennetzwerke des ANC und die der Gewerkschaften mit dem ANC, dominiert von Big Business und gehetzt von den populistischen EFF (Economic Freedom Fighters) und der reform-liberalen Partei DA (Democratic Alliance). Daher wird der langjährige ANC-Parteiführer Ramaphosa so vorsichtig und verhalten agieren wie bereits als Vizepräsident des Landes. Vorerst ist kaum mit einer Reformagenda der Regierung zu rechnen, die sich der Arbeitslosigkeit und Armut besonders annimmt.

Fußnoten

[1] http://www.dw.com/de/brics-2018-s%C3%BCdafrika-als-taktgeber-der-schwellenl%C3%A4nder/a-41973254

[2] Die Finanzkrise von 2008/2009 hat Südafrikas Wirtschaft deutlich beeinträchtigt. Während Banken und Finanzinstitutionen geringer betroffen waren, hat die gesamte Realwirtschaft durch die globale Rezession starke Einbrüche verkraften müssen.

[3] Für Südafrika werden als Investitionsrisiken vor allem die hohe Kriminalität, Korruption und vor allem Bedenken wegen des politischen Kurses der ANC-Regierung genannt.

[4] Vg. Anand, Rahul, Roberto Perrelli und Boyang Zhang (2016), South Africa’s Exports Performance. Any Role for Structural Factors? Washington, D.C. IMF Working Paper WP/16/24. https://www.imf.org/external/pubs/ft/wp/2016/wp1624.pdf

[5] Reisen, Helmut (2018), Shifting Wealth and Global Wealth Inequality, Blog Shifting Wealth 16.1.2018 http://shiftingwealth.blogspot.de/2018/01/shifting-wealth-and-global-wealth.html

[6] Vgl. OECD (2017), South Africa, Paris; IMF (2017), South Africa, Washington, D.C.: IMF Country Report 189.

[7] Kriterien sind die nationalen Armutslinien UBPL mit R992 pro Person und Monat (in Preisen von 2015) und LBPL mit R647. http://www.statssa.gov.za/?p=10334. Im Jahr 2017 wurde die Armutslinie LBPL mit R758/Monat und die UBPL mit R1138/Monat definiert.

[8] Vgl. Cilliers, Jakkie (2017), Fate of a Nation. Three Scenarios for South Africa’s Future, Johannsburg und Cape Town: Jonathan Ball Publ.

 

Siehe Blogbeitrag auf WVN: https://weltneuvermessung.wordpress.com/2018/02/08/wankt-suedafrika-aus-der-krise-heraus-stuck-in-a-limbo/

 

 

 

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Gemischter Satz – Deutschlands Wirtschaftsbeziehungen zu Afrika

13. März 2018 - 17:08

Gemischter Satz – Deutschlands Wirtschaftsbeziehungen zu Afrika

Robert Kappel, 13.3.2018

Deutschlands Wirtschaftsbeziehungen zu Afrika verharren auf einem niedrigen Niveau. Zwar hat es im Jahr 2017 eine Steigerung des Handels von mehr 15% gegeben, aber in den Vorjahren gab es wegen des Rohstoffpreisverfalls einen Rückgang des Handels mit Afrika, der im Jahr 2017 gerade wieder aufgeholt werden konnte, weil die Exporte sich erhöhten und die Importe ebenfalls wieder anzogen. Die gestiegenen Importe sind vor allem auf die vermehrten Rohölimporte aus Libyen (+ 2 Mrd €) und die leicht angestiegenen Einfuhren aus Nigeria und Südafrika zurückzuführen (Grafik 1). Die Importe kommen zu sechzig Prozent aus Sub-Sahara Afrika, allein 38% der Einfuhren stammen aus Südafrika, das der wichtigste Handelspartner Deutschlands auf dem Kontinent ist. Die anderen wichtigen Partnerländer sind Tunesien (10%) und Nigeria (8%).


Quelle: GTAI Daten

Der Anteil Afrikas an Deutschlands Einfuhren liegt bei gerade 1,7% im Jahr 2016 und hat sich gegenüber 1990 deutlich verringert (2,9%: 1990). D.h. Afrikas Anteil ist noch weiter gefallen und faktisch nur noch marginal. Dies wird besonders deutlich, vergleicht man Deutschlands Einfuhren aus Österreich und Afrika. Die gesamten Importe aus Afrika machen weniger als die Hälfte derer aus Deutschlands Nachbarland aus. Und der Abstand vergrößert sich sogar: Die Importe aus Österreich erhöhten sich von 2015 bis 2017 um 4 Mrd. €, während der Importhandel aus Afrika während dieser Jahre stagnierte. Wichtigste afrikanische Importgüter sind Erdöl und Erdgas (3,5 Mrd. €= 21,0%), Kraftfahrzeuge und KFZ-Teilen (2,7 Mrd. €, 16%) und landwirtschaftliche Produkte (2,5 Mrd. Euro, Anteil von 15%)

Bei den Exporten bietet sich ein leicht anderes Bild. Die deutschen Ausfuhren stiegen von 2014 bis 2017 um 4 Mrd. € an, dennoch fiel der Anteil Afrikas an den deutschen Gesamtexporten auf 2,0 % (2,4%: 1990). D.h. das Wachstum der Exporte mit anderen Weltregionen ist höher, vor allem bedingt durch intra-industriellen Handel in den OECD-Ländern und den emerging economies. Wichtigste afrikanische Exportländer sind Südafrika (36 %), Ägypten (18%) und Algerien (13%). Wichtigste Exportgüter sind Kraftfahrzeuge + KFZ-Teile: 5,7 Mrd. € (23 % Anteil). Maschinen 5,0 Mrd. € (20%) und chemische Erzeugnisse 2,2 Mrd. € (9%).


Quelle: GTAI Daten

Grafik 3

Insgesamt ist der afrikanische Kontinent weniger denn je von Bedeutung für den deutschen Außenhandel. Vor allem ist er stark asymmetrisch und konzentriert auf wenige Produktgruppen: 1. Es sind nur wenige Länder von Bedeutung, allen voran Südafrika, Ägypten und Tunesien sowie Algerien, Marokko und Nigeria. Alle anderen Länder haben maximal einen Außenhandel mit Deutschland in der Größenordnung von 200 Mio. €. 2. Der Handel ist asymmetrisch: Deutschland exportiert Maschinen, Investitionsgüter und hochwertige Konsumgüter, während aus Afrika weitgehend Rohstoffe und landwirtschaftliche Güter importiert werden (Ausnahme Südafrika mit KfZ-Produkten).

Dass Afrika von marginaler Relevanz für die deutsche Wirtschaft ist, zeigt sich auch den relativ geringen Investitionen deutscher Unternehmen auf dem Kontinent. Deutschlands Position als Investor hat sich sogar eher verschlechtert. Im Jahr 2016 standen deutsche Investoren gerade auf dem 11. Platz der wichtigsten Investitionsländer. Innerhalb der letzten sechs Jahre haben sich bspw. die chinesischen Bestände an Investitionen von 13 Mrd. $ auf 35 Mrd. $ erhöht, während der Bestand deutscher Investitionen gerade um 2 Mrd. $ stieg (siehe Grafik 4). Mit Ausnahme von Südafrika haben deutsche Unternehmen seit vielen Jahrzehnten relativ wenig investiert, obwohl sich immer mehr Unternehmen überlegen, ihre Präsenz in afrikanischen Ländern zu erhöhen.


Quelle: UNCTAD Daten

Die Bestände der deutschen Investitionen zeigen zwischen 2010 und 2015 keinen positiven Trend. Ca. 800 Unternehmen sind auf dem Kontinent präsent, die ca. 200 Tsd. Menschen beschäftigen, davon allein 400 Unternehmer mit 70 Tsd. Arbeitskräften in Südafrika. Südafrika ist bei weitem der wichtigste Investitionsstandort für deutsche Investoren, gefolgt von Ägypten.

Quelle: Daten aus https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Statistische_Sonderveroeffentlichungen/Statso_10/2017_bestandserhebung_direktinvestitionen.pdf?__blob=publicationFile

 

Das relativ geringe deutsche Engagement hat im Wesentlichen damit zu tun, dass deutsche Unternehmen kaum Rohstoffinteressen haben und die afrikanischen Märkte für deutsche Investoren noch zu klein sind. Deutschland importiert Rohstoffe aus Afrika über europäische und amerikanische multinationale Konzerne.

Was bedeuten diese Zahlen für das deutsche Wirtschaftsengagement auf dem Kontinent?

  1. Für deutsche Investoren und für den deutschen Handel ist Afrika gegenwärtig noch nicht besonders attraktiv. OECD-Länder und emerging economies (China, Indien usw.) sind von überragender Bedeutung für das hochentwickelte Industrieland Deutschland.
  2. Da deutsche Unternehmer im wesentlichen komparative Vorteile in High-Tech-Sektoren, in der Produktion von Investitions- und hochwertigen Konsumgütern haben und daher Investitionen in der EU, den USA und China besonders hoch sind, und in den afrikanischen Ländern die Nachfrage nach diesen Investitionsgütern relativ gering ist, ist absehbar, dass vorerst kaum mit einem deutlichen Anstieg der deutschen Investitionen auf dem Kontinent zu rechnen ist. Erst wenn es zu deutlichen Wachstumsschüben kommt, die Märkte Afrikas expandieren und die Nachfrage nach in Deutschland produzierten Gütern wächst, werden Handel und Investitionen mit Afrika ansteigen können.
  3. Eine Voraussetzung für einen nachhaltigen Investitions- und Handelsschub wären die verbesserte Infrastruktur, der Abbau von intra-afrikanischen Handelsschranken (Zölle, nicht-tarifäre Handelshemmnisse, Reduktion der Handelskosten, Korruption) und die Beseitigung von bürokratischen Ineffizienzen innerhalb Afrikas.
  4. Der deutsche Mittelstand zögert aus verschiedenen Gründen, auch in afrikanischen Ländern außerhalb Südafrika zu investieren. Er wäre sicherlich eher bereit Risiken einzugehen, wenn deutsche Großunternehmen eine Vorreiterrolle einnehmen und verstärkt investieren würden, wie dies in geringem Ausmaß in den letzten Jahren der Fall war (Volkswagen in Ruanda, Daimler in Kenia, SAP in Cote d‘Ivoire, Siemens in Nigeria). So könnte der Mittelstand als Unterauftragnehmer mitziehen.
  5. Von politischer Seite müssten die Weichen deutlicher für den Mittelstand gestellt werden, bspw. durch die Anpassung der Hermesbürgschaften und der Kreditlinien. Afrikanische Staaten hätten hingegen die Bedingungen für Investitionen zu verbessern – nicht nur für die deutschen sondern vor allem auch für die lokalen Investoren, die durch zahlreiche Maßnahmen am Wachstum und Schaffung von Jobs behindert werden. [1]
  6. Afrikanische Exporteure haben zwar einen relativ leichten Zugang zum europäischen Markt (Everything but Arms– und Cotonou-Maßnahmen), aber dies gilt nicht für Mitteleinkommensländer und für industrielle Produkte. Im Sinne eines vertieften Austausches wäre zu überlegen, die gegenwärtigen Barrieren zu überwinden, bspw. auch durch beiderseitige Aktivitäten, wie gemeinsame Handelskammern und Exportfördermaßnahmen für afrikanische Produzenten. Eine von der Bundesregierung kommende Initiative zu den Economic Partnership Agreements (EPAs) könnte dazu beitragen, die negativen Wirkungen des von der EU intendierten Freihandels mit Afrika zu thematisieren und adäquate Maßnahmen gemeinsam mit den afrikanischen Ländern zu beschließen.
  7. Gegenwärtig behindern landwirtschaftliche Subventionen in Europa die Möglichkeiten des Aufbaus der Agroindustrie in Afrika und zugleich die Exporte landwirtschaftlicher Produkte nach Europa. Da es sehr unwahrscheinlich ist, dass die EU ihre Agrarpolitik ändert, ist es notwendig, durch Sondermaßnahmen (Ausnahmeregelungen) die Zugänge für afrikanische Agrar- und Nahrungsmittelexporte zu verbessern.

Es gilt also, ein Set von Maßnahmen auf deutscher wie afrikanischer Seite zu ergreifen, wie dies die konkreten Ausgestaltungsmaßnahmen für die Compact-Länder vorsehen.[2] Gegenwärtig hat die Bundesrepublik mit einigen wenigen Ländern, von denen eine Ausstrahlung ausgehen könnte, entsprechende konkrete Maßnahmen beschlossen, der die Akteure besser zusammenbindet. Sozusagen ein Gemischter Satz aus Unternehmen, verschiedener Ministerien, der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW, der Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ, dem Afrika-Verein, dem Bundesverband der Deutschen Industrie BDI, afrikanischen Regierungen, Zivilgesellschaften und Unternehmen, die alle in die Gestaltung des Prozesses eingebunden sind. Wie im Gemischten Satz, bei dem in Österreich verschiedene Rebsorten in einem Weingarten angebaut werden und zusammen wachsen, die dann gemeinsam gekeltert werden und dann manchmal einen guten Wein ergeben. Erwünschter Nebeneffekt ist eine deutlich erhöhte Vielschichtigkeit des Prozesses und des Endprodukts. Würde im Gemischten Satz der Zusammenarbeit mit Afrika auch die Wirtschafts- auch die Netzwerkkooperation deutlich vertieft (Kooperation von deutschen und afrikanischen Universitäten, Studentenaustausch, technologische Kooperation; Berufsbildung in Zusammenarbeit mit Lehrerausbildung und größerer Nähe zu lokalen und ausländischen Unternehmen), dann könnten die Investitionen zunehmen und der Handel ansteigen.

[1] Vgl. Kappel, Robert und Helmut Reisen (2017), The G20 »Compact with Africa« Unsuitable for African Low-Income Countries, Berlin: FES. http://library.fes.de/pdf-files/iez/13441.pdf; vgl. auch Kappel, Robert und Babette Never (2017), Favouritism: The Political Economy of Enterprise Development in Uganda, Hamburg and Bonn: paper 1 may, 2017. https://www.researchgate.net/publication/320879593_Favouritism_in_Uganda_How_the_political_economy_impacts_micro_and_small_enterprise_development

[2] Die Bundesrepublik Deutschland schloss mit Tunesien, Ghana und Cote d’Ivoire erste Verträge zur Umsetzung des Compact with Africa ab.